mini|hochkant=1.3|Das neogotische Rathaus in Wien, erbaut 1872–1883
Die Neogotik (von ) oder Neugotik ist ein auf die Gotik zurückgreifender historistischer Kunst- und Architekturstil des 19. Jahrhunderts. Die Neugotik (Adjektiv dazu: neugotisch) zählt zu den frühesten stilistischen Unterarten des Historismus, der auf verschiedene Kunst- und Architekturstile der vorausgegangenen zwei Jahrtausende in diversen Kulturen zurückgriff, nachdem sich zuvor der Klassizismus an der Antike, vor allem am griechischen und römischen Tempelbau, orientiert hatte. In ihrer Folge entstanden auch die Neoromanik und die Neorenaissance.
Einführung Im Mittelpunkt der Verbreitung der Neugotik stand ein umfassendes Bau- und Einrichtungsprogramm, das bis in die Literatur und den Lebensstil Einzug hielt. Die Formensprache der Neugotik orientierte sich an einem idealisierten Mittelalterbild. Ihre Blüte hatte sie in der Zeit von 1830 bis 1900. Unter der Auffassung, an Freiheit und Geisteskultur mittelalterlicher Städte anzuknüpfen, errichtete man in neugotischem Stil vor allem Kirchen, Parlamente, Rathäuser und Universitäten, aber auch andere öffentliche Bauten wie Postämter, Schulen, Brücken oder Bahnhöfe.
Nach Erwin Panofsky war das Gothic Revival, wie es im Englischen genannt wird, von einer romantischen Sehnsucht nach einer nicht mehr zurückzuholenden Vergangenheit geprägt, wohingegen die Renaissance danach getrachtet habe, dem Alten eine neue Zukunft abzugewinnen.Erwin Panofsky: Sinn und Deutung in der bildenden Kunst (Meaning in the Visual Arts). Du Mont, Köln 1978, ISBN 3-7701-0801-9, S. 236
In Deutschland führte die Neugotik einerseits zur „verfälschenden“ Überarbeitung originaler Bausubstanz, wobei original gotische ebenso wie barocke und andere ältere Bauten ohne jegliche Bedenken „neogotisiert“ wurden, andererseits konnten infolge des neu geweckten Interesses an den mittelalterlichen Stilen viele originale Bauwerke gerettet und renoviert werden, die man in vorausgegangenen Epochen weder geschätzt noch gepflegt hatte und die nur durch Zufall und Mangel an Mitteln, sie zu ersetzen, die Zeiten überstanden hatten. Die Neugotik erlosch in Deutschland weitgehend mit dem Ersten Weltkrieg, wurde aber danach teilweise vom Heimatschutz-Stil sublimiert. In manchen anderen Ländern wurden neugotische Kirchen vereinzelt noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts errichtet.
Großbritannien mini|Westminster-Palast in London
Das Gothic Revival () im Sinne einer Besinnung auf ältere Gotik begann in Großbritannien schon, während man noch im Anschluss an den Tudorstil spätgotische Formen weiterverwendete, was als Gothic Survival (Nachgotik) bezeichnet wird. Die Kathedrale von Dromore in der (nord-)irischen Grafschaft Down wurde ab 1661 dezidiert in Formen des frühgotischen Early English Style errichtet.
Neben enger Orientierung an mittelalterlichen Vorbildern wurden Bauten errichtet, deren Proportionen dem Rokoko oder dem Klassizismus entsprachen, die aber mit gotischem Dekor ausgestattet waren. Im Englischen wird dieser Stil als Gothick (mit ‚-ck‘) bezeichnet. Typische Wohnbauten aus der Frühzeit der Neugotik sind das Landhaus Strawberry Hill (Umbau ab 1749) des Schriftstellers und Politikers Horace Walpole und das Landhaus Fonthill Abbey des Exzentrikers William Beckford (1790er Jahre). Aber erst in den 1830er Jahren war der maßgebliche Durchbruch zu verzeichnen. Wie Günther Binding in seinem Buch über MaßwerkeGünther Binding: Maßwerk. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1989, ISBN 3-534-01582-7. erwähnt, war im 19. Jahrhundert die englische Erforschung der Architekturgeschichte wesentlich durch das Bestreben motiviert, mittelalterliche Gotik stilecht nachzubauen.
