mini|Tefillin bestehend aus Arm- (links) und Kopf-Tefillin (rechts)
Tefillin (, neuhebräisch ; Singular ), deutsch auch Gebetsriemen genannt, fälschlich auch Phylakterien (, doch handelt es sich nicht um Amulette), sind ein Paar kleine schwarze, mit Lederriemen versehene, lederne Gebetskapseln. Sie enthalten auf koscherem Pergament handgeschriebene Schriftrollen mit Texten aus der Tora, den fünf Büchern Moses. Tefillin werden von religiösen jüdischen Männern – im Reformjudentum teilweise auch von Frauen – an Werktagen beim Morgengebet (hebräisch Schacharit) getragen, keinesfalls zu nächtlicher Stunde. Der Arm-Teil liegt am Oberarm, und die Riemen werden um den Arm, die Hand und Finger gewickelt, der Kopf-Teil wird über der Stirn getragen. Das Anlegen der Tefillin dient als Mahnung, JHWHs Gebote zu beachten. Ihre Form, die Art, sie zu tragen, und der Inhalt der Gebetskapseln sind im Talmud festgelegt.
Der Lederriemen und seine Überkreuzungen auf der Körperoberfläche des Armes bzw. der Hand formen die hebräischen Buchstaben Schin (שׁ), Daleth (ד) und Jod (י) nach. Zusammen lassen sich die drei Buchstaben zum Wort „Schaddai“, Allmächtiger verbinden.
Dabei finden sich geringe Unterschiede innerhalb der Traditionen der verschiedenen ethno-religiösen Gruppen (Aschkenasim, Sephardim und der Jemenitischen Juden, Mizrachim). So werden die Lederriemen in sephardischer Art im Uhrzeigersinn gewickelt, hingegen nach aschkenasischer Art entgegen dem Uhrzeigersinn. Die nicht dem rabbinischen Judentum und damit dem Talmud verpflichteten Karäer verwenden keine Tefillin zum Gebet.Vyacheslav Dobrovych: Talmudisches: Die Gebete unserer Weisen. Was passiert im Moment unserer inneren Neubewertung? 22. Februar 2019, Jüdische Allgemeine, auf juedische-allgemeine.de Nissan Mindel: The Meaning of Prayer. published and copyrighted by Kehot Publication Society, 29. Mai 2018, auf chabad.org Auch die Samaritaner (), die sich wahrscheinlich im 4. bis 5. Jahrhundert v. Chr. von der Hauptströmung des Judentums abwandten, nutzen keine Tefillin zu ihrem Gebet.Am Berg Garizim befindet sich ihr JHWH-Heiligtum. Ihre Entstehung geht hypothetisch auf dissidente Priesterkreise aus Jerusalem zurück, die sich von den durch Nehemia und Esra im 5. bis 4. Jahrhundert v. Chr. eingeleiteten Reformen im postexilischen Judäa distanziert hatten. Siehe (hier „4. Geschichte seit persischer Zeit“)
Wortherkunft Das Wort Reinhold Boschki: Beten, jüdische Perspektive. In: WiReLex - Das Wissenschaftlich-Religionspädagogische Lexikon im Internet. Stuttgart, Februar 2016. Abgerufen am 1. Juli 2025. stammt vom Verb ab.Tehillim - Psalms - Chapter 106, auf chabad.org In seinem reflexiven Gebrauch wird das Verb im Sinne „sich Selbst vor Gott zu richten“. Damit wird ein wahrhaftiges, spirituelles Gebet, im jüdischen Sinne, zu einer intensiven Form der Selbstreflexion. Abgeleitet aus dem Wort für ‚beten‘ (tefilah) steht das Wort ‚Tefillin‘ für den Kultgegenstand.
Die Tefillin mini|Mittelalterliche Arm-Tefillin aus der Kairo Genizah mini|Junger Mann mit Tefillin in der Jerusalemer Altstadt nahe der Klagemauer. Seine Tefillin sind nach sefardischem Ritus gebunden. mini|220px|Eine betende jüdische Frauvergleiche auch Women of the WallShereen Aly: Wie beten Frauen? Das rituelle Gebet im Judentum und im Islam. Masterarbeit, Universität Wien, Wien 2019, auf phaidra.univie.ac.at hier S. 46; 60 f. mit Tallit und Tefillin.
Tefillin bestehen aus einem Kopfteil () und einem Armteil (). Sie haben jeweils schwarze Lederriemen () und ein schwarzes Ledergehäuse (, pl. ), in denen sich kleine Rollen aus Pergament mit den handgeschriebenen Tora-Abschnitten: 2. Buch Mose () und und 5. Buch Mose () und befinden. Auf diese Schriften geht das Gebot (), Tefillin anzulegen, zurück.
