Der Begriff Individualität (lat.: Ungeteiltheit) bezeichnet im weitesten Sinne die Tatsache, dass ein Mensch oder Gegenstand einzeln ist und sich von anderen Menschen beziehungsweise Gegenständen unterscheidet, also nicht konform ist. Verwendet wird der Ausdruck unter anderem in der Philosophie, Theologie, Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Anthropologie und Humanbiologie. Die Bedeutung des Individuums wird oft unter Gegensätzen wie Individuum und soziale Gruppe, Individuum und Staat, Individuum und Population diskutiert.

Individualismus ist ein Gedanken- und Wertesystem, in dem das Individuum im Mittelpunkt der Betrachtung steht.

Philosophie (Auswahl) In der Philosophie spielt der Gedanke der Individualität seit der Antike eine große Rolle. Diskutiert wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein insbesondere die Frage nach dem Individuationsprinzip, das heißt die Frage, was dafür verantwortlich ist, dass Menschen und Gegenstände individuell sind.

Philosophen haben grundverschiedene Vorstellungen entwickelt, was Individualität bedeutet und wie sie zustande kommt. Nach Aristoteles und Thomas von AquinSiehe z. B. De ente et essentia, Kapitel 2. werden Gegenstände durch Materie, nach Thomas Hobbes und Rudolf CarnapSiehe z. B. Der logisch Aufbau der Welt. Berlin 1928, S. 215. durch Raum und Zeit, nach Johann Gottlieb Fichte und Georg Wilhelm Friedrich Hegel durch die Selbstverendlichung des Geistes individuell.

Ein weiterer häufig diskutierter Problemkreis der Individualität liegt in ihrer ambivalenten Beschaffenheit begründet: Individualität zeichnet einerseits die Unverwechselbarkeit des Menschen aus; andererseits sind alle Menschen individuell. Diese Zwiespältigkeit des Individualitätsbegriffs hat seit der Romantik einige philosophische Strömungen den Versuch aufgeben lassen, Individualität begrifflich zu fassen. Stattdessen versuchen etwa Arthur Schopenhauer, Søren Kierkegaard und Friedrich Nietzsche vermehrt, Individualität performativ oder künstlerisch auszudrücken (siehe Philosophie der Person, des Selbst, Selbstbestimmung, Verantwortlichkeit, Willensfreiheit).

Auch erkenntnistheoretisch spielt der Gedanke der Individualität eine große Rolle: Einem verbreiteten Verständnis nach besteht die zu erkennende Realität aus individuellen Dingen und Tatsachen. Die Begriffe, die als Mittel der Erkenntnis dienen, sind jedoch allgemein. Es stellt sich die Frage, ob angesichts dieser Strukturdifferenz durch Begriffe die Realität überhaupt erkannt werden kann. Zweifel an dieser Möglichkeit artikulieren sich bereits in Aristoteles’ Ausspruch, dass vom Einzelnen keine Wissenschaft möglich sei.Metaphysik 7, 4 Im Laufe der Philosophiegeschichte verdichten sich diese Zweifel, und führen schließlich zu der durch GoetheSo in Goethes Brief an J. K. Lavater vom 20. September 1780, vgl. Dirk Kemper: Ineffabile. Goethe und die Individualitätsproblematik der Moderne. München 2004. bekannt gewordenen Ansicht, dass das Individuelle generell durch das Denken nicht erfasst werden kann (individuum est ineffabile).

In der Philosophischen Anthropologie, in der Persönlichkeitspsychologie und in den verschiedenen Psychotherapie-Schulen sind vielfältige Auffassungen von Individuum und Individualität entwickelt worden. Diese Interpretationen streben zwar eine grundlegende, gültige Bestimmung an, werden jedoch auch vom Menschenbild der Autoren und von den typischen kulturellen Werten ihrer Welt beeinflusst sein (siehe Mentalitätsgeschichte).

Kulturen, Theologien und Religionen

Bei der Konzeption menschlicher Individualität ist das europäische Denken über lange Zeit maßgeblich von der jüdisch-christlichen Theologie geprägt worden. In dieser Tradition steht der einzelne Mensch als Person seinem Schöpfergott gegenüber. Die menschliche Individualität gründet theologisch auf einer unverfügbaren, unsterblichen Seele, die den Menschen von allen anderen Wesen unterscheidet.

