mini|hochkant=1.2|Drei Männer tragen Frauenkleider (um 1910)

Crossdressing (von „überkreuz“ und dress „sich kleiden“) bezeichnet das Tragen von Kleidung, die nicht der konventionellen bzw. stereotypen Geschlechterrolle einer Person im Rahmen ihrer Zeit, Kultur und Gesellschaft entspricht. Die Absichten dahinter können beispielsweise praktische Gründe, die Lust am Verkleiden, der Ausdruck eines persönlichen Modestils oder der Protest gegen Geschlechter-Stereotype sein. Auffällige künstlerische Formen des Crossdressings sind bei Dragqueens und Dragkings anzutreffen.

Im Kontext der binären Geschlechterordnung bezieht sich Crossdressing auf das Tragen von typischer Frauenkleidung durch Männer oder von typischer Männerkleidung durch Frauen. Diese Sichtweise vernachlässigt allerdings die Vielfalt möglicher nichtbinärer Geschlechtsidentitäten.

Der Ausdruck cross-dressing etablierte sich in den 1970er Jahren in den USA, um die damals in der Öffentlichkeit bestehende Gleichsetzung von Transvestitismus mit männlicher Homosexualität und transvestitischem Fetischismus aufzulösen. Das Tragen von Kleidung, die nicht mit dem biologischen Geschlecht, aber mit dem eigenen sozialen Geschlecht assoziiert wird, gehört zum Bereich Transgender. Historisch lassen sich Crossdressing und Transidentität allerdings nicht trennen, weil die Beweggründe der jeweiligen Person oft unbekannt sind.

Crossdressing als Verkleidung mini|hochkant|Kriegsreporterin Dorothy Lawrence, verkleidet als Soldat (Erster Weltkrieg)

Zu den sozialen Funktionen, die Kleidung erfüllen kann, gehört der Ausdruck einer Geschlechtsidentität (auch im Sinne von Doing Gender). Crossdressing als Verkleidung kann sich dies zunutze machen, um widrigen Umständen zu entkommen. Beispiele dafür sind Frauen, die typische Männerkleider tragen, um den in kriegerischen Situationen häufig auftretenden Vergewaltigungen zu entgehen. Auch heute noch kommt es vor, dass Frauen Crossdressing zu ihrem eigenen Schutz anwenden. Außerdem sind etliche Fälle bekannt, in denen Gefangene in der Kleidung des anderen Geschlechts flohen.

In anderen Fällen verkleideten sich Frauen als Männer, um an Kämpfen teilzunehmen (siehe Frauen im Militär, Beispiele unter Liste als Mann verkleideter weiblicher Militärpersonen),Weitere Auflistung von Beispielen (die Verlinkungen führen zu Blogeinträgen) bei oder um Zugang zu religiösen oder Bildungseinrichtungen zu erhalten, die Männern vorbehalten waren. So entsprechend der Hilaria-Legende bereits in der Spätantike.

Crossdressing im Theater Die Darstellung einer Bühnenrolle durch eine Person eines anderen Geschlechts hat seit Shakespeare eine lange Tradition und wird auch als Travestie bezeichnet (siehe: Travestie im Elisabethanischen Theater). Ein Beispiel dafür sind sogenannte Hosenrollen, bei denen eine männliche Figur durch eine weibliche Schauspielerin dargestellt wird.

mini|hochkant|links|Ludwig Viktor von Österreich in der Posse Vorlesung bei der Hausmeisterin (1859) von Marie Gordon (Aufnahme nach 1861) Im 19. Jahrhundert gab es Theaterstücke, bei denen traditionell alle Frauenrollen von Männern gespielt wurden, darunter eines der populärsten Stücke der Zeit, die Posse Vorlesung bei der Hausmeisterin von Marie Gordon (1859), in der auch Johann Nestroy am Wiener Carltheater in der Rolle der „Hausmeisterin Maxl“ auftrat. Harry Walden feierte mit dem Stück später Erfolge als „Fräulein Trude Horak“, Hans Moser 1920 im Rolandtheater als „Frau Czerditak“. Das bekannte Foto des Kaiserbruders Erzherzog Ludwig Viktor von Österreich im Frauenkleid zeigt ihn bei einer höfischen Aufführung dieses Stückes.Katrin Unterreiner: Luziwuzi: das provokante Leben des Kaiserbruders Ludwig Viktor. Molden, Wien 2019, S. 156–159 (Kapitel: Posierte Erzherzog Ludwig Victor in Frauenkleidern?)

