Der allgemeine Begriff „Kinderfachabteilung“ wurde im NS-Staat als beschönigende Bezeichnung für besondere Einrichtungen der Psychiatrie in Krankenhäusern sowie Heil- und Pflegeanstalten verwendet, die der „Kinder-Euthanasie“ dienten, also der Forschung an und Tötung von Kindern und Jugendlichen, die körperlich oder geistig behindert waren. Die Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus, bei denen es sich tatsächlich nicht um Euthanasie, sondern um Massenmorde handelte, wurden ab 1945 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit be- und verurteilt.
Geschichte mini|Gedenktafel am Haus Eichborndamm 238, in Berlin-Wittenau Die erste derartige Einrichtung gab es ab 1939 in der Landesanstalt Görden in Brandenburg an der Havel.Einen Überblick über die Kindereuthanasie gab schon 2000 Udo Benzenhöfer im Ärzteblatt:
Die Bezeichnung der reichsweit aus Berlin geleiteten und geheim gehaltenen Maßnahme war „Kinderaktion“. Die Zentrale befand sich in der Abteilung IIb der so genannten Kanzlei des Führers.Leiter der Abteilung IIb war ab 1937 Hans Hefelmann, ein promovierter Diplomlandwirt, der seit 1931 NSDAP-Mitglied war. Die Fälle wurden dort vorsortiert und etwa 20.000 verbleibende in einem Gutachterverfahren des „Reichsausschusses“ beurteilt. Gutachter waren die Professoren Werner Catel und Hans Heinze sowie der Kinderarzt Ernst Wentzler. Den „Kinderfachabteilungen“ wurde anschließend mitgeteilt, welche Kinder zur Tötung („Behandlungsermächtigung“) oder zunächst zu einer weiteren Beobachtung vorgesehen waren.
Einen Befehl oder Zwang zur Durchführung der Tötung gab es ebenso wenig wie ein Euthanasiegesetz, vielmehr war die Euthanasie formal im Deutschen Reich verboten. Dass Ärzte sich dem auch entziehen konnten und nicht in Befehlsnotstand handelten, wie nach 1945 oft behauptet, wurde durch Beispiele wie den Freiburger Kinderarzt Carl Noeggerath bewiesen. Noeggerath wurde „in die Kanzlei des Führers einberufen, und dort wurde mir nahegelegt, ich solle in der Freiburger Kinderklinik die südwestdeutsche Ausmerzestelle für lebensunfähige Kinder einrichten.“ Dass Noeggerath dies ablehnte, blieb für ihn ohne Folgen.
Die Tötung selber wurde in eigener Verantwortung mit einer Überdosierung der Medikamente Luminal und Chloralhydrat oder durch Nahrungsmittelentzug und die Gabe von Morphin durchgeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Strafprozessen vor den Landgerichten in Düsseldorf, Magdeburg, Göttingen und Hamburg an der „Kinder-Aktion“ beteiligte Ärzte und Pfleger angeklagt, aber nur zum Teil verurteilt.
Im Deutschen Reich hat es mindestens 30 derartiger Einrichtungen gegeben.Sascha Topp: Der „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“. Zur Organisation der Ermordung minderjähriger Kranker im Nationalsozialismus 1939–1945. In: Thomas Beddies, Kristina Hübener (Hrsg.): Kinder in der NS-Psychiatrie. Berlin 2004, ISBN 3-937233-14-8, S. 34 f. Dazu zählten auch Anstalten im 1938 errichteten Reichsgau Sudetenland und nach 1939 im besetzten Polen.
Es ist davon auszugehen, dass in ihnen mehr als 5.000 geistig und körperlich behinderte Kinder getötet wurden. In einem Aktenvermerk der Staatsanwaltschaft Hannover vom Oktober 1964 heißt es zur Zahl der vermuteten Tötungen: „Dem Reichsausschuß seien über die Amtsärzte etwa 20.000 Kinder gemeldet worden. Von diesen seien etwa 75 % nicht in Kinderfachabteilungen des Reichsausschusses eingewiesen worden. Die restlichen 25 % hingegen seien zum größten Teil einer „Behandlung zugeführt“ worden. Von den bis Kriegsende somit dem Reichsausschuss gemeldeten ganz knapp 5.000 gestorbenen Kindern seien etwa 10 % auf natürliche Art und Weise verstorben, während die restlichen Kinder, mithin etwa 4.500, eingeschläfert worden seien.“ Zusätzlich ist noch von einer weiteren, nicht feststellbaren Opferzahl durch die sogenannte „wilde Euthanasie“ (nicht rückgemeldete Opfer) auszugehen.
