mini|hochkant=1.3|Die Garnisonkirche zu Potsdam, Gemälde von Carl Hasenpflug (1827) mini|hochkant=1.3|Luftbild der im Wiederaufbau befindlichen Garnisonkirche, 2023

Die Garnisonkirche (ehemals: Hof- und Garnisonkirche) war eine evangelische Kirche in der historischen Mitte von Potsdam, deren Turm von 2017 bis 2024 wiederaufgebaut wurde. Erbaut im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. nach Plänen des Architekten Philipp Gerlach in den Jahren 1730–1735, galt sie als ein Hauptwerk des norddeutschen Barocks. Mit einer Turmhöhe von fast 90 Metern war sie das höchste Bauwerk Potsdams und prägte im Dreikirchenblick zusammen mit der Nikolaikirche und der Heiliggeistkirche das Stadtbild. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie 1945 durch einen britischen Luftangriff in der sogenannten Nacht von Potsdam schwer beschädigt und brannte aus. Die Regierung der DDR ließ die gesicherte Ruine 1968 sprengen, um auf einem Teil des Grundstücks das Rechenzentrum Potsdam zu errichten. Anhänger eines Wiederaufbaus des Gotteshauses traten 2004 mit dem Ruf aus Potsdam an die Öffentlichkeit. In der Folge ihres Engagements wird seit 2017 die kontrovers debattierte Rekonstruktion als offene Stadtkirche und internationales Versöhnungszentrum betrieben. Am Ostermontag 2024 wurde im wiedererrichteten Kirchturm die neue Nagelkreuzkapelle eröffnet. Im August 2024 wurde eine Ausstellung zur Geschichte des Ortes und die Aussichtsplattform in 57 Meter Höhe eröffnet.

In der Geschichte Preußens war die Garnisonkirche ein bedeutender und symbolträchtiger Ort. Unter anderem besuchten der russische Zar Alexander I. und Napoleon Bonaparte das Bauwerk, in dem neben Friedrich Wilhelm I. auch dessen Sohn Friedrich II. bestattet war. Die ersten frei gewählten Stadtverordneten Potsdams tagten in der Garnisonkirche. Lutheraner und Reformierte vereinigten sich in ihr zur Union. Der Komponist Johann Sebastian Bach spielte dort 1747 und der Organist Otto Becker entwickelte sie später zu einer wichtigen Stätte der Kirchenmusik. Mit dem Tag von Potsdam 1933 wurde das Gotteshaus von den Nationalsozialisten für NS-Propaganda vereinnahmt. Zugleich gehörten unter anderem Henning von Tresckow, Helmuth James von Moltke und weitere Beteiligte am Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 der Kirchengemeinde an.

Gestaltung der Zweiten Garnisonkirche mini|Vorder- und Seitenansicht der Garnisonkirche, Stich aus dem Jahr 1730 mini|hochkant|Ansicht von der Plantage, Bild entstand zwischen 1928 und 1944

Architektur Kirchturm Der Turm der Garnisonkirche mit einer Gesamthöhe von 88,43 Metern ragte in die Breite Straße. Die Seitenwände des Turmes wurden an jeder Seite von schmalen Längsfenstern durchbrochen, zusätzlich trugen die Ecken Figurenschmuck. Über dem Hauptportal zur Breiten Straße befand sich eine Inschrifttafel mit goldenen Buchstaben. Darauf war zu lesen: „Friderich Wilhelm, König in Preußen, hat diesen Thurm nebst der Guarnison-Kirche zur Ehre Gottes erbauen lassen. Anno 1735.“ Ein Teil der Buchstaben ist heute noch vorhanden. Das Turmbauwerk wurde im Untergeschoss wuchtig aufgeführt und verjüngte sich in den oberen Etagen. Die Turmlaterne bildete ein aus Eiche konstruiertes, mit Kupferblech verkleidetes Geschoss, auf dem eine Wetterfahne angebracht war. Sie enthielt das aus der 1722 geweihten ersten Garnisonkirche stammende Glockenspiel, ergänzt durch fünf neue, von Paul Meurer geschaffene Bassglocken. Im Jahr 1880 erfolgte eine umfangreiche Restaurierung der Turmspitze.J. Lohse: Die Thurmspitze der Garnisonkirche in Potsdam. Die Potsdamer Garnisonkirche galt neben der Hamburger Michaeliskirche und der Münsteraner Clemenskirche als bedeutendster Sakralbau des norddeutschen Barock.

