mini|Stadtvignette von Jerusalem Die Mosaikkarte von Madaba (auch Madaba-Mosaik oder Madabakarte) ist ein fragmentarisch erhaltenes spätantik-frühbyzantinisches Bodenmosaik in der modernen griechisch-orthodoxen St.-Georgs-Kirche in Madaba (Jordanien). Das Madaba-Mosaik ist die älteste im Original erhaltene kartografische Darstellung Palästinas beiderseits des Jordans und Unterägyptens. Sie wurde nach 542, möglicherweise während der Regierungszeit Kaiser Justinians († 565), angefertigt.
Bekannt ist die Madabakarte für ihre detailreiche Darstellung der Stadt Jerusalem mit Mauern, Toren, Hauptstraßen und Kirchen. Auch andere Städte, beispielsweise Aschkelon und Gaza, sind ähnlich detailliert behandelt. Die Madabakarte enthält einige Informationen zum Wirtschaftsleben: In der Gegend von Jericho werden Datteln und Balsam angebaut, und Transportschiffe sind auf dem Toten Meer unterwegs. Vor allem ist der Pilgertourismus für Palästina im 6. Jahrhundert ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Karte ist mit meist biblischen Pilgerzielen versehen, ergänzt durch die Stationen der Überlandstraßen, durch die sie erschlossen wurden.
Eine steingetreue Kopie der Madabakarte befindet sich in der Abgusssammlung der Universität Göttingen. In diesem Artikel werden die Details des Madabamosaiks anhand von Fotos dieser Kopie vorgestellt.
Entdeckung und Publikation mini|St.-Georgskirche und Priesterhaus in Madaba (1905) Orthodoxe arabische Christen aus al-Karak verließen aufgrund eines lokalen Konflikts in den 1880er Jahren ihre Heimatstadt. Sie richteten eine Petition an die osmanische Regierung in Istanbul, in der sie darum baten, sich auf dem großen Siedlungshügel der byzantinischen Stadt Madaba neu ansiedeln zu dürfen. Die osmanischen Behörden machten ihnen zur Auflage, Kirchenbauten nur dort zu errichten, wo bereits vor Jahrhunderten eine Kirche gestanden hatte. Daher wurde auf dem Gelände der spätantiken und byzantinischen Stadt Madaba gezielt nach den Grundmauern von Kirchen gesucht.Herbert Donner: The Mosaic Map of Madaba: An introductory guide, Kampen 1992, S. 11.
Im Jahr 1884 wurde der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem, Nikodemos I., über die Auffindung des Bodenmosaiks beim Neubau der St.-Georgs-Kirche informiert; Reaktionen sind nicht dokumentiert. 1897 sah Kleopas M. Koikylides, der Bibliothekar des Patriarchates, das Mosaik in der mittlerweile fertiggestellten Kirche in Madaba und erkannte seine Bedeutung. Seine Publikation machte die Fachwelt auf die Mosaikkarte aufmerksam.Kleopas M. Koikylidēs: Ho en Madēva mōsaïkos kai geōgraphikos peri Syrias, Palaistinēs kai Aigyptou chartēs. Jerusalem 1897; s. Herbert Donner, Heinz Cüppers: Die Restauration und Konservierung der Mosaikkarte von Madeba, 1967, S. 17. Koikylides veröffentlichte eine schematische Zeichnung der Mosaikkarte. Spätere Besucher taten es ihm gleich. Der Deutsche Verein zur Erforschung Palästinas beauftragte 1901 den Jerusalemer Architekten Paul Palmer mit einer genauen Reproduktion. Palmer fertigte die kolorierte Zeichnung 1902 an; der Vereinsvorsitzende Hermann Guthe veröffentlichte sie als farbiges Tafelwerk 1906.Hermann Guthe (Hrsg.): Die Mosaikkarte von Madeba, gezeichnet von Architekt P. Palmer. Band I: Tafeln. Verlag des Deutschen Vereins zur Erforschung Palästinas, Leipzig 1906 (kein Textband erschienen). Damit wurde ein neuer Qualitätsstandard erreicht. Palmers Zeichnung war für Jahrzehnte die Grundlage für die Literatur zur Madabakarte.Herbert Donner, Heinz Cüppers: Die Restauration und Konservierung der Mosaikkarte von Madeba, 1967, S. 1 und 17 f. Noch Michael Avi-Yonah legte sie 1954 seiner Publikation über die Madabakarte zugrunde.Michael Avi-Yonah: The Madaba mosaic map: with introduction and commentary, Jerusalem 1954, S. 7.
