mini|hochkant=1.6|Traditionelles Territorium der Tla-o-qui-aht und Hauptreservate

Die Tla-o-qui-aht (tla7uukwi7ath) (früher Clayoquot) sind kanadische Indianer, die auf der Vancouver-Insel an der Pazifikküste leben. Sie sprechen Wakash und gehören zu den Nuu-chah-nulth. Gegenüber der Regierung wurden sie bis 2008 vor allem durch den Nuu-chah-nulth Tribal Council vertreten.

Sie nennen sich offiziell Tla-o-qui-aht First Nations. Der Name bedeutet „Volk, das anders ist, als es einst war“.

Von den insgesamt 968 Tla-o-qui-aht (Mai 2010Department of Indian Affairs and Northern Development, ) leben 321 in den 12 Reservaten mit insgesamt rund 350 ha Fläche. Weitere 23 leben in anderen Reservaten, der überwiegende Teil, 624 Tla-o-qui-aht, lebt außerhalb. Die Reservate befinden sich auf Meares Island und dem südöstlich davon gelegenen Indian Island, dazu im Clayoquot Sound am Nordufer des Heynen Channel, auf Ehachis Island und an der Wickaninnish Bay, dazu kommen weitere Gebiete im Umkreis des Kennedy Lake. Hauptwohnorte sind Opitsat auf Meares Island und Owista, das zwischen dem Pacific-Rim-Nationalpark und Tofino liegt.

Geschichte Frühgeschichte Die Geschichte der Tla-o-qui-aht geht mindestens bis ins 8. Jahrhundert zurück. Die mündliche Überlieferung verbindet den Stamm mit dem Dorf T'akw'aa im westlichen Barkley Sound. Der berühmteste Häuptling war Wickaninnish, ein Zeitgenosse von James Cook und John Meares.

John Meares Am 12. Juni 1788 sah John Meares von seinem Schiff den Berg, der die Insel Meares so markant überragt. Am nächsten Morgen besuchten mehrere Kanus das Schiff. Die beiden Häuptlinge, „Hanna“ and „Detootche“, waren, wie ihre Männer, offenbar ohne Furcht. Sie waren überaus freundlich, schüttelten jedermann an Bord die Hand und luden sie zum Besuch ein.

Doch Meares wollte den großen Häuptling Wickaninnish kennenlernen. Meares wurde zu einer Feier eingeladen und bewunderte die reiche Tafel und die Fischotterfelle. Die Pfähle des Hauses waren so groß, dass sie die Hauptmasten eines großen Seglers überragt hätten. Meares und Wickaninnish vereinbarten, dass der Häuptling für Pelze sorgen, und dass der Kapitän im nächsten Jahr zurückkehren würde. Meares überreichte dem Häuptling Geschenke, darunter Pistolen und Musketen, dafür erhielt er 150 Otterfelle.

Doch 1789 gerieten die vier Schiffe, die Meares ausgesandt hatte, in den Konflikt zwischen Großbritannien und Spanien um die Vorherrschaft in der Region. Seine Schiffe wurden von der Flotte des spanischen Kapitäns Don Esteban José Martínez geentert und seine Mannschaften Richtung Südamerika gebracht. Meares brachte im Mai 1790 eine Petition im Unterhaus ein. Doch der Konflikt wurde erst durch die Nootka-Abkommen von 1790 bzw. 1794 beendet.

Fort Defiance Am 18. Februar 1791 erschien die Columbia Rediviva aus Boston, ein US-amerikanisches Schiff unter dem Kommando von Robert Gray, erstmals im Clayoquot Sound. Doch die anfangs gute Nachbarschaft währte nicht lange. Als Attoo, ein Hawaiier, zu den Indianern desertierte, nahm Gray kurzerhand Tootiscosettle, den älteren Bruder des Häuptlings Wickaninnish, gefangen und tauschte ihn gegen den Deserteur aus. Danach segelte Gray weiter nach Norden, um Pelze zu erwerben, dann wieder südwärts bis Cape Flattery. Schließlich kehrte er nach Meares Island zurück, um hier zu überwintern, wozu er eigens Ziegel an Bord führte. So errichteten seine Männer ab Anfang Oktober 1791 einen Posten namens Fort Defiance, rund 5 km nordöstlich von Opitsat, dem Hauptort der Tla-o-qui-aht (im Adventure Cove im Lemmens Inlet auf Meares Island). Gray, der im März des folgenden Jahres das Winterlager abreißen ließ, schickte am 27. März 1792 John Boit aus, um Opitsat niederzubrennen. Die Tla-o-qui-aht waren rechtzeitig geflohen, und am 2. April verließ Grays Schiff den Clayoquot Sound.

