Der Naturnahe Garten, Ökogarten oder Naturgarten hat einen integrativen Ansatz zwischen Mensch und Natur. Im Naturgarten werden heimische Wildtiere und Wildpflanzen (Fauna und Flora) besonders gefördert. Die Gestaltung orientiert sich an den Vorbildern der Natur. Das Bild des Naturgartens gleicht meistens einem natürlich gewachsenen Raum, die jedoch von Menschenhand geplante, angelegte und gepflegte Räume sind. Bei jüngeren Entwürfen sind zunehmend auch formale Elemente vorhanden.Vgl.: Stefan Hartmann: Trendige Materialien., in: Bioterra (Hrsg.): Naturgarten Spezial. Vom Traum zum Lebenstraum. Planung - Gestaltung - Pflege. Zürich 2010. Bei der Bepflanzung werden einheimische Arten bevorzugt, die langlebig sind und wenig Pflege benötigen (Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten). mini|Naturgarten in Frankreich
Diese Gartenräume werden geschaffen, um in Siedlungsräumen einen Beitrag zum Naturschutz und zur Erholung des Menschen zu leisten. Es gibt auch pädagogisch motivierte Naturgärten, um dem Menschen die Natur näherzubringen. Im Naturgarten wird die nachhaltige Bauweise und Bewirtschaftung angestrebt. Die Kriterien des Naturgartens sind weniger formaler Art, sondern ein Ausdruck einer gärtnerischen Auseinandersetzung mit der Natur.
Aktuelle Anwendungsbereiche Freiraumtypen des Naturgartens mini|Naturnah gestalteter Spielraum in Eglfing (Oberbayern) mit Wildblumenhügeln, Feuerplatz, Wasserspielgelände, Holzschnitzereien, Felsenkletterwand, Burgberg Siedlungsgarten im urbanen und periurbanen Raum Private und gemeinschaftliche Gärten Institutionelle, pädagogisch geprägte Räume von Schulen und Sozialeinrichtungen Spielräume FirmenarealeVgl. Stiftung Natur und Wirtschaft; http://www.naturundwirtschaft.ch/ Öffentliche Räume, städtische Parks Verkehrsbegleitgrün
Pflanzenverwendung mini|Weidenbau in Schlepzig (Brandenburg). Der Weidendom ist ein aus lebenden Weiden errichtetes Gebäude. Pflanzengesellschaften der Natur finden eine Adaption im Naturgarten. Dazu gehören zum Beispiel: Staudenverwendung: Ruderalvegetation, Extensivgrünland, Trockenstandorte und wechselfeuchte Standorte, Heckensaum und Schattenflora Gehölze: Solitäre und Wildhecken Weitere Themen sind: Weidenbau Themengärten wie Heil- und Kräutergarten oder Wildpflanzen für die Küche (Kräuterspirale) Fassaden- und Dachbegrünung Gemüsegarten, siehe: Biogarten Landwirtschaft, siehe: Permakultur
Bautechniken Es wird eine nachhaltige Bauweise angestrebt, die die Ressourcen Boden und Wasser schont. Dieses wird durch möglichst geschlossene Kreisläufe des pflanzlichen und mineralischen Materials, durch Recycling und die Verwendung von natürlichen und regional produzierten Baustoffen und Pflanzen erreicht. Natursteinmauern und Treppen in Trockenbauweise (ohne Bindemittel) Natursteinbeläge Holzkonstruktionen Kiesflächen Naturteiche Retentionszonen für die Entwässerung (Dachwasser, Wege, Plätze)
Kleinklimazonen und Naturgartenelemente In naturnah gestalteten Gärten wird, um eine hohe Artenvielfalt auf begrenzter Fläche zu erreichen, oft eine Vielzahl verschiedener Kleinklimazonen sowie eine starke Strukturvielfalt angestrebt. Diese können z. B. sein: Natursteinmauern, Steinhaufen und andere Wärmespeicher Wasserflächen und feuchte/trockenfallende Standorte Totholzelemente, Benjeshecken offene Bodenbereiche für im Boden nistende Insekten wie Wildbienen, Sandarium Magerstandorte für Wildblumen Gehölze und Wildsträucherhecken
Geschichtliches zum Naturgarten Ab 1770 Der Naturgarten lässt sich als eigene Stilepoche kaum festmachen. Den Begriff Naturgarten finden wir bereits im 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Diskussion rund um den Landschaftsgarten. In Deutschland wurde im späten 18. Jahrhundert über einen eigenen, dem englischen Gartenstil abgeleiteten „Naturgarten“ diskutiert. Der „Deutsche Naturgarten“ sollte sich durch mehr „Sachlichkeit“, „Naturwissenschaftlichkeit“ und weniger „Idealisierung von Natur“ vom Englischen Garten unterscheiden.Julia Burbulla: Vom Kunstwerk zum Kassenschlager. Popularisierungsstrategien in den Theorien zu künstlerischen Freiräumen ab 1750. In: GTLA (Hrsg.): Deutschsprachige Quellen zum Landschaftlichen Garten im 18. Jahrhundert. 2011, S. 10, 21. Dadurch wurde ein Aspekt in den Naturgarten eingebracht, der auch heute noch ein Thema geblieben ist. Der „Deutsche Naturgarten“ blieb jedoch mehr ein theoretisches Konstrukt, das die Gartenkunst zwar geprägt, aber keinen eigenen Gartenstil hervorgebracht hat.