Liste der „Kinderfachabteilungen“
Anstalt Einrichtung heute Ort Leiter Leiter der Kinderfachabteilung Anmerkungen Heil- und Pflegeanstalt Ansbach Bezirksklinikum Ansbach Ansbach Hubert Schuch Irene Asam-BruckmüllerHenry Friedlander: The Origins of Nazi Genocide: From Euthanasia to the Final Solution. University of North Carolina Press, 9. November 2000. Städtische Nervenklinik für Kinder und Jugendliche Wiesengrund Am Eichborndamm 238 entsteht nun ein Geschichtslabor. Berlin-Wittenau Ernst Hefter Gertrud Reuter, Ernst Hefter Überliefert sind unter anderem Menschenversuche mit Tuberkulose. Landesanstalt Görden Asklepios Fachklinikum Brandenburg Brandenburg-Görden Hans Heinze Ernst Illing, Friederike Pusch Krankenhaus Nord Specjalistyczny Zespół Psychiatrycznej Opieki Zdrowotnej we Wrocławiu Breslau Heinrich Tewes Heinz W. NeumannKrankenhaus Nord, Einbaumstraße 25, Breslau, laut Breslaus Einbaumstraße 25 Webseite von Tenhumberg Reinhardehemals Irrenkrankenhaus laut: Landesanstalt für psychisch Kranke Konradstein Szpital dla Nerwowo i Psychicznie Chorych w Starogardzie Gdańskim Starogard Gdański Waldemar Siemens Hans Arnold SchmidtFriedrich Leidinger: Das Schicksal der polnischen Psychiatrie unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg. In: Psychiat Prax 2014; 41(S 01): S. 69–75, doi:10.1055/s-0034-1370066Szpital dla Nerwowo i Psychicznie Chorych im. Stanisława Kryzana Es ist umstritten, ob die Nationalsozialisten hier eine Kinderfachabteilung eingerichtet haben. Heil- und Pflegeanstalt Aplerbeck LWL-Klinik Dortmund Dortmund-Aplerbeck Fritz WernickeErnst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 671. Theodor Niebel Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar Isar-Amper-Klinikum München-Ost München Hermann Pfannmüller Gustav Eidam Landes-Heil- und Pflegeanstalt Eichberg Vitos Rheingau Eichberg Friedrich Mennecke Walter Schmidt Heil- und Pflegeanstalt Am Feldhof LKH Graz II Standort Süd Graz Oskar Begusch, Ernst Sorger, siehe Rudolf Lonauer Landesanstalt Großschweidnitz Sächsisches Krankenhaus Großschweidnitz Großschweidnitz Alfred Schulz Arthur Mittag Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn Asklepios Klinik Nord, Standort Ochsenzoll Hamburg-Langenhorn Friedrich Knigge Kinderkrankenhaus Rothenburgsort Institut für Hygiene und Umwelt Hamburg-Rothenburgsort Wilhelm Bayer Wilhelm Bayer Heilerziehungsanstalt Kalmenhof Kalmenhof Idstein Ernst Müller Mathilde Weber, Hermann Wesse Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren Kaufbeuren Valentin FaltlhauserTbc-Versuche an Kindern Universitätskinderklinik Leipzig Altes Kinderkrankenhaus der Universität Leipzig Leipzig Werner Catel Hans Christoph Hempel, Ernst Klemm, Hans-Joachim Hartenstein Heil- und Pflegeanstalt Dösen zuletzt Park-Krankenhaus Leipzig-Dösen, heute leerstehend Leipzig Hermann Paul Nitsche, Emil Eichler, Johannes Gottschick Arthur Mittag Heil- und Pflegeanstalt Loben Hotel Zamek Lubliniec Loben, Oberschlesien Ernst Buchalik Ernst Buchalik, Elisabeth Hecker Heil- und Pflegeanstalt LüneburgThorsten Sueße, Heinrich Meyer: Die „Kinderfachabteilung“ in Lüneburg: Tötung behinderter Kinder zwischen 1941 und 1945. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 42 (1993) 7, S. 234–240. Psychiatrische Klinik Lüneburg;seit 2004: Gedenkstätte Lüneburg Lüneburg Max Bräuner Willi Baumert Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde Heute noch laufender Krankenhausbetrieb, Gedenkstätte, Friedhof. Meseritz Walter Grabowski Hilde Wernicke St. Johannisstift Westfälische Klinik Marsberg Niedermarsberg Theodor Steinmeyer Werner Sengenhoff Landesheilanstalt Sachsenberg Carl-Friedrich-Flemming-Klinik Schwerin Johannes Fischer Alfred Leu Heil- und Pflegeanstalt Schleswig-Hesterberg Helios Klinikum – Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie Schleswig-Hesterberg Alfred HartwigSusanna Misgajski: Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig bis 1945. In: Der Hesterberg. 