mini|hochkant|In der Fremdenlegion, 1909
Erwin Carlé (Pseudonym Erwin Rosen; * 7. Juni 1876 in Karlsruhe; † 21. Februar 1923 in Hamburg) war ein deutscher Schriftsteller und Journalist. Er wurde vor allem bekannt durch seine Erinnerungsbücher, in denen er über seine Abenteuer in Amerika und seine Zeit in der Fremdenlegion berichtet. Beliebt waren auch seine zahlreichen kurzen Humoresken, die im Feuilleton von Zeitschriften und in Sammlungen erschienen.
Leben und Werk Jugend Erwin Carlé alias Rosen wurde am 7. Juni 1876Erwin Rosen gab sein Alter im März 1922 mit 45 Jahren an (#Rosen 1922, S. 7). Demnach ist sein Geburtsjahr 1876 und nicht 1873, wie in #Killy 2005 angegeben. in Karlsruhe geboren. Er wuchs in München auf, wo er das Königlich Bayerische Maximiliansgymnasium besuchte, bis er in der Untersekunda 1892 wegen Unbotmäßigkeit von der Schule verwiesen wurde.#Rosen 1911, S. 5–11. Seine Eltern schickten ihn auf das Königliche Seminar Burghausen, wo er zuerst im Internat, dann als Stadtschüler untergebracht war. Als offenbar wurde, dass der 18-jährige Unterprimaner mit einer Bürgerstochter poussierte, wurde er zum zweiten Mal relegiert.#Rosen 1911, S. 16–18. Seine Eltern schickten ihn nun auf eine Privatschule („Presse“), aber er trieb sich in Kneipen herum und machte „groteske Schulden“. Da der junge Mann keiner Besserung fähig schien, griffen seine Eltern 1894 zu einer Maßregel, die damals in gutbürgerlichen Kreisen gar nicht so selten war. Sie zwangen ihren 19-jährigen Sohn nach Amerika auszuwandern, um sich dort zu einem ordentlichen Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft zu entwickeln.#Rosen 1911, S. 10.
Amerika mini|hochkant|„Der deutsche Lausbub in Amerika“, Teil 2, 1912.
Erwin Rosens Vater stattete seinen Sohn mit einem Zehrpfennig aus und begleitete ihn nach Bremerhaven, von wo ihn ein Schiff über New York nach Galveston in Texas brachte. Der junge Auswanderer nahm das abenteuerliche Leben in den USA trotz aller Widrigkeiten mit Freuden an. In den drei Jahren von 1894 bis 1897 war er Baumwollpflücker, Apothekengehilfe, Eisenbahntramp und Gelegenheitsarbeiter, Kesselputzer, Übersetzer bei einer deutschen Zeitung in St. Louis, Fischpökler, Deutschlehrer und Reporter in San Francisco. Seine Erlebnisse in dieser Zeit schrieb er im ersten Band seiner amerikanischen Erinnerungen „Der deutsche Lausbub in Amerika“ nieder.#Rosen 1911.
1898 nahm er aus Abenteuerlust als amerikanischer Fernmeldesoldat am Spanisch-Amerikanischen Krieg auf Kuba teil, den er körperlich unversehrt überstand. Gegen Ende des Krieges zog er sich ein gefährliches Gelbfieber zu und musste sich einer Quarantäne und einem viermonatigen Rekonvasleszenzaufenthalt in Washington unterziehen. Seine Kriegsabenteuer hielt er im zweiten Band seiner amerikanischen Erinnerungen fest.#Rosen 1912. Nach seiner Genesung wurde er 1899 in die Fernmeldeabteilung des amerikanischen Kriegsministeriums in Washington abgeordnet.
Im Lauf des Jahres kam er um seinen Abschied bei der Armee ein. Er begab sich nach New York, wo er sich ein Jahr lang als freiberuflicher Reporter und Artikelschreiber betätigte. Nachdem in der Zwischenzeit sein Vater gestorben war, erreichte ihn um 1901 ein Brief seiner Mutter „mit trüben Nachrichten von Sorgen und veränderten Verhältnissen, und einmal hieß es – ‚hätten wir dich nur hier!’“ Er befand sich gerade in New Orleans und entschied kurzentschlossen, sein amerikanisches Abenteuer zu beenden und nach Deutschland zurückzukehren. Damit endet der dritte Band seiner amerikanischen Erinnerungen.#Rosen 1913.
Rückkehr Erwin Rosen kehrte 1901 nach München zu seiner Mutter zurück. Es gelang ihm nicht, bei deutschen Zeitungen Fuß zu fassen, bis er eine Marktlücke entdeckte: „kleine, kurze, flotte Geschichtchen voller Handlung und Spannung“, möglichst getränkt mit Humor.#Rosen 1922, S. 59. Er zog sich in den Geburtsort seiner Mutter nach Ulm zurück und schrieb in drei Monaten 80 Geschichtchen (siehe #Yankeegeschichten), die er an die verschiedensten Zeitungen verkaufen konnte und die ihm etwa 100 Mark im Monat einbrachten, das entspricht etwa 650 Euro.#Rosen 1922, S. 59, 74, 81. – Zur Umrechnung von Mark in Euro siehe: Deutsche Bundesbank: Kaufkraftäquivalente historischer Beträge in deutschen Währungen (PDF).