Ab 1800 Der Landschaftsgarten im 19. Jahrhundert hat alle nachfolgenden Gartenströmungen beeinflusst, deshalb kann hier nur ein kleiner Aspekt erwähnt werden: Der späthistoristische Landschaftsgarten des ausgehenden Jahrhunderts hatte das aufstrebende Bürgertum repräsentiert. Der Garten wurde zunehmend zu einem Betätigungsfeld des Bildungsbürgers, der Arboreten, Alpinen und weitere naturwissenschaftlich motivierte Themen in den Garten gebracht hatte. Die Auseinandersetzung mit der Natur ist als Aspekt in der Naturgartenbewegung erhalten geblieben.
Die Wende zum 20. Jahrhundert Die Jahrhundertwende nimmt eine Schlüsselposition ein, da hier die Anstöße für verschiedene Impulse gegeben wurden. mini|Gartengestaltung von Willy Lange in Berlin-Wannsee um 1920 Pflanzen mit Einheimischen im Reformgarten: Die Verwendung einheimischer Arten wurde in der Jahrhundertwende „en vogue“, nach einer längeren Dekade des Sammelns möglichst exklusiver Exoten. Die Definition einheimischer Arten war allerdings weit gefasst und die Abgrenzung zwischen Wildformen und gärtnerisch gezüchteten Sorten wurde nicht gemacht. Es wurde sogar gezielt mit gezüchteten Sorten kombiniert. Dieser Naturgarten hat sich am natürlichen Bild orientiert während die ökologische „Funktion“ nur wenig ein Thema war.
Die Geburtsstunde der Natur und Heimatschutzvereine: Natürlich hochwertige und ästhetische Landschaftsgebiete wurden von den Protagonisten der aufkommenden „Natur- und Heimatschutzbewegung“ als „Naturschutzgebiete“ oder manchmal auch als „Naturgärten“ deklariert. Letztere waren im Sinne einer Volksaufklärung gedacht.
Der Biologische und Biodynamische Landbau:: Ein weiteres Thema waren die Ideen der Landwirtschaft, die erste Pioniere des biologischen Landbaus hervorbrachten. Das Thema der natürlichen und biologischen Bewirtschaftung ist entstanden.
Ab 1900 Erst im 20. Jahrhundert wurde der Naturgarten als eigene Stilrichtung etabliert. Allerdings bleibt er eine Strömung innerhalb des „Gartens im 20. Jahrhundert“ der durch die Moderne geprägt ist. Entsprechend verlaufen die Entwicklungen des Naturgartens zeitlich parallel mit denen des Reformgartens, des Architekturgartens, des Landschaftlichen Wohngartens und den Gartenschöpfungen der Postmoderne. Einerseits grenzen sich die genannten Stile deutlich und besonders intellektuell voneinander ab, und dennoch findet man in den einzelnen Gartenstilen immer wieder gleiche oder sich ähnelnde Aspekte. Gemeinsam haben alle, dass die erwähnten Gartenformen als Abbild einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Naturverständnis und -Verhältnis interpretiert werden können.Vgl. die Kapitel Architektonische Gartenschöpfungen. und Die Natur des Wohngartens. In: J. Stoffler: Gustav Ammann. Landschaften der Moderne in der Schweiz. GTA, Zürich 2008, ISBN 978-3-85676-194-3. Im Zuge der fortgeschrittenen Industrialisierung, der Globalisierung und der Säkularisierung hat sich ein individualisiertes Naturverständnis entwickelt. Der „Garten der Moderne“ dürfte sich dadurch abzeichnen, dass er von unterschiedlichen Auffassungen Verhältnis von Mensch und Natur ausmacht. Der Naturgarten ist stark aus privaten, pädagogischen oder Naturschutz-Initiativen entstanden. Während die anderen Stilrichtungen ihre Protagonisten aus den Reihen der Gartengestalter, Stadtgärtner etc., also aus Schlüsselpositionen der grünen Branche stammen. Darum hat sich der Naturgarten als „Laienbewegung“ etabliert. Eine Definition, die beidseitig gepflegt wurde, um sich gegenseitig abzugrenzen aber gegenwärtig eher hinderlich sein dürfte.Trotzdem entstand 1981 ein Sammelwerk, in dem alle damals aktiven Akteure einen Text beitrugen: L. Moos, K. Spitzer, M. Adritzky: Grün in der Stadt. Von oben, von selbst, für alle von allen. Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1981. Gartenbaubetriebe haben ab den 1980er-Jahren die Thematik aufgenommen und weiterentwickelt. Durch die breiter werdende gesellschaftliche Abstützung von Umweltthemen gerät die naturnahe Gartengestaltung wieder vermehrt in den Fokus der Allgemeinheit.
