Norbert Wolfgang Bolz (* 17. April 1953 in Ludwigshafen am Rhein) ist ein deutscher Medien- und Kommunikationstheoretiker, Designwissenschaftler, Buchautor und Publizist. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2018 lehrte er als Professor für Medienwissenschaften an der Technischen Universität Berlin.

Leben

Herkunft Norbert Bolz wurde als Sohn des Chemotechnikers Werner Bolz und seiner Frau Gertrud, geb. Obergfell, in Ludwigshafen am Rhein geboren.

Ausbildung Nach dem Abitur am neusprachlichen Max-Planck-Gymnasium Ludwigshafen studierte Bolz Germanistik, Philosophie und Anglistik an den Universitäten Mannheim und Heidelberg. Schwerpunkte seines Studiums waren Geschichtsphilosophie, die Ästhetik des deutschen Idealismus und die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. 1974 wechselte Bolz an die Freie Universität Berlin und studierte dort zusätzlich Komparatistik und Religionswissenschaft. Im September 1976 wurde er am Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften der FU Berlin bei Wolfgang Hübener mit einer Arbeit über die Ästhetik Theodor W. Adornos promoviert (Zweitgutachterin war Anke Bennholdt-Thomsen).; so laut Dissertation: „Doktorvater und erster Gutachter, sowie Prüfer in der mündlichen Hauptfachprüfung Philosophie: Prof. Dr. W. Hübener; Zweitgutachter und Prüfer (Germanistik): Prof. Dr. A. Bennholdt-Thomsen. Im zweiten Nebenfach Religionswissenschaften prüfte mich Prof. Dr. K. Heinrich.“ Anschließend war Bolz Assistent des Religionsphilosophen Jacob Taubes und habilitierte sich 1987 mit der Studie Auszug aus der entzauberten Welt. Philosophischer Extremismus zwischen den Weltkriegen.

Berufliche Laufbahn Von 1987 bis 1992 war Bolz Dozent an der FU Berlin und anschließend von 1992 bis 2002 Professor für Kommunikationstheorie am Institut für Kunst- und Designwissenschaften der Universität-Gesamthochschule Essen mit den Arbeitsschwerpunkten Medientheorie, Kommunikationstheorie und Designwissenschaft. Von 2002 bis zu seiner Emeritierung im Juli 2018 war er Professor am Institut für Sprache und Kommunikation (Fachgebiet Medienwissenschaft/Medienberatung) an der Technischen Universität Berlin.

Weiteres Im Herbst 2020 gehörte er zu den Erstunterzeichnern des Appells für freie Debattenräume.

Privates Norbert Bolz ist verheiratet und Vater von vier Töchtern. Er lebt in Berlin.Norbert Bolz, derpragmaticus.com, abgerufen am 24. Oktober 2025

Forschung und Positionen In einem Aufsatz aus dem Jahr 1981 rief Bolz die Geburt der „Pop-Philosophie“ aus. Er empfahl darin, den Anti-Ödipus von Deleuze und Guattari so zu lesen, „wie man ins Kino geht oder eine Platte hört“.Norbert Bolz: „Pop-Philosophie“, in: Schizo-Schleichwege. Beiträge zum Anti-Ödipus, hg. v. Rudolf Heinz u. Georg Tholen, Bremen 1981, S. 183–93.

Hauptaspekt seiner späteren Publikationen sind die Veränderungen der modernen Gesellschaft durch Phänomene der Massengesellschaft, durch Medien und einen sich seiner Ansicht nach ausbreitenden Wohlfahrtsstaat. Dabei konstatiert er eine zunehmende Verunsicherung in der Postmoderne.

Er äußert sich grundsätzlich positiv über offene Gesellschaft und freie Marktwirtschaft, kritisiert die „Tabuisierung“ konservativer Auffassungen durch das Phänomen der Political Correctness und fordert mehr Eigenverantwortung.