Opitsat wurde zwar schnell wieder aufgebaut, doch der Vorgang wurde nie vergessen (s. u.).Richard J. Nokes: Columbia’s River: The Voyages of Robert Gray, 1787–1793, Tacoma, Washington 1991, s. a. .

Die Tonquin-Katastrophe Eine der größten Katastrophen ihrer Geschichte ereilte die Tla-o-qui-aht im Juni 1811, als ein Pelzhändlerschiff im Clayoquot Sound ankerte. Häuptling Nuukmis fühlte sich von den Händlern betrogen und versuchte, das Schiff zu entern. Dabei machten seine Leute, bis auf einen Übersetzer, die gesamte Mannschaft nieder, doch brachte einer der letzten Überlebenden das Schießpulver zur Explosion. Bei dieser gewaltigen Explosion kamen rund 150 Tla-o-qui-aht-Krieger ums Leben. Dieser Verlust war so vernichtend, dass die Frauen sich als Krieger verkleideten, sobald sich ein anderer Stamm ihrem Gebiet näherte. Auch wagte sich auf Jahrzehnte kein Pelzhändler mehr zu ihnen.

Epidemien und weiterer Bevölkerungsrückgang Ab den 1820er Jahren erreichten bisher unbekannte Krankheiten wie Pocken und Grippe die Region und dezimierten die Tla-o-qui-aht weiter, ähnlich wie die übrigen First Nations auf Vancouver Island. Die Volkszählungen von 1881 und 1891 zeigen den Bevölkerungsrückgang. Die schon stark dezimierten Tla-o-qui-aht verminderten sich binnen zehn Jahren von 329 auf nur noch 252 Menschen. Dazu wurden ihnen 1889 von Commissioner Peter O’Reilly Reservate zugewiesen.

Schwindende Ressourcen mini|Tla-o-qui-aht-Mädchen in traditioneller Baumfaserkleidung (Edward S. Curtis 1916) Die Verfügung über ihre natürlichen Ressourcen wurde ihnen nach 1900 Schritt für Schritt entzogen. Zum einen drang, anfangs in bescheidenem Umfang, die Holzindustrie in die abgelegene Region vor. Zum anderen wurde der Anspruch auf Fischereirechte an Individuen vergeben, nicht mehr an die Stämme. Das britische Verständnis von Privateigentum, das an natürliche oder juristische Personen gebunden ist, verdrängte zunehmend die dazu nicht passende Eigentumsvorstellung der Tla-o-qui-aht.

Ab 1920 wurde das System der Residential Schools eingeführt. Alle Kinder der First Nations zwischen 7 und 15 Jahren mussten diese Schulen besuchen.1915 besuchte Curtis auch die Tla-o-qui-aht und fotografierte u. a. ein Mädchen, digital: . Dieses System sollte anfangs zu einem der Haupthebel der Assimilationspolitik werden. Doch führten die gewalttätigen Verhältnisse an diesen Schulen bis 1983, als die letzte dieser Schulen (in Tofino) geschlossen wurde, zu einer Welle von Klagen, die bei den Gerichten zu detaillierten Dokumentationen der Verhältnisse führten. Sowohl die kanadische Regierung als auch die betreffenden Betreiber, vornehmlich die Kirchen, entschuldigten sich zwar bei den Opfern, doch die Wiedergutmachung läuft nur schleppend.

Dabei war die zunehmende Selbstorganisation der Nuu-chah-nulth im Stammesrat seit 1978, dazu eigene Unternehmen, die die natürlichen Ressourcen in die Hand bekommen sollten, ein hilfreicher Schritt, der ohne internationale Unterstützung im Streit um den Clayoquot Sound wohl nicht erreicht worden wäre.

Andererseits führten die aufgezwungenen Indianergesetze (Indian Act) zu internen Machtstrukturen, die nicht nur in Gegensatz zu den traditionellen Repräsentationsformen standen, sondern Korruption und Vetternwirtschaft förderten.

Der Prozess von 1984/85

1984 riefen die Tla-o-qui-aht die unmittelbar von Abholzung bedrohte Meares-Insel einseitig zum Tribal Park aus und verlangten – erstmals – den Schutz in Anerkennung ihrer kulturellen Autonomie. Als sie Meares Island als ihr Kultur- und Naturerbe beanspruchten, und ihr Stammesrat diesen Anspruch vor Gericht durchsetzen wollte, suchte der Nuu-chah-nulth Tribal Council jemanden, der sich mit der Geschichte der Region auskannte. Die Wahl fiel auf Barry Gough.