Als größtes Gebäude in diesem Stil wurde zwischen 1840 und 1870 der Palace of Westminster von Sir Charles Barry (1795–1860) unter Mitarbeit von Augustus Welby Pugin (1812–1852), eines weiteren führenden Neugotikers Großbritanniens, errichtet. Weitere bedeutende Architekten waren Thomas Rickman (1776–1841), George Gilbert Scott (1811–1878), William Butterfield (1814–1900) und John Loughborough Pearson (1817–1897). Ein früher Vertreter war der Schotte James Gillespie Graham (1776–1855), der vor allem Gebäude im Scottish gothic style, der schottischen Spielart der Neugotik, entwarf. Noch nach Mitte des 20. Jahrhunderts erhielten in England mittelalterliche Kirchen neugotische Erweiterungen, das konnte ein zusätzliches Seitenschiff sein, oder ein großer mehrschiffiger Neubau an einem kleinen einschiffigen Ausgangsbau.
Deutschland mini|Nikolaikirche in Hamburg (um 1900) mini|Friedrichswerdersche Kirche in Berlin mini|Schloss Stolzenfels in Koblenz mini|Burg Hohenzollern bei Hechingen mini|Neues Rathaus in München mini|Votivkirche in Wien
Frühe Stilrückgriffe Auch in Deutschland gab es Rückgriffe auf ältere Gotik (im Unterschied zur späte Gotik fortschreibenden Nachgotik), die weniger modische Laune als vielmehr restaurative Demonstration waren. Ein Beispiel für frühe Neugotik und frühe Neuromanik in diesem Sinne ist die Jesuitenkirche Namen-Jesu in Bonn: Die Fassade zwischen den Türmen ist mit ihren antikisierenden Pilastern und ihrer gebrochenen Attika zweifellos barock, aber das Maßwerk ihrer Spitzbogenfenster ist kein spätgotisches Flamboyant, sondern zitiert Hochgotik, und die Schallöffnungen der Türme zitieren Romanik. Innen sind zwar Altäre und Kanzel barock, aber die schlichten Kreuzrippengewölbe sind früh- bis hochgotisch, sie sind nicht spätgotisch figuriert und erst recht nicht mit barockem Stuck zugepflastert.
Bekannte Anfänge Auf britische Anregung hin ließ Friedrich der Große 1755 das Nauener Tor in Potsdam errichten, das erste neugotische Bauwerk in Deutschland. Insbesondere bei den damaligen Parkbauten war die Stilrichtung beliebt: Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740–1817) ließ im Wörlitzer Park ab 1773 das Gotische Haus bauen. Der Backsteinbau kombiniert Anregungen aus der italienischen (Blendarkaden am Nordgiebel), der englischen (Fensterfront) und vielleicht auch der niederländischen (Y-Maßwerk) Gotik, aber nicht der einheimischen Gotik des Magdeburger Umlandes. Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel errichtete ab 1779 in Wilhelmsbad eine künstliche „gotische“ Ruine und im Bergpark Wilhelmshöhe die Löwenburg. Diese entstand nach Entwürfen von Heinrich Christoph Jussow in der Zeit von 1793 bis 1800 als Nachahmung einer englischen Ritterburg. Im saarländischen Niederwürzbach ließen die Grafen von der Leyen das Schloss Neu-Philippsburg errichten, welches einer der bedeutendsten Schlossbauten der Neugotik des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa war. Auf der Berliner Pfaueninsel ließ Friedrich Wilhelm II. (Preußen) von 1794 bis 1795 die Meierei in Form eines gotischen Klosters erbauen. Außerdem baute er von 1792 bis 1794 die Gotische Bibliothek im Neuen Garten.Potsdam – Neuer Garten: Gotische Bibliothek. Stand: 20. September 2010, Info-Potsdam.de, abgerufen am 16. Juni 2013.
Romantische Begeisterung Für die Gotik-Rezeption in Deutschland ist Johann Wolfgang von Goethes 1773 veröffentlichter Aufsatz Von Deutscher Baukunst von besonderer Bedeutung. Goethe beschrieb den deutschen Baumeister Erwin von Steinbach als angeblich alleinigen Erbauer des Straßburger Münsters sowie als Genie und weckte schwärmerische Begeisterung für die damals noch weitgehend verachtete gotische Architektur, die nun als deutsche Baukunst verstanden und positiv bewertet wurde. Dass die gotische Baukunst historisch aus Frankreich stammte, war Goethe nicht bekannt. In der Folgezeit wurde die französische Herkunft von nationalistischen Anhängern einer vermeintlich „deutschen“ Gotik jahrzehntelang bestritten oder auch ignoriert.
