Der Bund Deutscher Mädel (BDM), Vollbezeichnung Bund Deutscher Mädel in der Hitler-Jugend,Reichsjugendführung der NSDAP (Hrsg.): Mein Dienst. Merkbuch der Hitler-Jugend 1938–1939, Kapitel „Organisation der HJ“, S. 36. war in der Zeit des Nationalsozialismus der weibliche Zweig der Hitlerjugend (HJ). Darin waren im Sinne der totalitären Ziele des NS-Regimes die Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren§ 1 Abs. 2 Nr. 4 der Zweiten Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Hitler-Jugend (Jugenddienstverordnung) vom 25. März 1939 (RGBl. I S. 710) organisiert. Außerdem gab es in der Hitlerjugend den Jungmädelbund (JM) für 10- bis 14-jährige Mädchen.§ 1 Abs. 2 Nr. 3 der Jugenddienstverordnung Diese Gruppen wurden im einfachen Sprachgebrauch auch „Kükengruppen“ genannt.Klaus 1998, S. 86.
Aufgrund der ab 1936 gesetzlich geregelten Pflichtmitgliedschaft aller weiblichen Jugendlichen, sofern sie nicht aus „rassischen Gründen“ ausgeschlossen waren, bildete der BDM die damals zahlenmäßig größte weibliche Jugendorganisation der Welt mit 4,5 Millionen Mitgliedern im Jahr 1944.
Entstehung und Entwicklung Anfänge in der Weimarer Republik Schon 1923 entstanden innerhalb der NSDAP die ersten „Mädchenschaften“, auch als „Schwesternschaften der Hitler-Jugend“ bezeichnet. Diese Gruppen hatten aber noch wenige Mitglieder und wurden erst im Juni 1930 zum Bund Deutscher Mädel zusammengeschlossen. Die bis 1931 auf 1711 Mitglieder angewachsene Organisation wurde im selben Jahr unter Bundesführerin Elisabeth Greiff-Walden in die Hitlerjugend eingegliedert.
Die ersten Gründungen von Ortsgruppen des BDM, des Nationalsozialistischen Schülerinnenbundes (NSS) und der Jungmädchengruppen der NS-Frauenschaft fallen in die Jahre 1930/1931. Die Ortsgruppe Berlin wurde im Februar 1930 gegründet, eine BDM-Gruppe in Danzig im Juli 1931. Zunächst noch verboten war die im Dezember 1930 gebildete Ortsgruppe Achern des badischen NSS.
Erzwungener Mitgliederzuwachs ab 1933 mini|HJ- und BDM-Vereidigung in Tientsin, China, 1935 Der am 17. Juni 1933 zum Reichsjugendführer ernannte Baldur von Schirach erließ sogleich Verordnungen, die die bis dahin bestehenden, konkurrierenden Jugendverbände auflösten oder verboten. Durch die Zwangseingliederung dieser Jugendgruppen – soweit sie sich nicht selbst auflösten, um sich dem Zugriff der Nationalsozialisten zu entziehen – erfuhren HJ und BDM einen großen Mitgliederzuwachs. Noch nicht gleichgeschaltete Jugendgruppen (aufgrund des Reichskonkordates betraf das ausschließlich die katholische Jugendarbeit) waren oft Schikanen mit dem Ziel der erzwungenen Eingliederung in die nationalsozialistischen Jugendverbände ausgesetzt. Mit dem „Gesetz über die Hitlerjugend“ vom 1. Dezember 1936 wurden alle Jugendlichen des Deutschen Reichs zur Mitgliedschaft in HJ oder BDM zwangsverpflichtet.
Leitbilder nach Art des Regimes Anlässlich einer Rede auf dem Frauenkongress 1935 in Nürnberg erklärte Hitler:
Die BDM-Reichsreferentin Jutta Rüdiger erklärte schriftlich für ihren Zuständigkeitsbereich im ersten Kriegsjahr 1939:
Bereits 1934 stand in dem offiziellen Publikationsorgan Mädel im Dienst zu lesen, dass die 10- bis 14-jährigen Jungmädel sich in Handarbeit und Kochen auskennen und für „die Wärme des heimatlichen Herdes“ sorgen müssten. Auch sollten sie es verstehen, ein Heim behaglich einzurichten.Zitiert nach Kater, S. 75. Im Zentrum der BDM-Erziehung stand nach Klönne „die Synthese von körperlicher und hauswirtschaftlicher Ertüchtigung“ in Verbindung mit der Aufgabe, „den Zucht- und Auslesegedanken“ der gesamten weiblichen Jugend zu Bewusstsein zu bringen. „Der Typ der deutschen Frau tritt ergänzend neben den Typ des deutschen Mannes, ihre Vereinigung bedeutet die rassische Wiedergeburt unseres Volkes.“Zitiert nach Klönne: Jugend im Dritten Reich. Lizenzausgabe. München 1995, S. 84. Im Hinblick auf die für die Erhaltung der Volksgemeinschaft zu erfüllenden eugenischen Aufgaben erklärte man die Mädchen zum „Rassegewissen der Nation“. Die „echte deutsche Maid“ habe „Hüterin der Reinheit des Blutes und des Volkes zu sein und Helden aus den Söhnen des Volkes zu erziehen“.Zitiert nach Kater 2005, S. 91.