Eine frühere Blindbewerbung bei einer großen Berliner Zeitung war erfolglos geblieben. Nachdem die Zeitung aber mehrere seiner Geschichtchen gesehen und gedruckt hatte, wurde er aufgefordert, in die Lokalredaktion der Zeitung einzutreten. Er sollte mit „amerikanischem Schmiss“ für frischen Wind in der Zeitung sorgen, die unter starkem Druck eines Wettbewerbers stand. Seine lebendig geschriebenen Artikel, die oft auf unkonventionellen Interviews basierten, musste er gegen den Widerstand seiner konservativen Kollegen „durchdrücken“. Er häufte Schulden auf Schulden, wurde untragbar für seine Zeitung und musste schließlich seine Stelle aufgeben.#Rosen 1909, S. 84–115.
Um 1903Erwin Rosen schrieb einen Artikel über Isadora Duncans ersten Besuch in Berlin 1903 (#Rosen 1922, S. 92–93). begab sich Erwin Rosen nach London, wo er aber als Zeitungsmann nicht Fuß fassen konnte. Er kehrte nach Deutschland zurück und ließ sich in Hamburg nieder. Nach einiger Zeit der Ziellosigkeit lernte er eine Frau kennen und lieben. Die Liebe gab ihm Auftrieb, und es gelang ihm, als Redakteur bei einer Hamburger Zeitung eingestellt zu werden. Er verdiente gutes Geld, aber seine alte Krankheit, das Schuldenmachen holte ihn wieder ein. Schließlich stand er bei Wucherern nach heutigem Geldwert mit über 40.000 Euro in der Kreide.#Rosen 1922, S. 116–183. Seine leichtsinnige Lebensführung führte dazu, dass die geliebte Frau „nicht mehr an ihn glauben konnte“. Die Beziehung zerbrach, und Erwin Rosen beschloss in seiner Verzweiflung, sich der französischen Fremdenlegion anzuschließen.#Rosen 1909, S. 3.
Fremdenlegion mini|hochkant=0.6|Siebenflammige Granate, Abzeichen der Fremdenlegion.
Erwin Rosen begab sich nach Belfort im Elsass, wo er am 5. Oktober 1905 der Fremdenlegion beitrat.#Rosen 1909, S. 15. In Sidi bel Abbès in Algerien wurde er unter der Nummer 17889 in das Erste Regiment der Legion aufgenommen. Seine romantischen Vorstellungen von der Legion zerstoben binnen kurzem im Nichts, und er sann nur noch darauf, der Legion so schnell wie möglich zu entrinnen. Obwohl er niemand etwas von seinem Beitritt zur Legion mitgeteilt hatte, erreichte ihn nach zwei Jahren ein Brief seiner Verlobten und ein Brief seiner Mutter, die seine Adresse durch das französische Kriegsministerium erfahren hatten:#Rosen 1909, S. 3, 48, 288–289.
Dank einer Geldsendung seiner Mutter gelang ihm 1907 mit Eisenbahn und Schiff die gefährliche Flucht nach Marseille und von dort aus nach Innsbruck.#Rosen 1909, S. 290–304.
Geschichtenschreiber mini|hochkant=1.2|„Yankeegeschichten“, 1920.
Nach seiner Flucht aus der Fremdenlegion wollte Erwin Rosen sich nicht geruhsam in München bei seiner Mutter niederlassen, sondern wählte Innsbruck in Tirol als Rückzugsort, wo er als kleiner Bub einmal mit seinem Vater gewesen war. Hier wollte er wie schon in Ulm als Lohnschreiber Humoresken produzieren, um die hohen Schulden bei seinen Hamburger Gläubigern abzulösen.
Später schrieb er über diese Zeit: „Ein Geldschmierer war ich, ein Zeilenschreiber, ein Hausierer im Zeitungsland, ein Humoreskenfabrikant.“#Rosen 1922, S. 202. Seine Geschichten, die er am laufenden Band produzierte und vielfach verwertete, waren begehrt und brachten ihm im Monat etwa 700 Mark ein, wovon er 600 Mark zur Rückzahlung seiner Schulden verwendete.#Rosen 1922, S. 218. – 600 Mark entsprachen etwa 3.500 Euro. Da er sich etwa ein Jahr lang in Innsbruck aufhielt, beliefen sich seine Rückzahlungen zusammen auf etwa 7.000 Mark, das entspricht etwa 40.000 Euro. Zur Umrechnung von Mark in Euro siehe: Deutsche Bundesbank (PDF) In späteren Jahren rühmte er sich, dass seine Geschichten ihm mit Erst- und Zweitdrucken im Schnitt 1 Mark pro Wort eingebracht hätten, und dass er Jahre hindurch in der Hitliste der Feuilletonschriftsteller an vierter Stelle gestanden habe.#Rosen 1922, S. 218.
