Die Suezkrise oder Sueskrise (auch Suezkrieg, Sinai-Krieg, Sinai-Feldzug und Trilaterale AggressionMuriel Asseburg, Jan Busse: Der Nahostkonflikt. Geschichte, Positionen, Perspektiven, 12. überarbeitete und aktualisierte Auflage, München 2016, ISBN 978-3-406-69776-0, S. 22f.) war ein internationaler Konflikt im Oktober 1956 zwischen Ägypten auf der einen Seite und dem Vereinigten Königreich, Frankreich und Israel auf der anderen Seite. Auslöser war die Verstaatlichung der mehrheitlich britisch-französischen Suezkanal-Gesellschaft durch den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser. Dieser wollte dadurch das formal souveräne Ägypten aus der britischen Einflusssphäre befreien. Für das Vereinigte Königreich hatte der Suezkanal große Bedeutung für die Erdölversorgung. Frankreich war durch die ägyptische Unterstützung der algerischen Befreiungsbewegung FLN motiviert, die gegen die französische Kolonialherrschaft kämpfte. Israel wollte sich aus der arabischen Umklammerung und von andauernden Grenzgefechten mit Palästinensern befreien.
Nach ergebnislosen internationalen Verhandlungen über die Nutzungsrechte am Suezkanal planten Frankreich und das Vereinigte Königreich, den zu einem „Hitler vom Nil“Gerhard Altmann: Abschied vom Empire: die innere Dekolonisation Großbritanniens 1945–1985. Göttingen 2005, ISBN 3-89244-870-1, S. 141. stilisierten Nasser zu stürzen. Das Vereinigte Königreich, Frankreich und Israel vereinbarten daher, dass Ägypten zuerst von Israel auf der Halbinsel Sinai und am Gazastreifen angegriffen werden sollte und das Vereinigte Königreich und Frankreich dann im Rahmen eines als Vermittlungsmission getarnten Luftlandeangriffs den Suezkanal besetzen und fortan dauerhaft kontrollieren würden.
Nach dem Angriff der drei Staaten auf Ägypten brachten jedoch die USA und die Sowjetunion das britisch-französische Unternehmen vor die UNO und erzwangen auf diesem Weg den Rückzug der französischen, britischen und israelischen Truppen aus den Gebieten, die sie in Ägypten besetzt hatten. Im Dezember 1956 wurde eine UN-Friedenstruppe an die israelisch-ägyptische Grenze verlegt und im März 1957 die Krise beigelegt. Der geplante Sturz Nassers und ein Regimewechsel waren nicht erreicht worden.Jost Dülffer: Europa im Ost-West-Konflikt 1945–1990. München 2004, ISBN 3-486-49105-9, S. 29 f.
Das Ergebnis war zunächst eine Stärkung der ägyptischen Position im Nahen Osten. Mittelfristig führten die Ereignisse zu einer engen Bindung Ägyptens an die Sowjetunion. Der Nahostkonflikt wurde dadurch Teil des Kalten Kriegs. Vor allem aber mussten die alten europäischen Kolonialmächte erkennen, dass sich die beiden Weltmächte USA und Sowjetunion zeitweise für ein gemeinsames Ziel verbünden konnten, obwohl sie im Kalten Krieg Gegner waren. Eigenständige Operationen der europäischen Großmächte waren fortan nicht mehr möglich. Die Suezkrise offenbarte, dass die Welt nun von den beiden neuen Supermächten dominiert wurde; Frankreich und das Vereinigte Königreich waren zu zweitrangigen Akteuren geworden.
Dass das Vereinigte Königreich und Frankreich versuchten, Ägypten durch militärische Aggression zur Rückgabe des Suezkanals zu zwingen und sein Regime zu stürzen, während zur selben Zeit die Sowjetarmee den Ungarischen Volksaufstand niederschlug, stellte die Länder in der öffentlichen Wahrnehmung überdies auf eine gleiche, spätimperialistischeJost Dülffer: Europa im Ost-West-Konflikt 1945–1990. München 2004, ISBN 3-486-49105-9, S. 179. Stufe. Die bis dahin „letzte Entfaltung des imperialen Machismo“ löste weltweit Empörung und Kritik aus.Gerhard Altmann: Abschied vom Empire: die innere Dekolonisation Großbritanniens 1945–1985. Göttingen 2005, ISBN 3-89244-870-1, S. 170.
