Der Bataveraufstand war eine Revolte der germanischen Bataver, weiterer germanischer (Tenkterer, Cugerner, Brukterer u. a.) sowie keltischer Stämme ab August des Jahres 69 gegen die römische Herrschaft in Niedergermanien. Die Erhebung dauerte knapp ein Jahr.Tacitus, Historiae, Bücher 4–5. mini|Römische Rheingrenze zur Zeit des Bataveraufstandes (69/70 n. Chr.). Aufstandsgebiet ist aufgehellt.
Nach anfänglichen Erfolgen der Bataver unter ihrem von den Römern übergelaufenen Hilfstruppen-Anführer Iulius Civilis wurde der Aufstand von Quintus Petillius Cerialis bis zum Herbst des Jahres 70 niedergeschlagen. Die entscheidende Schlacht bei Xanten im Juli 70 dauerte zwei Tage. Der Bataveraufstand wird bei Tacitus ausführlich beschrieben. Allerdings steht bei ihm, wie bei den meisten antiken Autoren, die objektive Schilderung des Geschehens nicht immer im Vordergrund. So wurden die germanischen Stämme als barbarische Waldbewohner charakterisiert, obwohl sie hauptsächlich von der Landwirtschaft lebten.
Der Bataveraufstand war zudem sehr eng mit der römischen Politik verbunden. Im Lauf des Aufstands schlossen sich mehrere weitere Stämme, die bisher unter römischer Herrschaft standen, der Revolte an, darunter besonders die Treverer und Lingonen. Teilweise handelten sie als unmittelbare Verbündete der Bataver, teilweise waren diese Aufstände unabhängig davon, wirkten sich aber indirekt auf das Geschehen aus.
Iulius Civilis
Iulius Civilis (der spätere Initiator und Hauptanführer im so bezeichneten Bataveraufstand) entstammte einer adeligen Familie der germanischen Bataver am nordwestlichen Niederrhein im Bereich der heutigen Betuwe in den Niederlanden. Der Stamm lebte zunächst mit den Römern in Freundschaft. Schon früh kam Civilis in römische Dienste als Anführer batavischer Hilfstruppen, ebenso sein Bruder Claudius Paulus, wie auch ein Neffe namens Julius Briganticus (der im Aufstand allerdings eine romfreundliche Gegenposition zu Civilis einnahm).Tacitus, Historiae 4,13,26 ff.
Civilis hatte ein Auge verloren und wirkte bzw. gab sich, laut Tacitus, wie der legendäre Hannibal.Tacitus, Historiae 4,13. Er war verheiratet und hatte einen kleinen Sohn – Frau und Sohn überstellte er während des Bataverkrieges als Geiseln nach Köln in die Stadt der Ubier.Tacitus, Historiae 4,26; 4,32–33; 4,35–36; 4,58 ff.
Während der Regierungszeit des Kaisers Nero (54 – 68 n. Chr.) waren Civilis und sein Bruder Claudius Paulus in Ungnade gefallen: der Bruder wurde durch den römischen Heerführer Fonteius Capito hingerichtet, Civilis wurde in Ketten nach Rom zu Nero gebracht. Nero wurde allerdings von seinem Widersacher Galba zum Suizid gedrängt, Galba wurde selbst Kaiser und begnadigte Civilis.Tacitus, Historiae 4,4,13.
Galba war der erste von drei weiteren Kaisern im Vierkaiserjahr, gefolgt von Otho, der nach kurzer Regierungszeit ermordet wurde und dem der niedergermanische Heerführer Vitellius als – vorübergehender – Kaiser folgte. Civilis kehrte nach Germanien zurück in römische Dienste, wurde aber unter Vitellius wiederum des Verrates beschuldigt, konnte aber fliehen.Tacitus, Historiae 4,13. Diese Geschehnisse brachten ihn in starke Abneigung gegenüber Vitellius, und so unterstützte er insgeheim und anfangs die Kandidatur des späteren Kaisers Vespasian, als dessen „Freund“ er sich bezeichnete.Tacitus, Historiae 5,13–26.
Im Jahre 69, während Vitellius gegen Otho und später gegen Vespasian um sein Kaisertum kämpfte, nutzte Civilis die fortdauernden Unruhen in Italien für eine Erhebung der Germanenstämme am Rhein unter Führung der Bataver und mit Unterstützung rechtsrheinischer Germanen unter der Seherin Veleda. Zeitweilig konnte er auch gallische Stammesführer in den Kampf gegen Rom einbeziehen.Tacitus, Historiae 5,21–27.
