Die Fingerhüte (Digitalis) sind eine Pflanzengattung innerhalb der Familie der Wegerichgewächse (Plantaginaceae). Die etwa 25 Arten sind in Europa, Nordafrika und Westasien verbreitet.

Beschreibung Vegetative Merkmale Digitalis-Arten wachsen als zweijährige oder ausdauernde krautige Pflanzen, die selten an der Basis etwas verholzen. Die Stängel sind höchstens an ihrer Basis verzweigt. Die wechselständig, manchmal grundständig zusammenstehenden Laubblätter sind einfach. Der Blattrand ist glatt oder gezähnt.

Generative Merkmale Die Blüten sind in endständigen, manchmal verzweigten, traubigen Blütenständen angeordnet.

Die zwittrigen Blüten sind zygomorph und fünfzählig. Die fünf Kelchblätter sind verwachsen, mit kurzen Kelchzipfeln. Die fünf Kronblätter sind röhrig bis glockenförmig verwachsen. Die Blütenkrone ist zweilippig; die Unterlippe ist dreilappig, bei der Oberlippe sind entweder die Kronlappen kaum erkennbar (z. B. bei Digitalis grandiflora) oder sie sind deutlich zweilappig (z. B. bei Digitalis lutea). Es sind nur vier Staubblätter vorhanden; sie ragen nicht aus der Kronröhre heraus. Die Staubbeutel berühren sich paarweise. Der Griffel endet in einer zweilappigen Narbe.

Die septizide, eiförmige Kapselfrucht enthält viele kleine, gerippte Samen.

mini|Roter Fingerhut (Digitalis purpurea) in einer Waldlichtung

Verwendung Die Pflanzeninhaltsstoffe Digitalisglykoside werden therapeutisch zur symptomatischen Therapie der Herzinsuffizienz eingesetzt, da sie eine positiv inotrope Wirkung am Herzen zeigen. In hohen Dosen wirken sie als Gift, welches durch verschiedene Herzrhythmusstörungen zum Tod führt. Der Fingerhut, insbesondere der Rote Fingerhut, wurde in der Heilkunde innerlich und äußerlichAdelheid Overhamm: Zur Geschichte der Digitalis unter besonderer Berücksichtigung ihrer äußerlichen Anwendung. Würzburg 1976 (= Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie. Band 13). verabreicht.

Inhaltsstoffe mini|Rostfarbiger Fingerhut (Digitalis ferruginea) mini|Großblütiger Fingerhut (Digitalis grandiflora) mini|Kahler Fingerhut (Digitalis laevigata) mini|Spanischer Fingerhut (Digitalis obscura) mini|Kleinblütiger Fingerhut (Digitalis parviflora)

Aus der Gattung Fingerhüte sind besonders viele Sekundärmetabolite isoliert worden; zu den wichtigsten zählen herzwirksame Glykoside, jedoch wurden auch verschiedene Phenole, wie Anthranoide, Phenylpropionsäuren oder Flavonoide, und auch Steroide (Steroidsaponine, Sterine) gefunden. Ferner sind phenolische Glykoside,J. J. Lichius, R. Weber, M. Kirschke, S. Liedke, D. Brieger: Ein Wiener im Café – Neues vom Fingerhut und seinen Kaffeesäureestern. In: Deutsche Apotheker Ztg. Band 135, 1995, S. 3794–3800. Sorbitole, Cornoside und verschiedene Phenylethanoid-Glycoside nachgewiesen worden.R. M. Taskova, C. H. Gotfredsen, S. R. Jensen: Chemotaxonomic markers in Digitalideae (Plantaginaceae). In: Phytochemistry. Issue 66, 2005, S. 1440–1447.

In Europa werden für die Produktion von Herzglykosiden die heimischen Digitalis-Arten Wolliger Fingerhut und Roter Fingerhut angebaut.E. F. Heeger: Handbuch des Arznei- und Gewuerzpflanzenbaues, Drogengewinnung. Deutscher Landwirtschaftsverlag, Berlin 1989, ISBN 3-331-00191-0.

Steroidsaponine Steroidsaponine entstehen aus einem Steroid, bei welchem eine Seitenkette von Cholesterin strukturelle Änderungen erzeugte, um ein Spiroketal zu formen. In Digitalis weisen diese Komponenten lediglich schwache seifenähnliche Eigenschaften auf. Typische Saponine sind Digitonin, Tigogenin und Gitogenin.C. Kole (Hrsg.): Wild Crop Relatives: Genomic and Breeding Resources, Plantation and Ornamental Crops. Springer-Verlag, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-642-21200-0.

Digitanole Digitanole sind C5-C6 ungesättigte Pregnane. Einige von ihnen besitzen die 14-beta-hydroxyl-Funktion, welche typisch für Cardenolide ist. Demzufolge teilen sich Cardenolide und Digitanole möglicherweise die gleichen biosynthetischen Pathways. Bekannte Digitanole sind Digiprogenin, Digipurpurogenin, Purpnigenin, Purprogenin, Digacetigenin, Digifoligenin und Diginigenin.S. Liedtke, M. Wichtl: Digitanol glycosides from Digitalis lanata Erh. and Digitalis purpurea L., part 2: Glucodiginin and glucodigifolein from Digitalis purpurea L. In: Pharmazie. Issue 52, 1, 1997, S. 79–80. Inst. Pharmazeutische Biologie, Marburg/Lahn.

