Das Rest Home Projekt war eine von britischen Quäkern initiierte Erholungseinrichtung. Durch sie sollte in Deutschland ein geschützter Ort für Verfolgte des NS-Regimes geschaffen werden, um den Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland zu stärken. Die Idee für dieses Projekt kam aus dem Umfeld des von Bertha Bracey im April 1933 in London mitbegründeten Germany Emergency Committee (GEC). Das Projekt endete mit dem Tod von Helen W. Dixon (1865–1939) im April 1939, die eine der Hauptverantwortlichen vor Ort gewesen war.
Die Gründung des Rest Homes in Falkenstein Die Idee für das Rest Home stammte offenbar von Bertha Bracey und ihrer Freundin Helen W. Dixon«Erholungsheim» in Falkenstein im Taunus. In: Petra Bonavita: Quäker als Retter im Frankfurt am Main der NS-Zeit, S. 24–32. und wurde dann von Helen W. Dixon über die in Frankfurt am Main lebende deutsch-britische Quäkerin Dorothy Henkel (1886–1983) mit Unterstützung Frankfurter Quäkerinnen und Quäker vorangetrieben: “Dorothy was requested by Helen Dixon to assist her in opening a Rest Home, where people who had suffered under the Nazi regime could find rest and refreshment. This home was set up in the Frankfurter Hof in Falkenstein, Taunus.”A life of Quaker service in England and Germany from World War I to II: cataloguing the papers of Dorothy Henkel (1886–1983). Dort auch ein Überblick über Dorothy Henkels Biografie.
„Dorothy wurde von Helen Dixon angefragt, ob sie ihr bei der Eröffnung eines Erholungsheims helfen könne, wo Leute, die unter dem Naziregime gelitten hatten, Erholung und Stärkung finden könnten. Dieses Heim wurden im Frankfurter Hof in Falkenstein, Taunus, errichtet.“ mini|Ehemaliges Hotel Frankfurter Hof Nach Bonavita waren auch andere Frankfurter Quäkerinnen und QuäkerZum Quäker-Widerstand in Frankfurt am Main vergleiche auch: RettungsWiderstand in Frankfurt am Main während der Herrschaft der Nationalsozialisten in den Plan eingebunden, so eine der späteren Hausmütter in Falkenstein, Leonore Burnitz († 22. November 1949 in Frankfurt), die lange schon mit Helen W. Dixon befreundet war. Die Wahl des Ortes habe sich für Dorothy Henkel bei einem Spaziergang mit ihrer Mutter in Falkenstein ergeben. Sie trafen Jean Schmitt, den Besitzer des damaligen Hotels Frankfurter Hof, und konnten ihn für das Projekt gewinnen. Im November 1933 nahm das Rest Home seine Arbeit auf. Das Gebäude des Frankfurter Hofs steht heute unter Denkmalschutz.Liste der Kulturdenkmäler in Königstein: Frankfurter Hof & Eine Postkarte, die den Frankfurter Hof zeigt, wie er in den 1930er Jahren aussah, ist auf der Webseite „Rettungswiderstand in Frankfurt“ zu finden.
Nicht nur Jean SchmittSeine Motive blieben weitgehende im Dunkeln. Nach Gesprächen mit älteren Falkensteinern, die sich noch an das Rest Home erinnern konnten, will Groß nicht ausschließen, dass nicht nur reine christliche Nächstenliebe im Spiel war, sondern „vielmehr auch Geschäftsinteresse. Diese Gäste haben schließlich in der ‚toten Zeit‘ das Haus gefüllt.“ (Hermann Groß: Ein Refugium im Taunus – Das Erholungsheim „Rest Home“ der Quäker in Falkenstein 1933–1939) erwies sich als ein Glücksfall für das Projekt, sondern auch der Ort Falkenstein selber: „Hinzu kam noch, dass das abgelegene Dorf Falkenstein mit seinen damals knapp 1.000 Einwohnern, ohne eine direkte Anbindung an das größere Eisenbahn- und Straßennetz, ohne Durchgangsverkehr, nahezu 500 m hoch gelegen, einen idealen Ort für ein derartiges Refugium darstellte.“Hermann Groß: Ein Refugium im Taunus – Das Erholungsheim „Rest Home“ der Quäker in Falkenstein 1933–1939. Zudem war das katholisch geprägte Falkenstein ein Ort, in dem bei den vorangegangenen Wahlen die NSDAP keine Mehrheiten erringen konnte. „Es war also alles andere als ein ‚brauner‘ Ort. Diese Tatsache war sicherlich auch für eine derartige Entscheidung nicht unwichtig.“
Betrieb und Kosten Helen Dixon, die in leitender Funktion im Londoner GEC mitarbeitete, war bis 1935 auch für die Finanzierung des Falkensteiner Rest-Homes verantwortlich. Durch Sammlungen unter englischen Quäkern akquirierte sie die Mittel, die für den Betrieb der Einrichtung benötigt wurden. Monatlich waren dafür etwa 60 englische Pfund notwendig. Nach 1935 wurde das Rest-Home von dem „Germany and Holland Committee of the F.S.C.“ getragen.Claus Bernet: Neues zum „Rest-Home“: Hilfe für Opfer der NS-Diktatur 1933–1939 in Deutschland.
