Unter schwedischer Literatur versteht man die in schwedischer Sprache geschriebene Literatur, also neben der Literatur aus Schweden – einschließlich der von Einwanderern in Schwedisch geschriebenen – auch die Literatur von den Åland-Inseln und die von Finnlandschweden geschriebene Literatur. Die schwedische Literatur ist ein Teil der skandinavischen Literatur.

Mittelalter und Kalmarer Union (1100–1527) mini|Runenstein

Wenn man von den Runensteinen absieht, die oft nur kurze Inschriften tragen, jedoch auf großen Formenreichtum schließen lassen, gehören die Landschaftsgesetze aus dem 13. Jahrhundert zur ältesten Literatur Schwedens. Unter dem Einfluss der mittelniederdeutschen Sprache entfernte sich das Schwedische immer weiter von der altnordischen Sprache. Mit der Verbreitung des Christentums entstand Ende des 13. Jahrhunderts eine religiöse Literatur, die Hymnen und Übersetzungen von Teilen der Bibel umfasste. Im 14. Jahrhundert erreichte die höfische, von Kontinentaleuropa beeinflusste Literatur den Süden Schwedens.Glauser 2016, S. 22 f. Drei Ritterromane (Eufemiavisorna, benannt nach der norwegischen Königin Euphemia von Rügen) wurden kurz nach 1300 aus dem Französischen ins Schwedische übersetzt. Mit der gereimten, zum Vortrag bestimmten Erikskrönika (Erikschronik) mit über 4500 Versen entstand zudem eine politisch motivierte Chronik über die Zeit des Machtkampfes von 1250 bis 1319. Die Mitte des 15. Jahrhunderts entstandene gereimte Karlschronik diente offenbar dynastischen Zwecken.

Die größte Schriftstellerin des Mittelalters ist aber die heilige Birgitta, eine Mystikerin, die in ihren Himmelska uppenbarelser („Himmlischen Offenbarungen“, lat. 1492) ihre Visionen schildert und politische und kirchliche Gegner angreift. Einer Erwähnung wert sind auch die allgemeinnordischen Balladen, die als Volksepen lange fortlebten, aber in Schweden erst im 19. Jahrhundert aufgezeichnet wurden und die Volkstradition bis in das 20. Jahrhundert beeinflussten.

Reformation und Großmachtszeit (1527–1721) mini|links|hochkant|Georg Stiernhielm, Gemälde von David Klöcker Ehrenstrahl 1663

Schon vor dem Beginn der Reformationszeit wurde der Grundstein für eine einheitliche schwedische Sprache gelegt. Seit dem frühen 16. Jahrhundert erfuhr die schwedische Sprache eine erhebliche Veränderung und teilweise Vereinfachung.Glauser 2016, S. 67 ff. Um 1539 erschien die erste Chronik (Olai Petris Svenska Crönica) in neuschwedischer Sprache von Olaus Petri, 1541 die hauptsächlich von ihm neu übersetzte Gustav-Wasa-Bibel, die mit kleineren Änderungen bis 1917 herausgegeben wurde.

Dennoch wirkte sich die Reformation in Schweden für das Bildungswesen insgesamt katastrophal aus. Die Klöster und ihre Bibliotheken wurden geplündert, die Universität von Uppsala und viele Schulen wurden geschlossen, viele Kleriker wie Olaus Magnus gingen ins Exil. Religiöse Literatur dominierte den gesamten folgenden Zeitraum. Die Etablierung der neuen Lehre hatte dabei Vorrang vor ästhetischen Fragestellungen. Nur weltliche und neuhumanistische Texte wurden noch längere Zeit in lateinischer Sprache verfasst. Der Bruder von Olaus Magnus, Johannes Magnus (1488–1544), Erzbischof von Uppsala, schrieb im Exil die Historia de omnibus Gothorum Sveonumque regibus (erschienen 1554), von der 1620 eine schwedische Übersetzung herauskam. Dieses Werk postuliert eine Beziehung zwischen den ersten Geschlechtern nach der Sintflut und der Expansion des Gotenreichs entlang der Ostseeküste. Dieses „gotizistische“ (oder „götizistische“) Bild prägte später als heroisches schwedisches Selbstbild die schwedische Großmachtzeit.Wilhelm Friese: Von der Reformation zum Barock. In: Fritz Paul (Hrsg.): Gründzüge der neueren skandinavischen Literaturen. Göttingen 1981, S. 6.

