Otto Flake (* 29. Oktober 1880 in Metz, Deutsches Reich; † 10. November 1963 in Baden-Baden) war ein deutscher Schriftsteller. Flake gehörte neben Carl Einstein, Robert Müller und Robert Musil zu den wichtigsten expressionistischen Vertretern einer reflektiven Prosa, die Narration und Reflexion ineinandersetzten. Obzwar er nach 1945 zu Lebzeiten eine Wiederentdeckung erfuhr, ist er heute weitgehend vergessen. Zu den wichtigsten Dokumenten der Unterströmung des modernen Romans gehören der Großstadtroman Die Stadt des Hirns aus dem Jahre 1919 und Ja und Nein von 1920 mit ihrem Helden Lauda.
Leben
Herkunft und Kindheit mini|Sessel von Flake im Literaturmuseum der Stadtbibliothek Baden-Baden
Die väterlichen Vorfahren von Otto Flake stammten aus der Gegend von Hannover, sein Großvater wurde nach der Eroberung von Elsass/Lothringen 1870 als Polizeikommissar nach Straßburg versetzt. Der Vater (* 1851) war Justizbeamter in der mittleren Laufbahn und zum Zeitpunkt der Geburt seines Sohnes in der Verwaltung des Gefängnisses in Colmar beschäftigt. Die Mutter (* 1857 in der Pfalz) stammte aus ländlichen bildungsbürgerlichen Verhältnissen. Der frühzeitige Tod des Vaters (1890) ließ die Familie in schwierigen finanziellen Verhältnissen zurück, zumal die Mutter sechs Monate nach dem Tod des Gatten noch ein zweites Kind, die Tochter Hedwig zur Welt brachte. In den folgenden Jahren bestritt die Mutter den Unterhalt vor allem durch Vermietung eigener Wohnräume. Flake trug schon als Schüler und später als Student durch Nachhilfeunterricht zum Unterhalt bei.
Vor 1914 Nach dem Abitur (1900) zog die Mutter mit den beiden Kindern nach Straßburg, wo Flake Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte studierte. Dort lernte er René Schickele kennen, gab mit der Künstlergruppe Das Jüngste Elsaß (auch Der Stürmerkreis) neun Ausgaben der Zeitschrift Stürmer heraus und begann, für Zeitungen zu schreiben. In diese Zeit fallen auch erste Versuche literarischer Erzählungen, die unveröffentlicht bleiben. Eine geplante Doktorarbeit über die Hexameter bei Platen blieb unvollendet.1904 trafen sich beide wieder in München. Dort fasste er den Entschluss, bei Dehio in der Kunstgeschichte zu promovieren, brach das Projekt und damit das Studium auch wegen eines gesundheitlichen Zusammenbruchs ab. und studierte anschließend in Straßburg.
Schon während des Studiums hatte Flake bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften journalistische Beiträge geliefert, darunter auch dem Leipziger Tageblatt. Dort wurde ihm 1906 eine Stelle als Redakteur angeboten, die er übernahm (Monatsgehalt: 300 Mark). Ein Jahr später war er Leiter des Feuilletons. Danach aber gab es Zerwürfnisse mit Herausgeber und Inhabern unter anderem wegen einer satirischen Darstellung der Verhältnisse am Schauspielhaus Leipzig. Er legte die Redaktion nieder, blieb aber als freier Mitarbeiter tätig und begann seine Karriere als freier Schriftsteller vor allem mit Reisebüchern.
1909 vereinbarte er mit René Schickele einen gemeinsamen Arbeitsaufenthalt in Paris, wo beide gemeinsam mit ihren Ehefrauen ein Haus bezogen. 1912 erschien sein erster Roman Schritt für Schritt, danach in rascher Folge Romane, Erzählungen und Sachbücher. Von Paris zog er nach Berlin, wo er als regelmäßiger Mitarbeiter der Neuen Rundschau tätig war und später zu den auflagenstärksten Autoren der Weimarer Republik gehörte. In dieser Zeit unternahm er zahlreiche Reisen, über die er in seiner Essaysammlung Das Logbuch berichtet hat (publiziert 1917 bei S. Fischer). Unter anderem traf er in Konstantinopel mit Friedrich Schrader und Max Rudolf Kaufmann zwei ausgewiesene Kenner der osmanischen Kultur.Otto Flake, 1914, Aus Konstantinopel: Neue Rundschau, 15. Jg., Bd. 2, S. 1666–1687 (Zitat auf S. 1678f.). Max Rudolf Kaufmann erwähnt Flake im Zusammenhang mit seinem Istanbul-Aufenthalt als "jungen Schweizer Journalisten" in seiner Autobiographie "Es wird Abend".
