Das Kleinwalsertal (auch: Kleines Walsertal; walserdeutsch nur Walsertal) liegt in den Allgäuer Alpen und gehört zum österreichischen Bundesland Vorarlberg. Das Hochtal liegt im Gemeindegebiet von Mittelberg und ist Teil des Bezirks Bregenz. Aufgrund der geographischen Lage mit seiner alpinen Geländestruktur hat das Kleinwalsertal keine direkte Verkehrsverbindung für Kraftfahrzeuge zum übrigen Vorarlberger Land. Das Tal ist nur von der Nachbargemeinde Oberstdorf in Bayern auf einer Straße zu erreichen. Für die Republik Österreich handelt es sich bei Mittelberg um eine funktionale Exklave innerhalb der Bundesrepublik Deutschland (vgl. auch Jungholz).

Der Name des Tals kommt von den Walsern, die im 13. Jahrhundert aus dem Wallis hierher zogen (siehe auch Großwalsertal). Auch wenn die einzige Straßenverbindung über Oberstdorf führt, gehört das Kleinwalsertal nicht zum Allgäu.

Geografie Lage und Berglandschaft mini|Das österreichische Kleinwalsertal, eine funktionale Enklave, die per Straße nur aus der bayerischen Nachbargemeinde Oberstdorf zu erreichen ist Das Kleinwalsertal ist ein hochgelegenes Kerbtal im Osten von Vorarlberg. Es ist umgeben von den Nordwestlichen und Südöstlichen Walsertaler Bergen die im Osten und Südosten an die Allgäuer und Lechtaler Alpen, im Süden an den Tannberg und im Westen an den Bregenzerwald grenzen. Nach Norden hin öffnet sich das Alpenvorland. Die Breitach zieht sich durch das gesamte Tal und wird von einigen Seitenbächen gespeist, die aus den Seitentälern des Kleinwalsertals stammen.

Das Kleinwalsertal wird fast vollständig von hohen Bergen umschlossen. Von ihnen wird das Kleinwalsertal gegenüber dem übrigen Staatsgebiet Österreichs abgeschnitten. Deren höchste Erhebung ist der Große Widderstein (). Eine Verkehrsverbindung besteht lediglich zum auf bayerischer Seite liegenden Oberstdorf (Enklave). Aus dieser geographischen Sonderstellung ergaben und ergeben sich eine Reihe von Besonderheiten, siehe Geschichte und Wirtschaft.

Weitere Berge sind der Elferkopf (), der Hohe Ifen (), die Kanzelwand (), das Fellhorn () und das Walmendinger Horn () – siehe Nordwestliche und Südöstlichen Walsertaler Berge.

Im Kleinwalsertal treffen vier geologische Einheiten aufeinander: das Helvetikum mit dem verkarsteten Schrattenkalk (Ifen, Gottesackerplateau), der Rhenodanubische oder Vorarlberger Flysch (Walmendingerhorn, Heuberg, Güntlispitze, Fellhorn) und die schroffen Felsen des Ostalpin (Nördliche Kalkalpen) aus Hauptdolomit (die Walser Kerle: Widderstein, Elfer, Schafalpköpfe, Kanzelwand) sowie die Arosazone, die einen schmalen lückenhaften Gürtel zwischen Flysch und Ostalpin bildet. Sie enthält die größte Vielfalt an Gesteinen und zieht sich vom Üntschenjoch und dem Bärenkopf entlang quer durchs Gemstel- und Wildental bis unter die Kanzelwand. Aber auch Lias-Gesteine am Elfer und Gesteine der Ultrahelvetikum-Mélange finden sich im Kleinwalsertal in der Umgebung Mittelalp. mini|Luftbild Blick in das Kleinwalsertal von Norden. Im Zentrum des Bildes die Gemeinde Mittelberg (Juni 2021). Die europäische Hauptwasserscheide zwischen Rhein/Nordsee und Donau/Schwarzem Meer verläuft über das Gottesackerplateau und den Hohen Ifen zum Gerachsattel und weiter zum Hochalppass beim Widderstein.

Gliederung Das Kleinwalsertal umfasst die Gemeinde Mittelberg und die drei Orte Mittelberg mit Baad, Hirschegg und Riezlern. Der amtliche Name dieser Gesamtgemeinde lautet Mittelberg nach dem zuerst besiedelten Ort. Auf einer Fläche von 96,82 Quadratkilometern leben 5075 Einwohner, das ergibt eine Bevölkerungsdichte von knapp 52 Einwohnern je Quadratkilometer (Stand: 1. Januar 2020).

mini|Kleinwalsertal mit Mittelberg und Hirschegg

Das Kleinwalsertal, auch Breitachtal, nach der Breitach, hat folgende Seitentäler und Bäche:

Seitental Seitenbach Länge des Baches in km Ortschaft Turatal (walserdeutsch: Duura) Turabach 3,1 Baad in Mittelberg Derratal (walserdeutsch: Dellera) Derrabach 2,7 Baad in Mittelberg Bärgunttal (walserdeutsch: Bergont) Bärguntbach 1,5 Baad in MittelbergLüchletobel Lüchlebach – Baad in Mittelberg Gemsteltal (walserdeutsch: Gänschel) Gemstelbach – Mittelberg Wildental Wildenbach 1,9 Mittelberg Zwerenbach 2,0 Riezlern Schwarzwassertal (walserdeutsch: Schwarzwasser) Schwarzwasserbach 11,7 Hirschegg(walserdeutsch: Schmittatobel) Schmiedebach 2,3 RiezlernGattertal (walserdeutsch: Gattertobel) Gatterbach Riezlern Hörnlebach Riezlern(walserdeutsch: Buachtobel) Buchenbach Riezlern

Naturschutz Im Kleinwalsertal liegt das Europaschutzgebiet Ifen, das zweitgrößte Europaschutzgebiet Vorarlbergs. Noch größer ist das Pflanzenschutzgebiet Hochifen und Gottesackerwände. Beide Schutzgebiete überlappen sich. Nordwestlich der Linie Grünhorn – Schwarzwasserbach – Breitach ist das gesamte Kleinwalsertal unter Naturschutz. Auch die angrenzenden deutschen Gebiete beim Hohen Ifen stehen unter Naturschutz. Gerade die Karstlandschaft Gottesacker mit dem Höhlensystem Höllloch, der Schwarzwasserbach und die zahlreichen Hochmoore im oberen Schwarzwassertal sind ökologisch besonders wertvoll und schützenswert.

Geschichte Das Kleinwalsertal wurde im Jahre 1270 von den Walsern besiedelt, einer Volksgruppe, die aus dem deutschsprachigen Oberwallis in der Schweiz zuwanderte. Diese alemannische Herkunft unterscheidet die Bewohner sprachlich noch heute von den Bewohnern der umliegenden Gemeinden. Ihr Dialekt wird dem Höchstalemannischen zugeordnet, während man im Allgäu einen niederalemannischen Dialekt und im restlichen Vorarlberg einen hochalemannischen Dialekt (Vorarlbergerisch) spricht.

Steinzeitfunde Das Kleinwalsertal wurde schon in der Steinzeit bewohnt. Davon zeugen von Detlef Willand geführte Ausgrabungen am Gottesacker, bei denen unter anderem Schaber, Pfeilspitzen und Feuerstellen aus der Jungsteinzeit zu Tage kamen. Teile dieser Funde können in der Bergschau im Veranstaltungszentrum Walserhaus in Hirschegg besichtigt werden.

Am Widderstein und am Bärenkopf wurden zudem nach den umfangreichen Prospektionsarbeiten des Geoarchäologen Alexander Binsteiner Radiolaritabbaustellen entdeckt. Vermutlich wurde in diesen steinzeitlichen Bergwerken mit Hirschgeweihhacken oder faustgroßen Hämmern das wertvolle Gestein abgetragen. Es wird noch untersucht, inwieweit die Steine weit über die Grenzen des Kleinwalsertals gehandelt wurden.

