mini|hochkant=1.2|Paläogeographie Mitteleuropas im Früh-Oligozän, M.B. = Mainzer Bucht

Die Fossillagerstätte Rott ist eine wegen des Reichtums und der außergewöhnlich guten Erhaltung von fossilen Pflanzen und Tieren in der Paläontologie weltbekannte limnische Lagerstätte von Fossilien aus dem Oligozän beim Ortsteil Rott der Stadt Hennef (Sieg).

Vor etwa 23 bis 24 Millionen Jahren, im Spät-Oligozän (Chattium / Arvernium, MP 29-30Die Bezeichnung MP 29 bzw. MP 30 ist eine Abkürzung, die sich vom engl. Mammal Paleogene, d. h. Säugetier-Paläogen, ableitet. Bei der Untergliederung in die sogenannten europäischen Landsäugetierzonen werden im Paläogen aktuell 30 MP-Biozonen ausgewiesen. Innerhalb des Oligozäns folgt dabei die europäische Landsäugetierzone des Arverniums mit 6 Biozonen (MP 25-30) auf das Suevium mit 4 Biozonen (MP 21-24).), befand sich in einem feuchten und warm-gemäßigten bis subtropischen Klima an der heutigen Stelle Rotts ein nur wenige 10er Meter tiefer meromiktischer Süßwassersee (Rotter See) mit einem Durchmesser von über 3 km mit Zuflüssen und Abfluss, an dem Palmengewächse wuchsen und Krokodile und Schildkröten lebten und in dessen Schlammschichten sich viele Überreste von Pflanzen und auch Tieren in der Blätterkohle und in einem Kieselschiefer fossil erhalten haben. Die Mächtigkeit dieser abgelagerten Seesedimente der Rott-Formation beträgt zwischen 3 und 10 m. Da die Sedimentations- und Fossilationsbedingungen in Rott die gleichzeitige Erhaltung der Flora wie auch der Fauna ermöglicht haben, ist hier die im geologischen Sinn relativ genaue gleichzeitige chronostratigraphische Zuordnung der aufgefundenen Pflanzen- und Tierarten und in der Folge ein weitergehender Vergleich auch mit entfernten Vorkommen möglich. Gemäß der von Thomas Mörs veröffentlichten Erforschungsgeschichte der Fossillagerstätte Rott wurden dabei bis zum Jahr 1997 unter anderem 250 Pflanzenarten, 630 Insektenarten und 20 Amphibien- und Reptilienarten in etwa 470 Publikationen, die sich mit der Fossillagerstätte oder den einzelnen Fossilien selbst beschäftigen, beschrieben.

Über dem im Juli 1942Naturdenkmalbuch des Rhein-Sieg-Kreises Nr. 11, 22.7.1942 als flächiges Naturdenkmal ausgewiesenen ehemaligen Grubengebiet wurde gegen den Widerstand zahlreicher Wissenschaftler in mehreren Ausbaustufen bis 1986 ein Golfplatz angelegt. Auch weitere Versuche der Wissenschaftler, zumindest für das Areal zwischen den Abschlägen 6, 7 und 9 des Golfplatzes den Schutzstatus zu erhalten, scheiterten und der Golfplatz wurde mit seinen 18 Loch plus den vier Übungsbahnen realisiert. Nach Abschluss der Baumaßnahmen und der Anlage einer gepflegten Grasfläche wurde 1986 das Blätterkohlevorkommen zwischen Rott und Söven wieder als Bodendenkmal ausgewiesen.Bodendenkmal B 3a-l Blätterkohlevorkommen. In: Denkmalliste Stadt Hennef (Sieg) – Teil B – Bodendenkmäler – Stand 2/2012 ()

Bergbau Am 24. Februar 1751 wurde in Rott ein Braunkohlenwerk gemutet. Die hier gefundene feinschichtige Blätterkohle befindet sich in einer Teufe von 20–30 m. In den nicht weit entfernten Vorkommen der Grube Stösschen am Minderberg bei Linz am Rhein (Betriebszeit etwa 1785 bis 1869) und der Grube Vereinigung am Orsberg bei Erpel (Betriebszeit etwa 1810 bis 1866) wurde ebenfalls Blätterkohle abgebaut. Diese wurde verheizt, als Dünger verwendet oder zu Teer verarbeitet. Blätterkohle liefert durch Erhitzen 15–20 % Teer. In Rott wurde auch Eisenvitriol gewonnen, Alauntone und unterhalb der Blätterkohle Pyritanreicherungen.