Die ProzessgegnerBritish Columbia Supreme Court, Vancouver Registry, Action No. C8459340, 1984 waren die Regierung von Kanada (bzw. die Britische Krone), die Provinzregierung und der damals größte Holzkonzern, MacMillan Bloedel. Die Rechtsanwälte Jack Woodward, David Rosenberg und Paul Rosenberg wurden engagiert. Tom Berger vertrat die Streitsache, bei der es um die so genannte Tree License 44 ging, die MacMillan Bloedel Holzeinschlagrechte zusicherte. Der Rat der Nuu-chah-nulth, von den Friends of Clayoquot Sound, dem Western Canada Wilderness Committee und dem Sierra Club unterstützt, erreichte 1985 vor Gericht, dass die Baumfällungen eingestellt wurden.

Zuvor hatte MacMillan Bloedel versucht, vollendete Tatsachen zu schaffen, indem ein Schiff mit Holzfällern, die sich auch durch mehrere Dutzend Boote nicht aufhalten ließen, zur Insel fuhr. Doch Moses Martin, der gewählte Chief Councellor der Tla-o-qui-aht, las aus der Holzeinschlaglizenz von 1905 vor, mit der MacMillan Bloedel seine Ansprüche begründet hatte. Darin wurden aber alle „plots, gardens und grounds“ der Indianer vom Holzfällen ausgeschlossen. Moses Martin sagte den angerückten Holzfällern, die Insel sei ein Tribal Park, der Garten seines Volkes, und, dass sie als Besucher willkommen seien, aber nicht als Holzfäller.

Inzwischen hatten Archäologen und Baumexperten zahlreiche historische Stätten entdeckt. Victoria und Ottawa akzeptierten erstmals die Forderungen der First Nations und beendeten die Abholzung.

Im Mai 2009 lebten in ihren Reservat 312 Menschen, weitere 23 Tla-o-qui-aht in anderen Reservaten, 619 außerhalb der Reservate – insgesamt 954 Angehörige des Stammes.nach:

Rückkehr zur Tradition

Ab 2005 begannen die Tla-o-qui-aht einen Weg einzuschlagen, der von dem der meisten anderen Stämme deutlich abweicht. Während sie noch, wie die meisten First Nations, Verhandlungen über ihre Landrechte mit der Regierung führten, nahm die Opposition gegen die Aufgabe von Landrechten zu. Die Verhandlungen gerieten ins Stocken. So wollten sie ihre Gedanken zur Verteilung der Binnenrechte und der Ordnungsvorstellungen, der Machtordnung und des Verhältnisses zu ihrer natürlichen Umgebung stärker an der Tradition orientieren, solange die Älteren im Stamm noch lebten. Dabei stand die Idee der Rekonstruktion traditioneller Vorstellungen mit Hilfe der mündlichen und schriftlichen Überlieferung, aber auch von archäologischen Quellen und Filmen, Interviews und des Abgleichs mit individuellen Erinnerungen, im Vordergrund.

2005 begann also ein Prozess der Wiederherstellung des traditionellen Regierungssystems. Diese sollte einen Kompromiss zwischen Tradition und modernen Anforderungen darstellen. Da aber die Tradition oft unklar war und dementsprechend in Frage gestellt wurde, sollte die Rekonstruktion und Klarstellung der „Verfassung“ (Huupikwanum) das nächste Ziel sein.

Bis dahin war es so, dass die Band nach dem Portfoliosystem arbeitete, d. h., wie in jeder Band übernahmen die Gewählten die Zuständigkeit für bestimmte Bereiche wie Waldnutzung, Fischerei, Bildung, Vertragsverhandlungen usw. Jedes Ratsmitglied musste also geschult werden, was hohe Kosten verursachte. Andererseits gab es keine Stellenbeschreibungen, die Zuständigkeiten abgrenzen und Budgets zuwiesen. Zudem erfolgte die Wahl immer nur auf zwei Jahre.

Am deutlichsten hatte sich das Verhältnis der Häuptlinge zu ihren Leuten verändert. Das bis 1951 verbotene Potlatch stellte im traditionellen Regierungssystem einen unverzichtbaren Bestandteil dar. Das hing zum einen damit zusammen, dass die Häuptlinge hier ihr Ansehen befestigen konnten. Diese umfangreichen Verschenkfeste befestigten also den Respekt und die Hochachtung der Maastchim, der Stammesangehörigen, für den Ha'wiih, den traditionellen Häuptling. Die Verteilung von Gütern fand also in den Potlatches bis 1951 nicht mehr statt, die Häuptlinge erhielten aber auch keine Güter und Geschenke mehr zum Verschenken. Die Armen wandten sich nicht mehr um Hilfe an die Häuptlinge, sondern an den Indianeragenten, bzw. den Staat.