mini|hochkant|Arthur de Gobineau Joseph Arthur de Gobineau oder Joseph Arthur, comte de Gobineau (* 14. Juli 1816 in Ville-d’Avray bei Paris; † 13. Oktober 1882 in Turin) war ein französischer Diplomat, Schriftsteller und Rassenideologe. Seine allgemeine Bekanntheit verdankt er seinem Werk Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen (Essai sur l’inégalité des races humaines, 1853–1855). Daneben war er auch Autor spätromantischer Dichtungen, mehrerer polemischer Essays sowie der Verfasser von historischen und philologischen Arbeiten über das antike Persien.
Leben und Werk Abstammung Die Familie von Arthur de Gobineau war Mitglied der Noblesse de robe und kam ursprünglich aus Bordeaux. Sowohl sein Urgroßvater als auch sein Großvater bekleideten Ämter im souveränen Gerichtshof von Guyenne (früherer Verwaltungsbezirk in Aquitanien) und im Parlement von Bordeaux. Sein Vater, Louis de Gobineau, der eine militärische Karriere anstrebte, setzte diese während seiner Zeit als Kadett aufs Spiel, als er während des ersten Kaiserreiches mit legitimistischem Gedankengut sympathisierte. Nach seiner Beteiligung an der Flucht von Jules de Polignac im Jahre 1813 wurde er verhaftet und in das Gefängnis Sainte-Pélagie gebracht, das er erst nach der Restauration (1814) wieder verlassen konnte. Während der Herrschaft der Hundert Tage begleitete er den König nach Brüssel und wurde bei dessen Rückkehr zum Infanterie-Hauptmann der Königlichen Garde ernannt.
Kindheit und Jugend (1816–1835) mini|Inzlinger Wasserschloss. Hier wohnte Gobineau mit seiner Mutter von September bis Dezember 1830. Arthur, der ein empfindliches und nervenschwaches Kind war, litt unter der Zwietracht, die zwischen seinen Eltern herrschte, und unter dem instabilen Familienleben. Der Posten des Vaters bedingte dessen häufige Abwesenheit, war er doch an der französischen Invasion in Spanien im Jahre 1823 beteiligt und war dann Kommandant im spanischen La Seu d’Urgell von 1823 bis 1828. Seine Mutter, Anne-Madelaine de Gercy, Tochter des letzten Direktors der Ferme générale von Bordeaux und einer Kreolin aus Saint-Domingue, führte ein sehr unabhängiges Leben und wohnte im selben Haushalt mit dem Hauslehrer von Arthur und seiner Schwester Caroline, Charles Sotin de La Coindière. Nachdem sie mehrere Betrügereien begangen hatte, flüchtete sie im Sommer 1830 nach Inzlingen in Baden. Ein Auslieferungsantrag, der durch die französische Justiz gestellt wurde, führte die Familie im Dezember 1830 nach Biel in der Schweiz, wo Arthur das Gymnasium besuchte. Dort perfektionierte er sein Deutsch und wurde anscheinend ins Persische eingeführt. Durch die Ankunft von polnischen Emigranten in der Schweiz, die während des Novemberaufstandes 1830/1831 besiegt worden waren, eröffneten sich Arthurs Mutter neue Möglichkeiten und sie beschloss, Ende des Jahres 1832 nach Polen abzureisen. Arthur wurde deswegen zu seinem Vater geschickt, der wegen seiner Antipathie, die er gegen die Julimonarchie hegte, im Jahre 1831 in den Ruhestand versetzt worden war und sich in Lorient niedergelassen hatte. Von 1833 bis 1835 besuchte Arthur de Gobineau hier das „Collège royal“, da er ebenfalls eine militärische Laufbahn einschlagen wollte. Wegen Undiszipliniertheit und den legitimistischen Sympathien seines Vaters wurde er jedoch der Schule verwiesen. Zu dieser Zeit entwickelte er sein Feingefühl für die Orientalistik, die im Zuge der Romantik in Mode gekommen war. Der Familienlegende, er sei in diesem jungen Alter schon fähig gewesen, Firdausi zu übersetzen, kann man jedoch misstrauen. Während dieser Zeit plante er auch seine Hochzeit mit seiner Freundin Amélie Laigneau.