Vorgeschichte miniatur|links|Nasser verkündet die Verstaatlichung des Suezkanals. Universal Newsreel, 30. Juli 1956
Die Ursachen der Krise liegen in der Struktur der Nutzung des Suezkanals begründet. Die Erteilung einer Konzession zum Bau an eine ausländische Gesellschaft schloss die wirtschaftliche Nutzung des Kanals bis 1968 durch dieselbe Gesellschaft mit ein. Zudem stieg mit zunehmender wirtschaftlicher Bedeutung des Erdöls die Abhängigkeit der europäischen Mächte von der Nutzung des Kanals. Vor allem das Vereinigte Königreich versuchte, durch starke Einflussnahme auf die Innenpolitik Ägyptens und durch militärische Präsenz am Suezkanal die freie Durchfahrt zu erreichen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die Kolonialherrschaft Frankreichs in Französisch-Westafrika zunächst wieder gefestigt. Im arabisch geprägten Nordafrika kam es zu Beginn der 1950er Jahre zum offenen Kampf von nationalen Bewegungen gegen die koloniale Herrschaft. Frankreich musste 1956 seine Protektorate Französisch-Marokko und Tunesien aufgeben, führte aber mit einem Großteil seiner Streitkräfte noch Krieg gegen die algerische Befreiungsfront FLN.
Das infolge des Zweiten Weltkriegs geschwächte Vereinigte Königreich zog sich schrittweise und weitgehend friedlich aus dem Nahen Osten zurück. Ägypten verblieb zunächst im britischen Machtbereich, erhielt aber zunehmende Unabhängigkeit, zumal König Faruq mit der britischen Politik kooperierte. Die britischen Truppen zogen 1946 aus Ägypten ab, verblieben aber in der Suezkanalzone, für die sie sich im britisch-ägyptischen Vertrag von 1936 Stationierungsrechte vorbehalten hatten.
Die ägyptische Aufkündigung dieses Vertrages im Jahr 1951 führte zu Spannungen. Nach dem Sturz König Faruqs durch einen Militärputsch im Jahr 1952 kam eine neue Generation nationalistischer und panarabischer Politiker an die Macht, die den Druck auf die Briten erhöhte. Im Gefolge der Machtübernahme des Obersten Gamal Abdel Nasser einigte man sich schließlich im Suez-Abkommen auf den Abzug der britischen Truppen. 1953 waren am Suezkanal etwa 80.000 britische Soldaten stationiert; bis Juni 1956 zogen die Briten ihre Truppen zurück.
Nasser plante zur Beseitigung des Massenelends den Bau des Assuan-Staudamms. Weil die westlichen Länder, vor allem die USA, dem neuen Regime Entwicklungshilfe verweigerten, wandte Nasser sich erfolgreich an die Sowjetunion. 1955 schien es, Ägypten würde sich dem Sowjetblock anschließen, als es Waffenlieferungsabkommen mit der Tschechoslowakei abschloss und eine sowjetische Finanzierung des Staudamms wahrscheinlich wurde. Daraufhin zogen die USA nach und offerierten ihrerseits eine Finanzierung des Staudamms. US-Präsident Eisenhower (Amtszeit 1953–1961) zog dieses Angebot aber schon sieben Monate später am 19. Juli 1956 durch Außenminister Dulles wieder zurück, weil die ägyptische Regierung 1956 die Volksrepublik China offiziell anerkannte und ihre Neutralitätspolitik den Unwillen der USA erregte.
Nasser wendete sich scharf gegen den Westen und verstaatlichte am 26. Juli die Suezkanal-Gesellschaft, ohne sein Kabinett bei dieser Entscheidung mit einzubeziehen. Die ägyptische Armee rückte in die Büros der Suezkanal-Gesellschaft ein.Dominic Sandbrook: Never Had It so Good. A History of Britain from Suez to the Beatles, London 2005, Ausgabe London 2006, S. 5. Mit den Gebühren für die Benutzung des Suezkanals sollten nun die Kosten für den Bau des Staudamms aufgebracht werden. Die Aktionäre der Suez-Gesellschaft wurden finanziell entschädigt.
Das Vereinigte Königreich sah sich ökonomisch und geostrategisch attackiert. Auch Frankreich richtete sich gegen Ägypten, da Präsident Nasser den Kampf der algerischen Befreiungsfront (FLN) gegen die französische Kolonialmacht mit Waffenlieferungen unterstützte. Im Laufe des Jahres 1956 verschärfte sich zudem der Konflikt zwischen Ägypten und Israel, das sich zunehmend Angriffen durch Fedajin von ägyptischem Territorium und vom ägyptisch besetzten Gazastreifen aus erwehren musste.