Nach der Restaurierung der Madabakarte 1965 veröffentlichten Herbert Donner und Heinz Cüppers 1977 einen Tafelband, der die Mosaikkarte mit Fotos dokumentiert. Darauf sind auch die Randbereiche zu sehen, die zu Palmers Zeit mit Zement überstrichen waren und von ihm deshalb nicht gezeichnet wurden. Eine fotografische Gesamtaufnahme des Mosaiks anstelle von Palmers Zeichnung existiert nicht. Wie man auch den Standort wählt, stets werden Teile des Mosaiks von den modernen Pfeilern verdeckt.Herbert Donner, Heinz Cüppers: Die Mosaikkarte von Madeba. Tafelband, Wiesbaden 1977, S. viii.
Beschreibung mini|Innenraum der St.-Georgs-Kirche mit Mosaikfußboden in situ (2013) Die 1896 fertiggestellte griechisch-orthodoxe St.-Georgs-Kirche in Madaba wurde auf den Fundamenten einer frühbyzantinischen Vorgängerkirche errichtet.Rainer Warland: Die Mosaikkarte von Madaba und ihre Kopie in der Sammlung des Archäologischen Instituts der Universität Göttingen, 1992, S. 287. Die heutige Raumsituation entspricht weitgehend, bis auf die Pfeilerstellung, der Vorgängerkirche, die allerdings größer war. Das Bodenmosaik war ein querrechteckiges Bildfeld vor dem Altarraum. Es maß ursprünglich etwa und nahm die ganze Breite des Kirchenschiffs ein.
Auf der Mosaikkarte von Madaba wurde ursprünglich ein Gebiet vom Libanon im Norden bis zum Nildelta im Süden und vom Mittelmeer im Westen bis zur Arabischen Wüste im Osten dargestellt. Der Betrachter blickt in Richtung Osten, das heißt von einem imaginären Ort hoch über dem Mittelmeer über Jerusalem und den Jordan hinweg auf das Ostjordanland, wo sich Madaba befindet. Die Mosaikkarte ist nicht genordet, sondern geostet und stimmt darin mit der Orientierung des Kirchenraums überein.Michael Avi-Yonah: The Madaba mosaic map: with introduction and commentary, Jerusalem 1954, S. 9.
Die Großtopografie, die im gegenwärtigen fragmentarischen Zustand nicht mehr gut nachvollziehbar ist, dürfte den Konventionen spätantiker Tafelwerke entsprochen haben: Wulstartig dargestellte Gebirgszüge in Brauntönen gliedern im Verbund mit Flussläufen, Seen und Küstenlinien (blau) die Landschaft.Rainer Warland: Die Mosaikkarte von Madaba und ihre Kopie in der Sammlung des Archäologischen Instituts der Universität Göttingen, 1992, S. 287 f. In diese Grundstruktur sind zahlreiche Einzelinformationen eingetragen. Alle naturräumlichen Einheiten sind – in – mit Erläuterungen in griechischer Sprache beschriftet, die sich zumeist auf das Alte Testament beziehen.
In einer Kombination von Klapp-Perspektive und vogelschauartiger Darstellung sind ungefähr 150 Städte und Dörfer auf der Mosaikkarte abgebildet und benannt. Die Topografie wurde durch diese Vielzahl von Detailinformationen sehr unruhig. Eine Anzahl von großen Stadtvignetten wirkt dem entgegen und erleichtert die Orientierung: vor allem Jerusalem, aber auch Neapolis, Pelusium, Charachmoba, Askalon und Gaza werden als Zentren städtischen Lebens hervorgehoben. Die Bildtradition der Stadtvignetten stammt aus spätantiken Städtetafeln (vergleiche die Bebilderung der Notitia dignitatum).Rainer Warland: Die Mosaikkarte von Madaba und ihre Kopie in der Sammlung des Archäologischen Instituts der Universität Göttingen, 1992, S. 289. Mit wenigen Ausnahmen sind Kirchen durch rote Dächer gekennzeichnet, Paläste und Wohnbauten haben gelblich-graue Dächer, und Plätze sind durch braune Farbe erkennbar.Michael Avi-Yonah: The Madaba mosaic map: with introduction and commentary, Jerusalem 1954, S. 54.