Zudem ließ die „Reichsjugendführung“ (seit 1933) die nationalsozialistische Zeitschrift Das Deutsche Mädel. Die Zeitschrift des Bundes Deutscher Mädel in der HJ. produzieren. Darin stellte man besonders das Wirken der NS-Jugendorganisationen in den Vordergrund; durch diese Einrichtungen sollten Mädchen geschlechtsspezifisch sozialisiert und an Themen wie Mutterschaft und kulturelles Brauchtum herangeführt werden.
Daneben gab es teils noch andere Maßgaben, die den Mädchen mehr Eigenständigkeit zuzusprechen schienen. Der in der Reichsjugendführung einflussreiche Georg Usadel äußerte: „Jugend ist keine Vorbereitungszeit, sondern ein Teil des Lebens, der sich nach eigenem Gesetz erfüllen will und soll. Das gilt für Jungen und Mädchen gleichermaßen.“Zitiert nach Sternheim-Peters 2015, S. 259. Die Mädelführung in der Reichsjugendführung distanzierte sich laut Eva Sternheim-Peters wiederholt vom „Kochtopf als Erziehungsziel“ und von den „drei K“ (Küche, Kirche, Kinder). Stattdessen habe der BDM die Notwendigkeit einer soliden Berufsausbildung und einer berufstätigen Jugendzeit für Mädchen propagiert und ausführliches Schulungsmaterial zur Erleichterung der Berufswahl bereitgestellt.Sternheim-Peters 2015, S. 260.
Aktivitäten und Alltag mini|Aufmarsch der Deutschen Jungmädel für die Erhaltung des deutschen Volkstums im „Grenzland“, Transparent „Grenzlandnot ist Volksnot“, Worms, 1933 mini|Jungmädel in Worms, 1933 Ähnlich wie bei den Jungen lag ein Schwerpunkt des Aktivitätenangebots im BDM bei Ausflügen, Wanderungen und rucksackbeladenen Märschen in freier Natur, oft gefolgt von Lagerfeuer mit Kochen und gemeinsamem Gesang. Auch Vollmond-Beobachtungen mit anschließender Übernachtung in Heuschobern waren im Sommerhalbjahr gängig. Märchen- und Theateraufführungen, teils mit Puppen und Marionetten, Volkstanz und Flötenmusik sowie verschiedene Sportangebote, häufig als Gruppenspiel, zählten zum Standardprogramm. Anders als für die männlichen Gliederungen der HJ gab es außer dem „Gesundheitsmädeldienst“ und dem für beide Geschlechter vorgesehenen Landdienst keine BDM-Spezialabteilungen. Der Zugang zu den Sonderformationen der Hitler-Jugend, wie Motor-, Reiter- und Flieger-HJ, war den Mädchen versperrt, weil nur Jungen bzw. Männer in sie aufgenommen wurden.
Während es bei den Jungen um die Förderung von Kraft, Ausdauer und Zähigkeit ging (siehe auch „Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“), sollten die Mädchen durch gymnastische Schulung vor allem Anmut entwickeln. „An die Stelle athletischen Kraftaufwands trat in der Regel die rhythmische Gymnastik mit ihrer Betonung auf Harmonie und dem Gefühl, im eigenen Körper zu ruhen und Teil des Gruppenkörpers zu sein. So praktizierten die Mädchen eine organische ‚Volksgemeinschaft‘, gleichzeitig war der Fluss der gymnastischen Bewegungen auf die weibliche Anatomie und die künftige Mutterrolle abgestimmt.“Kater 2005, S. 74. Ausnahmen gab es nur dort, wo die BDM-Mitglieder aufgrund ihrer überragenden sportlichen Leistung für den Spitzensportnachwuchs benötigt wurden, da Propaganda vorging.Michaela Czech: Frauen und Sport im nationalsozialistischen Deutschland eine Untersuchung zur weiblichen Sportrealität in einem patriarchalen Herrschaftssystem. Berlin: Verlagsgesellschaft Tischler, 1994. ISBN 3-922654-37-1. Die Auswirkungen der Rolle der Frau in der Sportlehrerinnenausbildung wurde weiter tradiert.Arnd Krüger: "Es gab im Grunde keine Sportstunde, die, von Gesten abgesehen, anders verlaufen wäre als vor- und nachher". Realität und Rezeption des nationalsozialistischen Sports. In: Mechthild von Schoenebeck (Hrsg.): Vom Umgang des Faches Musikpädagogik mit seiner Geschichte. Essen: Verl. Die Blaue Eule (2001), S. 19–41.
