mini|Warten auf den Auftritt Unter Lampenfieber versteht man allgemein eine starke Aufregung oder Angst vor einem öffentlichen Auftritt, begleitet von Anspannung, Nervosität und Stress. Sie kann den Schauspieler vor dem Bühnenauftritt, den darstellenden Künstler, den Musiker, den Prüfling vor einer Prüfung, den Kandidaten vor seinem Vorstellungsgespräch oder den Sportler vor dem Wettkampf betreffen.

Kamera- und Mikrofonangst sind dem Lampenfieber eng verwandt.Stuart Wallace Hyde: Television and radio announcing. Houghton Mifflin, 1998. Alan R. Stephenson, David E. Reese, Mary E. Beadle: Broadcast Announcing Worktext: Performing for Radio, Television, and Cable. Focal Press, 2005, ISBN 0-240-80569-0, S. 27. In einem noch weiteren Sinne versteht man unter Lampenfieber auch die Anspannung eines Menschen, der eine nicht-künstlerische Leistung in einer Situation erbringen will, in der er vermehrter sozialer Aufmerksamkeit begegnet, z. B. bei einem Referat die mögliche Sprechangst, bei einem gesellschaftlichen Anlass oder beim Sport die sogenannte „Vorstartangst“.Kribbeln und Lampenfieber vor dem WM-Start. sportschau.de; Waltraud Witte: Eiskunstlauf-Basics. 2. Auflage. Meyer&Meyer, Aachen 2009, ISBN 978-3-89899-331-9, S. 159. Weil Lampenfieber untrennbar mit der Erwartung verknüpft ist, dass die Qualität dieser Leistung bzw. des Auftritts vom Publikum beurteilt wird, ist der Übergang zur Prüfungsangst fließend. Dies gilt besonders für Teilnehmer beim Casting sowie bei Berufskünstlern, die sich während ihrer Arbeit gegen eine starke Konkurrenz behaupten müssen.

In der psychologischen Forschung versammelt „Lampenfieber“ unter dem Begriff performance anxiety diverse Formen von Anspannung und Angst vor dem Auftritt. Es kann als eine Untergruppe der sozialen Angststörungen gesehen werden.Ulrich Stangier, Thomas Fydrich: Das Störungskonzept der Sozialen Phobie und der Sozialen Angststörung. In: Ulrich Stangier, Thomas Fydrich (Hrsg.): Soziale Phobie und Soziale Angststörung. Hogrefe, 2002, S. 10–33. Dagegen bezieht sich die berufsspezifische Ratgeberliteratur einhellig auf „Lampenfieber“, wobei die Autoren meist zwischen zwei verschiedenen Formen des Lampenfiebers unterscheiden: einem positiven Lampenfieber und einem „negativen“ Lampenfieber („Auftrittsangst“, „Podiumsangst“, „Vorstartangst“). „Positives“ Lampenfieber kann sich als Eustress leistungssteigernd auswirken, indem verschiedene Hormone zu einer sogenannten „Erhöhung der Betriebstemperatur“ führen.Andreas Hoffstadt: Sprache der Gewinner: Wie Sie in allen Redesituationen sicher und überzeugend auftreten. Druck & Verlagshaus Mainz, Aachen 2006, S. 74.Lampenfieber und Aufführungsängste sind nicht dasselbe! Ein Beispiel hierfür ist der sogenannte „Adrenalinkick“. „Negatives“ Lampenfieber hingegen wird als Zustand krankhafter Erregung beschrieben, was sich eher leistungsmindernd auswirkt.

Phänomen Stress als körperliche und geistige Anspannung angesichts einer unmittelbar bevorstehenden anspruchsvollen Aufgabe ist eine im Laufe der Evolution entwickelte natürliche Reaktion, deren Sinn ursprünglich darin lag, in einer gefährlichen Situation beim Überleben zu helfen, indem die Nebennieren Adrenalin und Noradrenalin ins Blut entsendeten und den Organismus auf Flucht oder Kampf vorbereiteten.Warum bekommen wir Lampenfieber?; Lampenfieber, Betablocker und Künstlertum Zudem kommen erlernte Reaktionsmuster hinzu, wie zum Beispiel die Angst vor Nichterfüllung der eigenen Erwartungen oder der Erwartungen anderer.

