mini|hochkant|Anthropomorphe Stele des 4. Jahrtausends v. Chr. aus El-Maakir-Qaryat al-Kaafa; Nationalmuseum, Riad
Bildhauerkunst bezeichnet die Gattung der bildenden Kunst, in der aus festen Stoffen bestehende, dreidimensionale Bildwerke geschaffen wurden und werden.
Zum Begriff und seinen Synonymen Obwohl ein Bildhauer ursprünglich ein Handwerker ist, der seine Skulpturen aus dem Stein herausschlägt, wird der Begriff Bildhauerkunst heute als Oberbegriff für alle körperhaft gestalteten, visuell wahrnehmbaren Kunstwerke verwendet. Mit derselben Bedeutung werden auch die Gattungsbegriffe Skulptur und Plastik verwendet. Die Grundbedeutung von Skulptur und Plastik ist jedoch ein einzelnes Bildwerk.Lexikon der Kunst. Bd. 5. Seemann, Leipzig 1993, S. 633 ff.Deutsche Lexika wählen durchweg eines der Lemmata Plastik oder Bildhauerkunst für einen Hauptartikel zum hier behandelten Inhalt, erwähnen dort die übrigen Begriffe (z. B. Skulptur) als Synonyme und begnügen sich unter den anderen Stichworten mit Verweisen.
Im wörtlichen oder engeren Sinn kann man unterscheiden: Eine Plastik entsteht durch „Antragen“ von weichem Material und einen Aufbau von innen nach außen, eine Skulptur dagegen durch Abschlagen und Wegschneiden von hartem Material. Eine solche Unterscheidung wird im realen Sprachgebrauch jedoch nur selten getroffen, überwiegend gelten die beiden Begriffe als Synonyme (siehe dazu Plastik).
Der Begriff Bildhauerei kann ebenfalls die Bildhauerkunst als Gattung bezeichnen, er bezieht sich aber eher auf den handwerklichen oder beruflichen Aspekt der Tätigkeit. Bildnerei ist eine veraltete Bezeichnung für die Bildhauerkunst.Seit dem späten 18. Jahrhundert (siehe Deutsches Wörterbuch der Brüder Grimm).
Allgemeines zu Material und Form
Die Ausgangsmaterialien bestimmen die Arbeitstechniken des Bildhauers. Sie sind abhängig von der vorgesehenen Funktion des Werks und beeinflussen seine Gestalt und Bedeutung. Obwohl in der Geschichte die unterschiedlichsten Materialien zu Bildwerken dienten, können doch immer wieder gewisse Vorlieben und Traditionen festgestellt werden. Das klassische Material unter den Metallen ist die dauerhafte Bronze. Stein und Keramik stehen ihr im Hinblick auf Dauerhaftigkeit kaum nach, während Holz und Bein kostengünstigere Optionen für den Hersteller waren. Kern und Oberfläche können aus verschiedenen Materialien bestehen: Wir wissen, dass griechische Marmorfiguren und andere antike Skulpturen durchweg bemalt waren, was in der Regel bis auf mikroskopische Reste verloren ging. Antike Bronzen waren zum Teil vergoldet. Geschnitzte mittelalterliche Kultbilder waren manchmal in goldene Bleche gehüllt. Ansonsten war die Holzplastik bis zur Renaissance durchweg bemalt, auch diese Fassungen sind oft aus Unverstand oder Geschmacksgründen entfernt worden. Seit vielen Jahrzehnten suchen nun Bildhauer neue Wege und neue Materialien, oft greifen sie auf Elemente zurück, die schon einen Fertigungs- und Benutzungsprozess hinter sich haben (ready-made) oder von der Natur vorgeformt sind (Land Art). So hat die zeitgenössische Kunst eine Reihe von nicht-traditionellen Medien hervorgebracht, die oft der Bildhauerkunst zugerechnet werden: Ton- und Lichtskulpturen, Montagen, Collagen, Assemblagen, Environments, Installationen, Kinetische Skulpturen und andere.Nicholas Penny: Geschichte der Skulptur: Material, Werkzeug, Technik. Seemann, Leipzig 1995.
