Der Kampfpanzer M60 (offiziell 105 mm Gun Full Tracked Combat Tank M60) ist ein Kampfpanzer aus der Zeit des Kalten Krieges aus US-amerikanischer Produktion. Er entstand als eine Weiterentwicklung des M48. Zum Zeitpunkt seiner Einführung stellte er einen großen Schritt nach vorn in Sachen Beweglichkeit, Feuerkraft und Schutzwirkung dar. Der M60 war fast 30 Jahre lang der Standard-Kampfpanzer der US-Streitkräfte und wird weiterhin von vielen anderen Armeen auf der ganzen Welt verwendet. Seit dem Ende des Zweiten Golfkriegs 1991 und dem Ersatz durch den M1 Abrams wird der Panzer von den Vereinigten Staaten nicht mehr für Kampfeinsätze verwendet. Lediglich zu Ausbildungszwecken und bei der Nationalgarde ist noch eine unbekannte Anzahl von Fahrzeugen in Verwendung. Der M60 kam in vielen Konflikten auf amerikanischer und israelischer Seite vor allem im Nahen Osten zum Einsatz. Von den saudi-arabischen Streitkräften wurde er noch 2019 im Jemen-Konflikt eingesetzt.
Geschichte
Entwicklung Die Entwicklung des M60 geht bis auf die Mitte der 1950er-Jahre zurück. Zu diesem Zeitpunkt nutzte die US Army eine Vielzahl verschiedener Panzertypen, wie die Modelle M4 Sherman, M41 Walker Bulldog, M24, M47, M48 und M103. Diese waren anhand ihrer Bewaffnung in leichten, mittleren und schweren Panzerbataillonen organisiert. Der M4, der M24 und der M41 waren dabei aufgrund ihrer kleinkalibrigen Bewaffnung von weniger als 90 mm als leicht klassifiziert, die M47 und M48 mit ihrer 90-mm-Kanone bildeten die mittleren Einheiten und der M103 mit seiner für damalige Verhältnisse sehr großen 120-mm-Bewaffnung gehörte zu den schweren Einheiten.Richard Lathrop, John McDonald: M60 Main Battle Tank 1960–91. S. 3 f. Keines dieser Modelle war für die jeweils vorgesehene Rolle ideal geeignet, da sie entweder bereits veraltet waren oder aufgrund von kurzer Entwicklungszeit an massiven Mängeln litten.Robert Cameron: American Tank Development – Maintaining the Edge Or Just Getting By? S. 33.
Zudem stellte diese Organisation die Army vor eine gewaltige logistische Herausforderung, wenn es um die Versorgung der Einheiten mit Ersatzteilen, Munition und Betriebsstoffen ging. Die Tatsache, dass die amerikanische Industrie nach dem Koreakrieg mit Hilfe des Defense Production Act reorganisiert wurde und stets ein konstantes Niveau an Rüstungsgütern fertigen konnte, ohne die Produktion erst umstellen zu müssen, half nicht dabei, dieses Problem zu lösen. Jedoch beschleunigte das Programm die Entwicklung und Weiterentwicklung von Kampfpanzern, da mehr Mittel zur Verfügung standen.Anthony Bailey: Reasons to Improve. The Evolution of the U.S. Tank from 1945–1991. S. 21 f. Überdies bestand das Problem, dass im Falle eines Konflikts mit der Sowjetunion die einzelnen Bataillone in falschen Gefechtsstreifen eingesetzt werden könnten, so dass die leichten Panzer gegen schwere sowjetische Modelle kämpfen müssten. Der Einsatz des T-54 während des Volksaufstands in Ungarn 1956 verschärfte die Problematik, da dieses neue Modell mit einer leistungsfähigen 100-mm-Kanone bewaffnet war und eine Frontpanzerung von bis zu 200 mm aufwies, die von der 76-mm-Kanone der leichten Panzer gar nicht und von der 90-mm-Kanone der mittleren Panzer nur schwer durchschlagen werden konnte.Richard Lathrop, John McDonald: M60 Main Battle Tank 1960–91. S. 4.
Aufgrund dessen erließ der Stabschef der US-Armee Maxwell Taylor 1957 die Anweisung, die bisher bestehende Klassifizierung bei der Neuentwicklung von Kampfpanzern aufzugeben. Künftig sollten entweder leichte Panzer für Aufklärungs- und Luftlandemissionen oder Universalmodelle, die die Rolle der mittleren und schweren Panzer ausfüllen sollten, gebaut werden. Zu diesem Zeitpunkt befand sich ein neuer Panzertyp mit der Bezeichnung T95 oder T95 medium tank in der Entwicklung (nicht zu verwechseln mit dem russischen T-95-Projekt), der einige, für die damalige Zeit bahnbrechende, Merkmale aufwies. Darunter fielen eine Verbundpanzerung, ein hydropneumatisches Laufwerk sowie ein Gasturbinenantrieb. Diese neuen Techniken bedingten jedoch eine lange Entwicklungszeit, hohe Kosten und viele Probleme bei der Umsetzung.
