mini|Ilja Richter nach einer Lesung in Berlin (2019)
Ilja Richter (* 24. November 1952 in Ost-Berlin) ist ein deutscher Schauspieler, Hörspiel-, Synchron- und Hörbuchsprecher, Sänger, Autor, Kolumnist, sowie Bühnenregisseur. Er wurde insbesondere als Moderator der ZDF-Show disco bekannt.
Leben Ilja Richter wurde als drittes Kind von Eva Richter (geborene Basch, genannt Eppens) und Georg Richter in Berlin-Karlshorst geboren. Sie benannten den Sohn nach dem russischen Schriftsteller und Journalisten Ilja Ehrenburg. Der Vater hatte als kommunistischer Widerstandskämpfer zur Zeit des Nationalsozialismus neuneinhalb Jahre in Zuchthaus und KZ überstanden.Viva! Heft 3/2015, S. 78. Die jüdische Mutter hatte die NS-Zeit mit gefälschter „arischer Identität“ überlebt und 1942 Iljas Halbbruder Michael zur Welt gebracht. Nachdem die Familie in der DDR politisch in Schwierigkeiten geraten war, flohen sie 1953 von Ost- nach West-Berlin, wo die Eltern eine Gaststätte pachteten. Im Jahr 1955 wurde Iljas Schwester Janina geboren, und 1959 siedelte die Familie nach Köln über. Auch dort betrieben die Richters eine Gaststätte, zogen aber 1960 zurück nach West-Berlin, wo sie in der Lietzenburger Straße eine Pension eröffneten. Die Mutter, eine ehemalige Schauspielerin, brachte Ilja zum Vorsprechen zum SFB.
Ilja Richter war von 1975 bis 1978 mit der Sängerin Marianne Rosenberg liiert.Er gehört zu Mutti. In: Spiegel online, 24. September 2004. Von 1995 bis 2003 war er mit der Filmeditorin Stephanie von Falkenhausen verheiratet. Sein Sohn Kolja (* 2001) entstammt einer anderen Beziehung."Ich spiele meinen eigenen Feind" In: Berliner Morgenpost vom 27. August 2005Ein leidenschaftlicher Schauspieler, der nicht auf der Bühne sterben will In: Welt.de, 7. August 2003. Mit seiner heutigen Partnerin, der Schauspielerin Barbara Ferun (* 1972),Maria Ganzenberg: Ilja Richter privat: Wer sieht da noch durch? Die vielen Frauen des Schauspielers, In: news.de vom 3. August 2017 lebt Ilja Richter in Berlin-Pankow. 20 Jahre lang hatte er auch ein Haus in Mecklenburg-Vorpommern.Gregor Gysi im Gespräch mit Ilja Richter
Der Fernsehfilm Gott und die Welt. Grenzgänge mit Ilja Richter ARD dokumentiert die komplizierte Auseinandersetzung Ilja Richters mit dem Judentum.Spurensuche. Der Fünf-Minuten-Jude. Wie der Schauspieler Ilja Richter seine jüdischen Wurzeln entdeckt. In: juedische-allgemeine.de, Aktualisierung am 10. Juni 2016. Richter gehört keiner Religionsgemeinschaft an, bekennt sich aber zu spirituellen Neigungen.siehe seine Äußerungen im Deutschlandfunk Kultur-Sonntagsspaziergang vom 2. Juni 2019.
In dem Film Spot aus – Licht an für Georg Richter! begibt sich Ilja Richter auf Spurensuche nach seinem Vater Georg Richter, dem Widerstandskämpfer und KZ-Überlebenden.
Künstlerischer Werdegang Der Hörfunksender RIAS engagierte Richter, als er acht Jahre alt war: Seine erste Sprecherrolle war das Mäuschen Kukuruz in dem Hörspiel Schwarz auf weiß von Ephraim Kishon, in dessen Fernsehverfilmung er 1963 an der Seite von Edith Hancke spielte. Damit war ein Kinderdarsteller entdeckt, der in der Folgezeit an über 60 Hörspielen des RIAS mitwirkte und für Kinderrollen an Berliner Theatern engagiert wurde.