1849 wurde das Vorkommen in Rott von der Societé des schistes bitumineux du rhin untersucht, um Mineralöl zu gewinnen. Die Nachfolgefirma August Wiesmann & Co. erbaute in Combahn (heute Bonn-Beuel) die Augustenhütte. 1851 begann die industrielle Produktion, wenig später wurde die Blätterkohle aus Rott und der Grube Am Stößchen vom Minderberg dorthin geliefert, um verschwelt zu werden. 1854 übernahm eine in Bonn gegründete Aktiengesellschaft den größten Teil der Rotter Gruben. 1864 wurde direkt in Rott eine Verschwelungsanlage erbaut. Der Rohteer wurde über eine Pferdebahn zur Augustenhütte geliefert.

Dort wurden ein leichtes Leuchtölgemisch (Photogen), Solaröl (deutsches Petroleum), Schweröle und Asphalt als Eisenanstrich hergestellt. Das Paraffin Photogen wurde erstmals in Deutschland kommerziell hergestellt und war über einen Zeitraum von zehn Jahren richtungsweisend für die Beleuchtungstechnik. Aufgrund billigerer ausländischer Importe wurde die Produktion auf Schwefelsäureprodukte umgestellt, aber trotzdem musste der Betrieb 1887 geschlossen werden.

1890 bis 1894 fand ein weiterer Abbauversuch statt, wobei die Braunkohle mit einer Feldeisenbahn nach Siegburg gebracht wurde. 1911 und 1915 bis 1919 scheiterten weitere Versuche, die Gruben kommerziell auszubeuten.

Forschung Im 1766 angefertigten und 1779 für 1775 gedruckten Bericht des Bergrats Christoph Ludwig Dörring, der über kurze bergmännische Hinweise kaum hinausgeht und dunkle Braunkohlevarietäten noch als Steinkohle bezeichnet, wurden noch keine Fossilien aus dem Blätterkohlenniveau aufgeführt.Christoph Ludwig Döring: Historische Nachricht von sämtlichen in beiden Herzogthümern Gülch und Berg befindlichen Bergwerken. In: Bemerkungen der Kurpfälzischen physikalisch-ökonomischen Gesellschaft, vom Jahre 1775. Lautern 1779, S. 170–212 (Digitalisat)

Der Jesuit und Naturforscher Franz Martin Beuth erwähnte in seinen umfangreichen Verzeichnissen über bergisch-jülische Fossilien und Mineralien von 1776Franz Beuth: Juliae et Montium subterranea sive fossilium variorum per utrumque ducatum hinc inde repertorum syntagma, in quo fingula breviter recensentur ac describuntur, quae quidem collecta hucusque servantur in museo Francisci Beuth. Zehnpfennig, Düsseldorf 1776 (Digitalisat) und 1779Franz Beuth: Continuatio Juliae et Montium subterranea sive succintus mineralium index quae per utrum ducatum hinc inde de tecta… Zehnpfennig, Düsseldorf 1779 (Digitalisat) ebenfalls noch keine Funde aus diesem Bereich.

Der niederländische Naturforscher Campervermutlich handelt es sich um den niederländischen Politiker und Naturforscher Adriaan Gilles Camper (1759–1820) erwähnte 1786 das Vorkommen von Blätterkohle (leichter bituminöser Ton) der Grube Stößchen bei Linz in den Fußnoten vom 3. Knochenbrief des Darmstädter Naturforschers Johann Heinrich Merck.Johann Heinrich Merck: Troisieme lettre sur les os fossiles d'eléphans et de rhinocéros quise trouvent en Allemagne et particulierement dans le pays de Hesse-Darmstadt. Addresseé a Monsieur Forster. Darmstadt 1786 (Digitalisat)

Der Arzt und Mineraloge Karl Wilhelm Nose schilderte 1789/90 ausführlich die Blätterkohle von Stößchen und erwähnt Blattabdrücke des wilden Salbei und der gemeinen Weide.Karl Wilhelm Nose: Orographische Briefe über das Siebengebirge und die benachbarten, zum Theil vulkanischen Gegenden beyder Ufer des Niederrheins, Erster Teil, westliche Rheinseite, Gebhard und Körber, Frankfurt 1789 (Digitalisat), zweiter Teil, östliche Rheinseite, Gebhard und Körber, Frankfurt 1790 (Digitalisat)

Der bei Johann Bartholomäus Trommsdorff in Erfurt ausgebildete und seit 1800 in Linz am Rhein wirkende Apotheker Joseph Funke gewann beim Destillieren von Blätterkohle ein nach Asphalt riechendes Öl und ein brennendes Gas und veröffentlichte daraufhin 1801 eine Analyse der Braunkohle vom Stößchen bei Linz am Rhein.Joseph Funke: Analyse der Braunkohle von Stößgen bey Linz am Rhein. In: Journal der Pharmacie für Ärzte, Apotheker und Chemisten, 9, Crusius, Leipzig 1801, S. 113–126 (Digitalisat)

