mini|hochkant=1.35|Blick auf Perperikon vom Tal aus (2004) Perperikon () ist ein archäologischer Komplex in Bulgarien, der bereits in der Steinzeit ein Felsenheiligtum war, dessen Überreste teilweise erhalten sind. Bei den Thrakern wurde das landschaftlich markante Gelände zu einer als heilig geltenden Felsenstadt, Hauptstadt im Orpheuskult und Festung mit Königspalast. Später siedelten auf dem Gebiet Römer, Goten, Byzantiner und Bulgaren.
Lage mini|Lage von Perperikon Perperikon liegt in Südbulgarien, im Osten des Rhodopen-Gebirges, 15 km nordöstlich von Kardschali.
Das Heiligtum der Thraker liegt 470 m über dem Meeresspiegel, auf einem Felsen, der sich auf der Spitze eines Hügels befindet.
Der Felsenberg, auf dem Perperikon gebaut wurde, liegt in einem 10 km langen und 3–4 km breiten Tal (ca. 300–370 m über NN), durch das der goldhaltige Fluss Perperischka (bulg. Перперишката река) fließt.
Entlang des Flusses liegen archäologische Objekte aus verschiedenen Epochen, die sich alle um Perperikon als Zentrum gruppieren. Von unten aus dem Tal ist die Felsenstadt nicht zu sehen.
Die ehemals besiedelte Fläche von Perperikon, die sich auf den Felsen (Megalith-Hügel) und seine Umgebung erstreckte, nahm eine Fläche von ca. 12 km² ein. Die Megalithanlage, die größte auf der Balkanhalbinsel, umfasst eine Fläche von 5 km². Perperikon liegt am rechten Ufer des Flusses Perperek, oberhalb des Dorfes Gorna Krepost.
Bedeutung
Für die Archäologie hat der thrakische Tempel die größte Bedeutung, da Perperikon der wichtigste Ort der Thraker in den Ostrhodopen war. Die Felsen beherbergten zu jener Zeit einen Kultkomplex sowie eine antike Felsenstadt mit einem Tempel. Es wird angenommen, dass der Tempel das Heiligtum des thrakischen Weltgottes Zagreus (bulg. Сабазий/Sabasij oder Загрей/Zagrej) war. Perperikon war einer der nördlichsten Vorposten der bronzezeitlichen Kultur des Mittelmeerraumes.
Perperikon wurde in der Antike mit vielen griechischen Mythen verbunden und der hier befindliche Dionysos-Tempel war aus schriftlichen Quellen (siehe Historische Quellen) gut bekannt. Bis zur Entdeckung der Felsenstadt war der Standort aber unklar, deshalb suchten die Archäologen schon seit über 100 Jahren nach ihm.
In der griechischen und römischen Antike war das Heiligtum als Orakel genauso bekannt wie das von Apollon in Delphi. Und es wird angenommen, dass sich hier die berühmten Heiligtümer und Orakelschreine befunden haben, die der thrakische Stamm der Bessen dem Gott Dionysos gewidmet hatten. Noch in christlicher Zeit wurde der Ort verehrt.
Die Funde aus der Thrakerzeit helfen bei der Rekonstruktion des Lebens einer Epoche, aus der die Historiker wenig Daten besitzen, da es aus der Zeit des 13. bis 12. Jahrhunderts v. Chr. keine schriftlichen Aufzeichnung gibt und auch aus späterer Zeit keine eigenen historischen Nachrichten der Thraker existieren.
Perperikon war das älteste Zentrum der Thraker, das bis heute bekannt wurde. Der Felsenpalast von Perperikon ist 1.000 Jahre älter als die thrakischen Siedlungen, die im Tal der Thrakischen Könige bei Kasanlak gefunden wurden.
Perperikon hat seine Bedeutung für die Archäologie aber auch als größte Siedlung der Steinzeit auf dem Balkan.
Geschichte Die Felsen von Perperikon waren bereits in der späten Jungsteinzeit und in der Kupfersteinzeit (Chalkolithikum, Äneolithikum), Ende 6. bis Anfang 5. Jahrtausend v. Chr. heilig. Die Anhöhe war bis zum 14. Jahrhundert v. Chr. besiedelt.
Historische Quellen mini|Die Ruinen von Perperikon Die Quellen berichten von einer Priesterin, die Prophezeiungen machte, ähnlich dem Orakel in Delphi. Die Lage des Dionysos-Orakels wurde jedoch geheim gehalten. Heute schließen die Forscher lediglich aus Indizien, dass der Haupttempel des Dionysoskultes in Perperikon stand, ein absoluter Beweis dafür liegt jedoch noch nicht vor. Eine andere mögliche Stelle, an der sich das Dionysos-Orakel befunden haben könnte, ist der Felsen Belantsch (bulg. Беланташ; internationale Transliteration : Belintaš), ebenfalls in den Ostrhodopen. Auch hier wurden viele thrakische Megalithheiligtümer entdeckt.