Da gleichzeitig ein neuer, verbrauchsarmer und sehr zuverlässiger Dieselmotor zur Verfügung stand, hatte die Army drei Optionen, der Bedrohung durch die neuen sowjetischen Modelle zu begegnen: Eine Zwischenlösung auf Basis eines bereits existierenden Kampfpanzers, die Beschleunigung des T95-Projektes unter Inkaufnahme weiterer Kosten und die Entwicklung eines vollkommen neuen Panzers mit Panzerabwehrlenkflugkörper-Bewaffnung.
Letztendlich fiel die Wahl auf die Kampfwertsteigerung eines bestehenden Modells, da so in relativ kurzer Zeit ein neues Fahrzeug zur Verfügung stünde. Das T95-Projekt wurde aufgrund der hohen Kosten und des experimentellen Charakters eingestellt. Das Programm zur Entwicklung eines neuen Kampfpanzers wurde beibehalten, dies führte später zum Projekt Kampfpanzer 70 mit der Bundesrepublik Deutschland.Lon Nordeen, David Isby: M60 vs T-62: Cold War Combatants 1956–92. S. 12 f. Die kampfwertgesteigerte Version eines existierenden Panzers sollte eine Übergangslösung darstellen, bis der neue, fortschrittliche Panzer zur Verfügung stünde.
Da die schwache Bewaffnung der leichten Panzer nur geringen Nutzen gegenüber den sowjetischen Modellen aufwies und die Panzer an sich keinen Raum für eine Kampfwertsteigerung boten, blieben als Basismodelle für einen neuen Panzer nur der M47, der M48 und der M103. Der M103 war zwar hervorragend gepanzert und konnte jeden gegnerischen Panzer problemlos ausschalten, war jedoch untermotorisiert und somit zu unbeweglich. Die Wahl fiel deshalb auf den M48, der zu diesem Zeitpunkt der modernste Panzer im US-Arsenal war. Durch die Entscheidung, den M48 zu modifizieren, konnte gleichzeitig Entwicklungszeit eingespart werden und die Logistik vereinfacht werden, da viele Teile des Fahrzeugs bereits vorhanden waren. Ein Ziel der Entwicklung des neuen Kampfpanzers war zudem, möglichst viele Teile zu standardisieren, um auch innerhalb der NATO einen Austausch zu ermöglichen.Richard Lathrop, John McDonald: M60 Main Battle Tank 1960–91. S. 4 f.
Geländetauglichkeit Da die US-Militärs bei einem bewaffneten Konflikt mit der Sowjetunion Mitteleuropa als Schlüsselgelände ansahen, das es zu verteidigen galt, sollte der Panzer den Anforderungen des Geländes in Mitteleuropa und der entsprechenden Gefechtsführung angepasst werden. Dies bedeutete zum einen, dass das Fahrzeug gleichzeitig starkem indirekten und direkten Beschuss ausgesetzt sein würde, aber trotzdem noch effektiv kämpfen können sollte. Zum anderen sollte der Panzer unter allen dort vorkommenden Witterungsbedingungen einsetzbar sein und die meisten Flüsse durchwaten können. Der M48 konnte bereits einige dieser Forderungen erfüllen, jedoch bei weitem nicht alle, da seine Entwicklung aufgrund des Ausbruchs des Koreakrieges beschleunigt worden war.Anthony Bailey: Reasons to Improve. The Evolution of the U.S. Tank from 1945–1991. S. 23 f.
Bewaffnung Der erste Schritt zur Steigerung des Kampfwertes war der Einbau einer besseren Hauptwaffe. Zur Auswahl standen die 120-mm-Zugrohrkanone des M103, eine neu entwickelte 90-mm-Glattrohrkanone, die bereits existierende 90-mm-Kanone des M48 sowie die britische Neuentwicklung L7 im Kaliber 105 mm. Die Wahl fiel auf die 105-mm-Kanone Royal Ordnance L7, da deren APDS-Munition die beste Durchschlagsleistung aufwies.