Bolz wird von einigen Sozialwissenschaftlern als neoliberalerMichael Klundt: Kinderrechte, Kinderarmut, Kindpolitik (-wissenschaft). Von Krokodilstränen über Instrumentalisierungen zu gesellschaftspolitischen Zusammenhängen, in: Gudrun Hentges, Bettina Lösch (Hrsg.): Die Vermessung der sozialen Welt: Neoliberalismus – Extreme Rechte – Migration, VS Verlag, Wiesbaden 2011, S. 119–132, hier S. 126; Frank Nullmeier: Kritik neoliberaler Menschen- und Gesellschaftsbilder und Konsequenzen für ein neues Verständnis von „sozialer Gerechtigkeit“ (PDF; 286 kB). Expertise im Auftrag der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung, S. 12 ff; Urs Eigenmann: Kirche in der Welt dieser Zeit: praktische Theologie, Theologischer Verlag Zürich, 2010, 136; Carsten Strathausen: Thinking Outside In. In: Carsten Strathausen, William E. Connolly (Hrsg.): A leftist ontology: beyond relativism and identity politics, University of Minnesota Press, Minneapolis 2009, XIX Wissenschaftler bezeichnet. Robin Meyer-Lucht bewertete einige Essays als „Konvolute voller Buzzwords …, die hilflos nach Sinn ringen“,Robin Meyer-Lucht: Bolz: Meet the “Superconnectors”, carta.info, 29. August 2010 (abgerufen am 21. Februar 2012) unter Bezugnahme auf den Artikel von Bolz auf Süddeutsche.de: Freiheit im Internet. Die Welt der Klick-Arbeiter, 29. August 2010 (abgerufen am 22. Februar 2012, zum Bezug siehe den letzten Abschnitt); ausführlicher die Kritik hierzu durch Marcel Weiss: Unbegründet: Norbert Bolz’ Angst vor der gesellschaftlichen Fragmentierung, 30. August 2010 (abgerufen am 22. Februar 2012) während Rüdiger Safranski in einer Laudatio seine Werke für „elegant formuliert, präzise und entschieden“ hält. Er sei ein bedeutender „philosophischer Zeitdiagnostiker der Gegenwart.“

Medientheorie Die von Bolz entwickelte Theorie der neuen Medien (1990) knüpft an Gedanken Friedrich Nietzsches, Walter Benjamins und Marshall McLuhans an. Bolz' Position baut auf Friedrich Kittlers Ideen auf. In seinem Buch setzt er sich mit der Tatsache auseinander, dass das Buch als Leitmedium der Gesellschaft durch den Computer abgelöst werde. Aus der „Gutenberg-Galaxie“ (McLuhan) sei der „Cyberspace“ geworden. Die Information sei nicht mehr an einen physischen Träger gebunden und damit enthumanisiert. Der Code, in dem die Information übertragen wird, sei dem Menschen nicht mehr unmittelbar zugänglich, wie es beim Buch noch der Fall gewesen sei. Der Mensch bedürfe eines Gerätes als Interface zur Information. Aus den bisher lokal vorhandenen Informationen würden Netze globaler Reichweite. Dies habe mit dem Telegraphen und dem Radio begonnen und sich mit dem Fernsehen ausgeweitet. Bis dahin seien die Massenmedien Distributionsmedien gewesen, bei denen der Konsument die Information passiv aufgenommen habe. Indem das Internet auch Aktivität des Nutzers zulasse, insbesondere in benutzergenerierten Inhalten wie im Internetlexikon Wikipedia, entstünden Möglichkeiten der Kooperation und der Selbstdarstellung.

Medien wie das Bild sind nach Bolz nicht nur Wege der Erkenntnis, sondern auch bei entsprechenden Handhabungen, beispielsweise einer Vergrößerung oder Wiederholung, Instrumente der Erkenntnis. Sie verändern zum Teil die Zeitwahrnehmung und ersetzen sogar Erfahrung und Erinnerung. „Fern-Sehen“ wird zum Organ des Menschen.Norbert Bolz: Theorie der neuen Medien, 86

In einem Streitgespräch mit Julian Nida-Rümelin trug Bolz im Jahr 1998 die These vor, dass angesichts der neuen Medien die seit Platon übliche Vorstellung von Wahrheit ins Wanken gerate, weil immer weniger zwischen Illusion und Wirklichkeit unterschieden werden könne.Norbert Bolz/Julian Nida-Rümelin: Neue Medien – Das Ende der Philosophie? Ein Streitgespräch. Information Philosophie 4/1998, S. 20–29; Online auf information-philosophie.de Die Realität werde immer mehr zu einem universalen, undurchschaubaren und undurchdringlichen Komplex von Projektionen. Die neuen Medien führten zu einer Wirklichkeit, der man nicht mehr mit kritischer Distanz begegnen könne. Jede kritische Reflexion dieses Sachverhaltes sei bereits Bestandteil dieser Wirklichkeit. Der von Bolz damit verbundenen Meinung, dass mit dieser neuen Wirklichkeit die Philosophie ihre Funktion verliere, wird entgegengehalten, dass die Philosophie mit dem Konzept der Immanenzphilosophie schon bei Nietzsche, Foucault oder Deleuze hierauf längst eine Antwort gegeben habe.Kurt Röttgers: Identität als Ereignis: Zur Neufindung eines Begriffs. transript, Bielefeld 2016, S. 129 Kurt Röttgers hält Bolz entgegen: „Und daß menschliche Erkenntnis immer Probleme mit der Unterscheidung von Sein und Schein hat, ist seit Platon bekannt. Seit Kants Verzicht auf die Erkenntnis des Ding-an-sich sei Medialität aller Erkenntnis zur opinio communis geworden. […] Wirklichkeitserkenntnis mit Wahrheitsanspruch charakterisiert nicht vorrangig die Philosophie, sondern das Unternehmen der Wissenschaft insgesamt [Verweis auf: Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1990], einschließlich der Bolzschen Medienwissenschaft.“Kurt Röttgers: Das Epistemische und das Normative – oder: Hat das Soziale als solches einen ethischen Aspekt?, Fernuniversität Hagen, abgerufen am 16. November 2017. Broken Link 21. Juni 2021