1803 berichtete Johann Ludwig Jordan, ein als Münzwardein und später als Bergschullehrer in Clausthal tätiger Mediziner, in dem Verhärteten Blätterthon vom Stößchen fänden sich Blätter, Grashalme und selten zerdrückte Insektenreste.Johann Ludwig Jordan: Mineralogische berg- und hüttenmännische Reisebemerkungen vorzüglich in Hessen, Thüringen, am Rheine und im Seyn-Altenkirchner Gebiethe gesammelt. Heinrich Dieterich, Göttingen 1803 (Digitalisat)

Der Mediziner und Chemiker Ferdinand Wurzer veröffentlichte 1805 sein Taschenbuch zur Bereisung des Siebengebirges und der benachbarten, zum Theil vulkanischen Gegenden.Ferdinand Wurzer: Taschenbuch zur Bereisung des Siebengebirges und der benachbarten, zum Theil vulkanischen Gegenden. Keil, Köln 1805 (Digitalisat)

Dem Bergbeamten und Mineraliensammler Ludwig Wilhelm Cramer, der 1805 eine Vollständige Beschreibung des Berg-, Hütten- und Hammerwesens veröffentlichte,Ludwig Wilhelm Cramer: Vollständige Beschreibung des Berg-, Hütten- und Hammerwesens. Hermann, Frankfurt am Mayn 1805 (Digitalisat) waren von Orsberg Nachweise des Ahorns bekannt.

Der Nose-Schüler Johann Jacob Nöggerath, der später an der Universität Bonn als Professor tätig war, brachte 1808 dessen Mineralogische Studien über die Gebirge am Niederrhein heraus.Karl Wilhelm Nose: Mineralogische Studien über die Gebirge am Niederrhein. Nach der Handschrift eines Privatisirenden herausgegeben von Johann Jakob Nöggerath. Hermann, Frankfurt am Main 1808 (Digitalisat) Hierin werden Blätter- und Samenfunde vom Stößchen und vom Orsberg aufgeführt, aber noch rezenten Arten zugerechnet.

Die erste wissenschaftliche Arbeit erschien 1828 von dem Zoologen und Paläontologen Heinrich Georg Bronn in Heidelberg. Seine Schrift Ueber die fossilen Reste der Papierkohle von Geistinger Busch im Siebengebirge (= Rott) führt Fische, Froschlarven und Garnelen sowie auch Pflanzenreste auf.Heinrich Georg Bronn: Ueber die fossilen Reste der Papierkohle von Geistinger Busch im Siebengebirge. In: Taschenbuch für die gesammte Mineralogie, 22, 1, Heidelberg 1828, S. 374–384 (Digitalisat)

1831 veröffentlichte Georg August Goldfuss, Zoologe und Paläontologe an der Universität Bonn, das Ergebnis seiner jahrelangen Forschungen über Wirbeltierfunde.Georg August Goldfuss: Beiträge zur Kenntnis verschiedener Reptilien der Vorwelt. In: Nova acta physico-medica Academiae Caesareae Leopoldino-Carolinae Naturae Curiosum, 15, 1831, S. 61–128 (Digitalisat)

Der schweizerisch-amerikanische Naturforscher Louis Agassiz beschrieb 1832 Fischreste aus der Rotter Blätterkohle.Louis Agassiz: Untersuchungen über die fossilen Süßwasserfische der tertiären Formationen. In: Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie, Geologie und Petrefaktenkunde für 1832, Dritter Jahrgang, Verlag Georg Reichard, Heidelberg 1832, S. 129–138 (Digitalisat)

Ebenfalls 1832 berichtete der Altertumsforscher und Geologe Samuel Hibbert, der seinen Nachnamen im Jahr 1837 in Hibbert-Ware änderte, über Pflanzenfunde von Orsberg.Samuel Hibbert: History of the Extinct Volcanos of the Basin of Neuwied, on the Lower Rhine. W. und D. Laing, Edinburgh 1832 (Digitalisat)

mini|Erste geologische Karte des Siebengebirges von Leonard Horner (1836) Von 1831 bis 1833 war der schottische Geologe Leonard Horner in Godesberg und erstellte mit Unterstützung von Bonner Universitätsdozenten eine „Geologie“ der Umgebung von Bonn, die er zunächst 1833 bei der Geologischen Gesellschaft in London vortrug und 1836 veröffentlichte.Leonard Horner: On the Geology of the Environs of Bonn. In: Transactions of the Geological Society of London, 4 (2nd series), 1836, S. 433–481 (Digitalisat) Horner fertigte dabei die erste geologische Karte des Siebengebirges an, die er im Maßstab von 1:50000 und in für Deutschland eher ungewöhnlicher Ostausrichtung erstellte.Leonard Horner: Environs of Bonn. In: Transactions of the Geological Society of London, 4 (2nd series), 1836, Tafel XXIX (Digitalisat)

mini|Geologische Karte des Siebengebirges von Johann Gottfried Zehler (1837)