Erster Weltkrieg Während des Ersten Weltkrieges arbeitete Otto Flake in der Zivilverwaltung im besetzten Brüssel. Dort hatte er im Haus von Carl und Thea Sternheim Kontakt mit den ebenfalls dort stationierten Schriftstellern Gottfried Benn, Friedrich Eisenlohr und Carl Einstein, dem Kunsthistoriker Wilhelm Hausenstein, dem Verleger Hans von Wedderkop sowie dem Kunsthändler Alfred FlechtheimOtto Flake: Es wird Abend. Eine Autobiographie. S. 230–231. S.Fischer, Frankfurt 1980. Anfang 1918 war er kurze Zeit für die neu gegründete Deutsche Allgemeine Zeitung in Berlin als Chef des Feuilletons tätig. Stellvertretender Chefredakteur der DAZ war bis 1920 Max Rudolf Kaufmann, den Flake aus Konstantinopel kannte. Gegen Kriegsende ließ Flake sich in Zürich nieder und schloss sich dem Kreis der Dadaisten an.
Weimarer Republik 1920 legte er eine deutsche Übersetzung des berühmten Romans von Honoré de Balzac, Verlorene Illusionen, vor.vgl. die Übersetzung von Hedwig Lachmann 1909: (oclc/833675535, oclc/833675496) Im selben Jahr erkannte er zeitgleich mit Eduard Korrodi Hermann Hesses Urheberschaft des Demian.Stephen Smith: An Inkwell of Pen Names. Xlibris Corporation, 2006. S. 112. Seit 1928 lebte er nach seiner Ausweisung aus Südtirol (wo er am Ritten lebte) mit seiner Familie in Baden-Baden, wo er mit Ivo Puhonny bekannt wurde. Dessen Tochter Doris illustrierte Flakes Märchenbuch Der Straßburger Zuckerbeck (1933).
Kurt Tucholsky schrieb über seinen Mitarbeiter an Die Weltbühne:
Stefan Zweig stellte fest:
mini|Flakes Grab auf dem Hauptfriedhof Baden-Baden
Nationalsozialismus Seit seinen ersten Roman (1912) war Otto Flake an den S. Fischer Verlag in Berlin gebunden. 1933 unterschrieb Flake wie 87 weitere deutsche Schriftsteller eine Ergebenheitsadresse an Adolf Hitler, das Gelöbnis treuester Gefolgschaft, worum ihn sein Verleger Samuel Fischer ersucht hatte, um dessen Verlag zu unterstützen (Fischer galt nach den Kategorien der Nazis als Jude). Zudem war Flakes fünfte Ehefrau in der Terminologie der Nazis eine „Halbjüdin“, und er glaubte, auch sie dadurch zu schützen. Für diese Unterschrift wurde er unter anderem von Thomas Mann, Bertolt Brecht und Alfred Döblin scharf kritisiert.
Nach 1935 übernahm der frühere Lektor des S. Fischer Verlages Peter Suhrkamp im Einvernehmen mit Gottfried Bermann Fischer den Verlag (den er nach Kriegsende wie vereinbart auf Gottfried Bermann Fischer zurück übertrug) und veröffentlichte 1939 noch Flakes Werk Große Damen des Barock. Danach kam es zu Spannungen zwischen Suhrkamp und Flake, die sich in die Nachkriegszeit fortsetzten, nicht zuletzt ausgelöst durch die Entscheidung Flakes, nach 1945 auch in anderen Verlagen zu veröffentlichen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg Nach Kriegsende 1945 wurde Flake von der französischen Besatzungsmacht in den Kulturrat von Baden-Baden berufen, der mit der Durchführung von Ausstellungen und Vorträgen betraut war. Als gebürtiger Lothringer setzte er sich für die Aussöhnung von Deutschen und Franzosen ein. Als Autor wurde er nach 1945 zunächst kaum mehr wahrgenommen und schrieb unter Pseudonym. Nach 1948 sanken Flakes Einkünfte erheblich, sodass er bis zu der Wiederentdeckung seines Werkes durch Rolf Hochhuth zeitweise auf Zuwendungen Dritter angewiesen war. Dazu gehörte auch Bundespräsident Theodor Heuss, den Flake seit der Weimarer Zeit auch aus gemeinsamen Vortragsveranstaltungen kannte. Er überwies ihm seit 1952 jährlich mehrfach eine Ehrengabe i.H.v. 500 DM. 1954 erhielt Flake den Johann-Peter-Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg. Im Jahr 1958 setzte sich der junge Rolf Hochhuth nachdrücklich für den vergessenen Flake ein, worauf bei Bertelsmann mehrere Titel des verarmten und depressiven Autors neu aufgelegt wurden und in 28 Monaten sich rund 1 Million Exemplare verkauften.Ariane Thomalla: Warum hat man uns von diesem Autor nie erzählt? In: Deutschlandfunk Kultur, 29. Oktober 2005.
