mini|Antiamerikanische Demonstration in Brasilien mini|Öffentliche Meinung über die Vereinigten Staaten (2022):mini|Der Slogan Go home, Ami in Berlin (auf West-Berliner Seite) an der Sektorengrenze Bernauer Straße (französischer Sektor)/Ecke Schwedter Straße (Ostsektor) im Jahr 1950 mini|Demonstration gegen den US-Präsidenten George W. Bush in London im Jahr 2008 Mit Antiamerikanismus (auch Amerikafeindlichkeit) wird eine „ablehnende Haltung gegenüber der Politik und Kultur der USA“,Stichwort Antiamerikanismus, in: Gerhard Wahrig: Deutsches Wörterbuch. Jubiläumsausgabe. Bertelsmann, Gütersloh 1991, ISBN 3-570-03648-0. eine „Anfeindung der Interessen der Vereinigten Staaten“ des Oxford English Dictionary, abgerufen am 13. Juni 2015. Im Original: „Hostility to the interests of the United States“. oder eine feindliche oder entgegengerichtete Gesinnung gegenüber „den Vereinigten Staaten von Amerika, ihrer Bevölkerung, ihren Prinzipien oder ihrer Politik“ bezeichnet.Anti-Americanism im Random House Unabridged Dictionary, abgerufen am 16. Oktober 2007. Im Original: „opposed or hostile to the United States of America, its people, its principles, or its policies.“ Der Duden definiert ihn als „ablehnende Haltung gegenüber Gesellschaftssystem, Politik und Lebensstil der USA“.
Geschichte Die Vereinigten Staaten von Amerika konstituierten sich 1776 als neues politisches System in Abgrenzung zu den etablierten Systemen in Europa, woher die Begründer der neuen Nation stammten. In Europa löste das neue, an den Prinzipien der Aufklärung orientierte Staatsmodell bald sowohl Sympathie als auch Ablehnung aus – die als die ersten Ausdrücke von Philoamerikanismus (Phil- = Freund, Freundschaft) und Antiamerikanismus gesehen werden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm in Europa die Auseinandersetzung mit positiv oder negativ gewerteten Einflüssen der US-amerikanischen Wirtschafts-, Kultur- und Militärmacht zu, bevor sich die Debatte mit Beginn des Kalten Kriegs stark politisierte. Der Begriff des Antiamerikanismus ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufgekommen – in einer Untersuchung über den Antiamerikanismus in Frankreich wird das Jahr 1948 als erste dokumentierte Verwendung genannt.Roger, Phillipe. The American Enemy: The History of French Anti-Americanism, einführender Auszug (englisch), University of Chicago Press, 2005. Als Gegenbegriff zum Antiamerikanismus wird uneinheitlich „Philoamerikanismus“, „Proamerikanismus“Gesine Schwan: Antiamerikanismus und demokratisches Bewusstsein in der Bundesrepublik von 1945 bis heute. In: Amerika und Deutschland: ambivalente Begegnungen. Herausgegeben von Frank Kelleter und Wolfgang Knöbl, Wallstein Verlag, 2006, S. 73 ff. und „Amerikanismus“Egbert Klautke: Unbegrenzte Möglichkeiten: „Amerikanisierung“ in Deutschland und Frankreich (1900–1933). Wiesbaden, Franz Steiner Verlag 2003, S. 269 ff. verwendet.