Kirchenschiff Das Kirchenschiff, ein rechteckiger, in Querachse ausgerichteter Bau, schloss in nördlicher Richtung an den Turm des Kirchengebäudes an. Auf dem 17 Meter hohen, steilen Walmdach waren auf West-, Nord- und Ostseite jeweils zwei Dachgauben aufgesetzt. Die großen Rundbogenfenster des Kirchenschiffes dominierten das Fassadenbild, das durch Mittelrisalite an allen drei Fassaden belebt wurde. Weiterhin befanden sich zu beiden Seiten am Übergang zum Kirchturm Attika-Balustraden, die in einer Rundung an das Dach anschlossen. Sie wurden zur Breiten Straße mit Säulenpilastern ausgeführt und bildeten so mit dem Turm die repräsentative Eingangsfront.

Innenarchitektur Der Innenraum der Garnisonkirche war klar gegliedert. Massive Pfeiler waren durch Korbbögen miteinander verbunden, die wiederum eine flache Decke und zweigeschossige Emporen trugen. Der Innenraum war anfangs schmucklos und mit einfacher Holzausstattung versehen. Die Angehörigen der Zivilgemeinde saßen auf den Bänken im Erdgeschoss, die der Militärgemeinde auf den Emporen. Zu dieser Zeit fasste die Kirche etwa 3000 Personen.

In den Jahren 1897 bis 1899 wurde der Innenraum grundlegend im Stil des Neobarocks umgestaltet. Die bisher schlicht gehaltenen Pfeiler, Decken und Emporen erhielten zeittypische Stuckelemente und Vergoldungen. Die Emporen wurden ebenfalls umgestaltet, wodurch sich die Zahl der Sitzplätze reduzierte.Andreas Kitschke: Die Kirchen der Potsdamer Kulturlandschaft. S. 78.

Ausstattung

Altar, Kanzel, Taufe Der aus der Vorgängerkirche stammende Feldaltar war einfach in Holz gehalten und diente dem Abendmahl. Eine hölzerne Kanzel wurde auf der Südseite aufgestellt. Das Taufbecken und eine Taufkanne nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel bildeten zunächst die Zeremoniengeräte.

Aus Anlass des Militärdienstjubiläums des deutschen Kaisers Wilhelm II. stiftete dieser Ende der 1890er Jahre einen prunkvollen neuen Marmoraltar. Der Holzaltar wurde in der Taufkapelle aufgestellt. Weitere Taufgeräte fertigte der Bildhauer und Ziseleur Otto Rohloff im Jahr 1902.

Bei der Mobilisierung zum Ersten Weltkrieg und im NS-Regime diente der Holzaltar als Feldaltar bei militärischen Massenaufmärschen im Potsdamer Lustgarten. Seit 2024 steht der erhalten gebliebene alte Feldaltar in der Kapelle des wiederaufgebauten Turms der Garnisonkirche. Kritiker meinen, dieser „Blutaltar“" gehöre stattdessen ins Museum.Vgl. zur Geschichte des Feldaltars ausführlich: Schwarzbuch Garnisonkirche Potsdam. Hrsg. Lernort Garnisonkirche, Martin Niemöller Stiftung e. V., April 2024; abgerufen am 17. Oktober 2024.

Königliches Monument Friedrich Wilhelm I. ließ die Kanzel 1735 nach eigenen Vorgaben durch das raumbeherrschende Königliche Monument ersetzen. Dabei handelte es sich um einen Kanzelaltar mit dahinterliegender, ebenerdiger Gruft, in der er und seine Frau begraben werden sollten. Hinterlegt mit einer Schauwand aus schwarzem, rotbuntem und weißem Marmor, die Anklänge an Giovanni Lorenzo Berninis Ziborium über dem Hochaltar des Petersdoms aufwies, ragte das Werk in den Kirchenraum hinein.Ludwig Bamberg: Die Potsdamer Garnisonkirche S. 43–55. Die Entwürfe stammten von Christian Friedrich Feldmann, Ausführende waren Johann Christian Angermann, Johann Konrad Koch und der Bildhauer Johann Georg Glume, der auch die Marmorfiguren Mars und Bellona am Eingang zur Gruft geschaffen hat. Der Altar verfolgte eine barocke durch skulpturale Elemente geprägte Formensprache und bildete den Höhepunkt der inneren Ausstattung. Vier Säulen mit korinthischen Kapitellen sowie dahinter liegenden Pilastern trugen ein konkav geformtes Gebälk. Darauf befand sich ein geschwungener Sprenggiebel. Zwei sitzende Herolde und zwei preußische Adler sowie eine Wappenkartusche mit dem Hoheitszeichen Friedrich Wilhelms I. und dem Wahlspruch Non soli cedit („Er weicht nicht der Sonne“), dienten als Bauschmuck auf dem Giebel. Den obersten Abschluss des Altars bildete das goldene von einem Strahlenkranz umgebene und von einem Dreieck umschlossene Auge der Vorsehung. Das Portal zur Gruft war zentral zwischen den Säulen eingelassen und mit vergoldeten schmiedeeisernen Gittern ausgestattet. Über dem Tor befand sich die reich verzierte helle Kanzel.

