Das Infanterie-Regiment „Hamburg“ (2. Hanseatisches) Nr. 76 war ein Infanterieverband der Preußischen Armee und von 1867 bis 1919 in Hamburg (und Lübeck bis 1897) stationiert.
Organisation Hanseatische Besonderheit Im Jahre 1867 wurde entsprechend dem Reichs-Militärgesetz die Militärhoheit der norddeutschen Stadtstaaten auf das Königreich Preußen übertragen.
Gemäß § 9 dieser Konvention wurden die Militärpflichtigen mit Lübecker Staatsangehörigkeit zu dem in Hamburg stationierten Regiment einberufen, sofern sie nicht den Wunsch äußerten, anderweitig eingesetzt zu werden. Untauglichkeit zum Infanteriedienst konnte zur Einberufung in eine andere Waffengattung wie Kavallerie, Artillerie, Train usw. der Preußischen Armee führen. Später war auch die Einstellung in die Kontingente der anderen Armeen des deutschen Heeres möglich. Lübeckisches Adressbuch, Erster Abschnitt, Stadtverwaltung, Behörden, öffentliche Angelegenheiten, nach der lübeckischen Infanterie-Brigade, dem lübeckischen Regiment, Ausgabe 1910–1918. Ab 1910 wurden auch Erläuterungen hinzugefügt und das hier Stehende wörtlich übernommen worden. Da Lübeck bis 1897 Garnison eines Bataillons dieses Regimentes gewesen ist und die Vereinbarung vorher getroffen wurde, hatte diese im Rückschluss auch in Hamburg ihre Gültigkeit.
Da die Hansestädte Bremen, Hamburg und Lübeck Probleme mit der Stellung von genügend Wehrpflichtigen hatten, wurden keine Begrenzungen bei Einjährigen gemacht und die Reservepflicht für überseeische Wehrdienstpflichtige ausgesetzt. Die zur seemännischen Bevölkerung zählenden Militärpflichtigen dienten erst in der Preußischen, später in der Kaiserlichen Marine.
Gliederung I. und II. Bataillon (Musketiere) III. Bataillon (Füsiliere)
Abtretungen 1. April 1881 8./76 an das Infanterie-Regiment Nr. 128 1. April 1887 12./76 an das Infanterie-Regiment Nr. 137 nach Hagenau 1. April 1897 wurde das III./76 zu II./162 (Infanterie-Regiment „Lübeck“ (3. Hanseatisches) Nr. 162) nach Lübeck abgegeben. Ein neues III. Bataillon wurde aus den Halbbataillonen der Hanseatischen Infanterie-Regimenter aus Bremen und Hamburg gebildet.
Bewaffnung und Ausrüstung Hauptbewaffnung mini|Gewehr 88 Das Regiment wurde mit dem Gewehr 88 und dem Seitengewehr 71 bewaffnet. Ab 1906 verwendete man das Gewehr 98. Um 1909 wurde eine Kompanie zur Maschinengewehr-Kompanie (M.G.K.)
Uniform Das Regiment trug die preußische Uniform mit den der Hansestadt Hamburg zugestandenen Änderungen. So wurde am Helm und an der Mütze neben der schwarz-weiß-roten Reichskokarde die hanseatische Kokarde (rotes Hanseatenkreuz auf weißem Grund) getragen. Die Achselklappen waren weiß mit roter Nummer (76), die Ärmelpatten weiß mit gelber Paspelierung.
Bereits im August 1914 wurde auf der Fahrt nach Westen feldgraues Tuch zum Verhüllen von unzweckmäßig leuchtenden Uniformteilen ausgegeben.
Im Sommer 1915 verschwanden an der Front die langen Degen der Offiziere und Feldwebel, wodurch die Kleidung und Ausrüstung denen der Mannschaften angepasst wurden, um weiteren hohen Verlusten an Führern vorzubeugen.
Wappen Das Regiment schmückte sich mit dem Wappen der Freien und Hansestadt Hamburg. Die einzige Ausnahme bildete die Fahne, da auf ihr nicht das Hamburger Wappen, sondern der preußische Adler war.
Fahnen mini|Waterloosäule auf dem gleichnamigen Platz in Hannover Durch die A. K. O. vom 24. Juni 1867 wurden dem Regiment in der Fahnenspitze den Namenszug „F. W. R.“ tragende Fahnen verliehen. Sie wurden am 2. Juli im Potsdamer Stadtschloss genagelt. Der König schlug den ersten, der Fahnenträger den letzten Nagel ein. Tags darauf wurden die Fahnen im Lustgarten geweiht und am 7. dem Regiment auf dem Waterloo-Platz in Hannover durch den Kommandierenden General des Korps, von Voigts-Rhetz, übergeben.
Die Fahnen erhielten am 27. Juli 1868 Fahnenspitzen mit „W. R.“ und Krone.