Auch im Hinduismus existiert der Glaube an einen unvergänglichen Wesenskern Atman, während im Buddhismus der Theravada- und Zen-Richtung die Vorstellung eines metaphysischen Ich (Selbst) als fundamentale Selbsttäuschung gilt. Nach der Lehre von Anatman (Nicht-Selbst) gibt es statt einem einheitlichen Ich nur ein Bündel miteinander verbundener Bewusstseinsprozesse.

Aus Sicht der Kulturphilosophie und Kulturpsychologie sind die Unterschiede zwischen der europäisch-christlichen Tradition und dem außereuropäischen Denken interessant. Unterschiede zeigen sich beispielsweise in der Diskussion über die Inhalte und die Rangordnung von Menschenrechten. In welchem Verhältnis zueinander stehen die Freiheitsrechte des Einzelnen zu unbegrenzter Selbstverwirklichung (persönlichem Glückstreben) und die sozialen Begrenzungen durch Pflichten gegenüber Familie und Gemeinschaft? Die gelegentlich behauptete Unterscheidung zwischen westlich-individualistischer und östlich-kollektivistischer Grundüberzeugung ist jedoch sehr vereinfacht, weil die großen Unterschiede, die jeweils auch innerhalb der Kulturen bestehen, übersehen werden (Asendorpf 2005; Marsella et al. 2000; Thomas 2003).

Psychologie Psychologisch ist die Individualität eines Menschen als Eigenart des Handelns und Verhaltens (Agierens und Reagierens) zu erkennen. Individuelle Unterschiede zeigen sich in den Persönlichkeitseigenschaften, in den Einstellungen, Interessen und Wertorientierungen, religiösen, philosophischen und politischen Überzeugungen, in den Selbstkonzepten, im Sozialverhalten und Kommunikationsstil. Im weiteren Sinn umfasst Individualität auch die persönlich gestaltete Wohn- und Arbeitswelt (Gosling et al. 1995). Mit der systematischen Beschreibung aller psychologischen Merkmale befasst sich die Differentielle Psychologie. Individualität bedeutet hier eine sehr seltene oder einmalige Kombination vieler (bzw. auffälliger) Einzelmerkmale eines Menschen oder eines menschlichen Werkes. Im Einzelfall sind u. U. nur wenige Züge oder Verhaltensmuster charakteristisch.

Eine andere Sichtweise der Individualität geht vom Bewusstsein des Einzelnen aus. Von Einzigartigkeit und Einmaligkeit des Individuums ist also vor allem dann zu sprechen, wenn es um Innerlichkeit und Befindlichkeit, Subjektivität und Intentionalität des Menschen geht. Im persönlichen Befinden, im Erleben des eigenen Körpers, in der Wahrnehmung der äußeren Welt ist uns eine innere Wirklichkeit gegeben. Sie hat eine besondere Beschaffenheit, eine eigene phänomenale Qualität, denn sie wird gefühlt und erlebt und ist nur uns direkt zugänglich. Dieser Ichbezug ist ein Aspekt der Subjektivität neben den persönlichen Erinnerungen, dem Innewerden von Absichten (Intentionalität) und der Einsicht, in selbstbestimmter Weise handeln zu können. Der Verlust dieses Ichbezugs, d. h. ein anhaltendes Erleben von Fremdheit, Fremdsteuerung, und andere Ich-Störungen (Depersonalisation) gelten als auffällige Anzeichen der Psychopathologie bei bestimmten psychiatrischen Erkrankungen.

In der Selbstreflexion ist zweierlei gegeben: das unmittelbare und unbedingte Wissen, sich von anderen Menschen zu unterscheiden, und die Gewissheit, trotz aller, u. U. tiefreichender Veränderungen, mit sich selbst im Laufe der Zeit identisch zu sein. Individualität bedeutet hier die unverwechselbare Bewusstseinswelt (Subjektivität) des Einzelnen und die Einmaligkeit jeder menschlichen Biografie.

In der Psychoanalyse Sigmund Freuds beziehen sich die Begriffe Ich-Werdung und Ich-Reifung vor allem auf die sich entwickelnde Realitätskontrolle und die zunehmende Kontrolle affektiv-triebhafter Impulse. Für den psychischen Prozess der Selbstwerdung verwendet Carl Gustav Jung den Begriff der Individuation. Der aus der Soziologie stammende Begriff Individualisierung bezieht sich dagegen auf die zunehmende Vereinzelung von Menschen in der Gesellschaft.