Die Flut der Informationen könne nur noch durch Selektion bewältigt werden. Dabei spielten Kürze und Prägnanz, die Sensation, eine maßgebliche Rolle, durch die Informationen verkürzt und beschleunigt würden. Es entstünden Medienhypes besonderer Intensität, die sich schnell verflüchtigten. Das Leben mit der medial vermittelten Katastrophe führt nach Bolz zu einer pessimistischen Weltsicht, die den Realitäten widerspricht, und als Befreiung zu einem dringenden Wunsch nach Nachhaltigkeit. Eine Lösung sieht Bolz in der Selbstverantwortung und im Unternehmertum.Norbert Bolz: (abgerufen am 6. September 2010; PDF; 109 kB)

Zum Buch ABC der Medien (2007) meinte Jürgen Kaube in der F.A.Z. „So findet man nirgendwo Tatsachen, die durchdacht, sondern immer nur akademische Melodien, die abgespielt werden. Bolz renommiert mit coolen Einsichten, die er nicht nach der Einsicht, sondern nach der Coolness ausgewählt hat.“Jürgen Kaube: Die Klingeltöne der Medientheorie, Frankfurter Allgemeine, 25. Juni 2007 (vollständig lesbar nach Registrierung)

Medien als Religionsersatz In dem Buch Das Wissen der Religion. Betrachtungen eines religiös Unmusikalischen (2008) vertritt Bolz die These: „Atheisten können die Antworten des Glaubens negieren, aber nicht die Fragen.“Mario Wenning: Die Arbeit des guten Europäers an der Religion. Nobert Bolz widmet sich dem Wissen der Religion, Rezension auf Literaturkritik.de Bolz meint: „Vielleicht ist Religion heute nicht mehr die Antwort auf die Frage nach dem Sinn, sondern nur noch die Unterstellung, daß die Frage einen Sinn hat. Man könnte sagen: Die Religion hält die Wunde des Sinns offen.“ (S. 11)Rezension von Stefan Groß auf TABVLA RASA, abgerufen am 27. Oktober 2017 Er betrachtet Kommunikation als Substitut für Religion:

Ursache sei eine zunehmende Säkularisierung und ein wachsender Atheismus in der modernen Gesellschaft. Da Gesellschaft nach Bolz für ihr Funktionieren eine religiöse Grundlage benötige, suchten sich die Menschen Themen, die als Ersatzreligion dienten, aus denen sie Trost und Sinn schöpfen könnten. In diesem Sinne sei die Umweltschutzbewegung die mächtigste Bewegung, die diese Funktion übernommen habe. Ursache seien die Bedrohungen, die früher von der Atombombe, dann von der Kernenergie und in jüngerer Zeit von der globalen Erwärmung ausgingen. Die hierdurch ausgelösten Ängste würden durch Medien verbreitet und die alternativen Bewegungen weckten die Hoffnung, dass die zum Teil nur irrational wahrgenommenen Bedrohungen vermieden werden könnten.Alles Schall und Rauch: Interview mit Professor Norbert Bolz über die Klimareligion. Blog „Alles Schall und Rauch“, 4. Februar 2010, abgerufen am 9. Dezember 2015. (Website ohne Impressum, Betreiber lebt laut eigener Aussage seit 2014 in Abchasien und bleibt anonym https://alles-schallundrauch.blogspot.com/2010/01/kontakt.html)

Selbst Geistliche sprächen heutzutage nur über Werte statt über Dogmen des Glaubens. In der Bibel gibt es laut Bolz keine Werte. „Man liebt die Menschheit, um Gott verdrängen zu können. Und hier gewinnt die christliche Lehre vom Antichrist eine skandalöse Aktualität.“ Der Antichrist, so Bolz, sei an seiner Rhetorik von Sicherheit und Frieden erkennbar. Das vom Antichristen verbreitete „Gutmenschentum“ sei nur eine Maskierung schlechter Eigenschaften. In seinem Buch Das Wissen der Religion nennt er drei Beispiele: „Soziale Gerechtigkeit“ sei die Maske des Neids.