(44) Nysa ist ein Asteroid des inneren Hauptgürtels, der am 27. Mai 1857 vom deutsch-französischen Astronomen Hermann Mayer Salomon Goldschmidt in Paris entdeckt wurde.
Der Asteroid wurde benannt nach der Nymphe Nysa, einer Tochter des Aristaios, der Zeus als Amme die Erziehung des jungen Dionysos anvertraute. Goldschmidt hatte Alexander von Humboldt gebeten, seiner Entdeckung einen Namen zu geben. Humboldt antwortete ihm mit einem Brief, in dem er ihm seine höchste Wertschätzung ausdrückte, der sich auch Johann Franz Encke, Carl Bruhns, Heinrich Louis d’Arrest und Franz Friedrich Ernst Brünnow, die Humbold besucht hatten, anschlossen.Nouvelles de la semaine. In: Cosmos. Revue encyclopédique hebdomadaire des progrès des sciences et de leur applications aux arts et à l’industrie. Band 6, Nr. 11, 1857, S. 85 (online).La planète Nysa. In: L’ami des sciences. Band 3, Nr. 31, 1857, S. 493 (online). Ein weiterer Brief von Encke, der am selben Tag eintraf, informierte Goldschmidt über den gewählten Namen.Observation faite à Vienne de la 45e petite planète. – Nom donné à la 44e petite planète. In: Comptes rendus hebdomadaires des séances de l’Académie des Sciences. Band 45, Gauthier-Villars, Paris 1857, S. 112 (PDF; 56,3 MB). Im Dictionary of Minor Planet Names wird der Name zurückgeführt auf den Ort Nysa aus der griechischen Mythologie, den nicht weniger als zehn Orte in Äthiopien, Arabien, Indien, Thrakien und Euböa trugen.L. D. Schmadel: (44) Nysa. In: Dictionary of Minor Planet Names. Springer, Berlin/Heidelberg 2003, ISBN 978-3-540-29925-7, S. 19, doi:10.1007/978-3-540-29925-7_45 (online). Diese Deutung widerspricht aber offensichtlich den zeitgenössischen Quellen.
Wissenschaftliche Auswertung Mit Daten radiometrischer Beobachtungen im Infraroten am Mauna-Kea-Observatorium auf Hawaiʻi im Juni 1974 sowie am Kitt-Peak-Nationalobservatorium in Arizona im September 1975 wurden für (44) Nysa erstmals Werte für den Durchmesser und die Albedo von 65 bis 79 km bzw. 0,39 bis 0,59 bestimmt.D. Morrison: Radiometric diameters of 84 asteroids from observations in 1974–1976. In: The Astrophysical Journal. Band 214, 1977, S. 667–677 doi:10.1086/155293 (PDF; 1,18 MB).D. Morrison: Asteroid sizes and albedos. In: Icarus. Band 31, Nr. 2, 1977, S. 185–220 doi:10.1016/0019-1035(77)90034-3. Aus Ergebnissen der IRAS Minor Planet Survey (IMPS) wurden 1992 Angaben zu Durchmesser und Albedo für zahlreiche Asteroiden abgeleitet, darunter auch (44) Nysa, für die damals Werte von 70,6 km bzw. 0,55 erhalten wurden.E. F. Tedesco, P. V. Noah, M. Noah, S. D. Price: The Supplemental IRAS Minor Planet Survey. In: The Astronomical Journal. Band 123, Nr. 2, 2002, S. 1056–1085, doi:10.1086/338320 (PDF; 398 kB). Radarastronomische Untersuchungen am Arecibo-Observatorium vom 22. bis 24. Dezember 2006 bei 2,38 GHz ergaben einen effektiven Durchmesser von 79 ± 10 km mit Abmessungen von 113 × 67 × 65 km und eine visuelle Albedo von 0,44. Die Radarechos wiesen nicht auf eine kontaktbinäre Struktur hin.M. K. Shepard, K. M. Kressler, B. E. Clark, M. E. Ockert-Bell, M. C. Nolan, E. S. Howell, C. Magri, J. D. Giorgini, L. A. M. Benner, S. J. Ostro: Radar observations of E-class Asteroids 44 Nysa and 434 Hungaria. In: Icarus. Band 195, Nr. 1, 2008, S. 220–225, doi:10.1016/j.icarus.2007.12.018. Eine Auswertung von Beobachtungen durch das Projekt NEOWISE im nahen Infrarot führte 2012 für den Asteroiden zu Werten für den Durchmesser und die Albedo im sichtbaren Bereich von 75,2 km bzw. 0,48.J. R. Masiero, A. K. Mainzer, T. Grav, J. M. Bauer, R. M. Cutri, C. Nugent, M. S. Cabrera: Preliminary Analysis of WISE/NEOWISE 3-Band Cryogenic and Post-cryogenic Observations of Main Belt Asteroids. In: The Astrophysical Journal Letters. Band 759, Nr. 1, L8, 2012, S. 1–8, doi:10.1088/2041-8205/759/1/L8 (PDF; 3,27 MB).
