mini|Der Böhmische Löwe als Wappen
Die Geschichte Böhmens reicht von den ersten Besiedelungen auf dem Gebiet Böhmens bis in die Gegenwart. Im Jahr 1085 wurde die böhmische Königswürde geschaffen, die mit der Ausrufung der demokratischen Tschechoslowakei 1918 endete. Heute ist Böhmen Teil der Tschechischen Republik.
Vor- und Frühgeschichte Jäger, Sammler, Fischer (spätestens vor 200.000 Jahren) mini|hochkant|Venus von Dolní Věstonice
Überaus einfache, den Oldowan-Werkzeugen ähnelnde Chopper von der Fundstelle Beroun-Autobahn, deren Alter von den Entdeckern zwischen 1,87 und 1,67 Millionen Jahren veranschlagt wurde,Jan Fridrich: The Oldest Palaeolithic Stone Industry from the Beroun highway complex. In: Anthropozoikum 20 (1991) 111-129 und Jan Fridrich, Slavomil Vencl: Investigations into the Palaeolithic and Mesolithic, 1969–1993. In: 25 years of archeological research in Bohemia, Památky archeologické – Supplementa 1, 1994, S. 11–22. galten bereits wenige Jahre später als natürliche Bildungen, als Geofakte,So etwa Juan Antonio Martos Romero: Algunas cuestiones de interés sobre el poblamiento del continente europeo durante el Pleistoceno Medio. In: Espacio, Tiempo y Forma, Serie I, Prehistoria y Arqueologia, 7 (1994) 13-42, hier: S. 20 oder Karel Valoch: Industrie nejstaršího paleolitu v Evropě / The oldest Palaeolithic industry in Europe. In: Archeologické rozhledy 63 (2011) 3-11, hier: S. 11 Anm. 2 (online, PDF). und werden heute zurückgewiesen.Marco Langbroek: „Out of Africa“. An investigation into the earliest occupation of the Old World, Archaeopress, 2004, S. 55.
Altpaläolithische Fundorte von Bedeutung sind Stránská skála bei Brünn und Přezletice bei Prag, die der Cromer-Warmzeit zugeordnet werden, die auf etwa 850.000 bis 475.000 Jahre datiert wird. Die Chopper und andere Steinwerkzeuge sind jedoch in ihrem Status als Artefakte mitunter umstritten, so dass die Anwesenheit von Menschen auch in dieser Zeit lediglich vermutet werden kann.
Als gesichert gilt hingegen die mittelpaläolithische Besiedlung in der Saale-Kaltzeit, genauer im Intra-Saale-Interglazial (vor etwa 200 000 Jahren). Die Lagerplätze befanden sich zunächst überwiegend im Freien, erst zu Beginn der Würm-Kaltzeit zogen sich die Menschen in Höhlen zurück. Über lange Zeiträume bewohnt waren die Fundorte Bečov in Nordböhmen sowie die Kúlna-Höhle und Moravský Krumlov in Mähren. Die gefundenen menschlichen Überreste stammen von Neandertalern, die Werkzeuge gehören den Industrien des Acheuléen, des Taubachien, des Moustérien und des Micoquien an. Aus dem Mittelpaläolithikum gibt es erste Hinweise auf Rohstoff-Importe aus größerer Entfernung und auf nicht-utilitäre Handlungen (Farbreste, symmetrische Gravuren oder ein Faustkeilblatt aus Bergkristall). Am Übergang vom Mittel- zum Jungpaläolithikum stehen zwei Industrien, die sich besonders in Mähren fanden: das Szeletien, das in Vedrovice auf 40.000-35.000 BP datiert wurde, und das Bohunicien aus Stránská skála bei Brünn. mini|Grabungen an der Fundstelle Pavlov I, 2014 Im Jungpaläolithikum ist das Aurignacien die erste Kultur, die mit dem modernen Menschen (Cro-Magnon-Mensch) in Verbindung gebracht wird. Reiche Fundorte sind die Lautscher Höhle im mährischen Mladeč und die Burgstätte Hradsko bei Mšeno. Kennzeichnend für diese Kultur sind Knochenspitzen des sogenannten Lautscher Typs. Die bedeutendste paläolithische Erscheinung auf dem Landesgebiet ist das Gravettien beziehungsweise dessen lokale Variante des Pavlovien, eine Kultur, die durch die mährischen Fundstellen Dolní Věstonice und Pavlov sowie das böhmische Předmostí repräsentiert wird. Ihre Blütezeit lag zwischen 29.000 und 24.000 BP. Unter den Funden sind mehrere Siedlungen, rituelle Begräbnisse, Anhäufungen von Mammutknochen, Werkzeuge und Kunstwerke aus Stein, Knochen, Elfenbein oder gebranntem Ton, die Rückschlüsse auf die materielle Kultur wie auch die Geistes- und Glaubenswelt der Mammutjäger erlauben. Besonders bekannt sind stilisierte Frauenfigurinen wie die Venus von Dolní Věstonice.Karel Valoch: Paläolithische Archäologie in der ehemaligen Tschechoslowakei und ihr Beitrag zur mitteleuropäischen Forschung. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte 19, 2010, S. 71–115.
