Das Berolinahaus in Berlin-Mitte ist das erste und älteste Hochhaus am Alexanderplatz, errichtet 1931 im Rahmen einer Flächensanierung. Architekt Peter Behrens entwarf das Büro- und Geschäftsgebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit, es gilt heute als herausragendes Beispiel der klassischen Moderne. 1969 bekam das Haus eine vergrößerte, quaderförmige Kubatur, 2006 wurde es von Architekt Sergei Tchoban denkmalgerecht saniert. Berolina ist der latinisierte Name der Stadt Berlin und Name der ersten Grundeigentümerin, der kommunalen Berolina AG.
Lage
Das Berolinahaus liegt im Westen des Alexanderplatzes zwischen Platzfläche und der Dircksenstraße. Nördlich befindet sich seit 1970 der Brunnen der Völkerfreundschaft, westlich die Halle des Bahnhofs Alexanderplatz. Gemeinsam mit dem südöstlich gelegenen Zwillingsbau Alexanderhaus bildet es ein Bauensemble sowie eine Torsituation westwärts zum alten Berliner Stadtkern. Das Gebäude steht am Ort der Contrescarpe der Berliner Festung, bis 1746 befand sich südlich das barocke Königstor, später bis in die 1880er Jahre die Königsbrücke über den Königsgraben.
mini|links|hochkant=1.5|Grundstück Berolinahaus (gelb), 1928 / 2026. Alte Grünfläche Alexanderplatz (grün), altes Haus Alexanderplatz 1–2 (rot)
Die erste Adresse des Berolinahauses war „Alexanderstraße 71 / Dircksenstraße 22–25 / Am Königsgraben 8–9“, nach dem Abriss des ehemaligen Königsstädtischen Theaters für den Bau des Alexanderhauses erhielt das Berolinahaus 1933 dessen Adresse „Alexanderplatz 1“.
Architektur
Das Haus entspricht in Materialität und Raumaufteilung weitestgehend nicht mehr dem Originalzustand.Helga Griepentrog: Die Bürohäuser »Alexander« und »Berolina«. In: Gisela Fiedler-Bender (Hrsg.): Peter Behrens, Berlin Alexanderplatz. Kaiserslautern 1993, S. 103. Es wurde 1951 wiederaufgebaut, 1969 umgebaut und 2006 in Teilen entkernt, die Fassade rekonstruiert. Bereits seit 1975Alexander Glintschert: Die Behrens-Bauten am Alexanderplatz. 20. Dezember 2016. (anderes-berlin.de, abgerufen am 12. September 2026) steht es unter Denkmalschutz.
Das Gebäude ruht auf einer zehn Meter tief liegenden und eineinhalb Meter starken Betonwanne, die etwa vier Meter in das Grundwasser hineinreicht, es besteht aus einem zweigeschossigen Tiefkeller und oberirdisch aus einem achtgeschossigen Skelettbau aus Stahlbeton.
mini|Nordwestfassade, 2026
Nebeneinander in die Rücksprünge sind quadratische Kastenfenster gesetzt: sie bilden Gruppen zu je zwei Fenstern an den Gebäude-Längsseiten und Dreier-Gruppen an der Südostseite, die äußeren Fenster haben quadratisch gerasterte Stahlrahmen mit Wendeflügeln. Die Nordwestfassade war bis in die 1960er Jahre eine fensterlose Brandwand zum Nachbargebäude, sie steht seitdem frei und erhielt 2006 einen verglasten Spitzerker über das sechste und siebte Geschoss.
Drei Seiten der Fassade des Erdgeschosses sowie das Vestibül am Haupteingang sind mit schwarzgrünem Serpentinit verkleidet, das erste Obergeschoss ist von einer verglasten, einen Meter auskragenden Galerie umgeben. Oberhalb des Haupteingangs erhebt sich ein über das Flachdach hinausragender Treppenturm aus rückseitig emailliertem Weißglas. Die Fassaden der oberen Bürogeschosse sowie der Nordwestwand sind mit horizontal kanneliertem, grobporigem Elmkalkstein verblendet.
mini|Elmkalkstein (links) und Serpentinit am Treppenabgang zur U-Bahn-Linie U8
Der Grundriss des Berolinahauses ist nahezu rechteckig, der oberirdische Baukörper quaderförmig mit Seitenlängen von 72,55 und 74,55 Metern, einer Breite von 22,27 Metern und 30,3 Metern Höhe. Die Brutto-Grundfläche beträgt 16.500 Quadratmeter, in den fünf oberen Geschossen befinden sich siebentausend Quadratmeter Büroflächen, in den unteren gut fünftausend Quadratmeter Ladenflächen.