Seine erste Bühnenrolle erhielt Richter 1961 in Belvedere am Renaissance-Theater an der Seite von Viktor de Kowa. Er besuchte eine Privatschule. Im Jahr 1963 übernahm er eine kleine Rolle in dem Musical Annie Get Your Gun am Theater des Westens; die Hauptrolle spielte Heidi Brühl. 1966 trat er mit Vico Torriani ebenfalls im Theater des Westens in dem Singspiel Im weißen Rößl auf. Seine Begabung fand viel Beachtung, als er 1966 in dem Zwei-Personen-Stück Freunde und Feinde als Partner von Martin Held spielte.
Richter wirkte 1967 in der ZDF-Fernsehserie Till, der Junge von nebenan mit.Somit ist er in der ZDF-Chronik, da der Sender 1963 den Betrieb aufnahm, mit seinen damals 14 Jahren wahrscheinlich die früheste Schauspielkarriere des Mainzer Hauses. Als 16-Jähriger übernahm er ab Februar 1969 (anfangs zusammen mit Suzanne Doucet) die Moderation der Musiksendung 4-3-2-1 Hot & Sweet im ZDF und war damit Deutschlands jüngster TV-Moderator und Show-Autor. Die populäre Sendung war eine Antwort des ZDF auf den Beat-Club der ARD. Ein Unterschied zum Stil des Beat-Clubs war, dass Ilja Richter – in deutlichem Kontrast zu der Art, wie Jugendliche sich damals kleideten – öfter im Anzug und mit Krawatte auftrat. Gedreht wurde in Berlin. Ab 1970 moderierte er die Musiksendung, aus der am 13. Februar 1971 Disco wurde, allein. Einige seiner Sprüche, etwa „Licht aus! Whoom! Spot an! Jaaa …!“, wurden zu geflügelten Worten. Disco erreichte hohe Einschaltquoten und wegen ihres Erfolgs kam die Sendung bald ins Abendprogramm.
Ungewöhnlich an Disco war, dass Interpreten unterschiedlicher Musikrichtungen (Schlager, Pop, Rock) in einer Sendung auftraten. Zwischen den Musikdarbietungen wurden vorher aufgezeichnete Sketche gezeigt, in denen Ilja Richter als deutlicher Enthusiast der Operette, häufig überbetonend und mit affektierter Körpersprache Kalauer darbot, die einige Kritiker als simpel und vorhersehbar bewerteten. Andere Stimmen ordneten Stil und Form von Richters Auftritt aus Sicht der damaligen Zeit ein. So sei seine schauspielerische Leistung in einem völlig anderen Kontext als dem heutigen zu verstehen. Edo Reents von der Frankfurter Allgemeinen schrieb:
Insgesamt wurde Disco elf Jahre lang gesendet. Am 22. November 1982 wurde die Sendereihe im gegenseitigen Einvernehmen eingestellt. Noch 1997 wurde Disco in der 100. Folge von Kalkofes Mattscheibe im Fernsehsender Premiere parodiert.
Im Jahr 1978 produzierte Richter mit der Schauspielerin Ursela Monn das Album Riekes Jesänge mit Berliner Chansons. 1981 moderierte er die 60-minütige Fernsehshow Die Musikpalette.
Danach arbeitete er vorwiegend als Schauspieler und Regisseur. Den Einstieg dazu fand er in der Berliner Komödie Treppauf–Treppab und ging mit diesem Stück im Herbst 1983 auch auf Tournee; eine Fernsehaufzeichnung wurde 1984 gesendet. Sein bekanntester Auftritt war das Ein-Personen-Stück Der Ansager einer Stripteasenummer gibt nicht auf von Bodo Kirchhoff in der Regie von Detlef Altenbeck. Eine Zeitlang war Richter Mitglied des Ensembles des Bremer Schauspielhauses. Als Sprecher des Holzwurm der Oper wirkte er an der von Stefan Siegert geschriebenen Opernführer-für-Kinder-Serie der Deutschen Grammophon Gesellschaft mit.