Erhalten ist ein zusammenhängendes Fragment von etwa ; das entspricht etwa 25 Prozent der ursprünglichen Karte. Hinzu kommen zwei Fragmente im nördlichen Seitenschiff:
Fragment A zeigt einen Ort mit Kirche, der durch die Inschrift bezeugte byzantinische Ortsname ist wahrscheinlich mit ʿAkbara in Obergaliläa zu identifizieren. Fragment B, das etwa misst, wurde erstmals 1897 von Eugène Germer-Durand beschrieben.Eugène Germer-Durand: La carte mosaïque de Madaba, découverte importante. Maison de la bonne Presse, Paris 1897. Zu seiner Zeit war noch ein Teil des Mittelmeeres mit einem Schiff erkennbar. 1965 war das Fragment kleiner und zeigte nur Bergketten, zwei unidentifizierbare unvollständige Ortsnamen und den Segen über den Stamm Sebulon ( im Wortlaut der Septuaginta). Während dieses Stammesgebiet historisch gesehen in Untergaliläa zu suchen ist, hat es der byzantinische Mosaizist in den heutigen Libanon ausgedehnt.Herbert Donner: The Mosaic Map of Madaba: An introductory guide, Kampen 1992, S. 97 f. Ein weiteres Fragment, das Germer-Durand 1897 im Flur eines Privathauses sah und das den biblischen Ort Sarepta zeigte, gehört nach Einschätzung Donners sehr wahrscheinlich nicht zum Bodenmosaik der St.-Georgs-Kirche.
Im Folgenden wird die Einteilung der Mosaikkarte in zehn Tafeln zugrunde gelegt, wie sie Paul Palmer vorgenommen hatte (siehe Foto).
Obere Reihe: Tafel I: Jordan Tafel II: Einmündung des Jordans ins Tote Meer Tafel III: Mittleres Totes Meer und ostjordanisches Bergland mit Charachmoba (al-Karak) Tafel IV: Südende des Toten Meeres Tafel V: (nur Teile von Inschriften)
Untere Reihe: Tafel VI: Neapolis (Nablus) und Umgebung Tafel VII: Jerusalem und Umgebung Tafel VIII: Wüste Juda mit Philippus-, Zacharias- und Abrahamsheiligtümern; Aschkalon Tafel IX: Gaza und Umgebung Tafel X: Unterägypten
Jerusalem und Umgebung (Tafel VII) Das größte und detailreichste Element der topografischen Darstellung ist „die heilige Stadt Jerusalem“ () im Zentrum der Karte. Die Stadtvignette Jerusalems lag auf der Raumachse der Kirche. Der auf dem Fragment nicht erhaltene Ort Madaba lag auf der Verlängerung dieser Achse und unmittelbar vor dem Bema.Rainer Warland: Die Mosaikkarte von Madaba und ihre Kopie in der Sammlung des Archäologischen Instituts der Universität Göttingen, 1992, S. 292. Jerusalem als Mittelpunkt der Welt ist auch das Zentrum der Madabakarte. In Jerusalem wurde nicht die Grabeskirche, sondern der Fuß der Säule am Damaskustor als zentraler Punkt der Karte gewählt.Michael Avi-Yonah: The Madaba mosaic map: with introduction and commentary, Jerusalem 1954, S. 10.
Mauern und Tore Jerusalem ist in seinen Stadtmauern als Oval dargestellt. Von einem fiktiven Standort hoch im Westen blickt der Betrachter „perspektivisch“ auf Jerusalem hinab: Die Westmauer sieht er von der Außenseite, die Ostmauer von der Innenseite.Michael Avi-Yonah: The Madaba mosaic map: with introduction and commentary, Jerusalem 1954, S. 50. Dargestellt ist die spätantik-byzantinische Stadtmauer Jerusalems. Nach verbreiteter Datierung wurde sie in den 440er Jahren unter Kaiserin Aelia Eudocia fertiggestellt.Vgl. beispielsweise Dan Bahat: Jerusalem. In: Eric M. Meyers (Hrsg.): The Oxford Encyclopedia of Archaeology in the Near East, Band 3. Oxford University Press, New York/Oxford 1997, S. 224–238, hier S. 235. Im Gegensatz zur heutigen, 1517 unter Sultan Süleyman I. errichteten Stadtmauer Jerusalems umschloss die byzantinische Stadtmauer auch den Südwesthügel (Zionsberg) und den Südosthügel (mit dem Siloahteich an seinem Fuß).Herbert Donner: The Mosaic Map of Madaba: An introductory guide, Kampen 1992, S. 87 f. Dagegen wird auch die Meinung vertreten, dass Jerusalem in der Spätantike eine offene Stadt blieb. In diesem Fall liefert die Jerusalem-Vignette einen Terminus ante quem für die Erbauung der byzantinischen Stadtmauer, da dieser Mauerring auf dem Mosaik dargestellt ist.Neslihan Asutay-Effenberger, Shlomit Weksler-Bdolah: Delineating the Sacred and the Profane: The Late-Antique Walls of Jerusalem and Constantinople. In: Konstantin M. Klein, Johannes Wienand (Hrsg.): City of Caesar, City of God: Constantinople and Jerusalem in Late Antiquity (= Millennium-Studien Band 97). De Gruyter, Berlin/Boston 2022, S. 69–110, hier S. 88 f. (Digitalisat).