Erst im 17. Jahrhundert hielt die Renaissanceliteratur ihren Einzug in Schweden. Ihr Hauptvertreter war Lars Wivallius, einer der größten Hochstapler des Jahrhunderts. Seine Gedichte greifen den volkstümlichen Knittelvers auf und sind von Freiheits- und Naturliebe geprägt. Georg Stiernhielm dagegen versuchte, eine schwedische Dichtung durch Nachahmung der Antike zu begründen. Sein Hexameter-Epos Hercules (1658) beeinflusste eine Reihe von Nachfolgern. Skogekär Bergbo schrieb in Wenerid (erschienen 1680, verfasst vor 1650) Sonette in Petrarcas Nachfolge. Ab den 1670er-Jahren erreichte die Barockdichtung ihren Höhepunkt. Zahlreiche Kirchenlieder sowie Gelegenheitspoeme für Hochzeiten und Beerdigungen geben einer burlesken Lebensfreude, aber auch der Todesangst Ausdruck.

Klassizismus, Aufklärung und Vorromantik (1721–1809) mini|hochkant|Hedvig Charlotta Nordenflycht Auch in der Folgezeit blieb die Literatur eng mit der politischen Entwicklung verknüpft, so dass man für die literarischen Epochen auch historische Begriffe verwendete. So hieß die mit dem Verlust der Großmachtstellung verbundene Zeit von Beginn der Epoche bis 1772 auch die „Freiheitszeit“; sie war durch eine Verfassungsreform von 1719/23, eine steigende Bedeutung des Reichstags sowie durch Schulreformen und die relativ freie Entwicklung der Presse gekennzeichnet, endete jedoch in einer Verfassungs- und Finanzkrise. Die folgenden „Gustavianische Zeit“ war durch die Restauration eines (aufgeklärten) Absolutismus unter Gustav III. (1772–92) gekennzeichnet.Otto Oberholzer: Aufklärung, Klassizismus, Vorromantik. In: Fritz Paul (Hrsg.): Gründzüge der neueren skandinavischen Literaturen. Darmstadt 1983, S. 61 ff.

Die Ideen der Aufklärung übernahm Schweden jedoch weitgehend aus dem Ausland, während es selbst wenige impulse gab. Während der Gustavianischen Zeit spielten Frankreich, aber auch Schottland und Deutschland eine besondere Rolle. Insbesondere die Auslandsreisen schwedischer Gelehrter und Literaten trugen zur Verbreitung der Philosophie der Aufklärung bei.

1732 wurde die erste Nummer der ersten „Moralischen Wochenzeitschrift“ Schwedens, Then Swänska Argus, publiziert. Herausgeber war Olof von Dalin, der sich mit der Wochenzeitung vorwiegend an ein bürgerliches Publikum wandte. Dalin, dessen Dichtung unter dem Einfluss des aus Frankreich kommenden Klassizismus stand, machte eine glänzende Karriere als Hofdichter. Unter seinen Zeitgenossen sticht Hedvig Charlotta Nordenflycht hervor, die seine stärkste Konkurrentin war. Ihre Lyrik ist teils persönlicher und gefühlvoller, teils geprägt von dem Kampf um die intellektuellen Rechte der Frauen.

mini|links|hochkant|Carl Michael Bellman

Einen Außenseiterplatz inmitten eines klassizistischen, starr regelbasierten literarischen Umfelds nimmt der Bänkelsänger Carl Michael Bellman (1740–1795) ein, der mit seinen impressionistisch anmutenden Liedersammlungen Fredmans epistlar (Fredmans Episteln) und Fredmans sånger (Fredmans Lieder) eine einzigartige Kombination von Text und Musik um die Themen „Liebe, Schnaps und Tod“ vorlegte, die lange fortlebte und auch auf Deutsch immer wieder neu interpretiert, interpretiert und vertont wurde, u. a. von Hannes Wader.Rolf Cantzen: Carl Michael Bellman - Der schwedische Nationaldichter auf br.de, 6. Dezember 2022

