Der plötzliche Kindstod (lateinisch: mors subita infantium), plötzliche Säuglingstod oder Krippentod ist das unerwartete und nicht erklärliche Versterben eines Säuglings oder Kleinkindes, das zumeist in der (vermuteten) Schlafenszeit des Säuglings auftritt. In den Industrienationen gilt er als häufigste Todesursache von Kleinkindern jenseits der Neugeborenenperiode. Früher wurde er auch „Thymustod“ genannt.
Der plötzliche Kindstod tritt am häufigsten im ersten Lebensjahr auf; 2 bis 6 % der Todesfälle ereignen sich allerdings noch im zweiten Lebensjahr.Sicherer Babyschlaf. Tagungsband 2002, S. 12; (babyschlaf.de, PDF)
Der Begriff ist auch bekannt unter der englischen Abkürzung SIDS (von engl. sudden infant death syndrome). Eng verknüpft damit ist auch der Begriff near-SIDS bzw. near-missed-SIDS, was dem im Deutschen häufiger gebrauchten ALTE (apparent life-threatening event – akutes lebensbedrohliches Ereignis)ICD-10-GM Version 2010 - R06.80 Akutes lebensbedrohliches Ereignis im Säuglingsalter. () entspricht, das für primäre Schlafapnoe im Säuglingsalter steht.
Definition Der plötzliche Kindstod als Diagnose wurde erstmals 1970 definiert1889 beschrieb Arnold Paltauf den Status thymolymphaticus und den sogenannten Thymustod. Vgl. Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 49. und besteht nach zahlreichen Änderungen bis heute fort: als plötzlicher Tod eines Säuglings oder Kleinkinds, für den trotz Autopsie und Untersuchung des Auffindeortes keine Ursache – wie zum Beispiel Krankheit oder Unfall – ermittelt werden kann. Es handelt sich also immer um eine Ausschlussdiagnose. Das heißt, dass der Kinderarzt oder Pathologe, manchmal auch der Rechtsmediziner (ungeklärte Todesart), alle anderen denkbaren natürlichen und nicht-natürlichen Todesursachen wie Infektionen, Stoffwechselstörungen, Blutungen (auch nach Schütteltrauma), Fehlbildungen und Unfälle (Vergiftung, Strom, Sturz, Unterkühlung, Ertrinken, Ersticken, …) ausschließen muss und auch die klinische Vorgeschichte sowie die konkreten Todesumstände keinen richtungsweisenden Anhalt geben dürfen, bevor man vom plötzlichen Kindstod sprechen kann.
Gleichzeitig heißt dies aber auch, dass man eine Ursache für den plötzlichen Kindstod nicht kennt, sondern es nur unterschiedliche Hypothesen dazu gibt. Allerdings entstammt diese Definition der Zeit der Entdeckung dieses Phänomens, bevor der Großteil der relevanten Forschung stattfand. Mittlerweile sind häufige Übereinstimmungen bei Todesumständen bekannt und es gibt seit Jahrzehnten Diskussionen um eine Überarbeitung der traditionellen Definition, unter anderem wegen Problemen mit der Definition der Unerklärbarkeit. Offenbar wird seit langem auch versehentliches Ersticken dazugezählt.
Epidemiologie Der plötzliche Kindstod stellt eine große Herausforderung für die kinderpathologische Forschung und die Präventivmedizin in der Kinderheilkunde dar. Im Jahr 2014 starben in Deutschland 119 Kinder an plötzlichem Kindstod gegenüber 714.927 lebend geborenen Kindern (Risiko: 0,17 ‰). In Deutschland war der plötzliche Kindstod in diesem Jahr damit nur noch die dritthäufigste Todesart im Kindesalter jenseits der Neugeborenenperiode.Todesursachen bei Säuglingen. 2015. Statistisches Bundesamt. () Dank einer breiten Aufklärung über mögliche Risiken sinken die Zahlen in Deutschland seit vielen Jahrzehnten kontinuierlich. Für 2022 fiel die Zahl auf einen Tiefstand von 91 Kinder.
Männliche Säuglinge sind mit 60 % stärker betroffen als weibliche.Deutsches Ärzteblatt. 19. November 2004, (aerzteblatt.de) Zwei Drittel der Todesfälle ereignen sich in den Wintermonaten.
Etwa 80 % der Todesfälle ereignen sich vor dem sechsten Lebensmonat des Säuglings.Karl H. P. Bentele: Der plötzliche Tod im Neugeborenen- und Säuglingsalter. S. 2 (, PDF) Dabei tritt der plötzliche Kindstod am häufigsten im zweiten bis vierten Lebensmonat des Säuglings auf.