Lampenfieber charakterisiert sich nach der Systematik von WarwitzSiegbert A. Warwitz: Das Feld der Angstgefühle. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. 3., erweiterte Auflage, Verlag Schneider, Baltmannsweiler 2021, ISBN 978-3-8340-1620-1, S. 36–37. als sogenannte „State-Angst“. Diese stellt sich nicht als ein durchgängiger Charakterzug dar, sondern tritt nur als vorübergehender Gemütszustand in bestimmten Situationen auf, bei denen sich ein Erwartungsstress aufbaut. Soweit sie nicht habituell geworden ist, zählt sie auch nicht zu den behandlungsbedürftigen Angststörungen, sondern gewinnt eine positive Funktion als leistungsförderlicher Faktor, der den Betroffenen vor einer Wagnishandlung körperlich und geistig in eine optimale Ausgangslage versetzt.

Lampenfieber ist nach Warwitz als eine nicht immer angenehme, aber nützliche Reaktion des Organismus zu sehen, die physische, psychische und mentale Befindlichkeit auf die Bewältigung der anstehenden Aufgabe einzustellen. Hierzu gehören physiologische Veränderungen wie die Erhöhung des Adrenalinspiegels oder die Durchblutungsförderung von Gehirn und Muskeln sowie die damit verbundene Steigerung des Wachheitsgrades, der Konzentration oder des Reaktionsvermögens und die Aktivierung der mentalen Leistungsbereitschaft. Solche Lampenfieber induzierende Situationen ergeben sich etwa vor Prüfungen, vor einem öffentlichen Auftritt als Schauspieler, Sänger oder Redner oder vor einer aufregenden sportlichen Handlung wie einem Gleitschirmstart oder einem Bungeesprung.

Epidemiologie Die Prävalenz von Lampenfieber lässt sich generell schwierig schätzen, da die Terminologie uneinheitlich ist und es methodische Schwierigkeiten bei der Abfrage gibt. Laut einer Studie betrifft die „Angst, vor vielen Menschen zu reden“ 8,7 % der Männer und 11 % der Frauen. Die Prävalenz ist außerdem abhängig von Lebensumständen, wie zum Beispiel dem Beruf. Beispielsweise gaben 40 % der Studierenden an, vor öffentlichen Vorträgen Lampenfieber in unangenehmen Ausmaß zu empfinden.

Klinisches Erscheinungsbild Behinderndes Lampenfieber äußert sich klinisch als akuter Stress, welcher sich vor allem auf der körperlichen Ebene stark ausdrückt. Lange Zeit vorher kommt es zu schlaflosen Nächten, einer erhöhten Nervosität, Übelkeit, Erbrechen, Schweißausbrüchen, Kopfschmerzen, einem erhöhten Puls und Blutdruck und Verdauungsstörungen. Kurz vorher oder währenddessen treten ebenfalls Schweißausbrüche auf, begleitet von einem Erröten im Gesicht, abwechselndem Heiß- und Kaltwerden am Kopf oder am ganzen Körper, einer flachen Atmung, kalten und feuchten Fingern, Stottern, Harndrang, zittrigen Knien, Zittern am ganzen Körper und Herzrasen. Außerdem kommt es zu Phänomenen wie dem sogenannten „Blackout“, beziehungsweise einem „leeren Kopf“ oder auch der bekannte „Frosch“ im Hals. Ebenso treten typische Symptome wie Reizbarkeit, körperliche und emotionale Beklemmung, Konzentrationsmangel und Vergesslichkeit auf. Diese Symptome können so heftig sein, dass Lampenfieber manchmal wie eine Krankheit empfunden wird, was es aber offiziell nicht ist. Da Menschen auf Stress unterschiedlich reagieren, verhalten sie sich auch bei Lampenfieber unterschiedlich. Wie der Pianist und Musiktheoretiker Charles Rosen aufgewiesen hat, ähnelt das Lampenfieber mit seinen Symptomen auch der Verliebtheit.Charles Rosen: Lampenfieber Lettre International 79, Winter 2007.