Charakterisierung des Naturgartens im 20. Jahrhundert Die Gartenhistorikerin Anja Löbbecke unterteilt die Naturgartenbewegung in drei Hauptströmungen: „Biologische und ökologische Gartenkunst“ (Beginn des 20. Jahrhunderts), „Privater Naturschutz“ (1970er Jahre) und „Funktion für den Menschen“ (ab den 1980er Jahren).Anja Löbbecke: Naturalismus, Nativismus und Naturgärten. Missverständnisse in der Geschichte der Gartengestaltung „nach der Natur“. In: Ulrich Patzer (Hrsg.): Stadt+Grün. Das Gartenamt. Patzer Verlag, Berlin 2011. Überwiegend von interessierten Laien und engagierten Umweltaktivisten getragen, ist die Naturgartenbewegung bis heute durch ein ambivalentes Verhältnis zur historischen Gartenkunst und professionellen Landschaftsarchitektur gekennzeichnet. Besonders die Akteure der 1970er Jahre kritisierten die etablierte Landschaftsarchitektur ihrer Zeit, wandten sich gegen Umweltzerstörung sowie gegen „entfremdete Gartenkultur“Vergleiche die Publikation zur gleichnamigen Fotoausstellung von 1982: D. Wieland, P. M. Bode: Grün kaputt. Landschaft und Gärten der Deutschen. Raben, München 1982. und wollten ihr Anliegen nicht gärtnerisch verstanden wissen. Typische Publikationen legten damals den Fokus auf konsequenten Natur- und Umweltschutz und definierten den Garten primär als Lebensraum für Flora und Fauna.Vgl.: U. Schwarz: Der Naturgarten. Mehr Platz für einheimische Pflanzen und Tiere. Krüger, Frankfurt am Main 1980. In den 1980er Jahren setzte man sich wieder stärker mit der etablierten Gartenkultur auseinander und verankerte innerhalb des „Natürlichen“ eine soziale Komponente. Als Standardwerk jener Phase gilt das 1986 erschienene Buch „Der andere Naturgarten“ des Schweizer Geografen und Landschaftsgärtners Andreas Winkler.Andreas Winkler: Der andere Naturgarten. Ein Handbuch für Praktiker. Mit ökologischen Betrachtungen von Hans C. Salzmann. Ringier 1986. Ehemals als Chemielaborant in der agrochemischen Forschung tätig, engagierte sich Winkler in den achtziger Jahren im Natur- und Umweltschutz und wandte sich mit seiner Naturgartenidee „gegen das Zwanghafte, gegen das Bekämpfen von Leben mit Unkrautvertilgern und Insektiziden“ sowie gegen Gartenarchitekten und ihr „sinnentleertes, architektonisch-geschmäcklerisches Geplänkel“.Andreas Winkler: Der andere Naturgarten. Ein Handbuch für Praktiker. Mit ökologischen Betrachtungen von Hans C. Salzmann. Ringier 1986; S. 42/43 Er wollte in seinem „anderen Naturgarten“ etwas Revolutionäres sehen sowie den Menschen zu einem Aufbruch in eine bessere Zukunft leiten und berief sich dabei explizit auf die planungskritischen Schriften der Kasseler Schule der Landschafts- und Freiraumplanung der frühen achtziger Jahre.Vgl. z. B. Karl-Heinrich Hülbusch: Krautern mit Unkraut. AG Freiraum und Vegetation, Notizbuch 2. Kassel 1986.