Eine wichtige formale Kennzeichnung betrifft den Grad der Plastizität. So ist eine Rundplastik oder Freiplastik, wie sie uns z. B. an Denkmälern auf öffentlichen Plätzen begegnet, ein für eine Ansicht von allen Seiten konzipiertes Bildwerk, während eine Vollplastik noch eine Bindung an Reliefgrund oder Wand haben kann.Dürre, Lexikon der Skulptur, S. 365. 442. 139. Unabhängig davon sind alle Gestaltungsvarianten zwischen blockhaft geschlossenen, in sich ruhenden Volumina und raumgreifenden, Zwischenräume einschließenden, unscharf begrenzten Körpern möglich. Zur Bindung an eine bestimmte Umgebung oder zur Heraushebung dienen der Plastik Sockel, Postamente, Konsolen, Baldachine, Nischen, Tabernakel und andere Architekturelemente. Beim Relief sind alle Grade der Erhebung aus dem Grunde möglich, vom stark erhabenen, mit vollrunden Details arbeitenden Hochrelief über das Halbrelief zum malerisch wirkenden Flachrelief (Bas-Relief), ja sogar dem Negativrelief der altägyptischen Kunst. Das Relief ist ein übliches Medium für Figurengruppen und erzählerische Darstellungen. Es ist die naheliegende Form für Bauplastik, insbesondere Friese und die Dekoration kunsthandwerklicher Objekte.
Da Skulptur mit der Architektur die Dreidimensionalität gemein hat, steht sie oft in absichtsvollem Zusammenhang mit dieser. Dabei können die plastischen Elemente konstruktiv eingebunden (Atlanten, Karyatiden, Schlusssteine, Kapitelle) oder auch nur mehr oder weniger reversibel angefügt (Reliefs, Balustradenaufsätze, Nischenfiguren) sein.
Bildhauerkunst spielt sich in sehr unterschiedlichen Größenordnungen ab. Das reicht von der Mikroschnitzerei in Kirschkernen über die Reliefs auf Gemmen und Kameen, Münzen, Medaillen und Plaketten über Kleinplastiken (z. B. Netsukes) und Porzellanfigurinen zur Großplastik; diese wiederum umfasst alles zwischen lebensgroßer statuarischer Plastik und überlebensgroßer Monumentalskulptur wie dem 108 m hohen Rekordhalter Zhongyuan Buddha.
Funktionen und Themen Ferner lassen sich Bildwerke nach Zweckbestimmung und Thema untersuchen und systematisieren: Die Herstellung von Bildwerken zu kultischen Zwecken, sei es zur Verehrung des Numinosen oder zum Zweck eines diesseitigen Herrscherkults, sei es zur öffentlichen Wirksamkeit oder zur privaten Andacht, bestimmt seit den ersten Anfängen weite Strecken der Kunstgeschichte bis in die Gegenwart. Schon den ältesten Knochenschnitzereien aus den schwäbischen Höhlenfunden werden magische oder schamanische Bedeutungen beigemessen. Ähnliches vermutet man von den Kykladenidolen, deren Sockellosigkeit auf einen nicht-ortsgebundenen Gebrauch hinweist. Diesen Kleinplastiken stehen monumentale Götterbilder aus den griechischen Heiligtümern gegenüber. Die römischen Kaiser umgaben sich mit den Büsten ihrer vergöttlichten Vorgänger und nahmen so ihre eigene Apotheose vorweg. Der gekreuzigte Christus und die Darstellung der Gottesmutter sind zentrale Kultbilder der christlichen Plastik seit dem Mittelalter. Ein Bild vom Menschen zu geben, (nicht nur dort, wo die Gottheit nach seinem Bilde geformt wurde) war die ganze Geschichte hindurch bis in die jüngste Vergangenheit die wichtigste Aufgabe der Bildhauerkunst. Siehe Hauptartikel Geschichte des Porträts. Sonderformen sind das Denkmal, dieses auch in der Form des Reiterstandbildes, sonst als Büste oder Statue, und das seiner Funktion nach ähnliche Grabmal. Dieses ist im Laufe der Neuzeit jedoch immer weniger figürlich ausgestattet worden. Eine eigene Kategorie bildet die Gartenplastik, die im Barock ihre Blüte erlebt, als diese Skulpturen, meist in zyklischen Folgen von Allegorien und antiken Heroen oder Göttern in die strenge Regelmäßigkeit gartenkünstlerischer Ordnung eingebunden wurden.
Selbständige Tierdarstellungen gehören zwar zu den ältesten Bildwerken der Menschheit, doch im Laufe der Geschichte sind sie nicht immer so häufig dargestellt worden wie beispielsweise in der mittelalterlichen Bronzekunst oder zwischen der Mitte des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts. Oft waren sie auf bestimmte symbolische (Löwe als säulentragender Türwächter, bei Türziehern, Aquamanilen) oder dekorative (mittelalterliche Bauplastik, Porzellanfiguren) Funktionen beschränkt. Dass Pflanzen praktisch nur als Relief in der Plastik auftreten, ist aus technischen Gründen einsichtig, aber auch dort bekommen sie nur selten ikonographisches Gewicht, bleiben dekorative Zutat und sind der Stilisierung unterworfen. Ihre Motive (z. B. Palmette und Arabeske) ziehen sich durch die ganze Geschichte von den frühen Hochkulturen des Nahen Ostens bis in die europäische Neuzeit.