Nach einem Jahr in Innsbruck begab er sich nach München, wo er zur Faschingszeit 1908 ankam. Er schrieb weiterhin seine Geschichten und berichtete für die Münchener Neuesten Nachrichten über Faschingsbälle und Redouten. Einige lukrative Aufträge für Berliner Zeitungen setzten ihn in den Stand, seine Schulden vollends auszugleichen. Dazu fuhr er nach Hamburg, zahlte seine Gläubiger aus – und blieb für den Rest seines Lebens dort.#Rosen 1909, S. 254.
Er wohnte zuerst in Ahrensburg in der Nähe von Hamburg in „einem Gartenhäuschen“. Ab 1912 bis 1922 wohnte er in dem Hamburger Stadtteil Eimsbüttel unter den Adressen Bogenstraße 66, Bogenstraße 24, Koopstraße 4, Koopstraße 2, Bogenstraße 24 und Rothenbaumchaussee 181.Hamburger Adressbücher 1907–1923.
Erinnerungsbücher Bisher hatte Erwin Rosen nur für die Tagespresse gearbeitet. 1908 erreichte ihn ein Brief des Stuttgarter Verlegers Robert Lutz. Der hatte im Schwäbischen Merkur eine Skizze von Erwin Rosen über seine Erlebnisse in der Fremdenlegion gelesen und fragte nach, ob er ein Memoirenwerk über die Fremdenlegion für die „Memoirenbibliothek“ des Verlags schreiben wolle.#Schmidt 1907, #Rosen 1922, S. 255. Erwin Rosen nahm das Angebot an, unter anderem weil er es als seine Mission ansah, die Öffentlichkeit über die Zustände in der Fremdenlegion aufzuklären und junge Männer davor zu bewahren, sich leichtfertig der Legion auszuliefern.
Im März 1909 legte er seine erste Buchveröffentlichung „In der Fremdenlegion“ vor. Das letzte Kapitel seines Buchs nannte er nach Emile Zolas Offenem Brief in der Dreyfus-Affäre „J’accuse“ (Ich klage an) und rechnete darin mit dem ausbeuterischen, menschenverachtenden System der Legion ab. Sein Buch, das zahlreiche Auflagen, darunter auch zensierte Jugendausgaben erlebte, wurde in Deutschland zur wichtigsten Quelle über die Legion in Schulunterricht, Presse und politischen Debatten.#Koller 2012. Das Buch erschien auch in englischer, dänischer und niederländischer, nicht jedoch in französischer Übersetzung, wurde aber in der französischen Presse kontrovers diskutiert. 1914 legte Erwin Rosen unter dem Titel „Cafard“ (Wahnsinn) auch eine dramatische Bearbeitung des Themas vor, ein schlechtes Theaterstück, wie er später selbst urteilte.#Rosen 1913.2.
Mit dem Legionsbuch eröffnete Erwin Rosen die Serie seiner Erinnerungsbücher, ohne jedoch seine einträgliche Geschichtenschreiberei aufzugeben. Von 1911 bis 1913 brachte er jährlich einen Band seiner Amerika-Erinnerungen „Der deutsche Lausbub in Amerika“ heraus, die wie schon sein Legionsbuch in der Memoirenbibliothek des Verlags Robert Lutz erschienen. Im ersten Band berichtete er über sein abenteuerliches Leben von 1894 bis 1897, im zweiten Band über seine Teilnahme am Spanisch-Amerikanischen Krieg auf Kuba 1898 und im dritten Band über seine Tätigkeit als Journalist von 1899 bis 1901.
Sammelwerke Von 1914 bis 1916 verfasste Erwin Rosen für die Anekdotenbibliothek des Verlags Robert Lutz drei „Kriegsbücher“ (Verlagsanzeige) über den „Großen Krieg“, über Bismarck und über den Kriegsgegner England.#Rosen 1914.1-4, #Rosen 1915, #Rosen 1916.
„Ein Spiegel des herrschenden Chauvinismus, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt,“ war das vierbändige Werk „Der Große Krieg“, das in den Kriegsjahren unzählige Ausgaben erlebte.#Huonker 1985. Schon zwei Monate nach Kriegsbeginn gab Erwin Rosen den ersten Band heraus, den vierten und letzten Band beendete er im Oktober 1916, als er bereits selbst als Soldat im Feld stand. Die Bezeichnung „Anekdotenbuch“ im Untertitel ist irreführend, tatsächlich handelt es sich um eine Sammlung von Lesefrüchten des Autors, die „ein getreues Seelengemälde des deutschen Volkes“ darstellen sollten.#Rosen 1914.1-4, S. 9.