hochkant|mini|Eberhard Kranzmayer (1960) Eberhard Kranzmayer (* 15. Mai 1897 in Klagenfurt, Österreich-Ungarn; † 13. September 1975 in Wien) war ein österreichischer Sprachwissenschaftler, Dialektologe und Namenforscher. Als Professor an der Universität Wien und wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften prägte er lange Zeit die Wiener Schule der Dialektologie. Während der NS-Zeit war er Leiter eines als „kriegswichtig“ eingestuften „Forschungsinstituts“ für Umvolkung in Klagenfurt.
Leben Eberhard Kranzmayer war der Sohn eines Kupferschmiedes in Kärnten. Er war von 1916 bis 1918 Soldat im Ersten Weltkrieg und erkrankte 1918 an Tuberkulose. Danach beteiligte er sich am Kärntner Abwehrkampf und als Freikorps-Mitglied an den Kämpfen in Oberschlesien.Art. Kranzmayer, Eberhard. In: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Band 2: H–Q. De Gruyter, Berlin 2003, S. 1005. Er studierte dann an den Universitäten Wien und Innsbruck germanistische, romanistische, slawistische und allgemeine Sprachwissenschaft. Lehrer waren Joseph Seemüller, Anton Pfalz, Rudolf Much, Josef Schatz, Emil Gamillscheg und Primus Lessiak; Letztgenannter führte ihn in die dialektologische Feld- und Sprachinselforschung ein.Peter Wiesinger: Eberhard Kranzmayer 1897–1975. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik. Band 43, Heft 1 (1976), S. 1–10. 1923 wurde er im Corps Posonia recipiert.Kösener Corpslisten 1930, 134/45.Handbuch des KSCV, 1985; Horst Grimm/Leo Besser-Walzel, Die Corporationen, Frankfurt am Main 1986. 1926 wurde er in Wien mit einer Untersuchung über Laut- und Flexionslehre der deutschen Zimbrischen Mundart promoviert. 1926 bis 1938 war er Mitarbeiter in der Wiener Wörterbuchkanzlei (Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich). 1933 habilitierte er sich in Wien mit der Arbeit Sprachschichten und Sprachbewegungen in den Ostalpen. 1938 verlegte er seine Tätigkeit an die Wörterbuchkanzlei in München (Bayerisches Wörterbuch). 1940 wurde er an der Universität München außerordentlicher Professor.
Kranzmayer stellte in der Zeit des Austrofaschismus 1937 bereits einen Antrag auf Mitgliedschaft in der verbotenen NSDAP. Im Oktober 1935 wurde er für eine „Funktion“ im Dritten Reich an seiner Wiener Wohnungstüre von einem Unbekannten befragt, als illegales Parteimitglied galt er spätestens seit 1. Jänner 1937. Tatsächlich in die Partei aufgenommen wurde er aber erst zum 1. Juli 1940 (Mitgliedsnummer 8.061.495).Bundesarchiv R 4901/23117Uwe Baur, Karin Gradwohl-Schlacher: Literatur in Österreich 1938–1945. Handbuch eines literarischen Systems. Band 2: Kärnten. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2011, S. 155. Als im Jahr 1941 Alois Maier-KaibitschMichael Wedekind: Ethnisch-soziale Neuordnungskonzepte im besetzten Europa (1939–1945). In: Rainer Mackensen und Jürgen Reulecke (Hrsg.): Das Konstrukt „Bevölkerung“ vor, im und nach dem „Dritten Reich“, S. 378, Anm. 30., SS-Standartenführer und lokaler Leiter des RKFDV, den Plan ventilierte, in seiner Heimat Klagenfurt eine Forschungsstelle für Geschichte, Sprach- und Ortsnamenforschung einzurichten, wünschte sich der Kärntner Gauleiter und „Reichsstatthalter“ Friedrich Rainer, der eine Zusammenarbeit mit den Universitäten Wien und Graz ablehnte, ausdrücklich Kranzmayer als deren künftigen Leiter und schlug vor, „Leiter und Mitarbeiter des Institutes in das ‚Ahnenerbe‘ zu übernehmen, was von Fall zu Fall zu entscheiden wäre“.Vermerk der Forschungs- und Lehrgemeinschaft „Das Ahnenerbe“ von der Besprechung über die Errichtung des Instituts für Kärntner Landesforschung. (PDF-Datei; 78 kB) In: Quellen zur nationalsozialistischen Entnationalisierungspolitik in Slowenien 1941–1945. Nr. 207, Viri o raznarodovalni politiki v Sloveniji 1941–1945, zusammengestellt und erläutert von Tone Ferenc, Maribor 1980. Diese Forschungsstelle sollte die wissenschaftliche Basis eines „Rückdeutschungsprozesses“ des „Oberkrainer Slowenentums“ schaffen und wissenschaftliche Argumente liefern, um im vom Deutschen Reich im April 1941 besetzten Slowenien das Bekenntnis der Bevölkerung zum Deutschtum zu stärken. Dabei sollte der Unterschied zwischen den angeblich deutschstämmigen, jedoch zur slowenischen Sprache gewechselten Oberkrainern im Gegensatz zu den angeblich rein slowenischen Unterkrainern herausgearbeitet werden.karawankengrenze.at Dokument 148 – Vermerk der Forschungs- und Lehrgemeinschaft »Das Ahnenerbe« über eine Besprechung betreffend die Germanisierung in den besetzten Gebieten Kärntens und Krains und die Errichtung einer Forschungsstätte. Das „Institut für Kärntner Landesforschung“ wurde schließlich am Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung, dem 10. Oktober 1942, in Klagenfurt gegründet,Vermerk der Forschungs- und Lehrgemeinschaft „Das Ahnenerbe“ (PDF-Datei; 78 kB). und Eberhard Kranzmayer wurde, nachdem er aktiv dieses Institut mitgeplant hatte, zu dessen Leiter bestellt.Stefan Dollinger: Eberhard Kranzmayer’s Deutschtum: on the Austrian dialectologist’s pan-German frame of reference. In: Journal of Austrian Studies. Band 56 (2023), S. 63–89, hier S. 68. Der ursprünglich geplante Name dieser Einrichtung hätte „Reichsinstitut zur Lösung der Slowenenfrage“ sein sollen, doch wurde er in typischer NS-Manier durch einen euphemistisch-neutralen Terminus ersetzt.
Im darauf folgenden Jahr wurde Kranzmayer außerordentlicher Professor an der Universität GrazErnst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 334. und im folgenden Jahr korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Es entstand sein Werk über Die wichtigsten Kärntner Ortsnamen. In dieser Zeit kam es auch zu einer Kontroverse zwischen Kranzmayer und Bruno Schweizer, dem Vertreter der „Langobardentheorie des Zimbrischen“,. über die genaue Ausrichtung der Dialektologie im Deutschen Reich.Rainald Bücherl: Die Kontroverse zwischen Eberhard Kranzmayer und Bruno Schweizer. Richtungweisende Dialektologie-Historie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, , Jg. 61 (1994), S. 257–278.
Nach 1945 erhielt Kranzmayer zunächst Berufsverbot wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP und seinen Funktionen im Klagenfurter Institut.Stefan Dollinger: Eberhard Kranzmayer’s Deutschtum: on the Austrian dialectologist’s pan-German frame of reference. In: Journal of Austrian Studies, Jg. 56 (2023), S. 63–89, hier S. 70–71. Im Jahre 1949 wurde er erneut bei der österreichischen Wörterbuchkommission eingestellt. In den 1950er Jahren setzte Kranzmayer seine linguistischen und dialektologischen Forschungen fort und betrieb Feldforschung in Kärnten und im Burgenland. Ab 1958 leitete Kranzmayer zusammen mit Viktor Dollmayr die Wiener Wörterbuchkanzlei,Art. Kranzmayer, Eberhard. In: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Band 2: H–Q. De Gruyter, Berlin 2003, S. 1006. die die Vorarbeiten zum Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ) leistete. 1958 erhielt er an der Universität Wien ein Extraordinariat und schließlich 1961 ein Ordinariat für Deutsche Sprache und ältere deutsche Literatur. Unter seiner Patronanz entstanden daraufhin eine Reihe von Doktorarbeiten zu regionalen dialektologischen Themen. Diese sind bis heute vor allem dank ihrer Erarbeitung mittels empirischer Feldforschung eine wichtige Quelle.
Nach Dollmayrs Tod im Dezember 1964, dem Kranzmayer mehrere Nachrufe widmete,Art. Dollmayr, Viktor. In: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Band 1: A–G. De Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-015485-4, S. 396–397, hier S. 397. übernahm er die alleinige Leitung der Wiener Wörterbuchkanzlei. 1967 wurde er wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.Georg Rohrecker: . Im Jahr 1969 wurde er auch Mitglied im Kuratorium des „Instituts für Kartographie“. 1968 wurde Kranzmayer 73-jährig als Professor der Universität Wien emeritiert, hielt aber noch bis 1971 Vorlesungen.
