Die Komoren ( „Mondinseln“, komorisch Komori, ), amtlich seit 2001 Union der Komoren, bilden einen föderalen Inselstaat im Indischen Ozean am nördlichen Ausgang der Straße von Mosambik zwischen Mosambik und Madagaskar. Sie umfassen drei der vier Hauptinseln des Komorenarchipels sowie einige kleinere Inseln. Die drei Hauptinseln sind Grande Comore (Njazidja), Anjouan (Nzwani), Mohéli (Mwali). Die vierte Hauptinsel Mayotte (Mahoré) ist ein Übersee-Département Frankreichs und wird von der Union ebenfalls beansprucht. Die knapp eine Million Einwohner der Komoren sind von gemischter, vorwiegend ostafrikanischer und arabischer Abstammung und größtenteils Muslime.
Die Komoren wurden 1975 von Frankreich unabhängig und erlebten anfangs eine wechselvolle Geschichte mit Putschen und Sezessionsbestrebungen. Der letzte erfolgreiche Militärputsch fand 1999 statt, angeführt von Azali Assoumani. Dieser regierte das Land daraufhin bis 2006 und erneut seit 2016 autoritär. Es kommt regelmäßig zu Verletzungen der Menschenrechte. Die Korruption ist groß, ebenso die Armut: Die Komoren gehören zu den ärmsten Ländern der Welt.
Geographie Naturraum Die Inselgruppe erhebt sich auf einem unterseeischen Rücken. Alle Inseln sind vulkanischen Ursprungs und haben ein gebirgiges Relief. Vulkanberge mit tief zerfurchten Hängen, Plateaus, Hügelketten und meist nur schmale Küstenstreifen charakterisieren das Landschaftsbild. Die Küsten der Inseln sind überwiegend felsig und von Korallenriffen gesäumt. Im Zentrum der Hauptinsel Grande Comore liegt der 2361 Meter hohe aktive Vulkan Karthala. Der letzte größere Ausbruch geschah 1977, hierbei wurde ein ganzes Dorf von der Lava zerstört. Anfang 2005 gab es einen kleineren Ausbruch, der ohne Explosion oder Lavaaustritt verlief. Nur Asche bedeckte nach dem Ausbruch einen beträchtlichen Teil des Vulkanes. Ende Mai 2006 überzog der Vulkan die Hauptstadt Moroni mit einer Wolke aus Staub und Rauch, was lokal zu Evakuierungen führte.
Klima Das tropisch-maritime Klima weist im Jahresgang nur geringe Temperaturschwankungen auf. Die Durchschnittstemperatur der kühlsten Monate (Juli/August) liegt bei 22 °C, die der wärmsten Monate (Februar/März) bei 27 °C. Zwischen Mai und Oktober herrscht der trockene Südostpassat, von November bis April der regenbringende Nordwestmonsun. Feuchtester Monat ist der Januar. Je nach Höhenlage werden zwischen 1000 und 4000 mm Jahresniederschlag registriert. In der heißen Jahreszeit ziehen öfter tropische Wirbelstürme über die Inseln.
mini|zentriert|Klimadiagramm Moroni/Komoren
Flora und Fauna Die ursprüngliche Vegetation – dichter tropischer Regenwald mit wertvollen Holzarten – ist stark zurückgedrängt und fast nur noch in höheren Lagen erhalten. Plantagen und Savannen prägen heute die Landschaft. In Niederungen kommen vor allem Kokospalmen, Bananen und Mangobäume vor. Die Küsten sind teilweise von Mangroven bewachsen. Die Landfauna ist relativ artenarm und zeigt Ähnlichkeit mit derjenigen Madagaskars. Es gibt seltene Vogel- und Schildkrötenarten sowie eine nur hier anzutreffende Feuchtnasenaffenart, den Mongozmaki. Die Küstengewässer samt den Korallenriffen sind dagegen reich an vielerlei Wassertieren. Eine Besonderheit ist der Quastenflosser; 1938 wurde vor den Komoren erstmals ein Vertreter dieser bis dahin nur als Fossil bekannten Gattung gefangen.
Städte mini|Blick auf den Hafen und die Badjanani-Moschee in der Hauptstadt Moroni
Im Jahr 2021 lebten 30 Prozent der Einwohner der Komoren in Städten. Die größten Städte sind laut Zensus: Moroni (75.000 Einw., 2017) Mutsamudu (23.594 Einw., 2021)worldpopulationreview.com – comoros-population Fomboni (17.000 Einw., 2017) Domoni (14.509 Einw., 2021) Mirontsi (12.000 Einw., 2017)
Bevölkerung mini|Dorfbewohner in Bangoua Kouni im Norden von Grande Comore mini|Bevölkerungspyramide der Komoren (2020) Demografie Die Komoren hatten 2020 870.000 Einwohner. Das jährliche Bevölkerungswachstum betrug + 2,2 %. Zum Bevölkerungswachstum trug ein Geburtenüberschuss (Geburtenziffer: 30,9 pro 1000 Einwohner vs. Sterbeziffer: 7,1 pro 1000 Einwohner) bei. Die Anzahl der Geburten pro Frau lag 2020 statistisch bei 4,1, wobei dieser Wert Mitte der 1970er Jahre noch bei etwa 7 Kindern lag. Der Median des Alters der Bevölkerung lag im Jahr 2020 bei 20,4 Jahren.