In den meisten Fällen findet der plötzliche Kindstod während der (vermuteten) Schlafenszeit des Säuglings statt.Der plötzliche Säuglingstod: Epidemiologie, Ätiologie, Pathophysiologie und Differenzialdiagnostik. In: Deutsches Ärzteblatt. 19. November 2004, (aerzteblatt.de)
Eine Studie aus den USA, die 568 Fälle aus den Jahren 1991 bis 2008 untersucht hat, zeigt, dass es bei 99 % der betroffenen Kinder mindestens einen Risikofaktor gab. Bei 75 % lag ein intrinsischer und ein extrinsischer Faktor vor, bei 57 % sogar zwei extrinsische und ein intrinsischer. Lediglich bei 5 % der verstorbenen Kinder konnte kein erhöhter extrinsischer Risiko-Faktor festgestellt werden. Mangels einer Kontrollgruppe in der Studie sind diese Zahlen jedoch nur bedingt aussagekräftig. Es ist unbekannt, bei wie viel Prozent von unbetroffenen Kindern ebenfalls mindestens ein Risikofaktor vorliegt. Bedingt durch die gewählten Risikofaktoren (z. B. männliches Geschlecht) kann davon ausgegangen werden, dass auch bei einem hohen Prozentsatz der unbetroffenen Kinder mindestens ein Risikofaktor zutrifft.
Risikofaktoren und Risikogruppen Auf der Grundlage von Autopsien, Befragungen und Statistiken versuchen Ärzte und andere Wissenschaftler, Risikofaktoren und Risikogruppen für den plötzlichen Kindstod festzustellen.
Risikofaktoren Die wichtigsten Risikofaktoren sind:M. Vennemann, D. Fischer, M. Findeisen: Kindstodinzidenz im internationalen Vergleich. In: Monatsschrift für Kinderheilkunde. Band 151, 2003, S. 510–513. Höheres Alter der Mutter eine früher bereits eingetretene lebensbedrohende Krise ein am plötzlichen Kindstod verstorbenes Geschwisterkind eine Frühgeburt vor der 33. SSW oder ein sehr niedriges Geburtsgewicht Drogenkonsum der Mutter (vor allem polytoxikomaner DrogenkonsumRuthard Stachowske: Langzeitfolgen des Suchtmittelkonsums während der Schwangerschaft. Vortrag beim Caritasverband Mannheim e. V. 2011. ())
Weitere Risikofaktoren des Säuglings: Passivrauchen sowohl während der Schwangerschaft als auch nach der Geburt Überwärmung Schlafen in Bauchlage. Nach Rückenschlaf-Kampagnen wie der erfolgreichen Kampagne „Safe to Sleep“ war ein drastischer Rückgang der Todesfälle bemerkbar. Zudecken des Kopfes oder ungenügende Luftzirkulation Die Bettumrandung (Nestchen) Schlafen im eigenen Kinderzimmer
Umstritten: Schlafen im Bett der ElternRobert Carpenter et al.: Bed sharing when parents do not smoke: is there a risk of SIDS? An individual level analysis of five major case–control studies. In: BMJ Open. 2013, 3, S. e002299; doi:10.1136/bmjopen-2012-002299.Nigel Hawkes: Sharing a bed with your baby increases the risk of sudden infant death syndrome. In: BMJ. Band 346, Mai 2013, S. f3296; doi:10.1136/bmj.f3296 (Siehe auch: Co-Sleeping) Bakterium Staphylococcus aureus und Escherichia coliM. A. Weber et al.: Infection and sudden unexpected death in infancy: a systematic retrospective case review. In: The Lancet. Band 371, Nr. 9627, 31. Mai 2008, S. 1848–1853; doi:10.1016/S0140-6736(08)60798-9. PMID 18514728. Verzicht auf Stillen
Risikogruppen Als vom plötzlichen Kindstod besonders gefährdete Gruppen zeigen sich aufgrund bisheriger Studien Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht (Frühgeburten), Mehrlingsgeburten und Säuglinge mit mehreren älteren Geschwistern. Zudem gelten Kinder aus sozial benachteiligten Familien, Kinder besonders junger Mütter (unter 20 Jahren) sowie Kinder Alleinerziehender als überdurchschnittlich gefährdet.Hintergrundinformation. (PDF) Bayerisches Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, 6. April 2006 (unter Verweis auf zahlreiche Studien) Ob bei Geschwisterkindern von am plötzlichen Kindstod bereits verstorbenen Kindern das Kindstodrisiko erhöht ist, wird kontrovers diskutiert.