Von 1985 bis 1987 war er Kolumnist der Tageszeitungen taz und Hamburger Morgenpost.
Richter betätigt sich auch als Synchronsprecher, vor allem für Trickfilme. Zu den bekanntesten Figuren, denen er seine Stimme lieh, zählen das Erdmännchen Timon aus dem Disney-Film Der König der Löwen, Graf Duckula aus der gleichnamigen Zeichentrickserie und Mike Glotzkowski aus den Pixar-Filmen Die Monster AG und Die Monster Uni.
Neben seiner Autobiografie Spot aus! Licht an! veröffentlichte Richter das Buch Der deutsche Jude, in dem er sich gemeinsam mit seiner Mutter ironisch mit der deutsch-jüdischen Geschichte auseinandersetzt. Sein auch als Hörbuch veröffentlichtes Buch Bruno – von Bären und Menschen (September 2007) ist eine Parabel über den 2006 erschossenen „Problembären“ Bruno. Am 8. Mai 2013 veröffentlichte er Du kannst nicht immer 60 sein. Mit einem Lächeln älter werden.
Im Jahr 2011 ging Richter anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der ersten Sendung von Disco auf eine sogenannte „disco Tour“.Dominante Mutter triezte Ilja Richter zum Erfolg. Bei: Welt Online, 10. Juni 2013.Anlässlich des Jubiläums veröffentlichte Sony Music mehrere CDs und DVDs, die teilweise in den Charts vertreten waren. Außerdem produzierte er mit seinem Sohn Kolja die Kinderplatte Die kleine Schnecke. 2012 nahm Richter mit „Die letzte disco tour“ Abschied von seinen Disco-Fans und widmet sich seither wieder dem Schauspiel.
Im September 2022 erschien Richters autobiografisches Buch Nehmen Sie’s persönlich. Porträts von Menschen, die mich prägten mit Fotos von Joseph Gallus Rittenberg.Elsinor-Verlag, Coesfeld, Vorschau II/2022, S. 8 f.
Auszeichnungen 1975: Bravo Otto in Gold 1978: Goldene Kamera goldenekamera2016.de 2001: Echo Klassik (zusammen mit Stefan Siegert und Silke Dornow)Echo Klassik: Vollständige Liste der Gewinner. 2005: Curt-Goetz-Ring 2010: Deutscher Hörbuchpreis in der Kategorie Beste Fiktion für seine Lesung (mit Peter Fricke und Hanns Zischler) der Chronik der Gefühle von Alexander Kluge (Regie Karl Bruckmaier, Produktion BR, Antje Kunstmann München) 2014: Nominierung für den Deutschen Animationssprecherpreis beim Trickfilmfestival Stuttgart für seine Sprechrolle in Die Monster Uni
Filmografie 1962: So toll wie anno dazumal 1963: Schwarz auf Weiß 1963: Piccadilly null Uhr zwölf 1964: Die Schneekönigin 1967: Till, der Junge von nebenan (Fernsehserie, 13 Folgen) 1969: Ich bin ein Elefant, Madame 1969: Tony’s Freunde 1969–1970: 4-3-2-1 Hot & Sweet (ZDF Musiksendung) 1970: Wenn die tollen Tanten kommen 1970: Wer zuletzt lacht, lacht am besten 1970: Unsere Pauker gehen in die Luft 1970: Musik, Musik – da wackelt die Penne 1971: Das haut den stärksten Zwilling um 1971: Hilfe, die Verwandten kommen 1971: Die tollen Tanten schlagen zu 1971: Die Kompanie der Knallköppe 1971: Wenn mein Schätzchen auf die Pauke haut 1971: Tante Trude aus Buxtehude 1971–1973: Hei-Wi-Tip-Top 1971–1982: disco (ZDF Musiksendung) 1972: Betragen ungenügend! 