Ausbildungsjahre (1835–1840) Nachdem er im September 1835 an der Aufnahmeprüfung der Militärschule von Saint-Cyr gescheitert war, änderte Arthur de Gobineau seine Pläne und träumte nun von einer literarischen Karriere in Paris. Dank eines Onkels väterlicherseits, Thibaut Joseph, ein ehemaliger Freund Talleyrands, Anhänger Voltaires, Junggeselle und Lebemann, konnte er sich dort ab 1835 niederlassen. Joseph überließ ihm eine Dachkammer, gewährte ihm eine bescheidene, auf ein Jahr begrenzte monatliche Unterhaltszahlung und beschaffte ihm eine unbezahlte Beamtenanwärterstelle in der „Compagnie française d’Éclairage par le Gaz“ während des Winters 1835/1836. Auch wenn Gobineau anscheinend nicht an seinem Talent zweifelte, gelang es ihm nur unter großen Schwierigkeiten, einen Auszug seines ersten Gedichtes, „Dilfiza“, in der Zeitschrift La Mode zu veröffentlichen.
Seine Situation wurde prekär, als sein Onkel ihm im September 1836 eine weitere finanzielle Unterstützung verweigerte. Dank seiner Beziehungen zum ultra-royalistischen Verlagswesen konnte er mehrere Artikel veröffentlichen, die teilweise bis heute nicht identifiziert werden konnten. Sowohl diese Arbeit als auch seine Sorgen gingen nicht spurlos an ihm vorüber und entmutigten ihn. Die darauffolgenden Jahre nutzte er, um die Sprache und Literatur Persiens bei Étienne Marc Quatremère zu studieren. Dieser vertraute ihm die Übersetzung der Geschichte der Ostmongolen von Isaac Jacob Schmidt an; diese Verantwortlichkeit erlaubte es ihm, sich mehr an seinen eigenen schriftstellerischen Ambitionen zu orientieren. Dank einer Einladung Pierre-Antoine Berryers, der ihm seine neue (und kurzlebige) Zeitschrift France et Europe öffnete, publizierte er bereits 1838 den bedeutenden Artikel Du mouvement intellectuel de l’Orient („Von der intellektuellen Bewegung im Orient“) und dann eine Serie von populärwissenschaftlichen Monographien über Rumi, Hafis, Dschami und Saadi.
Fünf Jahre nach seiner Ankunft in Paris war er unzufrieden mit seiner Lebenssituation: „Paris, das ist die Hölle“, schrieb er. Er hatte endgültig mit seiner mittlerweile in Paris wohnhaften Mutter gebrochen, die ihn in den Salons, die sie besuchte, verleumdete. Die Mutter von Amélie Laigneau lehnte die Heirat ihrer Tochter mit diesem leidenschaftlichen jungen Mann ohne Stellung ab. Der Schutz, über den Gobineau im Pariser Intellektuellenviertel Faubourg Saint-Germain verfügte, bewirkte nicht mehr, als dass man ihm im Januar 1839 ein beschauliches Amt in der Postverwaltung beschaffte. Zu guter Letzt traf ihn die Zersplitterung und das Scheitern der legitimistischen Partei anlässlich der Wahlen im Jahre 1839 schmerzlich und bestätigte ihn in seinem Hang zur Misanthropie.
Erste Erfolge eines Polygraphen (1840–1849) Folglich war Gobineau zu Beginn des Jahres 1840 in vielerlei Hinsicht ein enttäuschter und verletzter junger Mann, für den es Zeit wird, dass das Leben seine Versprechungen hält, was auch nicht mehr lange auf sich warten ließ. Auf der einen Seite vergrößerte sich der Kreis seiner Beziehungen. Bei Madame de Serre, Witwe von Hercule de Serre, ehemaliger Minister unter Ludwig XVIII., machte er die Bekanntschaft mit ihm ähnlich gesinnten jungen Leuten, unter anderem mit dem jungen Hercule de Serre, Neffe des vorher Genannten, mit Maxime Du Camp sowie mit dem Maler German von Bohn, der ihm Ary Scheffer vorstellte. Gemeinsam gründeten sie einen Club, die Scelti („Die Auserwählten“) oder Cousins d’Isis („Vettern der Isis“); sie planten einen gemeinsamen Roman, einen Essay sowie eine Orient-Zeitschrift, die alle erfolglos blieben. Auf der anderen Seite gelang es ihm, in der Revue des Deux Mondes einen wichtigen und vielbeachteten politischen Artikel über den ersten Präsidenten des unabhängigen Griechenlands, Ioannis Kapodistrias, zu veröffentlichen, in dem er die Abstammung des Neugriechischen vom Altgriechischen negierte, sowie für die Türken und gegen den Expansionismus Russlands im Orient Position bezog. In der Folge (und sogar bis nach 1848) schrieb er regelmäßig Artikel über Innen- und Außenpolitik für so verschiedene Zeitungen wie La Quotidienne, L’Union catholique oder Revue de Paris und wurde 1842 sogar zum Chefredakteur der Unité ernannt. Zwischen 1848 und 1849 gründete er die Revue provinciale, die monarchistisch und dezentralistisch motiviert war und die er zusammen mit Louis de Kergorlay leitete.