Bevölkerungsstruktur und Amtssprachen Anjouan ist die am dichtesten besiedelte Insel des Archipels. 2004 lebten noch 64 % der Einwohner auf dem Lande.
Die Nachkommen der Prinzen und Sultane führen ihre Genealogie auf arabische Einwanderer zurück, die in eine matrilineare Familie lokaler Häuptlinge einheirateten. Die Übertragung des Erbes erfolgt dieser Tradition gemäß matrilinear, Name und Titel werden patrilinear weitergegeben.
Amtssprachen sind Komorisch (verwandt mit Swahili), Arabisch und Französisch. Die Komorer (97 % der Gesamtbevölkerung) stammen von Arabern, Madagassen, Bantu, Indern, Schirasi und Indo-Melanesiern ab. Daneben leben einige hundert Europäer auf den Inseln. Das Bevölkerungswachstum und die hohe Arbeitslosigkeit führen zu Auswanderung, vor allem nach Mayotte und Madagaskar.
Die Komoren gehören zu den ärmsten Ländern der Welt.
Religionen
Die Staatsreligion des Landes ist der sunnitische Islam der schafiitischen Rechtsschule. Ihm gehören etwa 99 % der Einwohner an. Daneben besteht auf den Komoren eine kleine Minderheit indischer Ismailiten (Schia) sowie eine katholisch-karitative Missionstätigkeit; ca. 1 % der Bevölkerung bekennt sich zum Christentum.
Bildung Nach Erlangung der Unabhängigkeit und dem Abzug der französischen Lehrer war das Bildungswesen mit mäßig ausgebildeten Lehrkräften von schlechter Qualität.Abdourahim Said Bakar: Small Island Systems: A Case Study of the Comoro Islands. In: Comparative Education. 24 (2, Special Number (11)), 1988, S. 181–191. doi:10.1080/0305006880240203. Seit der Bildungsreform 1975 besteht Schulpflicht für die Dauer von acht Jahren, einschließlich der zweijährigen Koranschule für Vorschulkinder. Die Analphabetenquote wird auf 50 % geschätzt.
Gesundheit Sozialfürsorge und Gesundheitswesen weisen erhebliche Lücken auf. Unterernährung ist einer der Gründe für die hohe Säuglingssterblichkeit (2004: 5,2 %). Malaria ist weit verbreitet. Im Jahr 2018 praktizierten auf den Komoren 2,6 Ärzte je 10.000 Einwohner. Die Säuglingssterblichkeitsrate lag 2019 bei 52 pro 1000 Lebendgeborenen, die Kindersterblichkeitsrate bei 68 pro 1000. Die Lebenserwartung der Einwohner der Komoren ab der Geburt lag 2020 bei 64,5 Jahren (Frauen: 66,3, Männer: 62,8).
Kultur Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts existieren auf den Komoren sogenannte Twarab-Musikensembles. Laut den Veröffentlichungen des deutschen Musikethnologen Werner Gräbner weist dieser populäre Musikstil enge kulturelle Verbindungen mit der Taarab-Musik in Sansibar sowie den Küstenstädten in Tansania und Kenia auf.
Geschichte
Urgeschichte Es ist nicht genau bekannt, wann und woher die frühesten Einwohner des Archipels kamen; Archäologen haben auf Anjouan Spuren einer Siedlung aus dem 6. Jahrhundert gefunden. Es wird vermutet, dass austronesische Einwanderer, die im 1. Jahrtausend n. Chr. auf dem Seeweg aus Indonesien kamen und auf Madagaskar landeten, auch auf den Komoren siedelten. Daneben kamen Bantu aus Ostafrika (vor allem Mosambik).
Islamisierung Araber und Perser besuchten die Inseln ebenfalls; ab dem 15. Jahrhundert ließen sie sich vermehrt auf den vier Hauptinseln nieder, führten den Islam ein, gründeten Sultanate vorwiegend in der Küstengegend und drängten die alte Bevölkerung in das Innere der Inseln ab. Im 16. Jahrhundert waren die Komoren ein regionales Handelszentrum, das Reis, Gewürze, Ambra und Sklaven in ostafrikanische und nahöstliche Hafenstädte exportierte.