Die zwei damals prominentesten Vertreter der Aufklärung sind Johan Henric Kellgren, der moralistisch gegen Bellmans „Ausschweifungen“ und Freidenkerei polemisierte, und seine Nachfolgerin Anna Maria Lenngren. Beide erreichten ein großes Publikum als Mitarbeiter der Zeitung Stockholms-Posten (1778–1833), dem Organ der Aufklärung. Vor allem Kellgren verteidigte die Aufklärung gegenüber den von Ossian, Rousseau und dem jungen Goethe beeinflussten Vorromantikern wie Thomas Thorild und Bengt Lidner.Karin Hoff: Aufklärung: 1720–1800. In: Glauser 2016, S. 103 ff. Jedoch ist der Öffentlichkeit von den Autoren des 18. Jahrhunderts heute fast nur noch def Name Bellmans geläufig.

Romantik und Realismus (1809–1870) 1810 erschienen zwei Literaturzeitschriften, Polyfem in Stockholm und Phosphoros in Uppsala, die sich gegen den Klassizismus im Umkreis der Schwedischen Akademie richteten und der Romantik zum Durchbruch verhalfen. Der Lyriker und Literaturhistoriker Per Daniel Amadeus Atterbom, ein Verehrer E. T. A. Hoffmanns aus der Uppsala-Gruppe, wurde zu einem der wichtigsten Vertreter der schwedischen Romantik. Er bereiste Deutschland und trug dazu bei, den französischen Einfluss auf die schwedische Literatur zugunsten der deutschen Romantik zurückzudrängen. Diese übte – allerdings erst, nachdem sie ihren Höhepunkt bereits überschritten hatte – einen großen Einfluss auf die schwedische Nationalromantik aus.Per Daniel Atterbom: Reisebilder aus dem romantischen Deutschland auf literatur.ch, 27. März 2021 Atterboms Freund und Professorskollege Erik Gustaf Geijer sowie nach ihm Esaias Tegnér waren Vertreter dieser Strömung, die in der Geschichte nach dem Altnordischen suchte. Geijer führte in seinem Gedicht Vikingen die Figur des Wikingers in die Literatur ein, der ein Vorbild für Tegnérs Frithiofs saga und eine Reihe von späteren Werken wurde. Der größte Lyriker der Romantik ist Erik Johan Stagnelius, der bereits dreißigjährig starb und dessen Bedeutung erst allmählich nach seinem Tode erkannt wurde. Während der Romantik erschienen auch die ersten Romane. Hier ist vor allem der radikale Liberale Carl Jonas Love Almqvist und sein Roman Drottningens juvelsmycke (Die Juwelen der Königin, 1834) zu nennen.

Almqvist publizierte fünf Jahre später, 1839, den Roman Det går an (dt. Die Woche mit Sara), der die Institution der Ehe in Frage stellt und ein Paar schildert, das ohne kirchliche Segnung zusammenlebt. Dieser Roman, der zum Abbruch von Almqvists Beamtenkarriere führte, ist ein Beispiel für die literarische Wende zum Realismus, der gesellschaftliche Fragen literarisch beleuchtete. Die erfolgreichsten Romanautoren dieser Zeit waren jedoch Frauen: Fredrika Bremer, die durch ihre Arbeiten wie z. B. im Roman Hertha den Emanzipationsbestrebungen der Frauen ein Zeichen setzte, Sophie von Knorring und Emilie Flygare-Carlén. Wilhelmina Stålberg verfasste Gedichte und Lieder, Novellen und historische Romane und übersetzte Literatur aus mehreren Sprachen ins Schwedische. Die Epoche schloss Viktor Rydberg ab, dessen Literatur ein Bekenntnis zu den Ideen der Französischen Revolution und des Liberalismus ist. Sein Roman Den siste Athenaren (Der letzte Athener, 1859) enthält eine Kritik am dogmatischen Christentum.

Zu den bedeutendsten Lyrikern des mittleren und späten 19. Jahrhunderts gehörten Carl Snoilsky und der Finnlandschwede Johan Ludvig Runeberg, dessen Gedichtsammlung Fähnrich Stahl heute noch populär ist. Sie wendeten sich von der Romantik ab und strebten nach einem neuen, realistischen Stil.

Realismus, Naturalismus und Jahrhundertwende (1870–1914) mini|hochkant|Selma Lagerlöf; Gemälde von Carl Larsson 1909