Seine Erfolge erlaubten ihm, literarische Projekte freier zu entwickeln. Er publizierte ab 1842 insbesondere in Le Commerce sowohl kritische als auch literaturgeschichtliche Artikel über E. T. A. Hoffmann, Edgar Quinet, Alfred de Musset, Théophile Gautier, Heine, Balzac, Stendhal. Durch eine kritische Artikelreihe über zeitgenössische Rezensenten verärgerte er diese langfristig, ganz besonders Gautier und Jules Janin. In zwei eher theoretischen Aufsätzen, die beide 1845 erschienen („Ist eine neue Literatur möglich?“ und „Die technischen Ziele der Literatur“), wies er die gegen die Romantik erhobene Anklage der Dekadenz zurück, indem er modernistische und formalistische Argumente bekräftigte. Allerdings versuchte er sich auch in der so genannten anständigen Literatur. Zwei Theaterstücke (Les Adieux de Don Juan, 1844 bei einem Selbstkostenverlag publiziert, und Alexandre de Macédonien, von 1847, blieben zu seinen Lebzeiten unbeachtet), mehrere Novellen (Le Mariage d’un Prince, 1840; Les Conseils de Rabelais und Scaramouche, beide 1843, Mademoiselle Irnois 1847) und vier Feuilletonromane (La Prisonnier chanceux 1846, Nicolas Belavoir und Ternove 1847, L’Abbaye de Typhaines 1849) zeugen von seinen Bemühungen. Von all diesen ist Mademoiselle Irnois das einzige Werk, das sich dank positiver Kritiken als „balzacesk“ sowie „naturalistisch“ abhob und für seine gute Beherrschung der Techniken des Fortsetzungsromans gelobt wurde.
Diese Periode seines Lebens würde den Eindruck der Verzettelung erwecken, wenn er nicht von Tocqueville unterstützt worden wäre und so seine Karriere beschleunigt hätte. Nach ihrer Begegnung 1843, wahrscheinlich im Salon von Charles de Rémusat, übergab ihm Tocqueville, der beeindruckt vom lebhaften Geist des jungen Mannes war, die Aufgabe, einen Überblick über die Moralphilosophie Großbritanniens und Deutschlands zu verfassen. Es folgte ein langer Briefwechsel, während dessen Gobineau seine Ideen denen des politischen Kontrahenten gegenüberstellen konnte. Trotzdem unterhielten sie eine von gegenseitigem Vertrauen und Respekt geprägte Freundschaft. Im Juni 1849 erinnerte sich Tocqueville, der mittlerweile zum Außenminister im zweiten Kabinett unter Odilon Barrot ernannt wurde, seines Schützlings und machte ihn zu seinem Kabinettschef. Im Oktober wurde die Regierung durch den Präsidenten Louis-Napoléon Bonaparte aufgelöst und Gobineau bekam einen neuen Posten als Sekretär der Gesandtschaft Frankreichs in Bern – der Beginn seiner Karriere als Diplomat. Gobineau verließ Frankreich im November in Begleitung seiner Ehefrau Clémence Monnerot (1816–1911), einer Kreolin aus Martinique –, das Paar hatte 1845 geheiratet –, und ihrer 1848 geborenen Tochter Diane.
Als Diplomat (1849–1877) mini|Schloss Trie, im Besitz Gobineaus von 1857 bis 1878 Sein neuer Posten als erster Sekretär der französischen Gesandtschaft in Bern langweilte ihn bald (ausgenommen einige Monate im Jahr 1851, während derer er den Posten des stellvertretenden französischen Ministers im Königreich Hannover bekleidete), sodass er Zeit fand, um die ersten Teile seines Essays über die Ungleichheit der Menschenrassen zu verfassen, der 1853 erschien. Nachdem er 1854 zum Sekretär der französischen Vertretung bei der Bundesversammlung ernannt worden war, brachten ihm seine Werke die Wertschätzung von Anton Prokesch von Osten ein, österreichischer Delegierter und einer der seltenen treuen Freunde, die ihm immer die Treue hielten.