Zu den bekanntesten Crossdressern der Theaterwelt zählt vermutlich Sarah Bernhardt, die für bestimmte Rollen in Männerkleider schlüpfte. So spielte sie zum Beispiel 1899 den Hamlet in Shakespeares gleichnamiger Tragödie und wurde dafür bewundert und bestaunt. Freilich war der Begriff Crossdressing damals noch nicht dafür geprägt. Die Münchner Bühnen-Komödianten Karl Valentin und Liesl Karlstadt (gemeinsame Bühnenerfolge von 1911 bis etwa 1940) bereicherten die in ihrem Programm gezeigten Nummern durch Sketche, bei denen Karlstadt in Männerrollen schlüpfen musste.Gunna Wendt: Liesl Karlstadt: Münchner Kindl und Travestie-Star (= Blue notes. Band 37). Ebersbach, Berlin 2007, ISBN 978-3-938740-38-5, S. ??. Sie veränderte dabei sowohl das äußere Erscheinungsbild (Oberbekleidung, Brille, Mütze und Haarteile oder Bart) wie auch das Auftreten (Körperhaltung, Stimmlage, Betonung und Sprechweise) gemäß ihrer Rolle, zum Beispiel als Beamter einer kaiserlich-königlich geprägten Zeit. Bedingt durch die allgemeinen Umstände der Kleinkunst sowie ihre gesellschaftliche Stellung standen nur wenige für die Bühne geeignete Darsteller zur Verfügung – das Crossdressing dieser Zeit ist also einer Art Personalnot entsprungen. Einige dieser Darstellungen sind, insbesondere durch Spiel- und Kurzfilme, im Bild überliefert.

Ein bekanntes Beispiel für Crossdressing in der US-amerikanischen Theaterszene war die Jewel Box Revue. Bei dieser fungierte von 1955 bis 1969 die Travestiekünstlerin Stormé DeLarverie als Showmasterin. DeLarverie trug bei den Gesangs- und Tanzeinlagen, während denen sie zusammen mit 25 Dragqueens auf der Bühne stand, als einziger (und jedoch als solcher unerkannter) Dragking Maßanzüge mit Fliege und falsche Schnurrbärte. Das Publikum wurde zwar stets aufgerufen, das einzige weibliche Ensemblemitglied zu erraten, was jedoch beinahe nie gelang. DeLarverie gab sich deswegen stets am Ende jeder Aufführung selbst zu erkennen.Esther Newton: Margaret Mead Made Me Gay. Duke University Press, Durham 2000, ISBN 0-8223-2612-4, S. 63. Diane Middlebrook: Suits Me: The Double Life Of Billy Tipton. Houghton Mifflin Harcourt, Boston 1998, ISBN 1-86049-763-2, S. 217–218.St. Sukie de la Croix: Chicago Whispers: A History of LGBT Chicago before Stonewall. University of Wisconsin Press, Madison 2012, ISBN 978-0-299-28693-4, S. 150. Die Jewel Box Revue war aufgrund mehrerer Gründe, unter anderem der damals absolut unüblichen, fehlenden Rassentrennung innerhalb des Ensembles, der hohen Budgets der Aufführungen sowie der Qualität der Showeinlagen, in diesem Zeitraum in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko ein Publikumserfolg. Deswegen gilt die Jewel Box Revue mit der Showmasterin DeLarverie in der Gegenwart unter einigen Historikern als wichtiger, prägender Teil der amerikanischen Drag-Geschichte, die von Dragqueens dominiert sei.

Auch in zeitgenössischen Inszenierungen ist Crossdressing anzutreffen. Insbesondere wenn mit kleinem Budget auf Tournee gegangen werden muss, werden gerne mehrere Rollen mit ein und demselben Darsteller besetzt; meist handelt es sich dabei um eine Kombination aus Sprechrolle und Statistenrollen. Letztere werden dann für den Zuseher zumindest formal durch andere Bekleidung, Accessoires oder auch künstliche Bärte von der ersten Rolle abgetrennt; hierzu gehört auch das Schlüpfen in die Rolle eines anderen Geschlechts. Bekannte Beispiele sind die Verkleidungen des politischen Kabarettisten Mathias Richling und des Satirikers Oliver Kalkofe.

mini|hochkant=0.8|Die englische Glam-Rockgruppe Mud im Jahr 1974; Rob Davis (ganz rechts) in androgynem Look In den 1970er- und 1980er-Jahren war Crossdressing ebenfalls bei einigen Glam-Rock- beziehungsweise Glam-Metal-Bands beliebt. Bei den männlichen Mitgliedern dieser Musikgruppen diente das Verkleiden in frauentypischer Kleidung (ggf. auch Make-up) als Ausdruck der Exzentrik und stellte meist vielmehr eine Kunstform, als ein politisches Statement dar.Julian Thiele: Spielarten mit Männlichkeitsbedeutungen im Glam-Rock. Hausarbeit von 2008, München 2008, GRIN Verlag, ISBN 978-3-640-83059-6.