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg erhielten die Fahnen durch die A. K. O. vom 16. Juni 1871 das Eiserne Kreuz für deren Fahnenspitzen sowie schwarz-weiße Fahnenbänder verliehen. Die alten Spitzen verblieben beim jeweiligen Truppenteil. Überzugskappen mit Kreuz und Namenszug erhielten die Fahnen am 13. April 1872. Die Weihe der Musketierbataillonsfahnen fand am 20. Mai 1872 in der reformierten Kirche zu Hamburg statt. Die Fahne des Füsilierbataillons, welche in den Gefechten am 2. und 4. Dezember 1870 beschädigt wurde, wurde am 23. Mai nach Berlin gebracht und dort dem Kaiser vorgestellt. Er verfügte, dass die Fahne eine neue Spitze mit dem Eisernen Kreuze und unter der Spitze einen silbernen Ring mit der Gravierung „Loigny (Orleans) 2. Dezember 1870“ erhalten solle. Die Weihe dieser Fahne fand am 30. Juni 1872 in der Lübecker Garnisonskirche statt.
Das zum 2. Oktober 1893 aus Abgaben der drei Bataillone mit dem Kompanien 13 und 14 neu formierte IV. (Halb)-Bataillon erhielt am 18. Oktober 1894 eine Fahne.
Die Fahnen der Bataillone I., II. und III. erhielten am 18. August 1895 schwarz-weiß-rote Fahnenbänder mit Schlachtenspangen. Die der Bataillone I. und II. trugen die 14 Namen: Paris, Toul, Metz, St. Corneille, Le Chêne-Les Cohernières, Le Chêne, Le Mans, Conneré-Thorigué, Frétéval und Morée, Beaugency-Cravant, Meung, Orléans, Loigny-Poupry, Dreux. Die des III. Bataillons die elf Namen: Paris, Toul, Metz, Le Mans, Conneré-Thorigué, Frétéval und Morée, Beaugency-Cravant, Meung, Orléans, Loigny-Poupry, Dreux.
Das Muster von Fahnen der Linien-Infanterie-Regimenter der Preußischen Armee wurde 1890 reglementiert.
Am 17. Oktober 1897 erhielt das neue III. Bataillon eine Fahne. Die bisherige Fahne des IV. Bataillons wurde fortan bei feierlichen Gelegenheiten vom I. Bataillon mitgeführt.
Die Fahnen des Regiments erhielten am 14. Dezember 1899 je zwei Spangen. Die ersten trugen auf ihrer Vorderseite die Kaiserkrone mit dem Namenszug „W. II.“ und auf der Rückseite das Doppeldatum „1. Januar 1900“ und „27. September 1866“. Die zweiten Spangen trugen auf der Vorderseite die Kaiserkrone ohne Namenszug und auf der Rückseite das Datum 1. Januar 1900. Die Spangen wurden an den schwarz-weißen Bändern befestigt.
Für die große Menge an Linien-Infanterie-Regimentern wurde von Kaiser Wilhelm II. per Ordre vom 18. Dezember 1890 bestimmt, dass die Farbe der Fahnentücher sich nach der der Achselklappen zu richten habe. Hierdurch wurde innerhalb des Korps eine Gleichförmigkeit erzielt. Das IX. Armee-Korps trug weiße Achselklappen. Die neuen Fahnen sollten den Truppenteilen vor der dem Kaisermanövern vorausgehenden Kaiserparade übergeben werden. Ab 1900 fand die feierliche vorherige Weihe der neuen Feldzeichen in der Ruhmeshalle des Berliner Zeughauses statt. Somit wurden die Fahnen der Bataillone am 28. August 1904 genagelt und den Bataillonen anlässlich der in Altona am 4. September 1904 übergeben.
Die Fahnen wurden um 1915 aus dem Felde nach Hamburg zurückgeführt, weil ihre Verwendung an der Front nicht mehr der Kampfführung entsprach und unnötige Opfer forderte.
Geschichte Gründung Durch A. K. O. vom 27. September 1866 (Stiftungstag) wurde nach dem Deutschen Krieg am 30. Oktober 1866 das Infanterie-Regiment Nr. 76 gegründet. Es trat am 4. November 1866 erstmals in Bromberg zusammen und wurde aus je drei Kompanien der Regimenter Nr. 9, 21, 49 und 61 gebildet. Das Regiment unterstand der 40. Infanterie-Brigade der 20. Division in Hannover. Es gehörte dem Verband des X. Armee-Korps an und trafen am 9. in Hannover bzw. am 11. in Hameln ein.