Das Schma Jisrael, das jüdische Glaubensbekenntnis, sowie 5. Buch Mose beinhalten die Aufforderung, „diese Worte“ als Zeichen auf Hand und Stirn zu binden, und auch an zwei weiteren Stellen im 2. Buch Mose und sollen sie als Zeichen am Arm und auf der Stirn dienen.
Diese Aufforderung wurde von der überwiegenden Mehrheit der jüdischen Bibelkommentatoren wörtlich, nicht bildlich verstanden. Im Talmud wird weitgehend festgeschrieben, wie, wann und wo Tefillin getragen oder abgelegt werden müssen, in der rabbinischen Literatur wurden die Ausführungen teilweise weiterentwickelt, wodurch sich geringfügige regionale Unterschiede entwickelt haben.
Das Tragen von Tefillin ist seit der Antike belegt und wurde bis ins Mittelalter auch von Frauen praktiziert.Aaron Rothkoff, Avraham Grossman, Menahem Zevi Kaddari, Jona Fraenkel, Israel Moses Ta-Shma and Judith R. Baskin: Rashi. In: Michael Berenbaum and Fred Skolnik (Hrsg.): Encyclopaedia Judaica. 2. Auflage, Band 17, Macmillan Reference USA, Detroit 2007, Seiten 101–106, online: Gale Virtual Reference Library Seit der Neuzeit werden Tefillin nur von erwachsenen Männern (ab 13 Jahren, denn in diesem Alter wird ein gläubiger Mensch ein vollwertiges Mitglied eines MinjanIsrael Meir Lau: Wie Juden leben. Glaube, Alltag, Feste. 6. Aufl., Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005, ISBN 3-579-02155-9, S. 21) getragen, heute meist nur noch von observanten Juden der orthodoxen und konservativen Richtungen. In der Antike und im Mittelalter, möglicherweise auch in der Neuzeit, legten Frauen vereinzelt Tefillin an, und diese Tradition ist im 20. Jahrhundert von Frauen, die dem egalitären Reformjudentum angehören, wieder aufgenommen worden.
Kabbalisten glauben, dass die Tefillin für den Kopf auf die Stirn gesetzt werden, um die geistige Verbindung der Seele mit dem Schöpfer zu symbolisieren. Im Baum des Lebens ist dies Kether (Krone). Das Umwickeln der jeweils passiven Hand stehe für die Seite des Egos und des Egoismus, die durch die Tefillin gefesselt werden sollen, damit die gute Seite zu Gott aufsteigen kann.Rav DovBer Pinson: The Kabbalah of Tefillin. In einer anderen Betrachtung steht der Arm für Handlung, der Kopf für Gedanken. Dazwischen schlägt das Herz als verbindendes Glied. So entsteht ein Bund von Verstand, Gefühl und Tat.
Das Anlegen der Tefillin und deren Verwendung mini|Arm-Tefillin, die zum Abschluss in Form des Buchstabens ש (Schin) um die Hand gelegt werden mini|Der Abschluss shel yad mit dem hebräischen Buchstaben Shin (ש), gewunden nach sephardischer Tradition.
Die Arm-Tefillin () werden so angelegt, dass die Gebetskapsel auf dem Bizeps liegt, und die Riemen werden siebenmal um den „schwächeren“ Arm und dann um die Hand gelegt. Rechtshänder tragen die Hand-Tefillin am linken Arm, Linkshänder am rechten Arm.Das Anlegen der Tefillin der jüdischen Gebetsriemen. The Yahaduton Chanel, Your Personal Guide to Judaism, 31. Mai 2021 How to Put on Talet and Tefilin General Sephardic Custom. Torah Siva Lanu, 7. Januar 2021 Die Kopf-Tefillin () werden mit einem Lederriemen über der Stirn gehalten und am Hinterkopf mit einem Knoten befestigt; die zwei Riemenenden werden über die Schulter hängend nach vorn getragen.Rabbi M. Y. Sharaby: How to put on Tefillin. 2003, auf hasofer.com
Die Gebetskapsel der Kopf-Tefillin trägt den hebräischen Buchstaben Schin (), für „Schaddai ()“, deutsch Allmächtiger, bei den Hand-Tefillin wird das Wort (Schaddai) aus den Riemen gebildet.