Das Haus wird an seiner Südwestseite vom Tunnel der U-Bahn-Linie U8 unterfahren. Die Gebäudelast wird dort durch stählerne Kragträger abgefangen, die bis zu vier Meter über den Tunnel reichen. Bereits seit 1931 bestehen zwei Verbindungen zum großen U-Bahnhof-Alexandeplatz: Im Oberkeller gibt es an der Ostecke einen Übergang zur unterirdischen Ladenpassage (seit Ende der 2000er Jahre verschlossen). In der westlichen Hausecke gegenüber der Bahnhofshalle befindet sich ein straßenseitig geöffneter Treppenabgang zum Bahnsteig der U8.
Geschichte
Vorgängerbauten
Das Berolinahaus steht am Ort der ehemaligen äußeren Wallanlage der Berliner Festung, der sogenannten Contrescarpe, angelegt um das Jahr 1660. Bei den Bauarbeiten fanden sich im Baugrund „in den oberen 4 m […] Reste der außergewöhnlich starken Wälle […], die durch Sprengstoff gelöst und entfernt wurden.“Technisches vom Bau der Hochhäuser am Alexanderplatz in Berlin. In: Deutsche Bauzeitung, 67. Jahrgang, Heft 18, Berlin 3. Mai 1933, S. 358. Im 18. und 19. Jahrhundert standen auf dem Grundstück zwei größere Gebäude: zunächst das sogenannte Tassaert’sche Haus gefolgt vom Dünnwald’schen Haus.
1779 ließ König Friedrich II. ein Wohnhaus für Hofbildhauer Antoine Tassaert am Ort des heutigen Berolinahauses errichten, es stand damals am Ufer des Königsgrabens und grenzte im Süden an die kurz zuvor errichtete Königsbrücke. Tassaert betrieb im Haus eine akademische Lehrwerkstatt, in der Bildhauer Gottfried Schadow seine Ausbildung erhielt, dieser galt später als einer der bedeutendsten Vertreter des deutschen Klassizismus und war Begründer der Berliner Bildhauerschule.Paul Seidel: Tassaert, Jean Pierre Antoin. In: Königliche Akademie der Wissenschaften: Allgemeine Deutsche Biographie, 37. Band, Leipzig 1894, S. 408. Online-Version. Schadow nannte das Gebäude ein „hübsches zweistöckiges Haus mit den Attributen der Bildhauerkunst verziert“.Gottfried Schadow: Biographie (1805/1806). In: Julius Friedländer (Hrsg.): Gottfried Schadow : Aufsätze und Briefe. Stuttgart 1890, S. 2. Das Gebäude hatte ab 1801 die Adresse An der Contrescarpe 71 und ab 1819 Alexanderstraße 71.
1858 ließ der Kaufmann Hermann Joseph Dünnwald für seine Handelsfirma Dünnwald & Comp. ein viergeschossiges Wohn- und Geschäftshaus errichten mit Rundbogenfenstern und klassizistischem Frontispiz. Es war Teil eines größeren Neubaukomplexes an der Straße Am Königsgraben.Zu vermiethen. Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen, Berlin 4. Juli 1858, S. 8. („Die in den neu erbauten Häusern Alexanderstr. Nr. 71., hart an der Königsbrücke, sowie den anstoßenden Königsgraben 20. bis 22. gelegenen Läden, Lagerräumen, Wohnungen jeder Größe und zu den größten geschäftlichen Unternehmungen sich eignend sind zum 1. October d. J. theilweise auch sofort zu vermiethen und täglich zu besichtigen.“) In den 1890er Jahren hatte der Hoffotograf Martin Balg dort sein Atelier.
Baugeschichte 1929–1931
Das Berolinahaus entstand bei einer Flächensanierung. Nach Plänen der Stadträte Martin Wagner und Ernst Reuter erwarb die Stadt Berlin ab 1927 fast alle historischen Gebäude um den Alexanderplatz und ließ zahlreiche davon abreißen, darunter das Haus mit den 99 Schafsköpfen und das ehemalige Königsstädtische Theater.Vorlagen für die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Berlin: Vorlage betr. die Grundstücksankäufe aus Anlaß der Durchführung der Untergrundbahnbauten und der dadurch erforderlich werdenden Straßendurchbrüche und Platzerweiterungen. Nr. 15 (342), Berlin 18. April 1930, S. 243ff. (Detaillierte Liste der städtischen Immobilienaufkäufe und Gebäudeabrisse) 1928–1932 wurden ein neuer großer Kreisverkehr in der Platzmitte sowie die heutigen U-Bahn-Linien U5 und U8 angelegt. Das Berolinahaus gehörte zum südlichen Teil der neuen Randbebauung, der nördliche Teil wurde aufgrund der Weltwirtschaftskrise nicht realisiert.