1973: Blau blüht der Enzian 1973: Das Wandern ist Herrn Müllers Lust 1980: Bühne frei für Kolowitz 1980: Hollywood, ich komme 1981: Die Musikpalette (Fernsehshow) 1983: Die wilden Fünfziger 1985: Ausgeträumt 1985: Nessie – das verrückteste Monster der Welt 1985: Turf 1985: Drei Damen vom Grill (Fernsehserie, 48 Folgen) 1985: Mein Freund Harvey (Fernsehfilm) 1986: Detektivbüro Roth (Fernsehserie, 6 Folgen) 1987: Berliner Weiße mit Schuß (Fernsehserie, Folge 8: Episode Der Beckenschlag) 1992: Sylter Geschichten 1992: Treff am Alex 1996: Beim nächsten Kuß knall’ ich ihn nieder 1997: Wenn der Präsident zweimal klingelt (Fernsehfilm) 1998: Drei Chinesen mit dem Kontrabass 1999: Die Musterknaben 2 (Fernsehfilm) 1999: Im Namen des Gesetzes: Freitag der 13. (Fernsehserie, 1 Folge) 1999: Tatort: Blinde Kuriere 1999: SOKO 5113: Fauler Zauber (Fernsehserie, 1 Folge) 1999: Spuk im Reich der Schatten (Fernsehfilm) 2000: Tatort: Mauer des Schweigens 2002: SOKO Kitzbühel: Ein tiefer Fall (Fernsehserie, 1 Folge) 2002: Herz in Flammen (Fernsehfilm) 2003: Körner und Köter (Fernsehserie, 1 Folge) 2004: Schlosshotel Orth (Fernsehserie, 1 Folge) 2004: Liebe süß-sauer: Die Verlobte aus Shanghai (Fernsehfilm) 2005: Eine Prinzessin zum Verlieben (Fernsehfilm) 2005: Ein Hund, zwei Koffer und die ganz große Liebe (Fernsehfilm) 2005: In aller Freundschaft – Zweite Begegnung 2006: Mein Führer 2007: Dornröschen: Ab durch die Hecke 2007: Ich leih’ mir eine Familie (Fernsehfilm) 2008: Tierärztin Dr. Mertens (Fernsehserie, 1 Folge) 2008: 4 Singles 2009: Romeo und Jutta, Regie: Jörg Grünler 2009: Klick ins Herz 2010: Das Sandmännchen – Abenteuer im Traumland (Stimme) 2010: Forsthaus Falkenau (Fernsehserie, 1 Folge) 2010: Notruf Hafenkante – Geisterstunde 2010: SOKO Stuttgart – Hybris 2013: SOKO 5113 – Das Alibi 2013: V8 – Du willst der Beste sein 2013: Rosamunde Pilcher: Alte Herzen rosten nicht 2013: Hotel Bogota – (Buch und Regiedebüt – Dokufilm) 2014: Hotel Zuhause: Bitte stören! (RTL Sitcom) 2015: Gott und die Welt. Grenzgänge mit Ilja Richter (Porträt) 2015: Einfach Rosa – Die Hochzeitsplanerin (Fernsehfilm) 2017: Rockstars zähmt man nicht (Fernsehfilm) 2017–2018: Siebenstein (Fernsehserie, 3 Episoden) 2020: Spot aus – Licht an für Georg Richter, Auf Spurensuche mit seinem Sohn Ilja 2021: In aller Freundschaft – Das Wunder von Leipzig 2021: Alice im Weihnachtsland (Fernsehfilm)
Synchronisation (Auswahl) Filme 1963: Charade: Thomas Chelimsky als „Jean-Louis“