Eberhard Kranzmayer starb 78-jährig am 13. September 1975 in Wien. Er wurde auf dem Dornbacher Friedhof bestattet.
Schaffen Eberhard Kranzmayer gilt in der Germanistik als wichtiger Mundartforscher, Dialektgeograph und Namenforscher. Als Professor an der Universität Wien wurde er zum Doktorvater zahlreicher jüngerer Dialektologen und beeinflusste dadurch bis heute die Wiener Schule der Dialektologie. Seine empirischen Arbeiten stellen nach wie vor eine Quelle für die Dialektologie und die etymologische Forschung dar. Schüler und Schülerinnen Kranzmayers waren unter anderem Alois Brandstetter, Eugen Gabriel, Maria Hornung, Hubert Fabian Kulterer und Peter Wiesinger.
Seine dialektologische Aufgabenstellung war die geschichtliche und gegenwärtige Erschließung von Lautstand und Wortschatz der bairischen Mundarten. Im Rahmen der „Wiener dialektologischen Schule“ entwickelte er „eine besondere sprachhistorische Methodik unter Zuhilfenahme der konservativen Binnen- und Sprachinselmundarten, der Lehnbeziehungen im Sprachgrenzraum, der hyperkorrekten und relikthaften Lautungen und der spätmittelalterlichen Reim- und Schreibverhältnisse“. Diese Einzelforschungen mündeten in sein Grundlagenwerk Historische Lautgeographie des gesamtbairische Dialektraumes von 1956. In der Wortforschung betonte Kranzmayer den Zusammenhang von Wort und Sache, und er führte 1960 den Begriff der sowohl sprach- wie kulturgeschichtlich relevanten bairischen Kennwörter in die Dialektologie ein. In dem ab 1963 umgesetzten Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich wird sowohl die phonologische Ausrichtung der „Wiener dialektologischen Schule“ als auch sein Interesse an der Verknüpfung von Wort und Sache deutlich. Der Druckauftrag von 1969 für seinen Dialektatlas Österreichs und seiner Nachbarländer wurde hingegen nie ausgeführt.Art. Kranzmayer, Eberhard. In: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Band 2: H–Q. De Gruyter, Berlin 2003, S. 1008. Sein Zugang zur Namenforschung war von der Idee geprägt, aus einer von Illyrern, Kelten, Römern, Germanen, Slawen, Magyaren und Bajuwaren geprägten österreichischen Namenwelt die Siedlungsgeschichte zu erschließen, was am ausführlichsten im Ortsnamenbuch von Kärnten (1956–1958) zu sehen ist.
Kranzmayer trat auch als scharfer Kritiker des Schaffens des ebenfalls aus Kärnten stammenden Matthias Lexer und dessen Etymologien auf. Er warf ihm und seinem im 19. Jahrhundert herausgebrachten Mittelhochdeutschen Handwörterbuch, das mittlerweile zu einem Standardwerk geworden war, vor, zu wenig Rücksicht auf die südlichen Dialekte genommen und überhaupt falsche Aussagen gemacht zu haben.Alois Brandstetter: Zum Wortschatz der Müllerei in Lexers Wörterbüchern. In: Horst Brunner: Matthias von Lexer: Beiträge zu seinem Leben und Schaffen. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1993, ISBN 3-515-06357-9.
Kritik Besonders bei Kollegen aus dem Bereich der Slawistik stieß die Arbeit Kranzmayers schon länger auf Kritik. Laut Helmut W. Schaller war er „ideologisch gefärbt“ und er „überbetont[e] den deutschen Einfluss auf das Slowenische“.Helmut W. Schaller: Slawische Philologie. In: Frank-Rutger Hausmann: Die Rolle der Geisteswissenschaften im dritten Reich 1933–1945 (= Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien 53). Verlag Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-56639-3, S. 265–280 (S. 276). Auf Ablehnung stieß er nicht zuletzt deshalb, weil seine Ortsnamenforschung ganz reale politische Auswirkungen auch im Österreich der Zweiten Republik hatte (siehe Ortstafelstreit). Seine etymologischen Interpretationen und Annahmen werden heute ebenfalls differenziert gesehen. Kranzmayer traf oft zu kurz gegriffene Aussagen und erklärte einen Ortsnamen voreilig als romanisch, keltisch, slawisch, bairisch, gemeingermanisch oder vorindoeuropäisch.