Am 10. November 1963 starb Otto Flake in Baden-Baden. Sein Nachlass befindet sich in der Stadtbibliothek Baden-Baden und im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
Friedrich Sieburg beschreibt Flake als Moralisten mit dem Drang, die menschliche Natur zu bilden, [...] als Prophet, dem man nicht glaubte, Lehrer, dem man nicht folgte.Friedrich Sieburg: Verloren ist kein Wort. Disputationen mit fortgeschrittenen Lesern, Stuttgart 1966, S. ? In der DDR wurde Flakes Das Ende der Revolution (1920) auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.
Beziehungen zu Frauen Kurz vor seiner Anstellung in Leipzig hatte er Minna Mai kennengelernt, Tochter einer wohlhabenden jüdischen Frankfurter Kaufmannsfamilie, die gerade ihr Abitur abschloss. Sie heirateten im Mai 1907. Im März 1908 kam der Sohn Thomas zur Welt, 1911 wurde die Ehe geschieden. Minna zog mit Thomas nach Berlin, studierte Medizin, wurde Ärztin (Dr. med.), und näherte sich kommunistischen Positionen. In der NS-Zeit wanderte sie nach den USA aus. Der Sohn verblieb in Deutschland.
1915 verliebte sich Erna Bruhn in ihn, eine Abiturientin aus einer Industriellenfamilie, der auch Bruno Bruhn angehörte. Er war aber liiert mit Antonie, der Schwester einer früheren Geliebten Johanna, die 1914 plötzlich verstorben war. Während seiner Zeit als Militärzensor in Brüssel heiratete er im Mai 1916 Antonie, hielt aber gleichzeitig den Kontakt zu Erna aufrecht, die er unter anderem 1918 in Zürich besuchte, wo er zwischenzeitlich als Korrespondent einer deutschen Zeitung nachrichtendienstlich tätig sein sollte (was er praktisch verweigerte). 1920 wurde die Ehe geschieden. Danach lebte er mit Erna zusammen, traf aber auch danach Antonie hin und wieder. Erna war sehnsüchtig nach einem Kind, das aber – den damaligen Auffassungen in der Gesellschaft entsprechend nicht unehelich geboren werden sollte. Gleichzeitig akzeptierte sie Flakes immer wieder geäußerten Wunsch nach einem freien Zusammenleben. Deshalb vereinbarten beide, zu heiraten, ein Kind zu bekommen und sich dann wieder scheiden zu lassen. Sie heirateten 1920 und im Juli 1921 wurde Erna Mutter der gemeinsamen Tochter Anna Eva Maria. Wie vereinbart ließen sie sich im Verlauf von 1922 scheiden, lebten aber weiter zusammen und fanden danach in Baden-Baden ein gemeinsames Haus, wo sie 1928 wieder heirateten. Seither lebte Otto Flake in Baden-Baden. Am 11. Mai 1929 verstarb sie an einer Herzschwäche, verstärkt durch eine Lungenentzündung.
Danach suchte er, auch um das Zusammenleben mit dem Kind zu organisieren, nach einer Hauswirtschafterin und fand Kamilla, die Tochter eines ostelbischen Grundbesitzers, mit der er eine Liaison einging.
1928 fasste er seine Erfahrungen und Überlegungen zu dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen in dem Essay Die erotische Freiheit zusammen. Peter Härtling schrieb dazu:
Anfang 1932 traf er auf Marianne, deren Mutter ein Modegeschäft in Baden-Baden betrieb und heiratete sie im gleichen Jahr. Sie kam am 23. Februar 1945 bei einem Luftangriff auf Pforzheim ums Leben.
Die Tochter Eva Maria Seveno starb am 21. Februar 2010 im Alter von 89 Jahren in der Nähe von Lübeck.Tochter von Otto Flake starb gestern. In: Goodnews4Baden-Baden, 22. Februar 2010, abgerufen am 2. Oktober 2016.
Preise und Auszeichnungen 1954 erhielt er den Johann-Peter-Hebel-Preis.
1955 wurde ihm das Große Bundesverdienstkreuz verliehen.
1960 erhielt er den Literaturpreis der Bayerische Akademie der Schönen Künste.
Werke (Auswahl) Die elsässische Frage als Kulturproblem, in: März. Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. 1. Jg. 1907 Strassburg und das Elsass. Mit acht Vollbildern. 1908 Rund um die elsässische Frage. 1911 Der französische Roman und die Novelle. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. 1912 Schritt für Schritt. Roman 1912 Freitagskind. Roman. 1913 Caramba. Erzählung. Neue Rundschau. Jahrgang 24 von Freie Bühne. 11. Heft, November 1913. Die Prophezeiung und andere Novellen.Inhalt: Caramba; Die Prophezeiung; Zwischen den Schlachten; Barmherzigkeit, Lehrgeld, Bruder, Momente 1915