Geschichte Die Bildwerke weit zurückliegender Kulturen sind in unproportionaler Verteilung erhalten: Arbeiten aus Stein und gebranntem Ton haben sich häufiger erhalten als solche aus vergänglichen Materialien, die mit wenigen Ausnahmen verloren sind. Auch sind in bestimmten Kulturen und zu gewissen Zeiten Bildwerke aus religiösen oder ideologischen Gründen gezielt zerstört worden (Ikonoklasmus).
Ur- und Frühgeschichte Die frühesten Funde figürlicher Kleinplastik in Europa stammen aus der Steinzeit, genauer: dem Aurignacien (siehe Hauptartikel Jungpaläolithische Kleinkunst). Die Werke aus Elfenbein, Knochen, Mineralien geringer Härte und Ton geben vor allem Tiermotive und weibliche Figuren wieder.Dürre: Lexikon der Skulptur, S. 410 f. Der Idolcharakter dieser Werke setzt sich fort bis zu den Anfängen der europäischen Hochkulturen. Eine wichtige Gruppe stellen die kleinen marmornen Kykladenidole aus der Zeit um 5000 v. Chr. bis 1600 v. Chr. dar. Eine Gruppe früher figürlicher Großplastiken bilden die neolithischen, zwischen Krim und dem westmediterranen Raum verbreiteten Statuenmenhire.
mini|Kopf des Echnaton, Kalksteinrelief um 1350/40 v. Chr., Ägyptisches Museum Berlin Die Entwicklung der Skulptur in den frühen HochkulturenZum Hochkulturbegriff siehe DIE ZEIT Welt- und Kulturgeschichte. Bd. 1. Hamburg 2006, S. 247–260. hängt mit der Herausbildung geschlossener Staatswesen, gesicherter Territorien, und im Dienste der Herrscher stehender Priesterschaften und kanonischer Riten zusammen. Das gilt ähnlich wie bei asiatischen und südamerikanischen Kulturen auch für die frühe Kunst des vorderen Orients. Die Ägyptische Kunst bildete sich mit dem pharaonischen Staat seit etwa 3000 v. Chr. heraus. Ihre formalen Charakteristika sind Flächigkeit und „Einansichtigkeit“, in der Skulptur also die Hervorhebung der Frontal- und/oder reinen Seitenansicht. Die Haltung der alterslos gegebenen Figuren ist durchweg starr, oft blockhaft (Würfelhocker). Ihre Bedeutung erschließt sich aus Maßstab und Beischriften, letztere in Form wiederum bildhafter Hieroglyphen. Nur in der Amarna-Zeit wird z. B. mit den Bildnissen von Nofretete und Echnaton ein Wille zur Individualisierung deutlich. In den stets flachen Reliefs fehlt jegliche perspektivische Verkürzung. Die Darstellungen dienen vorwiegend der Aufgabe, das Fortleben im Jenseits bildlich vorwegzunehmen oder gar sicherzustellen. Hartgestein war das bevorzugte Material der ägyptischen Bildhauer (oder richtiger: ihrer Auftraggeber).Dürre: Lexikon der Skulptur, S. 14–17. Aus dem vorderasiatischen Teil des Alten Orients sind hervorzuheben: die flachen Reliefs und Großplastiken der neuassyrischen Periode (11.–7. Jhdt. v. Chr.) mit ihren Jagdszenen, Götter- und Herrscherfiguren, die darauf folgende neubabylonische Zeit (625–539 v. Chr.) mit den glasierten Tonreliefs von der Prozessionsstraße und dem Ischtartor aus Babylon und die Reliefs aus Stein und Ton der achämenidischen Kultur (ab dem 6. Jahrhundert v. Chr.). Im ganzen mesopotamischen Raum spielt darüber hinaus die Glyptik mit ihren Reliefs auf Stempeln und Rollsiegeln eine besondere Rolle für die Überlieferung der dortigen Bildwelt.
Artikel zu bedeutenden Einzelwerken aus der vorantiken Geschichte sind über folgende Listen auffindbar: :Kategorie:Statue (Ur- und Frühgeschichte) :Kategorie:Archäologischer Fund (Jungpaläolithikum) :Kategorie:Archäologischer Fund (Steinzeit) :Kategorie:Archäologischer Fund (Irak) Liste altägyptischer Kunstobjekte
Antike mini|hochkant|Diadumenos.Römische Marmorkopie (1. Jh. n. Chr.) nach dem griechischen Bronzeoriginal des Phidias, (um 440 v. Chr.), British Museum