Aus dem Mesolithikum existieren nur wenige Fundstellen, welche aber über das ganze Gebiet Böhmens verstreut liegen. Fachlich interessant ist eine mesolithische Besiedlung der Höhenlagen des Böhmerwalds um Horní Planá.Slavomil Vencl: Mezolitické osídlení na Šumavě, Archeologické rozhledy 41, 1989, S. 481–501, 593
Bauern und Hirten (ab 5300 v. Chr.) Ab 5300 bis 4500 v. Chr. ist eine weitreichende neolithische Besiedlung Böhmens belegt. Wichtigste Linearbandkeramische Siedlungsstätten sind Bylany bei Kutná Hora, weiter Březno u Loun und Tušimice in Nordböhmen. Siedlungsstätten der zeitlich folgenden Stichbandkeramik sind Bylany bei Kutná Hora, das nahe gelegene Gräberfeld Miskovice, Plotiště nad Labem in Ostböhmen, Prag-Bubeneč oder der westböhmische Ort Vochov. In Pilsen-Křimice ist die Gruppe Oberlauterbach belegt.
Im Spätneolithikum (in Tschechien als eneolit bezeichnet und als eine selbstständige Periode zwischen 4500 und 2300 v. Chr. verstanden) sind Trichterbecherkulturen, die Kugelamphoren-Kultur und im Süden und Südwesten die Chamer Kultur anwesend. Am Ende des Zeitabschnitts (2900/2800–2300 v. Chr.) ist die Schnurkeramik mit mehreren großen Gräberfeldern in Nordböhmen und die Glockenbecherkultur vertreten.
Im Sommer 2024 haben tschechische Archäologen in Ostböhmen, in der Nähe von Königgrätz, ein extrem langes Hügelgrab entdeckt, das über 5000 Jahre alt sein soll. Mit 190 Metern Länge und bis zu 15,1 Metern Breite könnte es das längste Hügelgrab Europas sein. Die Auswertung des einzigartigen Fundes steht (Stand Anfang 2025) erst am Anfang.
Metallzeitalter, Kelten, Germanen, Slawen In der Bronzezeit ist besonders die Aunjetitzer Kultur zu nennen. Es folgen Hügelgräberkulturen und die Lausitzer Kultur. In der Latènezeit wurde Böhmen von Kelten besiedelt. Reste ihrer Oppida wurden bei Závist, Stradonice, Hrazany, Nevězice, Třísov und České Lhotice ausgegraben. Von ihrem Stamm der Boier leitet sich die lateinische Bezeichnung Bohemia ab, aus der sich wiederum die deutsche Bezeichnung Böhmen herleiten lässt. Den Kelten folgten am Beginn des 1. Jahrhunderts nach Chr. germanische Stämme, insbesondere Markomannen, die in den Markomannenkriegen unter Einfluss des Römischen Reiches gerieten (Kaiser Mark Aurel). Während der Völkerwanderungszeit wird nach archäologischen und historischen Quellen von einer Entvölkerung Böhmens gesprochen.Zdeněk Měřínský: České země od příchodu Slovanů po Velkou Moravu. Libri, Praha 2002, ISBN 80-7277-103-5, S. 16ff Um 550 wanderten Slawen von Osten her nach Böhmen ein. Während die Bezeichnung Böhmen auf die keltischen Boier zurückgeht und dementsprechend eine ethnische Bindung des Landesbegriffs mit der Abwanderung der Kelten verlor, geht die Bezeichnung Tschechen auf eine slawische Gruppe zurück. Die Etymologie des Begriffes ist bisher nicht befriedigend geklärt.
Während die sagenhafte Überlieferung die Besiedlung eines von Menschen verlassenen Raumes suggeriert, erweisen archäologische Funde, dass es zeitweise ein Nebeneinander vorslawischer und slawischer Gruppen gab.
