Terezín (deutsch Theresienstadt) ist eine Stadt in der Aussiger Region in Tschechien. Sie wurde im 18. Jahrhundert als österreichische Festung errichtet und erhielt den Namen der Kaiserin Maria Theresia.
International bekannt ist die ehemalige Garnisonsstadt als Standort des Ghettos Theresienstadt (1941 bis 1945), des größten Konzentrationslagers der Nationalsozialisten im Protektorat Böhmen und Mähren.
Das historische Stadtzentrum wurde 1992 zum städtischen Denkmalreservat erklärt.
Geographie Die Stadt liegt 150 m ü. M. in Nordböhmen, am Ufer der Eger (Ohře), die wenige Kilometer entfernt in die Elbe (Labe) mündet.
Geschichte miniatur|Hauptplan von Theresienstadt (1790) Während der Regierungszeit Kaiser Josephs II. wurde Theresienstadt ab 1780 als eine Festung erbaut. Zeitgleich ließ der Monarch in Böhmen auch die (später nach ihm benannte) Festung Josefstadt errichten. Die Festung Theresienstadt sollte die nordwestlichen Zugänge Böhmens gegenüber militärischen Angriffen aus Preußen schützen. Dazu sicherte sie gemeinsam mit Leitmeritz (Litoměřice) die Flussübergänge über Elbe und Eger. Die Stadt wurde nach Maria Theresia benannt, der Mutter von Joseph II.
Garnisonstadt unter den Habsburgern Errichtung der Festung 1780–1790 Der amtliche Erlass zum Bau der Festung erfolgte am 10. Januar 1780. Zehn Monate später wurde am 10. Oktober 1780 der Grundstein bei dem auf der Hauptachse liegenden Kavalier 4 gesetzt. Das erste Gebäude, das entstand, war die Kaserne der Genietruppe für die örtliche Bauleitung. Sie organisierte in den folgenden Jahren den Bau der Festungsanlage und der Stadt, die streng symmetrisch angelegt ist, mit geraden Straßen, die einander im rechten Winkel schneiden. Dem Bau der neuen Stadt mussten die Dörfer Drabschitz und Deutsch Kopist weichen; sie wurden an anderer Stelle neu aufgebaut.
Zwischen 1781 und 1785 erfolgte der Ausbau des inneren Festungswalls. In den nächsten fünf Jahren wurden die Kasernen, das Zeughaus, das Krankenhaus und das Proviantlager fertiggestellt. Am 9. Dezember 1782 erhielt Theresienstadt das Stadtrecht als freie Königsstadt. Der Ausbau weiterer militärischer Bestandteile des Walles erfolgte in den folgenden Jahren, Kavalier 4 wurde im Jahr 1784 fertiggestellt, der Äußere Festungswall 1786, das Bewässerungssystem der Festung 1790. Neben militärischen Gebäuden entstanden die erste Zivilhäuser für Verwaltungsbeamte 1783 am südlichen Ende der Langen Straße.
Die Bauleitung der Festungsanlage und der Garnisonstadt koordinierte Freiherr Jakob von Wimmer, k.k. Oberst im Armeestand, welcher 1806 nach Aufhebung des benachbarten Kloster Doksany (Doksan) durch Kauf dessen Gebäude und den Großgrundbesitz erwarb.
Im Juni 1790, nicht ganze zehn Jahre nach der Grundsteinlegung, wurde die Festung in Anwesenheit des k.k. Feldmarschall Karl Clemens Graf Pellegrini (1720–1796) für einsatzbereit erklärt. Den Kern des Festungssystems bildete die Hauptfestung mit der Stadt in der Mitte (kurz Garnisonsstadt oder Große Festung) und dem auf die andere Flussseite vorgeschobenen Fort B (Mala Pevnost/Kleine Festung; dem Brückenkopf). Dazwischen befindet sich eine befestigte Fläche, die sich zwischen der Alten und der Neuen Eger erstreckt. Die Gesamtfläche der Verschanzung beträgt 67 ha. Dazu kommen noch einmal mehr als 158 ha als Fläche von vier künstlichen, mit Wasser der Eger überflutbaren Becken. Diese damals hochmoderne Festung war dann auch Ziel internationaler Spionage durch potentielle österreichische Kriegsgegner.Klaus Freckmann: Die Festung Theresienstadt / Terezín als internationales Spionageobjekt um 1800. In: INSITU. Zeitschrift für Architekturgeschichte 5 (1/2013), S. 67–80.
Innerer Ausbau der Festung mini|hochkant|Garnisonskirche Einen militärischen Angriff auf Theresienstadt hat es nie gegeben. So konnten in den folgenden Jahrzehnten auch zivile Einrichtungen entstehen. Zwischen 1805 und 1810 wurde die Garnisonskirche erbaut, das einzige Gebäude, das die Bastion überragt und dessen Turmspitze von außerhalb des Walles zu sehen ist. Eine eigenständige kirchliche Verwaltung entstand allerdings erst seit 1842. Schon dreißig Jahre früher hatte die Stadt im Jahr 1812 das Recht auf vier Jahrmärkte und das Wochenmarktrecht erhalten. 1830 löste der erste eigene Magistrat die Verwaltung durch Leitmeritz ab. Das neue Rathaus am Marktplatz wurde acht Jahre später errichtet. Am 5. Dezember 1846 erhielt Theresienstadt Wappen und Siegel einer Königsstadt.
Einen obligatorischen Tschechisch-Unterricht an der deutschen Allgemeinschule forderte der Stadtrat zum ersten Mal 1861. Zwischen 1877 und 1879 entstand die neue Schule. 1895 begann der Unterricht in einer tschechischen Einklassenschule – Ausdruck der Bevölkerungsentwicklung der Stadt; erstmals stellten die Tschechen eine Mehrheit.
Aufhebung des Status einer Festung 1882 erfolgte der Erlass über die Aufhebung des Festungsstatus der Stadt, der sechs Jahre später wirksam wurde. In der Stadt verblieb eine Garnison, für die elf Kasernen zur Verfügung standen. Eines der hier stationierten Regimenter war das K.u.k. Infanterieregiment „Edler von Hortstein“ Nr. 92.
In den folgenden Jahren wurden die beiden Stadttore – das Leitmeritzer und das Bohusovicer Tor – geschleift. Weitere zivile Bauten entstanden: das Vereinshaus (heute Kulturhaus) zwischen 1889 und 1890 und das neue Postgebäude 1910.
Kleine Festung als Militärgefängnis mini|Tor der Kleinen Festung Die Kleine Festung war von der Anlage her als Wachtposten für die Brücke über die Eger und das Stauwehr des Festungsflutungssystems vorgesehen. Schon kurze Zeit nach ihrer Fertigstellung diente sie als Festungs-Stockhaus, als Militärzuchthaus, und schon bald wurden dort auch politische Gefangene eingesperrt. Im Zusammenhang mit dem griechischen Freiheitskampf kam Alexander Ypsilantis, einer der Führer der Griechen, in den Theresienstädter Kerker. Im Jahre 1865 starb in der Kleinen Festung Anna Rosicka, die Vorkämpferin für das Recht des polnischen Volkes in Galizien. Von 1878 bis 1883 wurde Hadschi Loja gefangengehalten, einer der Führer des bosnischen Aufstandes aus dem Jahr 1878.
Die bekanntesten Gefangenen in der Kleinen Festung nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren die Attentäter von Sarajevo, Gavrilo Princip, Nedeljko Čabrinović und Trifun Trifko Grabež. Während des Krieges waren in der Kleinen Festung neben den prominenten Häftlingen rund 2500 Gefangene in Gewahrsam. Von 1914 bis 1915 wurden dort vorsorglich mehr als 1000 sogenannte Russophile interniert – Ruthenen aus Galizien, der Bukowina und aus der Karpatenukraine, verdächtigt der Sympathie für das feindliche Russland.Kejřová: Theresienstadt. 2003, S. 6. Ebenfalls in Theresienstadt inhaftiert wurden gegen Ende des Ersten Weltkrieges 1918 etwa 560 Teilnehmer der Soldaten-Meuterei des 7. Schützenregiments von Rumburk in Nordböhmen.
Tschechoslowakische Garnisonsstadt Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war Terezín, wie Theresienstadt 1918 nach der Gründung der Tschechoslowakei offiziell hieß, Garnisonsstadt für die tschechoslowakische Armee. 1920 bis 1930 entstanden ein Wasserwerk, eine Turnhalle der Turnbewegung Sokol und ein neues Krankenhaus außerhalb der Festungsmauern. Im Mai 1945 kamen erste Rückkehrer, die nach dem Münchner Abkommen im Oktober 1938 und der Entstehung des Sudetengaues geflohen waren, nach Theresienstadt zurück.
Gestapo-Gefängnis in der Kleinen Festung 1940–1945 miniatur|Plan von Theresienstadt – 1940–1945 Während der Zeit des Protektorats Böhmen und Mähren wurde Theresienstadt ab Juni 1940 ein Sammellager für unerwünschte Personen. In der Kleinen Festung richtete die Geheime Staatspolizei (Gestapo) ab dem 10. Juni 1940 das Gestapo-Gefängnis Theresienstadt ein. Zwischen 1940 und 1945 wurden von den verschiedenen Dienststellen der Gestapo rund 27.000 Männer und 5000 Frauen an das Gefängnis Theresienstadt überstellt, zunächst Inhaftierte aus Prag, dann aus ganz Böhmen und ab 1944 auch aus Mähren. In der Kleinen Festung wurden bis Kriegsende überwiegend Tschechen festgehalten, darunter viele Widerständler gegen das Nazi-Regime, in den letzten Jahren dann auch Bürger der Sowjetunion, aus Polen, Jugoslawien und gegen Kriegsende Kriegsgefangene aus den Reihen der alliierten Armeen.
Von den Insassen kamen etwa 8000 in anderen Lagern um, in die sie bis zum Ende des Krieges deportiert wurden. 2500 starben im Lager nach Folter, Krankheiten und aufgrund der Arbeits- und Lebensbedingungen. 250 Insassen wurden in der Festung selbst hingerichtet. Unter den Opfern befindet sich auch eine Gruppe von Juden aus dem Rheinland, die am 4. Oktober 1944 – „irrtümlicherweise“ – in der Kleinen Festung und nicht im „Ghetto“ in einem Transport aus Köln ankamen; fast alle wurden ermordet.Malá pevnost, Prag 1988, S. 46
Kommandant des Gestapo-Gefängnisses war seit dessen Einrichtung SS-Hauptsturmführer Heinrich Jöckel, der die 1. Kompanie des SS-Wachbataillons Böhmen und Mähren kommandierte.
Bekannte Gefangene und Todesopfer Josef Beran (1888–1969), Erzbischof von Prag Martin Finkelgruen (5. Mai 1876 – 10. Dezember 1942), Kaufmann, „erschlagen“ in der Kleinen Festung Rudolf Karel (1880–1945), tschechischer Komponist Karel Kosík (1926–2003), Philosoph und Literaturtheoretiker Eduard Meijers (1880–1954), niederländischer Jurist Karel Poláček (1892–1945), tschechischer Schriftsteller Paul Thümmel (1902–1945), Doppelagent Benno Wolf (1871–1943), Höhlenforscher
Täter Rudolf Burian, Aufseher, 1946 hingerichtet Heinrich Jöckel (1898–1946), SS-Hauptsturmführer, Kommandant, 1946 hingerichtet Anton Malloth (1912–2002), Aufseher, 2001 vom Landgericht München wegen Ermordung eines Häftlings zu lebenslanger Haft verurteilt Albert Neubauer, Aufseher, 1946 hingerichtet Stefan Rojko, Aufseher, 1963 vom Landgericht Graz zu lebenslänglicher Haft wegen Tötung und Misshandlung mit Todesfolge von politischen Häftlingen und Juden verurteilt Wilhelm Schmidt, stellvertretender Kommandant, am 12. November 1946 verurteilt und hingerichtet Julius Viel (1918–2002), im so genannten „Ravensburger Kriegsverbrecherprozess“ 2001 zu 12 Jahren Haft verurteilt Kurt Wachholz (1909–1969), Aufseher, vom Ost-Berliner Stadtgericht 1968 zum Tode verurteilt
Ghetto und Durchgangslager des Deutschen Reiches 1941–1945 Im November 1941 entstand das Ghetto Theresienstadt, ein Sammel- und Durchgangslager für die jüdische Bevölkerung in Böhmen und Mähren. Am 16. Februar 1942 wurde die städtische Gemeindeverwaltung aufgelöst; die einheimische Bevölkerung musste die Stadt verlassen. In den folgenden Jahren kamen auch Juden aus Deutschland und anderen europäischen Ländern in das Altersghetto genannte Konzentrationslager. Zeitweilig diente Theresienstadt der NS-Propaganda als Vorzeigeghetto, um die internationale Öffentlichkeit über die mit der Endlösung der Judenfrage verbundenen Ziele zu täuschen.
In einer Beschreibung erinnert sich ein Überlebender des KZ, wie sich Theresienstadt in den 1940er Jahren darbot: Die Häuserblocks sind alle von gleicher Größe, ebenso die Kasernen, und selbst die Grundrisse zeigen die gleiche Anzahl von Toren, Höfen, Rundgängen und Stiegenhäusern. Die Kasernen sind düstere alte Gebäude mit sehr primitiven sanitären Einrichtungen. Die große Mehrzahl der Wohnhäuser sind ebenfalls alte, einstöckige Bauten mit engen dunklen Hinterhöfen, ohne Gärten und Sonnenlicht.Josef Polak: Das Lager. In: Iltis et al.: Theresienstadt. 1968, S. 24–51, hier S. 25.
Seit 1943 wurden in der Kleinen Festung insgesamt etwa 250 Personen hingerichtet, auch ohne Gerichtsbeschluss. Die letzte Hinrichtung fand am 2. Mai 1945 statt, als 52 Personen – meist Mitglieder der Widerstandsgruppe Předvoj – hingerichtet wurden.Policejní věznice v Malé pevnosti, online auf: , auf pamatnik-terezin.cz, abgerufen am 11. Juli 2012