mini|hochkant=1.3|Genomkarte der Gattung Orthopneumovirus
Das Humane Respiratorische Syncytial-Virus (hRSV, RSV oder RS-Virus; , früher ) ist ein umhülltes Virus, das den Atemtrakt befällt, vor allem die Schleimhäute der oberen Atemwege und das Flimmerepithel der Luftröhre und der Bronchien. Dort bewirkt es unter anderem eine Verschmelzung der betroffenen Zellen zu Synzytien,RS-Virus – Forschungsansätze. In: Lungeninformationsdienst. des Helmholtz Zentrums München, 28. September 2016, abgerufen am 15. Februar 2019. was dem Virus seinen Namen gab. Nach aktueller Nomenklatur wird das humane respiratorische Synzytial-Virus (hRSV) – insbesondere im englischsprachigen Raum – auch als „humanes Orthopneumovirus“ bezeichnet. In Deutschland ist diese Bezeichnung bislang (Stand 2025) noch nicht weit verbreitet.
Der Mensch gilt als einzig relevantes Reservoir.
Eigenschaften Die Erstbeschreibung des Virus erfolgte 1956 bei Schimpansen, bei denen RSV als Ursache einer Coryza erkannt wurde.R. E. Jr. Blount, J. A Morris, R. E Savage: Recovery of cytopathogenic agent from chimpanzees with coryza. In: Proceedings of the Society for Experimental Biology and Medicine. Juli 1956, Band 92, Nr. 3, S. 544–549. Zunächst wurde es noch als Chimpanzee Coryza Agent (CCA) bezeichnet. Ein Jahr später identifizierte Robert M. Chanock das Virus in Kindern, deren Atemwege erkrankt waren. Er hatte auch festgestellt, dass sich Kinder bereits sehr frühzeitig mit RSV anstecken können. Später wurde das Virus schließlich umbenannt in humanes Orthopneumovirus bzw. humanes Respiratorisches Synzytial-Virus (englisch: human respiratory syncytial virus, hRSV).
RSV zählt zu den Viren mit einzelsträngiger (–)-RNA aus der Familie der Pneumoviridae (früher Familie Paramyxoviridae; Unterfamilie Pneumoviridae und der Gattung Orthopneumovirus).
Das Genom hat eine Größe von 15 Kilobasen und kodiert für 10 Gene. Die Lipidhülle ist doppelschichtig, darin sind Glykoproteine wie das Fusions-(F-) und das Adhäsions-(G-)Protein eingebettet.
Die Spezies tritt in den zwei häufigsten Subtypen A und B sowie den selteneren Typen S2 und RSS-2 auf. RSV A wurde in den letzten Jahren überwiegend nachgewiesen. RSV A und B unterscheiden sich in der Antigenstruktur des G-Proteins. Sie ist mit zwei tierpathogenen Arten, dem Bovinen Respiratorischen Synzytialvirus (BRSV, englisch: Bovine orthopneumovirus) und dem Murinen Pneumonievirus (MPV, englisch: Murine orthopneumovirus) eng verwandt.
Übertragung Humane Respiratorische Synzytial-Viren werden meistens über Schmierinfektionen und Tröpfcheninfektion übertragen und verursachen Symptome im Bereich der oberen Atemwege: Schnupfen (Rhinitis, Erkältung), Husten, akute Bronchitis, Mittelohrentzündung. Die Inkubationszeit beträgt zwei bis acht Tage.RKI-Ratgeber für Ärzte: Respiratorische Synzytial-Viren-Infektionen (RSV). Abschnitt Inkubationszeit.
Diagnostik Neben den typischen klinischen Merkmalen kann das Virus durch den direkten Erregernachweis mittels ELISA oder mit Hilfe der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) nachgewiesen werden. Zudem stehen immunchromatographische Testsysteme zur Verfügung. Die Virusanzucht erfolgt in der Regel aus Rachenspülflüssigkeit, spielt jedoch aufgrund des hohen Aufwands und Zeitbedarfs heute eine untergeordnete Rolle, da molekulargenetische Methoden zunehmend bevorzugt werden.
Erkrankungsformen Säuglinge und Kleinkinder Eine RSV-Infektion beim Säugling äußert sich mit Symptomen wie Fieber von 38 bis 39,5 °C, laufender Nase, Husten und Atembeschwerden. Durch die behinderte Atmung wird das Trinken erschwert und das Kind zeigt deshalb häufig auch Trinkschwäche.