Frühe Staatsbildungen, Christianisierung Der erste Herrscher der Slawen, dessen Name dokumentiert ist, soll ein gebürtiger Franke namens Samo gewesen sein, dessen Existenz aber nur in einer einzigen Quelle erwähnt wird. Er stammte demnach aus der Gegend des heutigen Sens, kam als Kaufmann ins Land, führte einen Aufstand gegen die Awaren an, formierte daraufhin seinen Herrschaftsbereich und starb 658. Das Reich von Samo, in Wirklichkeit wohl nur ein Bund mehrerer Stämme, umfasste wohl die heutigen Gebiete Slowakei, Mähren, Niederösterreich, später wahrscheinlich auch Böhmen, die Lausitz (an der Elbe) und vorübergehend auch das historische Kärnten.
Die böhmische Gesellschaftsstruktur dieses Zeitraums ist in der Forschung umstritten. Böhmen war nach Meinung der älteren Forschung unter etwa elf verschiedenen Stämmen aufgeteilt.Neben den Tschechen oder Böhmen sollte es demnach die Doudlebi, um Doudleby, dann die Lučané, die Hbané um Cheb, die Sedličané um Sedlec sowie die Lemuzi, die Děčané um Děčín, die Litoměřici um Litoměřice, schließlich die Pšované um Pšov/Mělník, die Charváti und die Zličané gegeben haben. Die neuere Geschichtsforschung lehnt diese Stammestheorie jedoch ab und geht davon aus, dass es im böhmischen Becken seit der slawischen Landnahme nur eine als gens bezeichnete Gruppe gab, nämlich die der Böhmen. Diese wurde nach außen von mehreren Fürsten (duces) vertreten, die im Inneren Verwalter von Burgwardbezirken waren. Auch die Burgward-Theorie ist nicht unumstritten. Eine weitere These identifiziert diese Fürsten als Anführer von Sippenverbänden, zu denen möglicherweise bereits die Přemysliden zählten. Möglicherweise führte auch erst die Tributpflicht gegenüber den Franken zur Herausbildung einer Führungsschicht, der die Aufgabe zukam, die Eintreibung und Zahlung der Tribute zu organisieren.Martin Wihoda: After Avars: The Beginning of the Ruling Power on the Eastern Fringe of Carolingian Empire In: Rulership in Medieval East Central Europe. Power, Rituals and Legitimacy in Bohemia, Hungary and Poland. Brill, Leiden/Boston 2022, ISBN 978-90-04-50011-2, S. 71f.
Fest steht, dass es im 9. Jahrhundert keine „Zentralmacht“ gab, sondern bei Verhandlungen mit auswärtigen Mächten immer mehrere, anscheinend gleichberechtigte Fürsten erschienen bzw. auch unabhängig von der Gesamtheit eigene Interessen verfolgten. 14 von ihnen traten 845 vor Ludwig den Deutschen.Fuldaer Annalen zum Jahr 845, siehe dazu Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 74 ff.
Sicherer wird die Überlieferung erst ab dem 9. Jahrhundert durch die Annales regni Francorum. Die Bezeichnungen Böhmen und Mähren tauchen erstmals im 9. Jahrhundert in fränkischen Quellen auf.
Im Sommer 805 führte einer der Söhne Karls des Großen einen Feldzug gegen Böhmen an. Die wenigen Quellen widersprechen sich in mehreren Details, die fränkischen Reichsannalen beschreiben aber folgenden Ablauf der Kämpfe: Das erste von drei Heeren, bestehend aus Schwaben und Bayern, marschierte bei Domažlice ein, das zweite und stärkste über Eger und ein drittes, bestehend aus Franken und Sachsen sowie Nördliche Westslawen, von Norden. Die Hauptarmee belagerte über längere Zeit vergeblich die Canburg an der Eger, womit vermutlich das heutige Kadaň gemeint war. Die restlichen zwei Armeen verbanden sich schließlich in der Gegend von Žatec, Litoměřice und Rakovník. Die böhmischen Krieger waren dieser Übermacht unterlegen und zogen sich in der bevölkerungsarmen Gegend in die Wälder zurück. Von dort griffen sie die Eindringlinge an. Bei einem dieser Kämpfe soll auch ihr Anführer Lech (nicht identisch mit dem sagenhaften polnischen Stammvater Lech) gestorben sein.vgl. die Reichsannalen zum Jahr 805. Einhard datiert den Feldzug ein Jahr später auf 806. Ihm zufolge musste sich das geplünderte und verbrannte Land ergeben und zu Tributzahlungen verpflichten.Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců. Lidové noviny. 1998, ISBN 80-7106-138-7, S. 70–73.Martin Wihoda: After Avars: The Beginning of the Ruling Power on the Eastern Fringe of Carolingian Empire In: Rulership in Medieval East Central Europe. Power, Rituals and Legitimacy in Bohemia, Hungary and Poland. Brill, Leiden/Boston 2022, ISBN 978-90-04-50011-2, S. 69f.