Vertreter Die als Antiamerikanismus bezeichnete Ablehnung der USA geschah und geschieht aus unterschiedlichen Anlässen und mit unterschiedlichen weltanschaulichen Hintergründen, weswegen nicht von einem einheitlichen antiamerikanischen Weltbild gesprochen werden kann, das von Gegnern der Vereinigten Staaten vertreten würde.Katzenstein, Peter; Keohane, Robert. Conclusion: Anti-Americanisms and the Polyvalence of America (PDF; 96 kB), in: Anti-Americanisms in World Politics, Ithaca: Cornell University Press, 2006 (englisch). Besonders ausgeprägte antiamerikanische Bezüge werden im 21. Jahrhundert als auffällige Gemeinsamkeit des rechten und des linken Randes des politischen Spektrums wahrgenommen.USA selber schuld? Antiamerikanismus bei Links- und Rechtsextremen. Beitrag im RBB-Politmagazin Kontraste vom 4. Oktober 2001, abgerufen am 10. Juni 2016Germany and America: Ami Go Home. In: The Economist vom 7. Februar 2015, abgerufen am 10. Juni 2016 (englisch)Christoph Schwennicke: Links und Rechts teilen das Feindbild. In: Cicero vom 4. Februar 2015, abgerufen am 10. Juni 2015
Neben oppositionellen Gruppen haben in Geschichte und Gegenwart auch Regierungen antiamerikanische Positionen vertreten. Die Haltung Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten gegenüber den USA war ambivalent: Einerseits betrachtete man die USA als schwaches und militärisch inkompetentes Land, da dieses von bestimmten „Rassen“ (vornehmlich der „jüdischen (Gegen-)Rasse“) und dem allmächtigen Dollar dominiert werde. Andererseits interessierten sich die Nationalsozialisten für technologische Entwicklungen in den USA ebenso wie für Massenproduktion, Konsumgüter sowie Modernisierungs- und Rationalisierungsmaßnahmen in der amerikanischen Wirtschaft. Im Jahr 1944 gab das Hauptamt der SS ein Propagandabuch unter dem Titel „Amerikanismus eine Weltgefahr“ heraus, in dem Zerr- und Feindbilder der Vereinigten Staaten und ihrer Gründungsprinzipien, nämlich des Liberalismus, propagiert wurden. An den Antisemitismus anknüpfend, sollen die Juden hinter dem Finanzkapitalismus der Wall Street stecken, der Europa ausplündern und kulturell ruinieren wolle.Heinrich Himmler: Amerikanismus eine Weltgefahr, SS-Hauptamt, 1944.
Nach dem Zweiten Weltkrieg prägte beispielsweise der iranische Revolutionsführer Ruhollah Chomeini ab 1979 die Bezeichnung „Großer Satan“ für die USA,Mangol Bayat-Philipp: Die Beziehungen zwischen den USA und Iran seit 1953. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 9/2004, abgerufen am 11. Juni 2015 gegen die er bei Massenveranstaltungen die Parole „Tod den USA“ skandieren ließIran attempts to silence its 'Death to America' chants. In: The Telegraph vom 19. Oktober 2013, abgerufen am 11. Juni 2015 (englisch) und deren Politik er bereits seit rund zwei Jahrzehnten für „alle Probleme aller muslimischer Völker verantwortlich“ gemacht hatte.Ulrich Tilgner: Umbruch im Iran: Augenzeugenberichte. Analysen. Dokumente. Rowohlt, Reinbek 1983, S. 100
Der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro begann dagegen erst mehrere Monate nach seiner Regierungsübernahme 1959, sich offen gegen die USA zu positionieren, Marktwirtschaft und parlamentarische Demokratie abzulehnen und sich im Kontext des Kalten Kriegs gleichzeitig dem ideologischen Gegenmodell des Marxismus-Leninismus sowjetischer Prägung hinzuwenden. Der Antagonismus zu den USA wurde über die folgenden Jahrzehnte zum zentralen Thema in Castros Politik und Rhetorik.Fidel Castro verliert die Macht: Die letzte Zigarre. In: Handelsblatt vom 1. August 2006, abgerufen am 11. Juni 2015
Auch für den nordkoreanischen Staatschef Kim Il-sung und seine Nachfolger war und ist die Feindschaft zu den USA ein regelmäßig genutztes Identifikationsinstrument.Nordkoreas Medien: Hass auf USA ist erste Bürgerpflicht. In: Spiegel Online vom 16. Februar 2003, abgerufen am 11. Juni 2015
Ein regional verbreitetes, ja hemisphärisches Phänomen ist der politische Antiamerikanismus in großen Teilen Lateinamerikas. Den politischen Antiamerikanismus definiert Hollander als „rejection of American foreign policy and a firm belief in the malignity of American influence and presence anywhere in the world“. Er werde begründet durch die Erfahrung der Fremdbestimmung der eigenen Wirtschaft und Politik durch die USA, wie sie unter anderem in zahlreichen Interventionen und der Unterstützung für lateinamerikanische Militärdiktaturen zum Ausdruck kam.Paul Hollander: Anti-Americanism. Critiques at Home and Abroad 1965–1990. Oxford University Press, 1992; Zitat S. 339.
In den Ländern des früheren Warschauer Pakts überdauerten antiamerikanische Einstellungen, die auf kulturellem Konservativismus und regionalen Befindlichkeiten beruhten, den Systemwechsel von 1989/90.