Macrobius (um 400 n. Chr.) berichtete von einem Heiligtum in der Form einer ovalen Halle.
Euripides ist in seiner Tragödie „Hekabe“ (424 v. Chr.) verwundert, dass „einige sagen, dass das Dionysos-Orakel im Pangaiongebirge liegt, während andere sagen, dass es im Hemus (Balkangebirge) liegt.“ Nach den Berichten späterer römischer Geschichtsschreiber war jedoch das Dionysos-Orakel in den Rhodopen das wichtigste Heiligtum.
Weitere griechische und römische Historiker schreiben, dass Alexander der Große, Marcus Crassus und Xerxes I. unabhängig voneinander ein Orakel in den Rhodopen kannten.
Steinzeit – Bronzezeit – Eisenzeit
mini|Perperikon Bereits aus der späten Jungsteinzeit lassen sich Spuren in Perperikon nachweisen. Wahrscheinlich liegen die Anfänge der Kultstätte sogar noch weiter zurück. Die Funde zeigen, dass es sich nicht um eine Siedlung, sondern um einen Felsen handelt, der im Rahmen des Steinkultes verehrt wurde.
Perperikon war das Zentrum der steinzeitlichen Megalithkultur in den Rhodopen. Menschliche Aktivitäten in der Region reichen bis in das 6. Jahrtausend v. Chr. zurück. Es gibt jedoch keine erhaltenen Bauten aus dieser Zeit.
Perperikon war ein Zentrum einer verschwundenen Zivilisation, die von den Archäologen provisorisch als „Zivilisation der Felsenmenschen“ beschrieben wird.
Aus der Kupfersteinzeit, Ende 6., Anfang 5. Jahrtausend v. Chr. wurden Felsen-Gruben gefunden, grob in den Felsen gehauene Vertiefungen, die mit grob zerschlagener Kult-Keramik gefüllt waren.
Eines der Symbole der Felsenmenschen war ein Kreis mit fünf Strahlen, eine Sonne. In den steinzeitlichen Anfangszeiten von Perperikon vergötterten die Menschen den kahlen Felsen und beteten die Sonnengöttin an. Es gibt das Fragment eines Keramikgefäßes mit der Darstellung der fünfstrahligen Sonne, deren Strahlen in einer Corona aus Flammen enden. Das Fragment wurde zusammen mit weiteren Keramikfragmenten in einem Abwasserkanal eines Gebäudes entdeckt und wird auf die späte Bronzezeit, 15. – 12. Jahrhundert v. Chr. datiert. Damit war bewiesen, dass mit der Errichtung der Monumentalbauten bereits 1.000 Jahre früher als bisher angenommen begonnen wurde. Bis dahin hatte man angenommen, dass der Baubeginn um das 5. bis 4. Jahrhundert v. Chr. lag.
Die Steinzeitmenschen waren noch nicht in der Lage Skulpturen zu schneiden, so wurde nur der große Felsen angebetet. Die Menschen jener Zeit verehrten große Berge und Felsen, sowie die Sonne als Göttin.
Die Steinzeitmenschen hatten Perperikon zum steinernen Wohnsitz ihrer Götter gewählt. Deshalb errichteten sie hier ein Orakel und nach und nach Wohnstätten für die Pilger. Später kam der Tempel hinzu.
Erst in der Bronzezeit verstand man es große Steinmassen aus dem Felsmassiv zu schlagen. Die gut erhaltenen Gebäudereste, die in die Felsen gehauen wurden, stammen aus dieser Zeit. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die bearbeitete Steinfläche immer größer.
Dabei haben die nachfolgenden Kulturen und Bewohner die älteren steinernen Bearbeitungsspuren ihrer Vorgänger zu großen Teilen wieder verwischt. Diese älteren Spuren der Steinbearbeitung sind nur noch an Stellen zu finden, die weiter abseits und verdeckt liegen.
Allmählich wurde der Fels in eine Festungsmauer umgewandelt, deren Steine lediglich kunstfertig aufeinander gestapelt wurden. Die Fugen wurden nicht gemörtelt.
Die ersten Zivilisationsspuren auf dem Berg datieren aus der Bronzezeit, während die Keramikfunde aus der frühen Eisenzeit stammen, genauso wie der beeindruckende Rundaltar, mit einem Durchmesser von fast zwei Metern, der aus dem Felsen gehauen wurde. Während der späten Bronzezeit und der frühen Eisenzeit haben sich die Kulteinrichtungen auf dem Berg stark ausgeweitet.