Als besonders gefährdet gelten überdies Säuglinge, die im Schlaf sehr stark schwitzen oder Säuglinge, die durch längere Atempausen (Apnoe) auffallen. Ungewöhnliche Blässe des Kindes im Schlaf oder das blaue Anlaufen der Arme und Beine im Schlaf können ebenfalls Hinweise auf ein besonderes Risiko sein. (Medizin-Repetitorium) Als gefährdet gelten überdies Kinder, die bereits ein akut lebensbedrohliches Ereignis überlebt haben.
Raucht eine Schwangere täglich mehr als zehn Zigaretten, so erhöht sich das Risiko für SIDS auf das Siebenfache. Das Risiko von SIDS bei elterlichem Tabakkonsum ist um das Zwei- bis Vierfache höher als in rauchfreien Haushalten.Passivrauchende Kinder in Deutschland – Frühe Schädigungen für ein ganzes Leben. (dkfz.de, PDF; 365 kB)
Im Rahmen seltener Syndrome kann es zum Plötzlichen Kindstod kommen, so bei der Konnatalen Hyperekplexie oder dem Anderson-Tawil-Syndrom.
Vorbeugende Maßnahmen zur Risikovermeidung Eine der wichtigsten und effektivsten Vorsorgemaßnahmen ist die Vermeidung bzw. Reduktion der bekannten Risikofaktoren. Als vorbeugende Maßnahmen gelten:
rauchfreie Umgebung Schlafzimmertemperatur 16–18 °C Rückenlage zum Schlafen, auch keine Seitenlage, wegen Drehens Schlafen im Elternschlafzimmer feste, luftdurchlässige Matratze keine Bettumrandung (Nestchen) passender Schlafsack, keine Kopfbedeckung und keine zusätzlichen Decken, Felle, Kissen, Nestchen etc.
Zudem wird empfohlen, Kinder im ersten Lebensjahr nicht im eigenen Zimmer, sondern mit den Eltern in einem Raum schlafen zu lassen. Über das gemeinsame Schlafen von Eltern und Kindern in einem Bett (sogenanntes Familienbett oder Co-Sleeping) gibt es indessen widersprüchliche Aussagen. Eine neuere Studie aus Schottland konnte nochmals zeigen, dass vor allem Säuglinge, die jünger als elf Wochen alt sind, ein erhöhtes Risiko für den plötzlichen Kindstod haben, wenn sie das Bett mit den Eltern teilen. Dagegen sind z. B. in den USA beide Ansichten aufzufinden.
Anderen Studien zufolge soll das Saugen am Schnuller eine vorbeugende Wirkung haben.
In Ländern wie Großbritannien und den Niederlanden wurden die oben genannten vorbeugenden Maßnahmen sogar über das Fernsehen bekannt gemacht mit dem Erfolg, dass die Anzahl der Todesfälle merklich gesenkt werden konnte. In den Niederlanden hat sich etwa die Zahl der plötzlichen Kindstode von 1987 (0,91 ‰ Lebendgeborene) bis 2004 (0,09 ‰ Lebendgeborene) um den Faktor 10 verringert; die Niederlande haben damit die niedrigste Kindstodrate in der westlichen Welt.Informationen. (PDF) Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, 6. April 2006; In den Niederlanden existiert eine flächendeckende strukturierte Gesundheitsförderung in der Wochenbettbetreuung, durch Hebammen und Mütterpflegerinnen, die das Einhalten der Regeln des sicheren Schlafens in den ersten acht Lebenstagen mit den Eltern einüben.Zorgprotocol veilig slapen en preventie wiegendood. Kenniscentrum Kraamzorg. 2018, Leitlinie. (kckzapp.nl, PDF; 186 kB, niederländisch) In Deutschland wird seit 1991 die Rückenlage als Schlafposition für den Säugling empfohlen. Zwischen 1991 und 2002 hat sich die Zahl der Kindstodfälle auch in Deutschland von 1285 Fällen 1991 auf 367 Fälle im Jahr 2002 reduziert (von 1,55 ‰ auf 0,51 ‰ Lebendgeborene), was oft auf die Empfehlung der Rückenlage und andere Präventionsmaßnahmen zurückgeführt wird.Sicherer Babyschlaf. Tagungsband. 2002, S. 16. (, PDF)
Früher wurde gegen die Rückenlage beim Schlafen eingewandt, Kinder würden von dieser Lage eine Schädeldeformation bekommen. Untersuchungen an Kleinkindern belegen, dass von einer möglichen Deformation jedoch keine dauerhaften Veränderungen herrühren.