Aufgrund der engen und kurzen Atemwege werden häufig die Bronchien und Bronchiolen in Mitleidenschaft gezogen – es kann zu einer Bronchiolitis kommen, was die Sauerstoffaufnahme behindern kann. Anzeichen für eine ungenügende Sauerstoffsättigung im Blut sind Blässe, bläuliche Färbung der Lippen oder Fingernägel (Zyanose), Einziehungen unterhalb des Rippenbogens (subcostal) und zwischen den Rippen (intercostal) und schnellere Atmung (Tachypnoe) mit Nasenflügeln. Dehydratation gilt auch als Anzeichen für einen ernsten Zustand.
Bei Kleinkindern und vor allem bei Säuglingen kommt es häufig zu schwereren Verläufen, die gerade bei Säuglingen eine stationäre Behandlung erfordern können.
Im Krankenhaus wird der Patient permanent überwacht, um bei Verschlechterung des Zustandes sofort Maßnahmen ergreifen zu können. Sauerstoffsättigung und Trinkmenge sind die wichtigsten Indikatoren. Gegebenenfalls werden auch EKG und Atemfrequenz überwacht. Bei ungenügender Sauerstoffsättigung wird Sauerstoff gegeben, in schweren Fällen mittels Beatmung. Trinkt das Kind ungenügend, kann der Einsatz einer Magensonde notwendig werden, um eine Dehydratation zu verhindern.
Während des 1. Lebensjahres haben 40–70 % und bis zum Ende des 2. Jahres nahezu alle Kinder einmal die Erkrankung durchgemacht.Robert Koch-Institut: Respiratorische Synzytial-Viren-Infektionen: RKI Ratgeber für Ärzte. In: Epidemiologisches Bulletin. Nr. 19, 2011; Erstveröffentlichung: März 2004. Dies schützt zwar nicht vor erneuter Ansteckung, aber der Krankheitsverlauf wird dadurch weniger stark als bei der Erstinfektion.Rüdiger Dörries, Herbert Hof: Duale Reihe Medizinische Mikrobiologie. 4., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Thieme, Stuttgart / New York (NY) 2009, ISBN 978-3-13-125314-9.
Von den Erstinfektionen verlaufen ca. 2 % mit so ausgeprägten Symptomen, dass es zu einer Hospitalisation kommt.Christian P. Speer, Manfred Gahr: Pädiatrie. 2. Auflage. Springer, Heidelberg / Berlin 2005, ISBN 3-540-20791-0. Bei den hospitalisierten Fällen liegt die Letalität bei etwa 1,7 %. In England wurde der Krankheitsverlauf von 2009 Kindern verfolgt, die wegen RSV-Infektion hospitalisiert wurden, von diesen verstarben letztlich 35. Als Risikofaktoren für einen besonders schweren Verlauf mit tödlichem Ausgang wurden hierbei vor allem bestehende Vorerkrankungen sowie nosokomiale Infektion mit RSV entdeckt.
Bei 5 % der erkrankten Kinder kommt es im Verlauf der Erkrankung zum Pseudokrupp.Respiratory Syncytial Virus. In: Pschyrembel. 262. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston (MA) 2010, ISBN 978-3-11-021152-8.
Eine Infektion mit RSV gilt bei Säuglingen als möglicher Risikofaktor für den plötzlichen Kindstod (SIDS).Pädiatrie. In: Hanns Ackermann: ALLEX – alles fürs Examen: das Kompendium für die 2. ÄP. Band B: Klinische Fächer. Thieme, Stuttgart / New York (NY) 2012, S. 590.
Eine überstandene Erkrankung erzeugt keine andauernde Immunität, es kann lebenslang zu Re-Infektionen kommen, die bei gesunden Menschen milde verlaufen.
Erwachsene RSV-Infektionen kommen in allen Altersgruppen vor; bei Erwachsenen sind Risikopatienten: Personen mit das Herz (kardialen) oder die Lunge betreffenden (pulmonalen) Vorerkrankungen sowie alle immundefizienten und immunsupprimierten Personen.
Besonders gefährdet sind Empfänger hämatopoetischer Zelltransplantate, Empfänger von Lungen- oder anderen Organtransplantaten sowie stark immunsupprimierte Patienten mit maligner hämatologischer Erkrankung.