Die Entwicklung des Felsenkomplexes setzt sich in der Bronzezeit fort. In der späten Bronzezeit, 18. bis 12. Jahrhundert v. Chr., erlebte Perperikon seine erste große Blütezeit. Das ist die Epoche der kretisch-mykenischen Kultur, der Blütezeit von Troja und Mykene.
Die ältesten Fundschichten stammen aus der Eisenzeit.
Metallverarbeitung Archäologen fanden 2006 unter anderem Gießformen für Äxte, Blasebalg, die für die Verhüttung benutzt wurden, Pfeile, Schmelztiegel und Metallscharniere. Diese Funde belegen, dass Perperikon im 13. Jahrhundert v. Chr. ein Zentrum der Metallverarbeitung war.
Diese Funde stammen aus der Zeit des Übergangs von der späten Bronzezeit zur frühen Eisenzeit. Zu dieser Zeit, dem Ende der Bronzezeit, gingen, mit Ausnahme der Thraker, die östlichen Mittelmeerzivilisationen schlagartig unter. Wahrscheinlich wegen einer oder mehrerer Naturkatastrophen und/oder feindlicher Invasionen, wie dem Seevölkersturm. Danach begann das sogenannte dunkle Zeitalter, aus dem nur sehr wenige Funde und Daten vorliegen. Die Zivilisation der thrakischen Stämme entwickelte sich jedoch in dieser Zeit weiter und blühte auf.
Thraker mini|Die Gräber der Herrscher Die heilige thrakische Stadt Perperikon wurde um 1.500 v. Chr. gebaut. Perperikon war ein städtisches Zentrum der Thraker und ihr religiöser Mittelpunkt. In Perperikon stand die Residenz der thrakischen Könige, die ca. im 6. bis 5. Jahrhundert v. Chr. erbaut wurde. Ausgrabungen lassen vermuten, dass in der Umgebung wichtige Mitglieder der Königsfamilie bestattet wurden. Offensichtlich war das Palastheiligtum die befestigte Hauptstadt der thrakischen Herrscher in den Rhodopen.
Orphismus
Perperikon war eine Kultstätte der thrakischen Religion der Orphiker. Dieses philosophische System wird heute wegen ihres Mitbegründers Orpheus als Orphismus (auch Orphizismus) bezeichnet. Seine Ursprünge hatte der Orphismus in den Lehren und Gesängen des Orpheus, sowie in Thrakien Anfang des 9. Jahrhunderts v. Chr. und verbreitet sich dann über das antike Griechenland und den Mittelmeerraum.
Dem Orphismus lag ein ausgesprochen aristokratisches Konzept zugrunde. Es war ein Kult um die Ahnen-Könige, um die Quelle der Fruchtbarkeit, um die Oberpriester und um Anthropodemonen (Tote, deren Körper nicht verfallen, eine Art „Untote“). Der Orphismus gründete sich auf den Dionysos-Kult.
Der Orphismus als Glaube und als Philosophie war um 900-800 v. Chr. weit verbreitet. Unter anderem hingen auch viele römische Kaiser diesem Glauben an. An den Festen zu Ehren von Orpheus, die an geheimen Orten stattfanden, unter anderem in Perperikon, durften nur unverheiratete, geweihte Männer teilnehmen, während „normale Sterbliche“ nicht zugelassen waren.
Der Archäologe Nikolaj Owtscharow nimmt mit anderen Autoren an, dass der mythische Orpheus nicht nur hier lebte, sondern ein lokaler Herrscher in den Rhodopen war.
Die Thraker suchten an diesem heiligen Ort das Gleichgewicht zwischen den fünf Elementen, aus deren chaotischer Mischung die Welt nach ihrer Vorstellung bestand. Außer Erde – Feuer – Wasser – Luft war auch das Pferd, als fünftes Element, heilig und wurde verehrt.
Die Riten des Dionysos-Kultes wurden an versteckten Orten im Gebirge oder in Höhlen durchgeführt. Solche Höhlen wurden unter anderem in den Rhodopen, im Strandscha-Gebirge und im Sakar-Gebirge gefunden.
Die Teilnehmer führten pantomimische Stücke auf und ein Chor sang die Erzählung dazu. Der Höhepunkt des Rituals war die Darstellung des Todes des König-Priesters, eine Anspielung auf den Mythos, nach dem die Titanen den Zeus-Sohn Zagreus zerstückelt und verspeist haben, der dann als Dionysos wider auferstand. Zur Darstellung wurde das Blutopfer eines Bullen, eines Pferdes, einer Ziege und manchmal sogar eines Menschen verwendet. Die nachfolgende Massenkopulation, zur Darstellung der Empfängnis durch die Mutter-Gottheit, veranlasste den antiken Geschichtsschreiber Herodot die Thraker wegen ihrer sexuellen Zügellosigkeit anzuprangern.