Der Asteroid besitzt eine mineralische Oberfläche mit einer außergewöhnlich hohen Albedo. Ein Vergleich der Reflexionsspektren von auf die Erde niedergangenen Meteoriten mit verschiedener Zusammensetzung ergab, dass (44) Nysa am ehesten eine Oberfläche besitzt, die aus feinkörnigem Material ähnlich Enstatit-Achondriten (Aubriten) besteht.E. A. Cloutis, M. J. Gaffey, D. G. W. Smith, R. St. J. Lambert: Reflectance spectra of “featureless” materials and the surface mineralogies of M- and E-class asteroids. In: Journal of Geophysical Research. Band 95, 1990, S. 281–294, doi:10.1029/JB095iB01p00281 (PDF; 1,57 MB).E. A. Cloutis, M. J. Gaffey: Accessory phases in aubrites: spectral properties and implications for asteroid 44 Nysa. In: Earth, Moon, and Planets. Band 63, Nr. 1, 1993, S. 227–243, doi:10.1007/BF00572470 (PDF; 911 kB).
Bereits im März und April des Jahres 1913 hatten Beobachtungen von (44) Nysa am Astronomischen Observatorium des Collegio Romano in Rom stattgefunden. Dabei wurden langperiodische Helligkeitsschwankungen festgestellt, von denen aber vermutet wurde, dass sie auch auf kurzperiodische Veränderungen hinweisen könnten. Nach einer Unterbrechung wurden die Arbeiten im Winter 1919/20 wieder aufgenommen, die neuen Messungen mit einem elektrischen Photometer während vier Nächten vom 23. Januar bis 12. Februar 1920 zeigten jetzt, dass der Asteroid tatsächlich Helligkeitsschwankungen mit einer Periode von 3,2 Stunden aufwies.E. Bianchi, E. Padova: Le variazioni di luce del pianeta «(44) Nysa». In: Memorie della Società Astronomia Italiana. Band 1, 1920, S. 39–65, (PDF; 3,27 MB). Um diese Beobachtungen zu bestätigen, erfolgten weitere Messungen der Helligkeit von (44) Nysa am 8. und 9. Juni 1921. Es wurden jetzt etwas stärkere Schwankungen mit einer Periode von 3,132 h aufgezeichnet.E. Padova: Osservazioni fotometriche dei pianeti «(5) Astrea», «(44) Nysa» e «(8) Flora». In: Memorie della Società Astronomia Italiana. Band 2, 1921, S. 82–92, (PDF; 1,55 MB).
Neue photometrische Beobachtungen wurden bei mehreren Kampagnen am McDonald-Observatorium in Texas durchgeführt. Die Ergebnisse einer ersten Messreihe am 6. und 7. November 1949 ebenso wie die einer zweiten vom 6. bis 11. Januar 1954 konnten beide zu einer Rotationsperiode des Asteroiden von 6,42 h ausgewertet werden.A. V. Shatzel: Photometric Studies of Asteroids. III. The Light-Curve of 44 Nysa. In: The Astrophysical Journal. Band 120, 1954, S. 547–550, doi:10.1086/145942 (PDF; 130 kB).I. Groeneveld, G. P. Kuiper: Photometric studies of asteroids. II. In: The Astrophysical Journal. Band 120, 1954, S. 529–546, doi:10.1086/145941 (PDF; 747 kB). Auch eine weitere Beobachtung am 13. Januar 1958 führte zu einem vergleichbaren Wert von 6,47 h. Dabei war auch erstmals versucht worden, die Position der Rotationsachse zu berechnen.T. Gehrels, D. Owings: Photometric Studies of Asteroids. IX. Additional Light-Curves. In: The Astrophysical Journal. Band 135, 1962, S. 906–924, doi:10.1086/147334 (PDF; 1,21 MB). Bei photometrischen Messungen in China am 2. März 1962 sowie am 8. und 29. Oktober 1964 konnten ebenfalls Rotationsperioden von 6,42 h abgeleitet werden. Aus den archivierten Daten aus den Jahren 1949 bis 1964 in Verbindung mit einer weiteren Beobachtung am 17. Mai 1974 an der Southern Station der Sternwarte Leiden in Südafrika, die zu einer Rotationsperiode von 6,48 h ausgewertet wurde, konnte in einer Untersuchung von 1979 eine ähnliche Position der Rotationsachse wie zuvor sowie die Achsenverhältnisse eines dreiachsig-ellipsoidischen Gestaltmodells des Asteroiden bestimmt werden. Für eine Albedo von 0,38 wurden daraus auch Achsen von 115 × 70 × 55 km abgeschätzt.V. Zappalà, I. van Houten-Groeneveld: Pole coordinates of the asteroids 9 Metis, 22 Kalliope, and 44 Nysa. In: Icarus. Band 40, Nr. 2, 1979, S. 289–296, doi:10.1016/0019-1035(79)90073-3.