Dominanz arabischer Sultanate Die ersten europäischen Besucher waren Portugiesen, die 1505 auf Grande Comore landeten. 1527 erscheinen die Komoren erstmals auf einer portugiesischen Karte. Die Europäer vermochten jedoch lange keinen prägenden Einfluss auszuüben. Die von Portugiesen, Niederländern und Franzosen im 16. Jahrhundert gegründeten Niederlassungen wurden schon bald wieder aufgelöst. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts blieb der arabisch-islamische Einfluss dominierend. Die Schirasi-Sultane eigneten sich größere Ländereien an, die sie von einheimischen Arbeitskräften, häufig aber auch von aus Ostafrika importierten Sklaven bewirtschaften ließen. 1865 waren schätzungsweise 40 % der Bevölkerung Sklaven. Ab dem späten 18. Jahrhundert führten die Sakalava aus Madagaskar Sklavenjagden auf den Komoren durch und entvölkerten Mayotte nahezu; diese Überfälle endeten, nachdem die Merina die Königreiche der Sakalava erobert hatten. Danach ließen sich Gruppen von Sakalava und Betsimisaraka auf Mayotte und Mohéli nieder.
Französisches Schutzgebiet (ab 1841), dann Überseegebiet (ab 1946) In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die Rivalität zwischen Frankreich und Großbritannien um die Inseln im westlichen Indischen Ozean. Im Raum der Komoren setzte sich Frankreich durch, das 1841 Mayotte in seinen Besitz nahm; 1886 kamen auch die restlichen drei Inseln unter französisches Protektorat. 1912 dankte der letzte Sultan ab, und die Komoren kamen unter eine Kolonialverwaltung mit Hauptort Dzaoudzi auf Mayotte. Unter der Kolonialherrschaft wurde die Sklaverei abgeschafft; die Wirtschaft wurde auf den Anbau von Vanille, Ylang-Ylang und weiteren Produkten ausgerichtet, wobei die Gewinne daraus kaum auf den Komoren reinvestiert wurden.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Inseln, die sich für die Vichy-Regierung von Marschall Philippe Pétain erklärt hatten, vorübergehend von britischen Truppen besetzt. 1946 erhielten die nun nicht mehr von Madagaskar aus verwalteten Komoren den Status eines französischen Überseegebiets mit administrativer Autonomie. Entsprechend der Loi Lamine Guèye von 1946 hatten alle Bürgerinnen und Bürger bei Wahlen zum französischen Parlament und auch bei lokalen Wahlen ein Wahlrecht. Damit war ein beschränktes Frauenwahlrecht eingeführt. Das passive Wahlrecht wurde in dem Gesetz nicht ausdrücklich erwähnt, war aber auch nicht ausgeschlossen. Es herrschte ein Zweiklassenwahlrecht, das die französischstämmigen Bürgerinnen und Bürger bevorzugte.Franz Ansprenger: Politik im Schwarzen Afrika: Die modernen politischen Bewegungen im Afrika französischer Prägung. Springer Fachmedien, Wiesbaden 1961, S. 73.
Am 23. Juni 1956 wurde die loi-cadre Defferre eingeführt. Damit garantierte Frankreich das Wahlrecht und den Übergang zu voller innerer Autonomie, die allerdings erst im Januar 1968 schließlich endgültig gewährt wurde. In einem Referendum 1958 entschieden sich die Abstimmenden mit klarer Mehrheit für den Verbleib bei Frankreich. Die zwei etablierten politischen Parteien in den 1960er Jahren – der von Saïd Mohamed Cheikh geführte Parti Vert und der Parti Blanc unter Prinz Saïd Ibrahim Ben Ali – waren beide pro-französisch, konservativ und von den Nachkommen der Sultane dominiert.
Die Unabhängigkeitsbewegung Mouvement de la Libération Nationale des Comores (Molinaco) wurde 1962 von Komorern in Tansania gegründet und begann ab 1967, ihren Einfluss auf die Komoren selbst auszuweiten. Das verbreitete Gefühl, von Frankreich vernachlässigt zu werden, verbunden mit der Unabhängigkeit des nahegelegenen Tanganjika und Sansibar und beginnenden Unabhängigkeitsbestrebungen in Mosambik, vergrößerte vor allem unter jüngeren Komorern die Zustimmung für die Unabhängigkeit. Unter der seit 1972 amtierenden Regierung unter Ahmed Abdallah wurde 1974 ein erneutes Referendum über die Unabhängigkeit abgehalten, bei dem sich etwa 95 % für die Unabhängigkeit aussprachen, auf Mayotte jedoch etwa 63 % für den Verbleib bei Frankreich votierten.
Unabhängigkeit (seit 1975) mini|200px|Flagge der Komoren 1978 bis 1992