Beschwerdebild bei Musikern Manche Stress-Symptome treffen bestimmte Gruppen von Künstlern empfindlicher als andere. Das Austrocknen des Mundes und Rachens etwa, das erschwerte Schlucken und die verkürzte Atemspanne verursacht Sängern und Bläsern besondere Probleme. Bei letzteren verändert sich unter Stress auch der Mundansatz. Bei Sängern können sich das Timbre und der Resonanzkörper verändern, was allerdings keine Leistungsminderung der Stimme bedeutet.Gerhard Böhme: Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen, Band 1: Klinik. Urban und Fischer, 4. Auflage, 2003, ISBN 3-437-46950-9, S. 237. Bei Sängern und Schauspielern kann Lampenfieber die Stimme schwächen und zu Textvergesslichkeit führen.Lampenfieber movie-college.de Pianisten verlieren, wenn ihre Hände feucht werden, den sicheren Zugriff auf die Tasten. Noch problematischer ist bei vielen Künstlern die Beeinträchtigung der Muskulatur und Sensorik, da die Qualität der Arbeit oft erheblich von der Kontrollfähigkeit der Feinmotorik abhängt. Das gilt zum Beispiel für Schauspieler, die mit einem vor Nervosität versteinerten Gesicht keine fein nuancierten Emotionen darstellen können, aber in noch höherem Maße für Instrumentalisten. Die vorübergehende Beeinträchtigung der Fähigkeit, z. B. die Finger schnell und gleichzeitig millimetergenau zu bewegen, ist besonders für Streicher verheerend. Ein weiteres Problem haben Streicher, wenn ihnen die Bogenhand zittert; das Zittern der Hände beeinträchtigt die Spielqualität jedoch auch bei vielen anderen Instrumentalisten.; Lampenfieber bei Musikern ist heilbar; Die Angst vorm Patzer; Zittern vor dem großen Auftritt Solisten, die ohne Noten spielen, erleiden, wenn sie aufgeregt sind, Blackouts und gehen dann mitunter in der Struktur eines kompliziert aufgebauten Musikstückes verloren.

Etwas Aufregung vor dem Auftritt wird nicht nur als normal, sondern teilweise sogar als günstig betrachtet. Nützliches Lampenfieber macht wach, putscht auf, schafft die nötige Spannung in Körper und Geist, setzt Energie frei, macht uns fitter im Kopf, beschleunigt somit die Denkfähigkeit und stärkt uns für den Auftritt. Als „natürliches Aufputschmittel“ erhöhe die Aufregung die Aufmerksamkeit des Künstlers und sei der Qualität des Vortrags damit zuträglich. Allzu routinierte Vorträge gelten als langweilig.Gustav Vogt: Erfolgreiche Rhetorik: Faire und unfaire Verhaltensweisen in Rede und Gespräch. 3. Auflage. Oldenbourg, München 2010, ISBN 978-3-486-59737-0, S. 208. Claus Derra: Stressbewältigung – ein Eckbaustein der Gesundheitsbildung in heutiger Zeit. In: Hans-Joachim Pusch, Ilona Biendarra (Hrsg.): Gesundheitsbildung im Lebenslauf: Verstehen – Informieren – Umsetzen. Würzburg 2006, ISBN 3-8260-3316-7, S. 67–78 (S. 73). Wissenschaftliche Untersuchungen, die dies alles belegen, gibt es bislang allerdings nicht.Es ist die Hölle. In: Die Zeit, Nr. 15/2009 Erste Studien zu dem Thema haben im Gegenteil sogar Hinweise darauf geliefert, dass Musiker, die ihr Lampenfieber mit Betablockern eindämmen, tatsächlich technisch besser und ausdrucksvoller spielen als Kollegen, die keine entsprechenden Medikamente einnehmenLampenfieber, Betablocker und Künstlertum – dass also die im letzten Absatz beschriebene Stresssymptomatik der feinmotorischen Leistung der Musiker eher abträglich ist.

Sozialphobische Variante Wenn Lampenfieber mit deutlichen körperlichen Symptomen wiederholt auftritt, kann es sich zu einer Sozialen Phobie entwickeln. Dies beginnt meist damit, dass im Anschluss an eine unangenehme Auftrittserfahrung – wie sie im Bühnenleben eigentlich zum Alltag gehören – Angst davor entsteht, dass man Angst bekommt. Dadurch wird vor dem nächsten Auftritt die Erwartung entwickelt, dem Publikum wieder eine nicht ausreichende Leistung zu zeigen, wodurch das Publikum in der Vorstellung des Auftretenden fast feindselig wirkt.So überwindet man Lampenfieber Die Zeit, 21. Mai 2010. Diese Erwartungshaltung führt dazu, dass uneindeutige Rückmeldungen des Publikums eher als ablehnend interpretiert werden und positiven Rückmeldungen weniger Gewicht beigemessen wird als negativen. Auf diese Weise stabilisiert sich die negative Sicht auf die eigene Leistung und damit die Angst vor Auftritten.

Viele Künstler, die sich aus dieser Spirale nicht mehr befreien können, versuchen der Angst durch den Missbrauch von Alkohol, Beruhigungsmitteln oder Betablockern entgegenzuwirken. Diese machen aber nicht nur abhängig, sondern verfestigen die Phobie, da sie kurzfristig tatsächlich Abhilfe schaffen und die Betroffenen von nun an nicht mehr versuchen, sich aus eigener Kraft zu helfen.Wenn das Publikum zum Feind wird Die Zeit; Beethoven auf Betablockern focus; Musiker auf Beta-Blocker taz