Gestühl, Fenster Die hölzernen Kirchenbänke im Parterre und auf den Emporen boten Platz für bis zu 3000 Kirchenbesucher. Die Fenster waren als Rundbogen ausgeführt und mit bleigefassten Glasscheiben ausgestattet.

Orgeln Die große Orgel wurde 1731/1732 von dem Orgelbauer Joachim Wagner auf der zweiten Empore über der Kanzel erbaut. Das Instrument war in einem imposanten Orgelgehäuse mit einem reich geschnitzten Prospekt untergebracht. Die Schleierbretter und der figürliche Schmuck des Orgelgehäuses wurden vermutlich vom Künstler Johann Georg Glume (1679–1765) geschaffen. Der Prospekt war in drei Türme gegliedert (im Mittelturm waren aus Platzmangel einige Pedalregister untergebracht) und hatte sechs Prinzipal-Pfeifenfelder. Die größten Prospektpfeifen hatten eine Länge von fünf Metern. Eine Besonderheit der Orgel war – einer Militärkirche entsprechend – ein Spielwerk aus posaunenblasenden und paukenschlagenden Engeln, die Helme trugen, sich drehenden Sonnen (Zimbelsterne), einem Glockenspiel und einem flügelschlagenden Adler. Das Instrument verfügte über 42 klingende Register auf drei Manualen und Pedal.Wolf Bergelt: Joachim Wagner. S. 324. Im Jahre 1862 wurde die Disposition durch die Orgelbauer Gesell & Schultze und 1882 durch Carl Eduard Gesell verändert.Zur Disposition der alten Orgel siehe: Hermann Mund: Hermann Mund Sammlung Orgeldispositionen. Kapitel 1.

Im Zuge einer Umgestaltung des Innenraumes in den Jahren 1897 bis 1899 errichtete der Orgelbauer Wilhelm Sauer hinter dem barocken Prospekt ein neues Innenwerk, wobei er etwa die Hälfte des historischen Pfeifenmaterials wiederverwendete. Das neue, im spätromantischen Stil disponierte Instrument hatte nun 46 Register auf pneumatischen Kegelladen.Zur Disposition der späteren Orgel siehe Hermann Mund: Hermann Mund Sammlung Orgeldispositionen. Kapitel 57. Die Orgel wurde 1945 mit der Kirche zerstört.

Glockenspiel

Nachdem das Glockenspiel zunächst zur vollen Stunde verschiedene Choräle und zur halben Stunde weltliche Lieder abgespielt hatte, ertönte ab 1797 bis 1945 der Stundenchoral Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren. Im Wechsel dazu ertönte das Halbstunden-Lied Üb’ immer Treu und Redlichkeit von Ludwig Hölty, jedoch mit einer etwas vereinfachten Melodie der Arie Ein Mädchen oder Weibchen aus Mozarts Oper Die Zauberflöte und einer Variation als zweite Strophe.Andreas Kitschke: Die Potsdamer Garnisonkirche. S. 28–31. Dazwischen waren Vorschläge und kurze Melodien zu hören, sodass das Glockenspiel alle 7½ Minuten über der Stadt erscholl.

Das originale Glockenspiel wurde 1945 durch den Brand in Folge der Bombardierung vernichtet. Seit der 1991 erfolgten Aufstellung des nachgebildeten Glockenspiels auf der benachbarten Plantage spielt dieses wieder die letztgenannten Lieder zur vollen und zur halben Stunde.

Geschichte Der Vorgängerbau 1720 bis 1722 wurde die erste Potsdamer Garnisonkirche als quadratischer Fachwerkbau an der Breiten Straße und dem Stadtkanal errichtet. Ein auf das steile Zeltdach aufgesetzter eingeschossiger Turm erhielt ein 35-stimmiges Glockenspiel des niederländischen Glockengießers Jan Albert de Grave. Nach der Fertigstellung der Kirche zogen die evangelische Militärgemeinde, hauptsächlich Angehörige des Leibregiments der Langen Kerle und die deutsch-reformierte Zivilgemeinde ein. Die Kirche hatte dabei von Beginn an eine Sonderstellung inne, da sie dem direkten Patronat des Königs von Preußen unterstand. Dadurch unterlagen sowohl Militär- wie auch Zivilgemeinde dessen alleiniger Verfügung.Hartmut Rudolph: Die Potsdamer Hof- und Garnisongemeinde. S. 203. Die katholischen Soldaten wurden von der in den 1730er Jahren entstandenen Peter-und-Paul-Gemeinde seelsorgerisch betreut.