Die Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts führte in Deutschland zu einer Begeisterung für die mittelalterlichen Bauwerke, insbesondere für die großen Dome der Gotik und die Burgen. Wichtige Zeugnisse hierfür sind Friedrich Schlegels Aufsatz Grundzüge der gotischen Baukunst, oder auch die romantischen Landschaftsbilder von Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus, Julius von Leypold und dem vor allem als Architekt des Klassizismus bekannten Karl Friedrich Schinkel. Im Zuge dieser neuen Mode konnten auch alte Bauruinen wie der Kölner Dom (Wiederaufnahme des Baus 1846, Fertigstellung 1880) nach den Plänen des Mittelalters vollendet werden. Ähnlich ist es mit der Komplettierung des Ulmer Münsters (Fertigstellung des Westturmes 1890), das im Mittelalter unvollendet abgeschlossen worden war, aber durchaus nicht als Bauruine. Andere gotische Kirchen wurden purifiziert, das heißt, von nachträglichen Änderungen nachfolgender Stilepochen befreit, vervollständigt und von vermeintlichen Fehlern bereinigt. Die Vollendungen verwendeten die originalen Baupläne, es sind also aus kunsthistorischer Sicht noch (zum überwiegenden Teil) Bauwerke der mittelalterlichen Gotik.
Backstein in der Neugotik Mit dem Gotischen Haus im Wörlitzer Park zeigte schon einer der ersten neugotischen Bauten in Deutschland Außenmauern aus Backstein. Im mecklenburgischen Ludwigslust entstand 1803–1809 nach Plänen von Johann Christoph Heinrich von Seydewitz, fertiggestellt von Johann Georg Barca die katholische Kirche St. Helena und Andreas. Sie ist wohl der erste neugotische Backsteinbau Norddeutschlands nach dem Vorbild einheimischer Backsteingotik. Aus Unkenntnis wird dieser Ruhm vielfach dem Mausoleum Graf Carl von Alten bei Hannover zugeschrieben, errichtet 1842 für den General und Staatsmann Carl von Alten. Es wurde vom hannoverschen Stadtplaner Georg Ludwig Friedrich Laves entworfen und von Conrad Wilhelm Hase errichtet. Das Gebäude im heutigen Naturschutzgebiet Sundern zerfiel im Laufe der Zeit zur Ruine. Zu den Unterschieden zu mittelalterlicher Gotik gehört, dass man in der Neugotik Sichtbackstein auch in Gegenden verwendete, wo er im Mittelalter unüblich gewesen war. Andererseits wurde bei puristischen Rekonstruktionen mancherorts bauzeitlicher mittelalterlicher Werkstein aus Backsteinbauten entfernt, beispielsweise am Stralsunder Rathaus.Jens Christian Holst: Die Rathausfront in Stralsund – zu ihrer Datierung und ersten Gestalt (in Matthias Müller (Hg.) Multiplicatio et variatio: Beiträge zur Kunst : Festgabe für Ernst Badstübner zum 65. Geburtstag, Lukas Verlag 1998, S. 60 ff.)
Burgen und Schlösser Vorhandene Burgruinen wurden gerne nach englischem Vorbild, dem Castellated Style wiederaufgebaut, dieser Wiederaufbau hatte allerdings nichts mehr mit der historischen Gestalt der Burg zu tun. Typische Beispiele dafür sind die Burg Hohenzollern bei Hechingen, das Schloss Stolzenfels in Koblenz sowie weitere Bauwerke der Rheinromantik. Zu den bekanntesten neugotischen Schlössern zählen Schloss Neuschwanstein (in einem Mix aus neoromanischen Gebäuden mit neugotischen Türmen und Einzelräumen), Schloss Marienburg bei Hannover (das an französisch-burgundische Spätgotik erinnert) und Schloss Lichtenstein (Württemberg). Der Coburger Herzog Ernst I. ließ ältere Burg-, Schloss- und Klosteranlagen neugotisch überarbeiten: Schloss Rosenau, Schloss Ehrenburg, Schloss Callenberg und Schloss Reinhardsbrunn. Ein kompletter Neubau ist die Löwenburg (Kassel), stark überarbeitete ältere Anlagen sind etwa das Schloss Braunfels oder das böhmische Schloss Hluboká nad Vltavou (Frauenberg).
Ersatzbauten und Rekonstruktionen Eine große Zahl mittelalterlicher Kirchen war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einem sehr schlechten Erhaltungszustand. Viele wurden in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mit neugotischen Veränderungen erneuert, etliche in neugotischem Stil völlig ersetzt. Im niedersächsischen Bereich entstanden die Neubauten oft unter der Leitung von Conrad Wilhelm Hase. Mancherorts erhielt er aber vom Vorgängerbau mehr, als seine Auftraggeber gewünscht hatten.
Neubauten