Eigentümerin der des alten Dünnwald’schen Hauses war ab 1924 die Berolina Spiegelglas GmbH unter Vorstand Julius Stahl, das Gebäude war deshalb bekannt als Stahlhaus. Im Juli 1927 wurde die Berolina Spiegelglas von der öffentlichen Hand für einen ungewöhnlich hohen PreisMartin Wagner: Material zu einem Reichsstädtebaugesetz. In: Deutsche Bauzeitung, Beilage Stadt und Siedlung zur DBZ Nr. 93/94, Berlin 19. November 1930, S. 118f. (Diskussion der Wertsteigerung des Grundstücks) von 4,4 Millionen Reichsmark aufgekauft und hieß fortan Berolina Grundstücks-AG.Berliner Börsen-Zeitung, Abendausgabe, 23. November 1927, S. 10. Unter dieser Firma erwarb die Stadt auch zahlreiche weitere Abrissobjekte in der Umgebung, darunter das ehemalige Grand Hôtel Alexanderplatz,38. Grundstück: Alexanderstr. 71 / Dircksenstr. 22—25 / Am Königsgraben 8—9 (Stahl). In: Vorlagen für die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Berlin: Vorlage betr. die Grundstücksankäufe aus Anlaß der Durchführung der Untergrundbahnbauten und der dadurch erforderlich werdenden Straßendurchbrüche. Nr. 15 (342), Berlin 18. April 1930, S. 253f, 258. die Rechtmäßigkeit der Immobiliengeschäfte war später umstritten.Der neue Skandal. In: Berliner Tageblatt, Abendausgabe, Erstes Beiblatt, 26. März 1930, S. 1.Neue Skandalstimmung in Berlin. Grundstücksgeschäfte des Berliner Magistrats. In: Kölnische Zeitung, Morgenausgabe, 27. März 1930, S. 2.
Zur Bebauung des Grundstücks schloss die Berolina einen Erbbauvertrag mit der Bürohaus am Alexanderplatz G.m.b.H., deren Geldgeber aus einem US-amerikanischen Firmen-Konsortium bestandenBig New Buildings In Berlin. In: The Times, London 2. August 1929. (genannt werden: Lowbeck Corporation of Chicago and New York; Lawrence Stern and Co. of Chicago; A.G. Becker and Co. of New York) und die als Bauherren das Architekturbüro von Peter Behrens mit dem Neubau beauftragten. Während der Planungsphase nannte Behrens das Haus entsprechend dem Voreigentümer noch „Stahlhaus“Peter Behrens: Baublock: Stahlhaus. Grundriss, Juni 1930. Faksimile in: Ein neues Hochhaus in Berlin. Wasmuths Monatshefte für Baukunst|Wasmuths Monatshefte für Baukunst und Städtebau, XV. Jahrgang, Heft 7, Berlin u. a. 1931, S. 291. und das spätere Alexanderhaus „Aschingerblock“.Der Wiederaufbau des Alexanderplatzes. In: Berliner Börsen-Zeitung, Morgenausgabe, 6. Juli 1930, S. 6. Ab 1931 vermarkteten die Amerikaner den Neubau dann als Haus Berolina.Bürohaus am Alexanderplatz G.m.b.H.: Haus Berolina am Alexanderplatz. Anzeige, Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Ausgabe Januar 1932, S. 17.
Die Bauarbeiten fanden unter beengten Bedingungen statt. Der Großstadtverkehr sowie die zahlreichen umliegenden Baustellen machten es „vollkommen unmöglich, beim Berolinahaus ausserhalb des Baugrundstucks Baustoffe zu lagern“. Ein schneller Baufortschritt erforderte minutiöse Logistik und eine nach amerikanischem Vorbild sehr genaue Bauplanung.Technisches vom Bau der Hochhäuser am Alexanderplatz in Berlin. In: Deutsche Bauzeitung, 67. Jahrgang, Heft 18, Berlin 3. Mai 1933, S. 362. Das Gebäude gehörte zu den ersten in Deutschland, in die bereits im Rohbau die Haustechnik eingeplant war.
mini|Noch ohne Alexanderhaus, 1931
Vom Beginn der Rammarbeiten im September 1929 bis zur Rohbauabnahme vergingen fünfzehn Monate, die Büroetagen waren im Mai 1931 und das Café Braun im Oktober 1931 fertiggestellt, die letzte Gebrauchsabnahme für das Kellerrestaurant Wollenberg erfolgte im Januar 1932.Technisches vom Bau der Hochhäuser am Alexanderplatz in Berlin, Abschnitt Bauausführung und Termine. In: Deutsche Bauzeitung, 67. Jahrgang, Heft 18, Berlin 3. Mai 1933, S. 362.
Wenige Monate später folgte das Haus Alexander, dessen Rohbau im Dezember 1931 und Innenausbau im Oktober 1932 fertiggestellt war.
Originalzustand
Die Geschosse der Nordwestfassade waren in Behrens’ Berolinahaus abgestuft, die Konstruktion ähnelte dem 1922 von Max Taut errichteten Haus des Gewerkschaftsbundes.Tilmann Buddensieg: Der Weltstadtplatz. Peter Behrens und das »Neue Herz« Berlins am Alexanderplatz. In: Gisela Fiedler-Bender (Hrsg.): Peter Behrens, Berlin Alexanderplatz. Kaiserslautern 1993, S. 85.