Anthranoide Es sind etwa 40 verschiedene Anthranoide in der Gattung Digitalis identifiziert worden.Martin Luckner, Max Wichtl: Digitalis: Geschichte, Biologie, Chemie, Physiologie, Molekularbiologie, medizinische Anwendung. Handbuch für Ärzte, Apotheker und andere Naturwissenschaftler. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2000, ISBN 3-8047-1705-5. Digitolutein scheint ein typisches Anthranoid für alle Digitalis-Arten zu sein.S. Imre, S. Sar, R. H. Thomson: Anthraquinones in Digitalis species. In: Phytochemistry. Issue 15, 1976, S. 317–320, Faculty of Pharmacy, University of Istanbul.

Systematik und Verbreitung Die Gattung Digitalis wurde durch Carl von Linné in Species Plantarum, Tomus II: 1753, Seite 621 und Genera Plantarum, 5. Auflage 1754, Seite 272 aufgestellt. Der botanische Gattungsname Digitalis leitet sich vom lateinischen Wort digitus für „Finger“ ab.

Kanarische Fingerhüte (Isoplexis) wurden ursprünglich von Carl von Linné ebenfalls in die Gattung Digitalis gestellt. Phylogenetische Untersuchungen zeigen die Isoplexis-Arten eingebettet zwischen den Digitalis-Arten, sodass einige Autoren die vier Isoplexis-Arten mittlerweile wieder zu Digitalis stellen.

Die Gattung Digitalis ist in Europa, Nordafrika und Westasien verbreitet, ihr Verbreitungsschwerpunkt ist Südeuropa. In Deutschland kommen drei Arten vor: der Großblütige Fingerhut, der Gelbe Fingerhut sowie der Rote Fingerhut, als Neophyt findet sich auch der Wollige Fingerhut.

Es gibt etwa 25 Digitalis-Arten (Auswahl):

Digitalis atlantica : Die Heimat ist Algerien. Digitalis cariensis : Sie kommt auf Inseln der Ägäis und in der Türkei vor. Digitalis ciliata : Die Heimat ist der Kaukasusraum. Digitalis davisiana Heyw.: Die Heimat ist die Türkei. Rostfarbiger Fingerhut (Digitalis ferruginea ): Die Heimat ist Ungarn, Südosteuropa, Westasien mit der Kaukasusregion. Großblütiger Fingerhut (Digitalis grandiflora ): Er ist in Europa, in der Türkei und Sibirien weitverbreitet. Kahler Fingerhut (Digitalis laevigata ): Die Heimat ist das frühere Jugoslawien, Griechenland, Albanien und Bulgarien. Türkischer Fingerhut (Digitalis lamarckii ): Er kommt in der Türkei vor. Wolliger Fingerhut (Digitalis lanata ): Die Heimat ist Ungarn, Südost- und Osteuropa sowie die Türkei. Digitalis leucophaea : Sie kommt in Griechenland und in der Türkei vor. Gelber Fingerhut (Digitalis lutea ): Die Heimat ist Mittel- und Südeuropa. Digitalis macedonica Heyw.: Sie kommt nur in Griechenland vor. Digitalis mariana : Die Heimat ist Portugal und Spanien. Sie wird von manchen Autoren auch als Unterart Digitalis purpurea subsp. mariana zu Digitalis purpurea gestellt. Digitalis micrantha : Sie wird auch als Unterart Digitalis lutea subsp. australis zu Digitalis lutea gestellt. Balearen-Fingerhut (Digitalis minor , Syn.: Digitalis dubia ): Er kommt nur auf den Balearen vor. Digitalis nervosa : Die Heimat ist Aserbaidschan, Armenien und der Iran. Spanischer Fingerhut (Digitalis obscura ): Die Heimat ist Spanien. Kleinblütiger Fingerhut (Digitalis parviflora ): Die Heimat ist Spanien. Roter Fingerhut (Digitalis purpurea ): Die Heimat ist Europa (mit Schwerpunkt Westeuropa) und Marokko. Digitalis schischkinii : Die Heimat ist die Türkei und der Kaukasusraum. Iberischer Fingerhut (Digitalis thapsi ): Die Heimat ist Spanien. Digitalis trojana : Die Heimat ist die Türkei. Digitalis viridiflora : Die Heimat ist Südosteuropa, von Albanien und Serbien bis nach Griechenland, Bulgarien und der europäischen Türkei.

Philatelistisches Mit dem Erstausgabetag 2. November 2019 gab die Deutsche Post AG in der Serie Blumen ein Postwertzeichen im Nennwert von 370 Eurocent mit einem Abbild des Roten Fingerhuts heraus. Der Entwurf stammt von den Grafikern Stefan Klein und Olaf Neumann aus Iserlohn.

Literatur Deyuan Hong, Hanbi Yang, Cun-li Jin, Manfred A. Fischer, Noel H. Holmgren, Robert R. Mill: Scrophulariaceae. In: Wu Zheng-yi, Peter H. Raven (Hrsg.): Flora of China. Volume 18: Scrophulariaceae through Gesneriaceae, Science Press und Missouri Botanical Garden Press, Beijing und St. Louis 1998, ISBN 0-915279-55-X. Digitalis. S. 53 – textgleich online wie gedrucktes Werk. Vernon Hilton Heywood: Digitalis L. In: Thomas Gaskell Tutin et al.: Flora Europaea. Band 3, S. 239–241. Cambridge University Press. 1972, ISBN 0-521-08489-X.

Einzelnachweise Karol Marhold: Scrophulariaceae. Datenblatt Digitalis. In: Euro+Med Plantbase – the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity. Berlin 2011.

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