In Russland ist laut Manfred Quiring der Antiamerikanismus seit langem allgegenwärtig und fast schon eine Staatsideologie: Er diene als Adresse der äußeren Bedrohung, aber auch als Begründung für eigene Fehlschläge.Manfred Quiring: Putins russische Welt: Wie der Kreml Europa spaltet, Seiten 223, Ch.Links Verlag 2017, ISBN 978-3-86153-941-4 Der Antiamerikanismus, aber auch die negative Sicht der EU erreichten dank der russischen Propaganda bis Anfang des Jahres 2015 in der russischen Bevölkerung Höchstwerte von 82 beziehungsweise 70 Prozent.Birgit Schwarz, Christian Lininger, Peter Fritz: Aus dem Gleichgewicht: Droht ein neuer Kalter Krieg?, Verlag Styriabooks, 2015, ISBN 978-3-99040-382-2, Abschnitt "Moskau - Der Traum von imperialer Größe" Auch im Westen erscheint Wladimir Putin Menschen mit einer antiamerikanischen Haltung als der „große Rächer, der es den Amerikanern zeigt“.Karl Schlögel: „Wladimir Putin ist für viele der große Rächer“, Die Presse, 6. April 2015, diese Aussage ist zitiert in Die Russland-Kontroverse: Eine Analyse des ideologischen Konflikts zwischen Russland-Verstehern und Russland-Kritikern von Klaus Von Beyme
Im deutschen Rechtsextremismus der Gegenwart ist Antiamerikanismus häufig verknüpft mit Antisemitismus. Diese Verbindung wird artikuliert in Code-Wörtern wie USrael, Zionist Occupied Government oder Ostküste. Hierbei handelt es sich um eine von Rechtsextremen eindeutig verstandene Aktualisierung der Chimäre einer jüdischen Weltverschwörung, wie sie etwa in den Protokollen der Weisen von Zion nahegelegt wird, mit aktuell verstärkt antiamerikanischer Stoßrichtung.Samuel Salzborn: Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne. Beltz Juventa, Weinheim, Basel 2018, S. 67. Weiterhin bezieht sich der deutsche Rechtsextremismus auf bereits vorhandene Klischees über die USA, die seit dem Zeitalter der Romantik unter den Konservativen kursieren. Vor dem Ersten Weltkrieg äußerten sich konservative Eliten gegen die Moderne und deren Versinnbildlichung in amerikanischen Publikationen, Ideen und Kulturprodukten. In der Zwischenkriegszeit blieb kultureller Antiamerikanismus ein Merkmal faschistischer und konservativer Kreise, die in den USA eine Bedrohung europäischer Traditionen, nationaler und regionaler Identitäten sowie Europas innerer Erneuerung in den 1930er Jahren sahen. Auch nach 1945 blieb der Antiamerikanismus in seiner Essenz wertkonservativ und politisch konservativ. Sowohl linke als auch rechte Kritik kamen aus dem gleichen Milieu: Sie ergaben sich aus einer elitären und kritischen Haltung gegenüber der modernen Massengesellschaft, der Moderne, der neuen Weltmacht, einer Befürwortung abendländischer Ideologie und der Idee einer eurozentristischen kulturellen und politischen Überlegenheit.
Bewertungen Der britische Publizist Christopher Hitchens bezeichnete Folgendes als eine „lockere Arbeitsdefinition“ des Antiamerikanismus:
Verschiedene Stimmen vertreten die Ansicht, der Antiamerikanismus müsse als Auswuchs des Neids gegenüber der Rolle der Vereinigten Staaten als vorherrschende Weltmacht gesehen werden: Timothy Garton Ash beschreibt das Leitmotiv des Antiamerikanismus als „mit Neid durchsetzter Groll“.Die Zeit, 06/2003 Der Historiker Dan Diner spricht vom „projektiven Vorwurf an die USA, für alle Übel der Welt ursächlich zu sein“, und einer „Überdosis an jener im Antiamerikanismus sich verschränkenden und nur schwer zu goutierenden Mischung von Neid und Angst“. Auch in Ländern mit ausgeprägtem Antiamerikanismus bestehe große Nachfrage nach Einwanderungsvisa für die Vereinigten Staaten; eine gegengesetzte Strömung der Emigration aus den Vereinigten Staaten sei jedoch nicht erkennbar.
Der Journalist und Kommunikationswissenschaftler Tobias Jaecker sieht im Antiamerikanismus ein „ideologisches Welterklärungsmuster“,Interview mit Tobias Jaecker: „Amerikaner sind gefährlich und profitgierig“, in: Cicero, 27. Februar 2014 das er folgendermaßen definiert:
Zur „grundsätzlichen und notwendigen“ Unterscheidung von Amerikakritik von Antiamerikanismus schrieb der Politikwissenschaftler Claus Leggewie 2004 unter Verweis auf den Kontext der verstärkt „neokonservativen und restaurativen“ Orientierung des Auftretens der Vereinigten Staaten unter Präsident George W. Bush seit dem 11. September 2001: