mini|Deutsche Teilung von 1949 bis 1990 Zur Zeit der deutschen Teilung zwischen 1949 und 1990 waren die Stromnetze beider deutscher Staaten – der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik – Teil unterschiedlicher, nicht miteinander synchronisierter Netzverbünde. Die Innerdeutsche Grenze bildete die Grenze zwischen der UCPTE im Westen und der Vereinigte Energiesysteme „Frieden“ im Osten. Nachdem seit den 1950er Jahren alle vormals existierenden Hochspannungsverbindungen zwischen beiden deutschen Staaten getrennt wurden, dauerte es bis ins Jahr 1985, als ein Innerdeutscher Stromverbund hergestellt war und elektrische Energie aus der DDR per Umformer ins Netz der BRD eingespeist werden konnte. Kurz vor der politischen Wende ging 1989 eine 380-kV-Verbindung zwischen west- und ostdeutschen Netz in Betrieb, die nach der Wiedervereinigung bis nach Berlin verlängert wurde. Mit dem Neubau mehrerer innerdeutscher Leitungsneubauten folgte 1995 die Synchronisierung des ostdeutschen mit dem westdeutschen Netz, die geplante HGÜ-Kurzkupplung war somit nicht mehr nötig.
Unabhängig von der Trennung beider Netze bestand an einigen Orten entlang der innerdeutschen Grenze die Versorgung westdeutscher Gemeinden aus dem DDR-Netz auch nach Bau der Grenzanlagen fort. Die „Westversorgung“ ermöglichte es der DDR-Wirtschaft, Devisen einzubringen. Eine Sondersituation entwickelte sich in West-Berlin, das zu dieser Zeit als faktische Enklave in der DDR dem Viermächtestatus unterlag und sich per Inselnetz selbst mit Strom versorgte.
Geschichtliche Entwicklung mini|Deutsches Hochspannungsnetz 1945 In den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entwickelten sich in Deutschland die ersten Überlandzentralen, die in Kraftwerken erzeugte elektrische Energie mit Dreiphasenwechselstrom mit bis zu 100 kV Spannung über größere Entfernungen verteilten. Einige dieser Unternehmen, die ursprünglich als Stadtwerk in einem städtischen Elektrizitätswerk Gleichstrom für die unmittelbare örtliche Nutzung produzierten, bauten durch Expansion eine Großversorgung auf, etwa das RWE. In Preußen dominierte mit den Elektrowerken eine reichseigene und ab 1927 mit der Preußenelektra eine staatliche Energiewirtschaft. In diesem Jahr kam es erstmals auch zum Abgrenzen von Einflussgebieten der Großversorger. Mit Zusammenschluss der Energieversorger in der Aktiengesellschaft für deutsche Elektrizitätswirtschaft im Mai 1929 wurde der Grundstein für ein gesamtdeutsches Verbundnetz geschaffen, das in den Folgejahren auf der 220-kV-Ebene ausgebaut wurde.Der "Elektrofrieden" ermöglichte den weiteren Ausbau des Verbundsystems, Udo Leuschner Stromlieferungsverträge benachbarter Energieversorgungsunternehmen führten zum Bau von Koppelleitungen zwischen zwei Versorgungsgebieten.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Elektrizitätswirtschaft weiter zentralisiert. Im 1935 verabschiedeten Gesetz über die Elektrizitäts- und Gasversorgung wurde die geschichtlich bedingte dezentrale Energieerzeugung aus strategischen Gründen festgeschrieben. Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde in der Hauptschaltleitung des RWE in Brauweiler der „Reichslastverteiler“ eingerichtet, womit erstmals das gesamte deutsche Hochspannungsnetz von einer zentralen Stelle aus gesteuert werden konnte. Der weitere Ausbau des 220-kV-Netz wurde von den Elektrowerken unter dem Namen Reichssammelschiene ausgeführt. Von den sehr expansiven Plänen wurde bis 1941 eine 750 km lange Nord-Süd-Verbindung zwischen Helmstedt und Ernsthofen bei Linz fertiggestellt, eine Weiterführung über Wien bis ins Oberschlesische Industriegebiet befand sich in Bau.
Die Elektrifizierung der Bahnstrecken zwischen Nürnberg und Leipzig begann Mitte der 1930er Jahre. Dabei sollten bereits elektrifizierte Gebiete in Bayern und Mitteldeutschland miteinander verknüpft werden. Zur Versorgung der Strecke mit 16,7-Hz-Bahnstrom entstand nördlich von Leipzig das Bahnkraftwerk Muldenstein und ein rotierendes Umformerwerk in Nürnberg. Beide Standorte wurden über eine Bahnstromleitung miteinander verbunden, die über mehrere Unterwerke entlang der Strecke in die Oberleitung einspeiste. Von Nürnberg bis Saalfeld konnte der elektrische Bahnbetrieb noch vor Kriegsbeginn aufgenommen werden.
Vor 1945 bestehende Leitungen Da die Zonengrenze größtenteils entlang der alten Ländergrenzen bzw. der preußische Provinzgrenzen gezogen wurde, und diese in der Regel über eigene Energieversorgungsunternehmen verfügten, handelte es sich bei den meisten interzonalen Hochspannungsleitungen um Kopplungen zweier Energieversorger. Die Bahnstromverbindung Nürnberg–Muldenstein querte die spätere Zonengrenze insgesamt dreimal.
Verbundleitungen Spannung UmspannwerkBizone Umspannwerksowjetische Zone Betreiber Baujahr Foto Bemerkungen 30 kV Schlutup Schönberg Märkisches Elektrizitätswerk 1930 Historische Entwicklung des Hochspannungsnetzes in Mecklenburg 110 kV Alt Garge Hagenow Hamburgische Electricitäts-Werke 1940er rahmenlos 220 kV Helmstedt Magdeburg Elektrowerke 1935 rahmenlos Ab 1938 Teil der Reichssammelschiene 60 kV Grone Heiligenstadt Preußenelektra 1930 rahmenlos Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 98 110 kV Hersfeld Breitungen Preußenelektra 1925 Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 93 110 kV Kulmbach Neuhaus-Schierschnitz Bayernwerk 1937 rahmenlos 110 kV (Bahnstrom) Steinbach am Wald Rothenstein Deutsche Reichsbahn 1939 110 kV Hof Herlasgrün Aktiengesellschaft Sächsische Werke 1938 rahmenlos VDE Bezirksverein Chemnitz e. V.: Strom, Spannung, spannend. Geschichten zur Energieversorgung in Südwestsachsen. Verlag Wissenschaftliche Scripten 2019, S. 35Dr. Gerhard Dehne: Deutschlands Großkraftversorgung. Springer Verlag Berlin Heidelberg 1925, S. 95Dipl.-Ing. A. Menge: Das Bayernwerk und seine Kraftquellen. Springer Verlag Berlin Heidelberg 1925, S. 48M. Pohl: Das Bayernwerk 1921 bis 1996. R. Piper GmbH & Co. KG, München 1996, S. 226f 220 kV Ludersheim Remptendorf Elektrowerke 1941 rahmenlos Reichssammelschiene Leitungen nach Berlin Spannung Umspannwerksowjetische Zone UmspannwerkBerlin Betreiber Baujahr Foto Bemerkungen 110 kV Zschornewitz Kraftwerk Klingenberg Elektrowerke 1918 rahmenlos Golpa-Leitung 110 kV Trattendorf Friedrichsfelde Elektrowerke 1921 110 kV Zschornewitz Spandau Elektrowerke 1925 Netzpläneunterbrochene Freileitungen bei Spandau 110 kV Trattendorf Spandau Elektrowerke 1928 110 kV Hennigsdorf Spandau Märkisches Elektrizitätswerk 1920er 110 kV Magdeburg Spandau Elektrowerke 1935 rahmenlos Transitleitungen Spannung Umspannwerk 1 Umspannwerk 2 Betreiber Baujahr Foto Bemerkungen 110 kV (Bahnstrom) Zapfendorf(Bizone) Steinbach am Wald(Bizone) Deutsche Reichsbahn 1939 rahmenlos Verlief abschnittsweise über Gebiet der SBZ 110 kV Remptendorf(sowj. Zone) Neuhaus-Schierschnitz(sowj. Zone) Thüringenwerk 1937 rahmenlos Verlief abschnittsweise über Westgebiet
Daneben wurde von 1941 bis 1945 die als 115 Kilometer langes Erdkabel ausgeführte, bipolare HGÜ Elbe-Projekt mit einer Übertragungsspannung von 200 kV und einer maximalen Übertragungsleistung von 60 MW zwischen dem Kraftwerk Vockerode und Berlin-Marienfelde errichtet, welche allerdings wegen der Kriegsereignisse nicht mehr in Betrieb ging und von der sowjetischen Besatzungsmacht demontiert wurde.
Demontage, Abriegelung und Netztrennung unter sowjetischer Besatzung Reparationen Die Länder Thüringen, Sachsen und Mecklenburg sowie die preußischen Provinzen Sachsen und Brandenburg bildeten nach dem Zweiten Weltkrieg die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands, während große Teile der Provinzen Pommern und Niederschlesien sowie ganz Ostbrandenburg, Oberschlesien und Ostpreußen unter polnische bzw. sowjetische Verwaltung gestellt wurden. Die sowjetische Militärverwaltung begann zügig mit der Demontage von Industrieanlagen und Bahnstrecken im Rahmen von Reparationen.
Auch Hochspannungsleitungen und Umspannwerke gehörten zu diesen Objekten. Allein in Sachsen waren rund 395 km Leitungen betroffen, mehr als zehn Prozent des landesweiten Netzes.Kurt Arlt: Die militärische und ökonomische Entwaffnung in Sachsen 1945 bis 1948. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 52, Militärgeschichtliches Forschungsamt, Freiburg i.Br 1993, S. 405 Im Zuge dieser Demontagen baute die sowjetische Besatzungsmacht im April 1946 Anlagenteile der 220-kV-Leitung der Reichssammelschiene ab. Demontiert wurden das komplette Umspannwerk Marke, der Haupt- und Regeltransformator 1 im Umspannwerk Remptendorf und ein Stromkreis des auf dem Gebiet der sowjetischen Zone liegenden Teilstück der 220-kV-Leitung. Trotzdem erlaubte die sowjetische Militärregierung ab 1947 übergangsweise noch den Transport elektrischer Energie in die amerikanische Besatzungszone über den verbleibenden Stromkreis der Leitung Remptendorf–Ludersheim. Zum Zeitpunkt der Einstellung im Februar 1949 betrug die über den verbliebenen Stromkreis der Leitung transportierte Menge 8.646.000 kWh.M. Pohl: Das Bayernwerk 1921 bis 1996. R. Piper GmbH & Co. KG, München 1996, S. 303
Noch im selben Jahr plante das Bayernwerk eine Ersatzverbindung zwischen dem Abschnitt der Reichssammelschiene, der sich immer noch im Besitz der EWAG befand, und dem 220-kV-Netz des RWE bzw. der Preußenelektra in den westlichen Besatzungszonen (Trizone). Mit Aufhebung der alliierten Restriktionen der amerikanischen Militärverwaltung im Jahr 1947 ließ der Geschäftsführer des Bayernwerks, Leonhard Wolf, den „sofortigen Baubeginn des Dampfkraftwerks am Hafen Aschaffenburg“ sowie ein „Neubau der 220-kV-Leitung Aschaffenburg–Borken zur Preussischen Elektrizitäts-AG“ verkünden.Thomas Schlemmer, Hans Woller: Bayern im Bund, Band 1: Die Erschließung des Landes 1949 bis 1973. R. Oldenbourg Verlag München 2001, S. 46
Die Energiewirtschaftsverordnung vom 22. Juni 1949 legte die Struktur der Energieversorgung auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone neu an: Alle Gas- und Elektrizitätsversorger wurden durch fünf Energiebezirke verwaltet. Spätestens Ende 1950 war der Verbund mit dem Bayernwerk aufgelöst.M. Pohl: Das Bayernwerk 1921 bis 1996. R. Piper GmbH & Co. KG, München 1996, S. 304 Das erste Teilstück dieser neuen Leitung zwischen dem Umspannwerk Ludersheim und dem Kraftwerk Aschaffenburg ging am 14. Dezember 1949 in Betrieb. 1950 folgte von Aschaffenburg aus der Anschluss ans RWE im Umspannwerk Kelsterbach und 1951 an die Preußenelektra im Umspannwerk Borken.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 117 Somit konnte der Verbundbetrieb mit dem verbliebenen Netz der Elektrowerke wiederhergestellt werden. Die bei der Inbetriebnahme hochgehaltene „elektrische Wiedervereinigung des gesamtdeutschen 220-kV-Rings“ durch das Bayernwerk war in der Realität aus politischen Gründen nicht mehr möglich.M. Pohl: Das Bayernwerk 1921 bis 1996. R. Piper GmbH & Co. KG, München 1996, S. 338f
Auch nahezu das gesamte mitteldeutsche Netz an 60-kV-Bahnstromleitungen, das sich vom Kraftwerk Muldenstein aus über weite Teile des Großraums Halle/Leipzig erstreckte, wurde als Reparation abgebaut. Ebenso die 110-kV-Verbindung von Muldenstein nach Nürnberg, die auf sowjetischem Zonengebiet vollständig abgerissen wurde. Dies hatte zur Folge, dass sich auf bayerischem Gebiet nun eine vom Unterwerk Steinbach am Wald ausgehende, funktionslose Bahnstromleitung bis kurz vor die Zonengrenze befand.
Blockade West-Berlins