Mit ihrem Beitritt zum Norddeutschen Bundes wurden die Bundeskontingente der Freien Hansestädte aufgelöst. Hamburg verlor mit dem 15. Mai 1867 seine eigene Wehrhoheit und musste als Friedensgarnison zwei Bataillone aufnehmen. Am 1. Oktober 1867 wurden gemäß einer Konvention vom 27. Juni 1867 Mannschaften und Unteroffiziere der aufgelösten Regimenter Hamburgs (des Stadtmilitärs in Garnison) und Lübecks in das neue Regiment übernommen. Der Stab sowie das I. und II. Bataillon kamen nach Hamburg und wurden zunächst in Alsterdorf, Groß Borstel und Niendorf untergebracht. Die Füsiliere aus Hameln wurden nach Lübeck verlegt, das durch eine Militärkonvention ebenso seine Wehrhoheit aufgab. Das Lübecker Militär wurde aufgelöst. Den Soldaten dieses stehenden Heeres war es freigestellt, den Dienst bei der preußischen Armee fortzusetzen.
Das Regiment trat am 8. September 1867 in den Verband des IX. Armee-Korps, erhielt neue Garnisonen und am 7. November 1867 die neue Benennung 2. Hanseatisches Regiment Nr. 76. Diese neuen Bedingungen bedeuteten auch das Ende der bürgerlichen Wehrformationen (Miliz) der beiden Hansestädte. Die Lübecker Bürgergarde wurde am 1. November 1867 und das Hamburger Bürgermilitär am 30. Juli 1868 aufgelöst. Gleichzeitig änderte sich das Unterstellungsverhältnis. Das Regiment war nun der 33. Infanterie-Brigade der 17. Division in Kiel unterstellt.
Das Füsilier-Bataillon aus Lübeck erhielt per A. K. O. vom 4. Januar 1889 die neue Bezeichnung III. Bataillon.
Das III. Bataillon trat am 1. April 1897 als II. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 162 mit seiner Fahne über und das bisherige IV. Bataillon bildete zusammen mit dem des 1. Hanseatischen Infanterie-Regiments Nr. 75 das neue III. Bataillon des Verbandes.
Garnisonen mini|Die Alte Kaserne des einstigen III. Bataillons zu Lübeck 1866 Musketiere in Hannover, Füsiliere in Hameln 1867 Musketiere (später I. und II. Bataillon) in Hamburg, Füsiliere (später III. Bataillon) in Lübeck ab 1897 waren alle drei Bataillone in Hamburg stationiert
Friedenszeit Kaisermanöver mini|Kaiserparade zu Altona
1890 nahm das Regiment erstmals am Kaisermanöver teil. Nach Detachementsübungen in Salzgitter, Divisionsübungen und Exerzieren gegen einen markierten Feind, fand das 12. Korpsmanöver mit anschließender Parade vor dem Kaiser in Flensburg statt. 1904 Teilnahme am Kaisermanöver, diesmal in Altona. 1912 wurde erwogen das Manöver in Lübeck stattfinden zu lassen. Letztendlich erhielt jedoch der Sitz des IX. Armee-Korps, Altona, wieder den Zuschlag.
Preisschießen
Um die Qualität des Schießens zu steigern wurde ein jährliches Preisschießen für Offiziere und Unteroffiziere des Korps festgelegt.
Am 4. August 1888 wurde erstmals um einen mit dem Namenszug Se. Majestät versehenen Säbel für Offizier und eine goldene Uhr für Unteroffizier geschossen.
Dennoch ließ die Begeisterung nach und so fiel das „Einzelprüfungsschießen“ 1898 aus. Per A. K. O. wurde es, als nicht mehr zeitgemäß, ganz abgeschafft und durch das „Vergleichsschießen“ ersetzt. Zudem wurde das „Gefechtsschießen“ des Regiments erstmals in der Gruppe abgehalten.
Boxeraufstand
Freiwillige des Regiments kämpften im Expeditionskorps nach China 1900. Dabei kam ein Mann ums Leben.
Auf der Kaiserparade am 5. September 1904 in Altona wurden den drei hanseatischen Infanterie-Regimentern Nr. 75, 76 und 162 vom Kaiser die Namen „Bremen“, „Hamburg“ und „Lübeck“ verliehen.
Deutsch-Südwestafrika
Freiwillige des Regiments waren 1904 bis 1906 im Expeditionskorps. Dabei wurden fünf Soldaten verwundet und einer getötet.
Feldzüge Deutsch-Französischer Krieg mini|Füsilierbataillon in der Schlacht von Loigny
mini|links|1895 Infanterie-Regiment „Hamburg“, Vorderseite der Erinnerungsmedaille zur Schlacht von Loigny mini|links|Die Rückseite dieser Medaille
mini|Einzug des Füsilierbataillons am 18. Juni 1871 in Lübeck Ende August 1870 zog das 2. Hanseatische Infanterie-Regiment Nr. 76 in den Krieg gegen Frankreich. Mit der Mobilmachung des Regiments verwandte man es als Küstenschutz der Nord- und Ostsee, da im Raum der Ostfriesischen Inseln ein massiver Schlag der französischen Marine samt Invasion befürchtet wurde. Als diese ausblieb wurde das Regiment nach Westen verlegt.