Die Sozialpsychologie befasst sich vor allem mit dem Sozialisationsprozess, der Sozialisation, und mit der Spannung zwischen Individuum und sozialer Gruppe bzw. Gemeinschaft. Aus der verallgemeinernden Sicht der Sozialpsychologie und Soziologie werden – wie auch in der Allgemeinen Psychologie – nicht selten die große Variabilität menschlicher Eigenschaften und die praktischen Konsequenzen dieser individuellen Unterschiede übersehen („Soziologismus“). So wurde eine Wiederentdeckung der Persönlichkeit in den empirischen Sozialwissenschaften gefordert (Schumann 2005).

Die Individualität eines Menschen schließt auch die körperliche Individualität ein: das Aussehen eines Menschen sowie eine Vielfalt anatomischer, physiologischer und biochemischer Merkmale, in denen es große individuelle Unterschiede gibt – siehe unten: körperliche (somatische) Individualität und Konstitution.

Entwicklungspsychologie Die Entwicklungspsychologie geht den Fragen nach, wie sich diese Individualität aus den genetischen Anlagen unter den frühkindlichen Bedingungen und dem Erziehungseinfluss der Eltern und anderer Bezugspersonen ausbildet. Welche Prozesse des Lernens und der Identifikation finden statt, wie formen sich dabei die Selbstkonzepte und wie verändern sie sich während der Lebensspanne? Die Entwicklung dieser kognitiven Systeme bzw. des Wissens über sich selbst bilden aktuelle Forschungsthemen der Psychologie. Der Prozess der Selbstentdeckung des Kleinkindes hat außerdem neurowissenschaftliche Theorien über die zugrundeliegenden Vorgänge der Reifung bestimmter Hirnfunktionen angeregt.

Die Kindforschung geht heute davon aus, dass mit der Entwicklung der Sprachfähigkeit ein Kleinkind durch „sozial determinierte Empathie“ (in der Regel der Bezugspersonen) beeinflusst wird. Dadurch entsteht dann eine ‚sozial determinierte Individualität‘, die jedoch zum Beispiel Niklas Luhmann (1993, s. o.) als gegeben voraussetzt.

Die in der Reflexion gegebene Individualität schließt das Selbstverständnis und die gesamte individuelle Lebensauffassung einer Person mit ein, potenziell also das Gesamt aller für sie wesentlichen Aspekte ihres Lebens: Individuum als Welt für sich (siehe Hans Thomae). In diesem Sinn ist die in der Lebensgeschichte geformte Biographie eines Menschen einmalig. Dennoch gilt es, diese Eigenart in allgemeinen psychologischen Begriffen zu beschreiben – eine Aufgabe, die wissenschaftstheoretische Diskussionen nahelegt. Zweifellos kann sehr viel von dem, was die psychologische Individualität ausmacht, in wissenschaftlichen Begriffen beschrieben werden, denn die Individuen haben viele fundamentale Gemeinsamkeiten durch ihre sozialen und kulturellen Entwicklungsbedingungen und aufgrund ihrer biologischen Artzugehörigkeit. Auch die charakteristischen Züge der Biographie und der Subjektivität eines Individuums können weithin in psychologischen Begriffen beschrieben werden. Ob jenseits dieser Individualität ein unbeschreibbares Innerstes, ein metaphysisches Prinzip, eine Seele, existiert oder nicht, kann empirisch nicht beantwortet werden, sondern bleibt eine philosophische und theologische Frage.

Die psychologische Individualität umfasst also alle Merkmale des Erlebens und Verhaltens eines Menschen im Rahmen der Biographie.

Frühkindliche Individualität und Empathie Einige Psychologen – unter anderem M. Hoffman (1975), insbesondere aber Arno GruenArno Gruen, Falsche Götter, 1991, S. 14 ff. – gehen davon aus, dass Individualität sich „natürlich“ entwickelt, wenn sie nicht bereits in der Individuationsphase unterdrückt wird. Individualität entsteht aus derzeitiger Sicht der Psychologie und Pädagogik zunächst durch Erkennen der Grenzen anderer Individuen (in frühkindlicher Phase der Grenzen der Bezugspersonen). Durch das Erkennen derer Grenzen lernt bereits das Kleinkind seine eigenen Grenzen kennen und entwickelt sie schrittweise mittels Versuch und Irrtum.