Insbesondere, wenn Erwachsene engen Kontakt zu RSV-infizierten Kleinkindern haben, kann es zu einer „ausgeprägten grippeähnlichen Symptomatik (Müdigkeit, Schnupfen, nichtproduktiver Husten, eventuell Bronchitis, mit oder ohne Fieber)“ kommen. Bei Erwachsenen werden viele Infektionen mit dem RS-Virus nicht diagnostiziert, weil die Infizierten gar keine gesundheitlichen Einschränkungen haben oder ihre Infektion wie eine harmlose Erkältung abläuft.Krank durch RS-Virus (RSV): Symptome, Diagnose, Therapie in rbb.de, abgerufen am 5. Dezember 2022
Komplikationen Exazerbation bei chronischen Vorerkrankungen Zu einer deutlichen Verschlechterung kann es bei Patienten aller Altersgruppen mit chronischen pulmonalen oder kardialen Vorerkrankungen kommen. Zu ebensolchen Verschlechterungen kann es mit Asthma und mit schweren das Nervensystem betreffenden (neurologischen) Erkrankungen kommen. Der Fachbegriff für solche Verschlechterungen bei chronischen Vorerkrankungen ist Exazerbation. Solche Patienten und alle immundefizienten und immunsupprimierten Personen haben ein besonderes Risiko, an einer schweren RSV-bedingten Lungenentzündung (Pneumonie) zu erkranken.
Bakterielle Superinfektion Die Infektion kann einen akuten Verlauf haben, besonders wenn eine bakterielle Superinfektion auftritt. In solchen schweren Fällen kann intensivmedizinische Überwachung notwendig sein.
Überlappung mit Influenzawellen RSV-Infektionen können sich mit Influenzawellen überlappen. Berechnungen aus den USA legen deutlich mehr Todesfälle durch Influenza nahe, die Übersterblichkeit durch Influenza liege dreimal so hoch wie die durch RSV.W. Thompson, D. K. Shay, E. Weintraub, L. Brammer, N. Cox, L. Anderson, K. Fukuda: Mortality associated with influenza and respiratory syncytial virus in the United States. In: Journal of the American Medical Association. (JAMA) 2003, Band 289, Nr. 2, S. 179–186, doi:10.1001/jama.289.2.179.
Weltweite Sterblichkeit Weltweit sterben jährlich schätzungsweise 600.000 Menschen direkt oder indirekt durch RSV-Infektionen.K. Thorburn: Pre-existing disease is associated with a significantly higher risk of death in severe respiratory syncytial virus infection. In: Archives of Disease in Childhood. 2009, Band 94, Nr. 2, S. 99–103, PMID 18653625.
Meldepflicht In Deutschland ist der direkte und indirekte Nachweis von Respiratorischen Synzytial Viren gemäß Abs. 1 Satz 1 Nr. 38a IfSG seit dem 21. Juli 2023 namentlich meldepflichtig, sofern der Nachweis auf eine akute Infektion hindeutet. Verpflichtet sind die Leitungen von Laboren usw. (vgl. IfSG)
Vorbeugung Aktive Immunisierung Anfang Mai 2023 wurde in den USA Arexvy von GlaxoSmithKline (GSK) als erster Impfstoff gegen RSV für Personen ab 60 Jahren zugelassen; in Europa folgte die Zulassung Anfang Juni. Das Vakzin ist eine gentechnisch veränderte Version des Fusionsproteins (F) von RSV in einer präfusionsstabilisierten Form, daher wird er auch als RSVPreF3 bezeichnet. Es wird vom Immunsystem als Antigen erkannt und ist für das RS-Virus für die Infektion essentiell. In natürlicher Form liegt F zunächst in einer instabilen Prä-Fusionsform vor, die sich dann in die Post-Fusionsform wandelt. Da Antikörper das Virus in seiner Prä-Fusionsform neutralisieren, muss dieses in jener Form stabilisiert werden, damit das Immunsystem ausreichend Zeit hierfür hat. Als Adjuvans fungiert AS01E. Es wurde von verschiedenen Impfreaktionen berichtet, am häufigsten über Kopfschmerzen, Müdigkeit, Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen und Schmerzen an der Injektionsstelle; diese Reaktionen klangen nach ca. 10 Tagen wieder ab.
Ende Mai 2023 wurde in den USA als weiterer proteinbasierter Impfstoff Abrysvo (Pfizer) zur aktiven Immunisierung von Erwachsenen ab 60 Jahren zugelassen, im August 2023 folgte die EU-Zulassung für Abrysvo durch die EU-Kommission, die zusätzlich die Anwendung für die maternale Impfung umfasst (siehe unten). Bei Abrysvo handelt es sich um einen bivalenten Untereinheitenimpfstoff, der aus zwei rekombinanten RSV-Fusionsoberflächen-Glykoproteinen besteht. Er ist nicht adjuvantiert. Er richtet sich gegen RSV-A- und RSV-B-Stämme.