Vorgeschichte: Das Ende Neros im Jahre 68 mini|Grabstele eines Angehörigen der batavischen Leibwache Neros Um den Aufstand der bisher treuen Verbündeten Roms zu verstehen, muss man die Geschichte der Jahre 68 und 69 betrachten. Im April 68 versuchte Servius Sulpicius Galba von Spanien aus, Kaiser Nero zu stürzen. Er schloss ein geheimes Abkommen mit Gaius Julius Vindex, der zu dieser Zeit Statthalter in Aquitania (heutige Gegend um Bordeaux) war. Vindex versuchte den Statthalter in Obergermanien, Virginius Rufus, von einer Revolte gegen Nero zu überzeugen. Als jedoch die Truppen des Vindex auf die gallischen Truppen des Rufus zurückten, dachten diese, es handle sich um einen Angriff. Ohne Befehl des Rufus schlugen die gallischen Truppen die Truppen von Vindex. Die Umstände der Schlacht können auf Grund der Quellenlage nicht genau rekonstruiert werden. Galba, der nach der Niederlage und dem Selbstmord von Vindex die Flucht nach vorn wagte, kündigte Nero die Loyalität auf, indem er sich demonstrativ legatus senatus et populi Romani (Bevollmächtigter des Senates und des römischen Volkes) nannte. Die gallischen Truppen, die sich Nero gegenüber loyal verhalten hatten, forderten von ihm ein Donativ, welches Nero jedoch verweigerte. Unter dem Druck des Usurpators Galba beging Nero im Juni 68 Selbstmord. Galba wurde zum Kaiser erhoben und vom Senat anerkannt, in der Hoffnung, dieser sei die bessere Wahl. Galba begnadete den eingekerkerten Bataverführer Civilis. Die Legionen aus Germanien kamen jetzt in eine schwierige Lage. Sie galten nun, nachdem sie sich Kaiser Nero gegenüber loyal verhalten hatten, als Feinde des neuen Kaisers Galba.
Januar 69: Das Ende Galbas Am 1. Januar 69 sollten die Mainzer Truppen ihren Treueeid auf den neuen Kaiser Galba leisten. Aufgrund der vorangegangenen Ereignisse rissen die Angehörigen der beiden in Mogontiacum (dem heutigen Mainz) stationierten Legionen die Bilder Galbas von ihren Feldzeichen und leisteten ihren Treueeid stattdessen – ähnlich wie neun Monate zuvor Galba selbst – nur noch auf den Senat und das römische Volk. Am Tag darauf proklamierte die Bonner Legion Aulus Vitellius, den erst kürzlich ernannten Statthalter Niedergermaniens, zum Gegenkaiser. Der Statthalter Obergermaniens hatte sich als schwach erwiesen, weshalb ihre Wahl auf Vitellius fiel. Die Niederrheinischen Legionen schlossen sich der Wahl der Oberrheinischen Legionen an. Vitellius’ Usurpation richtete sich also gegen Galba, der die in Rom an ihn gestellten Erwartungen nicht erfüllte. Besonders seine Truppen waren unzufrieden, da Galba die Zahlung von Donativen ablehnte. Der 70-jährige Galba kämpfte verzweifelt um die Macht, wurde aber schon wenige Tage später, am 15. Januar, von der Prätorianergarde ermordet. Sie erhoben stattdessen – vorübergehend – den 36-jährigen Nichtmilitär Marcus Salvius Otho, der die Ermordung Galbas veranlasst hatte, zum Kaiser. Nur widerwillig erkannte der Senat ihn an. Da jedoch Vitellius nun von seinem Heer zum Kaiser erhoben worden war, gab es kein zurück mehr.
Januar bis Juli 69 Vitellius reagierte umgehend. In zwei Marschsäulen schickte er rund 65.000 Soldaten der Rheinarmee nach Italien. Die größere Gruppe zog durch das östliche Gallien und die Cottischen Alpen, der kleinere Teil unter Aulus Caecina Alienus auf dem direkten Weg rheinaufwärts durch Helvetien. Nach heftigen Kämpfen gegen die Helvetier, die Vitellius die Gefolgschaft verweigert und zu (dem bereits toten) Galba gehalten hatten, überquerte Caecina spätestens Anfang April 69 mit 22.000 Mann den Großen St. Bernhard und erreichte die Po-Ebene.
Diese Truppe trug entscheidend zum Sieg der Vitellius-Getreuen über Otho in der Schlacht bei Bedriacum nahe Cremona am 14. April 69 bei, Otho beging am Morgen danach Selbstmord. Vitellius, der neue Alleinherrscher, erfuhr davon wenige Tage nach seinem Aufbruch aus Köln in Richtung Italien. Nachdem er im Januar die Rheingrenze zum Großteil von Truppen entblößt hatte, sandte er nun die Masse seiner Truppen zurück, darunter auch acht Batavische Auxiliarkohorten, eine davon unter Iulius Civilis, der unter Vitellius wieder unter Verdacht geriet, sich aber absetzen konnte.