Im Winterhalbjahr gehörten Handarbeits- und Bastelabende in den BDM-Heimen zum Regelangebot. In den Erinnerungen einer Zeitzeugin heißt es dazu:
mini|hochkant|Nähstube des BDM, in der Kleidung des Jungvolks ausgebessert wird, 1942; an der Wand ein Porträt von Adolf Hitler mit der Aufschrift „Wir folgen Dir“ Standardbekleidung im BDM waren dunkelblauer Rock, weiße Bluse und schwarzes Halstuch mit Lederknoten. Die Art der Kniestrümpfe und der Frisur ließen noch individuellen Spielraum. Nicht erlaubt waren hochhackige Schuhe und Seidenstrümpfe; Schmuck war nur in Gestalt von Fingerring und Armbanduhr zugelassen. Zur Bekleidung Jugendlicher lauteten Hitlers frühe Vorgaben:
Die von HJ und BDM angebotenen Ferienreisen, die über Zuschüsse auch Kindern aus sozial schwachen Familien Fahrten ins Winter-Skilager oder ins Sommer-Zeltlager ermöglichten, gehörten zu den gern wahrgenommenen Freizeitangeboten.Klönne: Jugend im Dritten Reich. Lizenzausgabe. München 1995, S. 128. Zur Vorbereitung der Mädchen für den Dienst an Volk und Familie gab es zudem – zunächst auf freiwilliger Basis, von 1938 an verpflichtend – ein Dienstjahr als hauswirtschaftliche oder landwirtschaftliche Hilfe (sogenanntes Landfrauenjahr). Die Mädchen wohnten und arbeiteten dabei in den Haushalten bzw. auf den Bauernhöfen. Die Vorbereitungslager für den Landdienst von Mädchen und Jungen lagen oft dicht nebeneinander, was zur Folge hatte, dass es vor allem im Jahr 1936 gehäuft zu Geschlechtsverkehr kam. Allein bei 900 der BDM-Mitglieder, die in jenem Jahr vom Reichsparteitag in Nürnberg zurückkehrten, wurden anschließend Schwangerschaften festgestellt.Kater 2005, S. 95, der auch einen Fall berichtet, wonach ein eben Mutter gewordenes BDM-Mädchen 13 Personen als mögliche Väter benannte. „Um wenigstens den schlimmsten Ausschweifungen Einhalt zu gebieten, wurde daraufhin dem BDM 1937 das Kampieren im Freien untersagt.“ (ebenda)
Schlesien, Pommern und Ostpreußen waren die Schwerpunktregionen für den Landdienst, der nach 1936 noch weiter ausgebaut wurde. In Schulungs- und Umschulungszentren wurden nicht mehr nur Grundlagen für die Binnenkolonisation des ländlichen Raums gelegt, sondern es wurde auch eine Basis für die Neukolonisierung des nichtdeutschen Ostens hergestellt, den das „Herrenvolk“ als „Lebensraum“ nach den Kriegsplänen des NS-Regimes erobern sollte.Kater 2005, S. 75–76.
Führung und Schulung mini|BDM-Führerinnen beim Besuch des Konzentrationslagers Dachau, 1936 Wie in der HJ galt auch im BDM, dass Jugend durch Jugend geführt werden sollte. Eva Sternheim-Peters, Jahrgang 1925, aufgewachsen als Tochter eines Beamten im katholisch geprägten Paderborn und früh beeindruckt von „dem Zauber von Feierstunden und Kundgebungen, Gedichten und Fahnensprüchen“, reflektiert auch diesbezüglich selbst Erlebtes:
Die Jugend wurde in der Propaganda unentwegt als jene Kraft beschworen, die die „Vollendung der völkischen Revolution“ und die „nationale Wiedergeburt“ zustande bringen werde. In Liedern wurde der „Sturm der Jugend“ besungen und ein rauschhaftes Gefühl von Stärke und Macht vermittelt. Die „Ewiggestrigen“, die „Zweifelnden“ und „Hadernden“ gehörten damit logisch der älteren Generation an. Jugend und Jungsein als Wert an sich erzeugten, so Sternheim-Peters, „ein leises Verachtungsgefälle“ bereits zwischen Jungmädelbund und BDM. Auch bei Jungmädelführerinnen habe das BDM-Werk Glaube und Schönheit unter „Mehr Glaube als Schönheit“ firmiert und die NS-Frauenschaft unter „NS-Krampfgeschwader“.Sternheim-Peters 2015, S. 254–259.