Im Hotel, dessen Normalbetrieb weiter lief, konnten fünf bis sechs Quäkergäste gleichzeitig aufgenommen und betreut werden. Sie verbrachten ihren Aufenthalt in einem abgeschirmten Flügel des Hauses und mussten nicht mit den anderen Hotelgästen in Kontakt kommen. Betreut wurden sie von den sogenannten Hausmüttern, die sich untereinander häufig abwechselten. Neben der schon erwähnten Leonore Burnitz waren das Marion Fox und Elisabeth Fox Howard (1873–1957), Rosamund Wallis (1892–1976), die vor allem als Übersetzerin half, Lucy Backhouse (geb. Mounsey, 1882–1965), Dorothy Henkel und Janet Rawlings. Geplant war, dass immer eine britische und eine deutsche Hausmutter gleichzeitig anwesend sein sollte. Wie Bonavita weist auch Claus Bernet auf die besondere Rolle der Frankfurter Quäker für die Unterstützung des Rest Homes hin. Diese Aufgabe oblag neben Leonore Burnitz insbesondere Melly Küchler (geborene de Ridder, 1899–1963), die seit 1936 in Falkenstein lebte und das einzige Quäkermitglied war, das hier dauerhaft seinen Wohnsitz hatte. Weitere deutsche Hausmütter waren „Luise Jacob aus Nürnberg und Lina Hilger aus Bad Kreuznach. Letztere war dort Direktorin einer Mädchenschule gewesen und aus dem Amt entfernt worden. Diese Kreuznacher Schule ist heute nach ihr benannt.“
Über die Frankfurter Quäker hinaus waren die deutschen Quäker an dem Projekt nicht beteiligt. Die Gründe hierfür sind nicht bekannt, doch vermutet Bernet, dass die deutschen Quäker möglicherweise ihre Existenz nicht durch das Rest Home gefährden wollten, weil sie fürchteten, durch diese Einrichtung leicht in Konflikte mit dem Regime zu kommen. Er schließt aber auch schlichtes Desinteresse an dieser Arbeit nicht aus, weil sie möglicherweise als zu unpolitisch empfunden worden sei.
Die Gäste Das alltägliche Zusammenleben Das Rest Home in Falkenstein war alles andere als ein unpolitisches Feriendomizil. Das ergibt sich schon aus den eingangs zitierten Überlegungen, die zu seiner Gründung geführt hatten. Ziel war es, politisch Verfolgten zu einer Verschnaufpause zu verhelfen, ihnen für kurze Zeit einen beschützten Rückzugsort zu bieten: „Einige waren gerade aus dem Gefängnis entlassen, andere waren sogar für Monate in einem Konzentrationslager inhaftiert gewesen. In diesen ersten Wintermonaten 1933/34 kamen siebzig Eingeladene nach Falkenstein, denen eine ‚Atmosphäre echter Freundschaft‘ (Joan Mary Fry) geboten wurde, die sie halbwegs wieder stabilisierte und mit vielleicht mehr Zuversicht nach Hause gehen lassen konnte.“ „Für einige der Gäste war der Aufenthalt auch ein Sprungbrett in die Emigration.“
„Es gab täglich eine Andacht, gemeinsames Singen und Musizieren, gesellige Abende und anderes. In Einzelgesprächen wurde versucht, die ‚Gäste‘, wie die Hilfesuchenden respektvoll genannt wurden, wieder aufzubauen. Die Kosten für Anfahrt und Aufenthalt wurden hauptsächlich von englischen Quäkern getragen. Durchschnittlich wurde man für zwei Wochen untergebracht. Es gab kein Aufnahmeverfahren, sondern ausschließlich persönliche Empfehlungen – oder Ablehnungen. Diese sprach in der Anfangszeit meist das Quäker Centre in Berlin aus, dem Corder Catchpool vorstand.“Claus Bernet: Corder Catchpool (1883–1952) Allerdings konnte man nach einer Übergangszeit „auch auf Empfehlungen ehemaliger Gäste zurückgreifen, die beispielsweise Mithäftlinge oder entlassene Arbeitskollegen benennen konnten. Davon erfuhren die Gäste selbst jedoch nichts, da es ein Prinzip war, diejenigen, die Referenzen ausstellten, anonym zu belassen. Das galt auch für das Berliner Quäker Centre, das die meisten der Gäste empfahl und diesbezüglich in einem engen Kontakt mit Falkenstein stand.“