Die Gestaltung des Turms wurde dahingehend verändert, die neue Waffe aufnehmen zu können und gleichzeitig einen größeren Höhenrichtbereich als beim M48 zu ermöglichen.Richard Lathrop, John McDonald: M60 Main Battle Tank 1960–91. S. 5. Die Form des Turms wurde ebenfalls verändert, um besseren ballistischen Schutz zu bieten.Richard Lathrop, John McDonald: M60 Main Battle Tank 1960–91. S. 9. Der Panzer sollte einem Treffer mit Wuchtmunition aus der 100-mm-Kanone des T-54 aus einer Entfernung von etwa 1500 m standhalten.Lon Nordeen, David Isby: M60 vs T-62. Cold War Combatants 1956–92. S. 13. Dem Kommandanten stand eine eigene drehbare und mit einem M85-Maschinengewehr im Kaliber .50 ausgestattete Kuppel auf dem Turmdach zur Verfügung, von der aus er das Gefechtsfeld beobachten und in das Gefecht eingreifen konnte. Die Kuppel bot im Vergleich zu der des M48 besseren ballistischen Schutz und mehr Platz. Sie war allerdings auch um einiges höher und bot so ein besseres Ziel, des Weiteren wurde die Durchfahrhöhe weiter eingeschränkt.
Motor mini|M60 auf dem Tieflader DRS M1000 eines Oshkosh M1070A0 HET Drei M48A2 wurden entsprechend modifiziert und zum Yuma Proving Ground zur Erprobung geschickt. Um die geforderte Einsatzreichweite zu erreichen, wurde ein Dieselmotor mit der Bezeichnung AVDS-1790-P eingebaut. Dies hatte gleichzeitig den Vorteil, dass die Brandgefahr verringert wurde. Nach weiteren Testreihen, während derer sowohl Diesel als auch JP-4 als Treibstoff getestet wurden, zeigte das Aggregat als Mehrstoffmotor zufriedenstellende Leistungen. Im Februar 1958 wurde beschlossen, eine verbesserte Version des Motors für Tests in Fahrzeugen zu verwenden. Die neue Version erhielt die Bezeichnung AVDS-1790-1 und verfügte über eine neue Treibstoffpumpe, ein verbessertes Schmiersystem und modifizierte Ölfilter. Die neuen Motoren wurden in zwei der Prototypen eingebaut, der dritte wurde mit einer nochmals verbesserten Variante des Motors mit der Bezeichnung AVDS-1790-2 ausgestattet. Diese Fahrzeuge wurden Kaltwettertests in Fort Churchill in Kanada unterzogen. Dabei zeigte sich, dass der Dieselmotor im Leerlauf genügend Leistung bereitstellte, um alle elektrischen Systeme des Panzers mit Energie versorgen zu können, weshalb fortlaufend der Hilfsgenerator ausgebaut wurde. Der Motor benötigte auch neue Luftfilter, deren Einbau die Umgestaltung des Wannenhecks des M48 erforderlich machte.R.P. Hunnicutt: Patton. A History of the American Main Battle Tank. S. 150 f.Richard Lathrop, John McDonald: M60 Main Battle Tank 1960–91. S. 8.
mini|Kampfpanzer M60 des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien
Erprobung Die ersten vier Prototypen des nun offiziell als 105mm Gun Full-Tracked Combat Tank M60Entgegen der weitverbreiteten Meinung führte der M60 niemals die Zusatzbezeichnung „Patton“. Dieser Name war allein den Kampfpanzern M46, M47 und M48 vorbehalten; trotzdem wird er oftmals fälschlicherweise auch für den M60 verwendet, siehe: R. P. Hunnicutt: Patton. A History of the American Main Battle Tank. S. 408. und tanks-encyclopedia.com bezeichneten Panzers wurden Mitte 1959 fertiggestellt und an verschiedene Versuchsanstalten in den USA geschickt. Diese Prototypen beinhalteten weitere Änderungen an der Wannenfront und am Laufwerk. Die durchgeführten Tests zeigten jedoch, dass der ballistische Schutz der Wanne und die Federung nach wie vor unzureichend waren. Deshalb wurde die Panzerung nochmals verstärkt und das Laufwerk erhielt zusätzliche Stoßdämpfer.
Produktion Da die Serienproduktion 1960 jedoch bereits angelaufen war, verfügten die ersten 15 Serienfahrzeuge über eine dünnere Panzerung als die folgenden Exemplare. Diese 15 Fahrzeuge wurden zusammen mit den vier Prototypen als Ausbildungsfahrzeuge zur Panzertruppenschule nach Fort Knox geschickt. Weiterhin fehlten den ersten 45 Fahrzeugen die Kommandantenkuppeln, da diese nicht schnell genug produziert werden konnten. Die Kuppeln wurden später in der Truppe nachgerüstet. Die ersten 300 Panzer waren anstatt mit dem M85-MG noch mit dem Browning M2 ausgerüstet, das zwar das gleiche Kaliber hatte, aber nicht in die Kommandantenkuppel eingebaut werden konnte, sodass es auf einer extra angebrachten Lafette neben der Kuppel montiert wurde.