Bevor die Armtefillin siebenmal gewickelt worden sind, wird ein erster Segensspruch ausgesprochen: „Baruch ata adonaj, elohénu mélech ha-olam, ascher kideschánu bemizwotaw, weziwánu lehaní-ach tefilin.“ Übersetzt bedeutet dieser: „Gesegnet seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns durch Seine Gebote geheiligt und uns befohlen hat, den Tefillin anzulegen.“Heidrun Deborah Kämper: 3. Sprache in der jüdischen Religion. In: Alexander Lasch, Wolf-Andreas Liebert (Hrsg.): Handbuch Sprache und Religion. (Handbücher Sprachwissen Bd. 18), De Gruyter, Berlin 2017, S. 69–91, auf ids-pub.bsz-bw.de
Die Tefillin dürfen nicht zwischen dem Tod (מיתה Mita) und der Beerdigung (קְבוּרָה Kevura) eines engen Familienangehörigen getragen werden, denn es wäre ein Widerspruch, spirituelle Hingabe und damit Freude in der Zeit der Trauer zu zeigen. Auch am Schabbat und anderen Festtagen werden sie nicht angelegt.
Ein korrekt ausgeführtes Gebetsritual nimmt drei wesentliche Gebetsattribute in seinen Bestand, hierzu gehören neben den Tefillin noch eine Kippa (Kopfbedeckung) und ein Tallit (Gebetsschal mit den sogenannten Schaufäden, Zizit), etwa während des Morgengebets – zum Mittags- und Abendgebet trägt nur der Chasan einen Tallit.
Lau (1988)Israel Meir Lau: Wie Juden leben. Glaube, Alltag, Feste. 6. Aufl., Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005, ISBN 3-579-02155-9, S. 19; 21–27 sieht die Pflicht, sich mit einem Tallit zu umhüllen, vorrangig vor dem Anlegen der Tefillin; er führt hierzu den halachischen Grundsatz an, dass wenn etwas häufig im Vergleich zum weniger Häufigen getan wird, das sich oft Wiederholende Vorrang habe. Da am Schabbat und Feiertagen keine Tefillin angelegt werden, das Umhüllen mit dem Zizit jedoch tägliche Pflicht sei, erhielte auch das Einhüllen in dem Tallit Vorrangigkeit.
Ursprünge der Tefillin Der Brauch, ein Zeichen der Zugehörigkeit zur Gottheit an der Stirn zu tragen, lässt sich auf spätbronzezeitlichen Terrakotten und Terrakottaformen aus Kamid el-Loz und Samaria nachweisen, sowie auf eisenzeitlichen Elfenbeinschnitzereien aus Nordsyrien. Auf dem Kopf der Dienerinnen der Göttin, die meistens als Frau im Fenster dargestellt werden, hat es die Form eines Taw (X), die weibliche Wortendung im Semitischen.
In der Hebräischen Bibel (Tanach) kommt das Wort ‚Tefillin‘ nicht vor. Es ist von , ‚Phylakterien‘ (Amulett, Schmuck, Gehänge), an der Stirn die Rede (; ; ) oder von „Erinnerungsmal zwischen den Augen“ (), ferner von „Zeichen an der Hand“ (; ; ; ).
Die älteste literarische Bekundung von Mesusa und Tefillin findet sich – ohne dass diese termini technici verwendet werden – im griechisch geschriebenen Aristeasbrief (158-59; 2. Jh. v. Chr.):Othmar Keel: Zeichen der Verbundenheit. Zur Vorgeschichte und Bedeutung der Forderungen von Deuteronomium 6,8f und Par., in: Casetti, Pierre et al. (Hrsg.): Mélanges Dominique Barthélemy: Études bibliques offertes à l'occasion de son 60e anniversaire, Fribourg/Göttingen 1981, 166. „Gleicherweise hat er (Mose) uns befohlen, an den Toren und Türen die Worte anzubringen, damit sie an Gott erinnerten; er befiehlt auch ausdrücklich, dieses Zeichen um die (Unter-)Arme zu heften, indem er damit deutlich anzeigt, dass jede Handlung gerecht ausgeführt werden muss…“
Die ältesten erhaltenen Tefillin stammen aus den Höhlen 1, 4 und 8 bei Qumran am Toten Meer, sowie aus dem Antikenhandel. Sie werden um das Jahr 0 datiert. Einige enthalten Passagen aus dem Dekalog. Sie entsprechen noch nicht genau der rabbinischen Vorschrift. Dies trifft erstmals für zwei Blättchen einer Kopftefilla zu, die im Nachal Zeʾelim gefunden wurden und in die Zeit des Bar-Kochba-Aufstandes datieren.Othmar Keel: Zeichen der Verbundenheit. Zur Vorgeschichte und Bedeutung der Forderungen von Deuteronomium 6,8f und Par. In: Pierre Casetti et al. (Hrsg.): Mélanges Dominique Barthélemy: Études bibliques offertes à l'occasion de son 60e anniversaire. Fribourg/Göttingen 1981, S. 168–172.
Herstellung der Tefillin