Crossdressing im Film Crossdressing ist ein wiederkehrendes Thema in Filmen, seltener wird es auch bei der Verfilmung selbst angewandt. Das Leben des Brian (1979) zeigt Crossdressing sowohl als Strategie innerhalb der Handlung (siehe Crossdressing als Thema) als auch in der Besetzung: Brians Mutter wird von Terry Jones in Frauenkleidern dargestellt. Ein weiteres Beispiel für die Übernahme einer Rolle durch eine Person eines anderen Geschlechts ist die Darstellung des Billy Kwan in Ein Jahr in der Hölle, für die Linda Hunt einen Oscar erhielt.

Crossdressing als rituelle oder kulturelle Handlung Crossdressing kommt auch bei rituellen oder kulturellen Handlungen und Traditionen vor, die in den monotheistischen Kulturen des Ostens wie später des Westens verdrängt wurden. Der Tempelkult der Göttin Ištar schloss auch die Verkleidung ihrer männlichen Gläubigen in Frauenkleidern ein.Julia Assante: Bad Girls and Kinky Boys? In: Tanja S. Scheer (Hrsg.): Tempelprostitution im Altertum. Fakten und Fiktionen. Verlag Antike e.K., Berlin 2009, S. 46. Im Alten Testament wird das Crossdressing ausdrücklich verboten. Gleichfalls wird im Islam ein Überschreiten der Geschlechtergrenzen durch Kleidung abgelehnt. Im römischen Imperium galt das Vertauschen von männlicher wie weiblicher Kleidung, Schmuck oder Frisuren als unschicklich, während in der griechischen Antike aufgrund der Dionysien dies religiös unabdingbar war.Julietta Steinhauer: Dionysian associations and the Baccanalian affair. In: Fiachra Mac Góráin (Hrsg.): Dionysus and Rome. Religion and Literature. Gruyter, Berlin 2020, S. 136.

Das Tanzmariechen (Funkemariechen) des Kölner Karnevals war ursprünglich ein Mann in Frauenkleidern, was im nationalsozialistischen Deutschland – zusammen mit dem vorübergehenden Wechsel der traditionell männlichen Besetzung der Jungfrau des Kölner Dreigestirns durch eine Frau – geändert wurde, um homosexuelle Anspielungen auszuschließen. Ebenfalls zu Faschingsumzügen gehört der Brauch der Altweibermühle.

Allgemein üblich war das Crossdressing jahrhundertelang im Karneval in Rom, damals Hauptstadt des Kirchenstaates (siehe: Römischer Karneval auf dem Corso). Goethe schildert es – samt den zugehörigen, geschlechts-persiflierenden Rollenspielen, die heutiger Travestie kaum nachstanden – ausführlich in seiner Italienischen Reise im Jahr 1788:Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, zweiter Rom-Aufenthalt Februar 1788. Das römische Carneval, Text auf goethezeitportal.de, Auszüge hier als Zitat.

Crossdressing als Thema in Kunst und Kultur Erzählungen von Helden in Frauenkleidern werden spätestens seit der Antike in der bildenden Kunst thematisiert.

Frauen, die Männerkleidung anziehen, waren unter anderem oft in deutschen Filmen um 1930 zu sehen, zum Beispiel in Liebeskommando (1931) oder in Viktor und Viktoria. In der Nachkriegszeit vertauschte Liselotte Pulver in der Rolle einer entführten Grafentochter im Rahmen des Films Das Wirtshaus im Spessart (1958) ihre Kleider mit einem Handwerker. In der österreichischen Komödie Wenn Mädchen ins Manöver zieh’n aus demselben Jahr verkleiden sich zwei Frauen als adelige (männliche) Offiziere, ihre Freunde aber als deren Frauen. Alle vier müssen sich schließlich mit einem falschen Oberst (gespielt von Grethe Weiser) auseinandersetzen. Es gibt auch Beispiele in neueren Filmen, zum Beispiel die von Barbra Streisand gespielte Yentl (1983) oder Julie Andrews als Victor/Victoria (1982).