Bei einer großangelegten koordinierten Beobachtungsreihe vom 30. Juli bis 18. Dezember 1979 an mehreren Observatorien, wie der Catalina Station in Arizona, dem Osservatorio Astrofisico di Catania in Italien, dem Macalester College Observatory in Minnesota, dem Perth-Observatorium in Australien und dem Osservatorio Astronomico di Torino in Italien, konnte eine Vielzahl an Lichtkurven gewonnen werden, aus denen eine Rotationsperiode von 6,4217 h abgeleitet wurde.P. V. Birch, E. F. Tedesco, R. C. Taylor, R. P. Binzel, C. Blanco, S. Catalano, P. Hartigan, F. Scaltriti, D. J. Tholen, V. Zappalà: Lightcurves and phase function of asteroid 44 Nysa during its 1979 apparition. In: Icarus. Band 54, Nr. 1, 1983, S. 1–12, doi:10.1016/0019-1035(83)90066-0 (Anm.: Der auf S. 5 angegebene Wert für die synodische Rotationsperiode enthält einen Zahlendreher und ist zu lesen als 0,26757 d). Im gleichen Zeitraum erfolgten auch Beobachtungen vom 7. August bis 13. November 1979 am Table Mountain Observatory in Kalifornien. Die in sechs Nächten aufgezeichnete Lichtkurve ergab hier wieder nahezu die gleiche Rotationsperiode von 6,4215 h.A. W. Harris, J. W. Young: Asteroid rotation IV. 1979 observations. In: Icarus. Band 54, Nr. 1, 1983, S. 59–109, doi:10.1016/0019-1035(83)90072-6. Aus archivierten Daten der Jahre 1949 bis 1979 in Verbindung mit den Lichtkurven weiterer Beobachtungen vom 10. und 11. Juni 1970 am Kitt-Peak-Nationalobservatorium, vom 10. und 22. März 1977 an der Catalina Station sowie vom 22. Mai 1981 am Perth-Observatorium konnte in einer Untersuchung von 1983 ein genauer Wert für die Rotationsperiode von 6,42142 h bestimmt werden. Außerdem wurden wieder zwei alternative Positionen für die Rotationsachse mit einer prograden Rotation berechnet.R. C. Taylor, E. F. Tedesco: Pole orientation of asteroid 44 Nysa via photometric astrometry, including a discussion of the method’s application and its limitations. In: Icarus. Band 54, Nr. 1, 1983, S. 13–22, doi:10.1016/0019-1035(83)90067-2. Zu einer sehr ähnlichen Periode und Position der Rotationsachse gelangte auch eine weitere Untersuchung von 1983 mit einem neuen Berechnungsverfahren.P. Magnusson: Determination of spin axis orientation for asteroids 44 Nysa, 216 Kleopatra and 624 Hektor. In: Asteroids, comets, meteors. Proceedings, Uppsala 1983, S. 77–85, (PDF; 690 kB).
Aus den archivierten Daten der Jahre 1949 bis 1979 berechnete eine Untersuchung von 1984 erneut zwei alternative Positionen für die Rotationsachse und die Achsenverhältnisse eines dreiachsig-ellipsoidischen Gestaltmodells.V. Zappalà, Z. Knežević: Rotation axes of asteroids: Results for 14 objects. In: Icarus. Band 59, Nr. 3, 1984, S. 436–455, doi:10.1016/0019-1035(84)90112-X. Zu den Ergebnissen passte auch gut eine neue photometrische Messung am 12. Oktober 1983 am Osservatorio Astronomico di Torino.M. Di Martino, V. Zappalà, G. De Sanctis, S. Cacciatori: Photoelectric photometry of 17 asteroids. In: Icarus. Band 69, Nr. 2, 1987, S. 338–353, doi:10.1016/0019-1035(87)90110-2. Eine weitere Berechnung von Rotationsachse und Periode erfolgte in einer Untersuchung von 1986 unter Verwendung der archivierten Daten von 1954 bis 1981 sowie einer weiteren Lichtkurve, die am 14. und 26. März 1981 am Tuorlan observatorio in Finnland aufgezeichnet worden war.J. O. Piironen: Photoelectric observations of 44 Nysa during 1981 opposition. In: Astronomy & Astrophysics. Band 112, Nr. 1, 1982, S. 172–173, (PDF; 42 kB). Die errechneten Werte waren erneut sehr ähnlich zu allen bereits zuvor bestimmten.P. Magnusson: Distribution of spin axes and senses of rotation for 20 large asteroids. In: Icarus. Band 68, Nr. 1, 1986, S. 1–39, doi:10.1016/0019-1035(86)90072-2. Vom 3. Juli bis 22. August 1982 wurden am Gissar-Observatorium in Tadschikistan photometrische Messungen durchgeführt mit dem Ziel, rotationsabhängige Farbveränderungen festzustellen. Dabei wurden möglicherweise Hinweise auf einen ausgedehnten farbigen Fleck auf der Oberfläche des Asteroiden gefunden.F. A. Tupieva: UBV photometry of the asteroid 44 Nysa. In: Astronomy & Astrophysics. Band 408, Nr. 1, 2003, S. 379–385, doi:10.1051/0004-6361:20030663 (PDF; 67 kB).