Politische oder konfessionelle Gründe spielten für die Aufnahme im Rest Home keine Rolle:
Bekannte Gäste Claus Bernet geht davon aus, dass bis zum 3. April 1934 bereits 70 Personen im Rest-Home Falkenstein waren. Diese Zahl erhöhte sich bis zum März 1937 auf etwa 400.Die von Claus Bernet auch genannte Zahl von 800 bezieht sich auf Falkenstein und Bad Pyrmont. „Viele dieser Personen waren ehemalige Häftlinge aus Konzentrationslagern. In solchen Fällen wurde manchmal auch der Ehepartner eines Verfolgten eingeladen, da man berücksichtigte, dass dieser ebenfalls gelitten hatte. Es waren überwiegend Personen in führenden beruflichen Stellungen, und es war das Prinzip von Anbeginn, möglichst professionellen Helfern in Falkenstein Hilfe zukommen zu lassen. Das hatte zur Folge, dass ‚einfachen‘ Menschen, die vielleicht keine Ausbildung hatten oder ansonsten an religiösen oder intellektuellen Themen kein Interesse zeigten, eine Einladung in das Rest-Home verwehrt blieb.“
Obwohl also eher bekannte Persönlichkeiten Zuflucht im Rest Home fanden, sind bis heute die Namen der meisten Gäste unbekannt.Die Gründe hierfür benennt Claus Bernet: „In den Publikationen der Quäker, selbst lange nach 1945, sind die Namen meist nicht genannt, oder durch Abkürzungen unkenntlich gemacht. Aus Sicherheitsgründen fertigte man offiziell keine Gästelisten an. Selbst die Gäste untereinander sprachen sich lediglich mit Vornamen an und kannten ihre Identität nicht. Diese Praxis wurde auch nach dem Krieg bis zum Ende der Rest-Home beibehalten. Intern besaß man aber wohl solche Listen, die ‚aufs Sorgfältigste‘ gehütet wurden. Würde man heute solche Listen, oder auch nur eine, auffinden, wäre das eine kleine Sensation. In über zehn Jahren ist es mir in keinem Archiv gelungen, auch nur eine Liste ausfindig zu machen, sie scheinen tatsächlich nach 1945 verloren gegangen zu sein.“ (Claus Bernet: Neues zum „Rest-Home“: Hilfe für Opfer der NS-Diktatur 1933–1939 in Deutschland) Einer, der in das Gästeschema passte – und zugleich der wohl bekannteste Gast in Falkenstein –, war Ernst Reuter, der 1933 von den Nazis entlassene Magdeburger Oberbürgermeister. Er kam im Frühjahr 1934 direkt nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Lichtenburg nach Falkenstein. Der Aufenthalt hier verschaffte ihm eine kurze Verschnaufpause, denn im Juni 1934 wurde er erneut inhaftiert, bevor er dann 1935 mit Unterstützung der Quäker endgültig aus der Haft entlassen wurde und über England in die Türkei emigrieren konnte.
Weitere bekanntere Gäste waren: Heinz Kappes, ein evangelischer Pfarrer und von den Nazis aus dem Amt gedrängter Stadtrat in Karlsruhe. Benno Elkan, ein bekannter Bildhauer, der vor seiner Emigration nach England in Falkenstein war. Emil Fuchs, evangelischer Theologe, christlicher Sozialist, Quäker. Er war 1934 in Falkenstein, ebenso seine Tochter Elisabeth Kittowski (1909–1939). Hermann Ivers (1892–1941), linker Politiker und Widerstandskämpfer, wurde 1935 in Falkenstein betreut. Er starb später bei medizinischen Versuchen eines SS-Arztes („zu Tode gespritzt“). Hermann Ivers war in Eckernförde KPD-Ortsvorsitzender und Kopf einer aktiven Widerstandsgruppe, die Hunderten von Verfolgten aus dem ganzen Reich die Flucht mit Fischkuttern nach Skandinavien ermöglichte.Vergleiche hierzu Eckernförde in der Zeit des Nationalsozialismus Lisa Albrecht, ursprünglich Sportlehrerin, arbeitete in der Arbeiterwohlfahrt, war SPD-Frauensekretärin, wurde politisch verfolgt, kam in Haft. Der genaue Zeitpunkt ihres Aufenthalts in Falkenstein ist nicht überliefert.