125 Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie und Heilpädagogik in Schleswig. Veröffentlichungen des Schleswig-Holsteinischen Landesarchivs, Band 56, Schleswig 1997, S. 7–56. Erna Pauselius bis Januar 1942 Landes-Heil- und Pflegeanstalt Schleswig-Stadtfeld Helios Klinikum Schleswig Schleswig-Stadtfeld Carl Grabow Erna Pauselius, Johannes Krey, Hans Burkhardt ab Februar 1942 Landesheilanstalt Stadtroda (ab 1943 Landeskrankenhaus Stadtroda) Asklepios Fachklinikum Stadtroda Stadtroda, Thüringen Gerhard Kloos Margarete Hielscher Städtisches Kinderheim Stuttgart Einrichtung existiert nicht mehr; heute Sitz des Künstlerbunds Stuttgart. Verwaltungsunterlagen im Stadtarchiv Stuttgart. Stuttgart Karl Lempp Magdalene Schütte Gauheilanstalt Tiegenhof SP ZOZ Wojewódzki Szpital dla Nerwowo i Psychicznie Chorych „Dziekanka“SP ZOZ Wojewódzki Szpital dla Nerwowo i Psychicznie Chorych „Dziekanka“ Tiegenhof (Dziekanka bei Gniezno) Victor Ratka Walter KipperErnst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2007, S. 310. Landesheilanstalt Uchtspringe Fachklinikum Uchtspringe Uchtspringe Ernst Beese Gerhard Wenzel, Hermann Wesse, Hildegard Wesse Heil- und Pflegeanstalt Ueckermünde AMEOS Klinikum Ueckermünde Ueckermünde Hans-Dietrich Hilweg Hans-Dietrich Hilweg Heil- und Pflegeanstalt Süchteln-Johannistal – Abteilung Waldniel Verschiedene Nachnutzungen, zuletzt Kent-School, heute leerstehend. Schwalmtal Georg Renno, Hermann Wesse Zweigstelle der Heil- und Pflegeanstalt Süchteln-Johannistal Städtische Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund Otto-Wagner-Spital Wien Erwin Jekelius, Ernst Illing Heinrich Gross Die Anstalt war an die Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof in Wien angegliedert. Gau-Heil- und Pflegeanstalt Wiesengrund Heilanstalt Dobřany Dobřany, Sudetengau Karl Hever Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch Psychiatrisches Zentrum Nordbaden Wiesloch Wilhelm Möckel Arthur SchreckArbeitskreis „Die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch in der Zeit des Nationalsozialismus“: Die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch im Nationalsozialismus. Wiesloch 1993.
Die Liste enthält die belegten bzw. als gesichert angesehenen Einrichtungen. Dazu kommen noch bisher ungeklärte Einrichtungen bzw. nur geplante KFA. Die Verantwortlichkeit einzelner Ärzte ist teilweise strittig, wobei einzelne Leiter nicht in die Vernichtung involviert waren.
Literatur Carolin George: Erinnerung wachhalten, Forschung über Euthanasie-Opfer aus der Lüneburger Kinderpsychiatrie. In: Evangelische Zeitung. 25. Januar 2015, S. 9 (landeskirche-hannovers.de). Raimond Reiter: Wie viele Kinder wurden im Zweiten Weltkrieg Opfer der NS-Psychiatrie? In: Sozialpsychiatrische Informationen. Nr. 3/2001. 31. Jg. Wiesbaden 2001, S. 18–23. Jan Nedoschill: Kindereuthanasie im Nationalsozialismus: Die Kinderfachabteilung Ansbach in Mittelfranken. In: Zs. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie. 50, 2001, S. 192–210. dsb.: Biologische Kinder- und Jugendpsychiatrie im Zwielicht 1939–45: Die Kinderfachabteilungen Ansbach in Mittelfranken und Görden in Brandenburg. Rede auf dem 26. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Jena, 5.–8. April 2000. „Ich habe alles nur aus absolutem Mitleid getan.“ Die „Kinderfachabteilung“ der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee. Kinder-„Euthanasie“, Humanexperimente, Neuropathologische Forschung. In: Monatsschrift für Kinderheilkunde. 152, 2004, S. 1004–1010. Andreas Kinast: „Das Kind ist nicht abrichtfähig.“ Euthanasie in der Kinderfachabteilung Waldniel 1941–1943 (= Rheinprovinz. 18). SH-Verlag, Köln 2010, ISBN 978-3-89498-259-1. Thomas Beddies (Hrsg.) im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DGKJ): Im Gedenken der Kinder. Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit. Berlin 2012, ISBN 978-3-00-036957-5.