Mittelalter 1059: Die älteste urkundliche Erwähnung des Gebiets des Kleinwalsertals ist auf den 5. Februar 1059 datiert. Mit dieser Urkunde schenkte König Heinrich IV. dem Bischof Heinrich II. von Augsburg ein Gebiet, das an das heutige Kleinwalsertal grenzte. In dieser Urkunde werden auch zum ersten Mal der größte Bach, welcher durch das Tal fließt, mit seinem bis heute fast gleich gebliebenen Namen „praitahe“ (Breitach) und der höchste Berg des Tals mit „widerostein“ (Widderstein) erwähnt. 1270–1300: Die ersten urkundlich belegten Bewohner des Kleinwalsertals kamen um etwa 1270 aus dem Oberwallis. Politische und wirtschaftliche Gründe veranlassten sie dazu, ihre Heimat zu verlassen. Fünf Walliser Familien unter der Führung von Hans Wüstner kamen damals über den Hochalppass in das noch unbewohnte Breitachtal. Das Tal gehörte zum Zeitpunkt der Einwanderung der ersten Walser dem Freiherrn von Rettenberg (Röthenberg). Den Walsern wurde die Rodung und Ansiedelung in dem zuvor nur zur Jagd benutzten Gebiet gestattet. Sie mussten lediglich einen Laib Käse pro Familie und Jahr an den Freiherrn abgeben. Erste urkundlich erwähnte Namen des Kleinwalsertals sind das Breitachtal, Mittelberg und das Tal zu den Wüstner. Anfangs bildete die Siedlung Mittelberg mit anderen Siedlungen wie Lech, Zug, Warth und Krumbach die Kolonie Tannberg. 1350/51: Nach dem Tod des letzten männlichen Erben der Rettenberg kam das Tal in den Besitz von Adelheit von Waldburg, welche das Breitachtal 1351 an die Gebrüder von Heimenhofen verkaufte. 1451–1453: Die Walser nahmen Graf Ulrich von Werdenberg-Sargans und Hans von Rechberg, welche wegen einer unbekannten Streitigkeit auf den Tannberg kamen, gefangen und misshandelten sie. Herzog Sigmunds von Tirol Ersuchen um Entlassung der beiden wurde jedoch abgelehnt. Später wurde Ulrich von Werdenberg freigelassen, Hans von Rechberg blieb allerdings gefangen. Daraufhin befreite Herzog Sigmund Hans von Rechberg mit Waffengewalt und eroberte dabei die komplette Tannberger Kolonie. Die Tannberger verloren dabei all ihre Rechte, wie es aus einer Ergebungsurkunde vom 11. März 1453 hervorgeht. Die Tannberger und Mittelberger unterstanden nun dem Habsburger Herzog Sigmund und gehörten somit von diesem Tag an zu Österreich. Die Tannberger und Mittelberger wurden dem Gericht von Bregenz zugeteilt. Dieses für die Mittelberger Geschichte sehr bedeutende Ereignis führte auch zur ersten urkundlich auffindbaren Erwähnung über die Existenz der Walser im Kleinwalsertal. 1460: Der bisherige Besitzer des Breitachtals, Jörg von Heimenhofen in Fischen, ließ sich nach langen Verhandlungen am 28. Oktober 1460 auf einen Vergleich ein. Darin verzichtete er auf Tannberg und Mittelberg mit all seinen Rechten und begab sich in den Dienst des Herzogs. Dafür erhielt er als Entschädigung 1000 rheinische Gulden in bar. 1500: Die Walser erlangten wieder die Patronatsrechte, die zuvor der römisch-deutsche König und Erzherzog Maximilian ausübte. Damit hatten die Walser alle Rechte wieder erlangt, die sie 1453 verloren hatten. 1563: Unter Kaiser Ferdinand I. (1521–1564; Enkel Maximilians I. und Bruder Karls V.) erhielten die Walser ihr eigenes Gericht am 1. April 1563. Die Mittelberger unterstanden somit nicht mehr dem Gericht Tannberg.

Nach 1800 1806: Infolge der napoleonischen Kriege erlosch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, und durch den Pressburger Frieden wurde Vorarlberg, einschließlich Mittelbergs, dem Königreich Bayern zugeschlagen. Von diesem Zeitpunkt an hatte Mittelberg unter einer enormen steuerlichen Abgabenlast zu leiden. 1810: Das Mittelberger Gericht wurde abgeschafft. Neuer Gerichtssitz war das Landgericht Bezau im Bregenzerwald. 1814: Am 7. Juli 1814 wurde Vorarlberg wieder in das Habsburger Kaisertum Österreich eingegliedert. Im Tal wurde dieser Staatenwechsel unter anderem mit einem Bergfeuer und brennenden Fässern, die unter allgemeinem Jubel der Bevölkerung von den Bergen gerollt wurden, gefeiert.

mini|Mittelberg, um 1900 Durch die Konsolidierung des Königreiches Bayern und der k.u.k.-Monarchie Österreich-Ungarn sowie die Errichtung von Zollschranken wurde das Wirtschaftsleben der Walser sehr stark erschwert. Wegen fehlender Straßenverbindungen zum übrigen österreichischen Staatsgebiet wurde der Warenaustausch fast unmöglich gemacht. Die Hauptgeschäfte mit landwirtschaftlichen Produkten wie Vieh, Käse und Butter waren bis dahin nach Bayern ausgeführt und dort verzollt worden. Ab 1878 verschärfte Bayern seine bisherigen Zollbeschränkungen und untersagte den Walser Landwirten den Viehverkauf im benachbarten Allgäu, obgleich dies seit Jahrhunderten üblich gewesen war. Die Landwirte waren nun gezwungen, ihr Vieh über Berge und Pässe zu den Vorarlberger Märkten zu treiben. Da das Zurücktreiben des Viehs zu aufwändig und unwirtschaftlich war, verkauften die Landwirte ihre Tiere zu aktuell gebotenen Preisen, die auch sehr ungünstig sein konnten. Fast das gesamte 19. Jahrhundert kämpften die Walser Bürger für eine Sonderwirtschaftszone, und 1891 erreichten sie dieses Ziel. Die Gemeinde Mittelberg erhielt den lange ersehnten Status eines Zollausschlussgebiets.. RGBl. 1891, Nr. 11 (41,42) (Originaltext deutsch/ungarisch auf Wikisource). Damit war der freie Warenverkehr mit Deutschland wieder für landwirtschaftliche Produkte und andere wichtige Handelsgüter möglich. Von da an ging es im Tal wirtschaftlich wieder aufwärts.

mini|Mittelberg um 1965 1894: Gründung des Spar- und Darlehenskassenverein Mittelberg