Juli/August 69: Vespasian beansprucht den Thron, Aufstand der Bataver Doch kaum waren diese Kohorten wieder in Mainz, wurden sie erneut nach Italien beordert, denn inzwischen beanspruchte Titus Flavius Vespasianus den Thron. Der befähigte Kommandeur und Statthalter hatte sich am 1. Juli in Alexandria zum Kaiser proklamieren lassen und rückte nun mit seinen Legionen aus Judäa an. Vitellius, der Mitte Juli in Rom angekommen war, hatte weitere Truppen von der Rheingrenze angefordert, deren Entsendung der dortige Kommandeur, Marcus Hordeonius Flaccus, jedoch verweigerte. Daraufhin sollten weitere Truppen unter den Batavern ausgehoben werden, was im August 69 den eigentlichen Aufstand der Bataver auslöste. Ihnen ging es nun nicht mehr um die Herrschaft dieses oder jenes römischen Kaisers, sondern um das Ende der römischen Herrschaft über ihr Volk.Tacitus, Historiae 4,14.
Civilis kommandierte jetzt eine der Auxiliarkohorten, die sich auf dem Rückmarsch befanden. Für die römischen Kommandeure in Germanien war die Lage schwierig. In Italien tobte der Bürgerkrieg mit ungewissem Ausgang. Die Truppen in Germanien neigten dabei großteils dem Vitellius zu. Kurz zuvor war im Osten des Reiches, in den Provinzen Aegyptus, Syria und Iudaea sowie von den Donaulegionen Titus Flavius Vespasianus als Kaiser gegen Vitellius ausgerufen worden; seine Truppen hatten sich gen Rom in Marsch gesetzt.
Tacitus berichtet, dass sich die Truppen des Vitellius und die Vespasian-treuen Truppen im Spätsommer und Herbst 69 in einer Art Stellungskrieg gegenseitig belauerten. Das Eintreffen Vespasians in Oberitalien brachte schließlich die Entscheidung.
Vitellius hatte vor seinem Ritt nach Rom in den Stammesgebieten der Bataver und der Cananefaten von diesen als willkürlich empfundene Aushebungen durchführen lassen, um seine Verbände für die Auseinandersetzungen mit Vespasian zu verstärken. Das nahm Civilis als Grund, sich gemeinsam mit Cananefaten und Friesen gegen Vitellius zu erheben, wobei er zunächst geschickt den Anschein erweckte, auf Seiten Vespasians gegen Vitellius einzugreifen. In diesem Zusammenhang wird oft ein Brief des Antonius Primus an Civilis zitiert, der im Spätsommer 69 seinen Adressaten erreicht haben dürfte und in dem die Bataver aufgefordert wurden, auf Seiten Vespasians in den Krieg einzugreifen.Tacitus, Historiae 4,13; dazu Barbara Levick: Vespasian. Routledge, London 1999, ISBN 0-415-16618-7, S. 108. Eine Strafexpedition der (vitellianischen) Römer endete in einem Desaster, da während der Schlacht die batavischen Auxiliarreiter die Seite wechselten und die ubischen und treverischen Auxiliarverbände flüchteten. Die Reste des Expeditionskorps konnten sich nur unter Mühen nach Vetera retten.Tacitus, Historiae 4,21–457. mini|Lage der Legionslager Vetera I und II, die Colonia Ulpia Traiana existierte zum Zeitpunkt des Bataveraufstandes noch nicht Während des gesamten Bataveraufstandes hatte dieses „Kastell Vetera“ eine Schlüsselposition inne (genauer gesagt, das Kastell Vetera I). Es lag am Rhein (nahe beim heutigen Xanten) im Gebiet der germanischen Cugerner, die sich ebenfalls dem Aufstand der Bataver angeschlossen hatten.
Der Aufstand gewann an Dynamik, als Ende des Sommers/Anfang Herbst 69 die acht in Mogontiacum stationierten Bataverkohorten nach Norden marschierten und sich mit den Truppen des Civilis vereinigten. Civilis vereidigte sie auf Vespasian und forderte nun auch die in Vetera verbliebenen Teile der 5. und 15. Legion auf, sich der Sache des Flaviers anzuschließen. Die Garnison von Vetera blieb jedoch Vitellius treu. Mauern und Wälle des Lagers wurden verstärkt, jedoch sorgte man nicht für die ausreichende Menge an Proviant, um einer längeren Belagerung standzuhalten.