Ägypten blockierte die Straße von Tiran, schnitt damit Israel vom Seehandel durch das Rote Meer ab und sperrte den Suezkanal für israelische Schiffe. Ägypten bildete zugleich gemeinsam mit Jordanien und Syrien ein „Vereinigtes Arabisches Oberkommando“, das aber faktisch nur wenig Befugnisse hatte. Israel hoffte, sowohl die Ägypter militärisch zu schwächen als auch den Gazastreifen und Scharm El-Scheich zu erobern. Ein Fallschirmjägerüberfall auf das westliche Ende des Mitla-Passes sollte mit einer Vergeltung palästinensischer Angriffe begründet werden.
Verlauf Beginn der Krise
Das Vereinigte Königreich und Frankreich riefen den UNO-Sicherheitsrat an, um Nasser per UN-Resolution zur Rückgabe des Kanals zu veranlassen. Zuvor hatten von der US-Regierung initiierte Konferenzen stattgefunden, um eine kriegerische Auseinandersetzung zu vermeiden, die aber scheiterten. Die US-Regierung schlug sich bewusst nicht auf die Seite der europäischen Mächte, um eine Auseinandersetzung mit der Sowjetunion zu vermeiden, die dann Ägypten unterstützt hätte. Die Sowjetunion und Indien billigten auf drei ergebnislosen internationalen Konferenzen letztlich die Verstaatlichung. Die von Frankreich und dem Vereinigten Königreich angestrebte UN-Resolution war gar nicht auf Erfolg ausgelegt – ein Veto der Sowjetunion wurde erwartet und war sogar erwünscht, da das Vereinigte Königreich und Frankreich damit einen Vorwand gehabt hätten, Ägypten anzugreifen, um Staatspräsident Nasser zu stürzen. Allerdings ist ein Putschversuch von Seiten des Vereinigten Königreichs und Frankreichs nicht belegbar, im Gegenteil. In seiner „Footnote to History“ belegt der damalige US-Botschafter in London eindeutig, dass eine Absetzung Nassers gänzlich anderer militärischer Vorbereitungen bedurft hätte. Zudem erklärte der britische General Charles Keightley, der für die Besetzung Ismailias zuständig war, eindeutig, sein Auftrag sei allein die Errichtung eines Waffenstillstandes gewesen.Winthrop W. Aldrich: The Suez Crisis. A Footnote to History. In: Foreign Affairs; an American Quarterly Review. 45, 3, S. 541f. Der britische Premier Eden wollte zwar die „Zerstörung“"I want him destroyed", sagte Eden nach Bericht von Anthony Nutting (Minister of State for Foreign Affairs) laut Dominic Sandbrook: Never had it so Good. A History of Britain from Suez to the Beatles, London 2005, Ausgabe London 2006, S. 10. Wie dies erreicht werden sollte, war aber offenbar unklar: Der Historiker D. Sandbrook ebd. 26: "It was never clear whether the Anglo-French forces would be content with possession of the Canal Zone, or whether they would push on to Cairo. The French certainly had the aim of eliminating Nasser ... Eden, however, never seemed sure whether Nasser would be 'destroyed' or allowed to remain." Nassers, doch hoffte man dies dadurch zu erreichen, dass die militärische Niederlage in Suez den Sturz Nassers nach sich ziehen würde.
Vorbereitungen Um die öffentliche Meinung auf die Notwendigkeit eines Krieges einzustimmen, forderte der britische Premierminister Anthony Eden, dass man der Bedrohung durch den „Mussolini vom Nil“Eden nach Dominic Sandbrook: Never had it so Good. A History of Britain from Suez to the Beatles, London 2005, Ausgabe London 2006, S. 12. entschlossen entgegentreten müsse. Dies verfehlte seine Wirkung nicht, denn Eden galt als entschiedener Gegner der Appeasement-Politik gegenüber Hitler und Mussolini. Eden erhielt vom Air Marshal Denis Barnett die Versicherung, dass Luftangriffe bereits reichen würden, um einen Sturz der Regierung Nasser zu erreichen. Am 27. Juli 1956 wurde in den britischen Streitkräften ein Planungsstab gebildet, der den Angriff auf Ägypten unter der Bezeichnung „Operation Musketeer“ entwerfen sollte. Der Plan sah massive Luftangriffe auf die Flugplätze der ägyptischen Luftwaffe und danach auf Bodentruppen vor. Danach sollte die Luft- und Seelandung erfolgen. Hierzu sammelte sich eine große Armada vor Malta und Algier, noch während der Deeskalationsbemühungen Washingtons.