mini|hochkant|Winfried Kretschmann (2024) Winfried Kretschmann (* 17. Mai 1948 in Spaichingen) ist ein ehemaliger deutscher Politiker (Bündnis 90/Die Grünen). Er war von Mai 2011 bis Mai 2026 Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg und damit als erster und bis dahin einziger Grüner Regierungschef eines deutschen Bundeslandes.
Bis zum Amtsantritt seines Nachfolgers Cem Özdemir war er der älteste und zugleich dienstälteste der zu diesem Zeitpunkt amtierenden Ministerpräsidenten Deutschlands. Kretschmann zählt zu den prominentesten Vertretern des pragmatischen und öko-konservativen Flügels seiner Partei.
Leben Herkunft, Studium und berufliche Tätigkeit (1948–1980) Kretschmann wurde 1948 als Sohn des römisch-katholischen Volksschullehrers Fritz Kretschmann und dessen Frau Dora in Spaichingen geboren und wuchs in Egesheim, einer Gemeinde auf dem Heuberg, auf. Seine Eltern stammen aus Frauenburg im heute zu Polen gehörenden Ermland, einer „katholischen Exklave“ im damals mehrheitlich protestantischen Ostpreußen, von wo sie mit Kretschmanns älteren Geschwistern 1945 vertrieben wurden und dann lange in Dänemark interniert waren. Ein Bruder starb auf der Flucht als Säugling. Sein Vater wünschte, dass sein Sohn Winfried katholischer Priester werde; 1969 starb der Vater nach einem Autounfall. Seinen Vater bezeichnet Kretschmann als „sehr liberal“, seine Mutter als „völlig unpolitisch“.Interview in der taz, 7./8./9. April 2012, S. 21. Er habe „eine sehr, sehr harmonische Kindheit gehabt“.Nadine Michel, Peter Unfried: „Ein Linker bin ich nicht“. In: taz. 7. April 2012, S. 20–21.
Winfried Kretschmann besuchte nach der Volksschule in Sonderbuch bei Zwiefalten ein katholisches Internat in Riedlingen,Das repressive Klima und die gewalttätigen Erziehungsmethoden im Internat hinterließen bei K. einen tiefen Widerwillen gegen autoritäre Herrschaftsformen (vgl. u. a. Die Zeit, 24. März 2011). das er aber mit 16 Jahren wieder verließ, um das Abitur 1968 am Staatlichen Gymnasium Sigmaringen, dem heutigen Hohenzollern-Gymnasium, abzulegen. Er wiederholte die 11. Klasse.Auch Kretschmann blieb sitzen. In: BNN. Nr. 170, 25. Juli 2012, S. 11. In seiner Jugend war er Oberministrant und wollte eine Zeitlang Priester werden. Während seiner Internatszeit gab er den Wunsch auf, Priester zu werden, da er mit den als Lehrer tätigen Patres zum Teil sehr schlechte Erfahrungen machte: Sie verteilten Ohrfeigen und Stockschläge, auch auf den Kopf.https://www.zeit.de/2024/16/winfried-kretschmann-baden-wuerttemberg-schule-bildung/seite-2
Nach seinem Abitur 1968 leistete er bis Anfang 1970 seinen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr ab. Von 1970 bis 1975 studierte er an der Universität Hohenheim Biologie und Chemie für das Lehramtsstudium an Gymnasien. 1975 legte er das Wissenschaftliche Staatsexamen ab, 1977 das Pädagogische Staatsexamen.
Zu Beginn seines Studiums wurde er Mitglied der katholischen Studentenverbindung Carolingia Hohenheim (nichtschlagend, im CV), trat aber nach drei Semestern wieder aus. Während des Studiums war Kretschmann mehrere Jahre Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) der Universität Hohenheim. Er engagierte sich von 1973 bis 1975 in der Hochschulgruppe des Kommunistischen Bundes Westdeutschland und stand dem Maoismus nahe. Wegen zweier Kandidaturen zum Studentenkonvent, 1972 für die „Kommunistische Studentengruppe / Marxisten-Leninisten“ (Hochschulgruppe des KABD) und 1973 auf der Plattform des „Sozialistischen Zentrums“ und der „Kommunistischen Hochschulgruppe“ (KHG des KBW), drohte ihm aufgrund des Radikalenerlasses ein Berufsverbot. Die Kandidaturen hatte der Verfassungsschutz dem Oberschulamt gemeldet.Radikalenerlass – Die Akte Kretschmann. In: stuttgarter-zeitung.de. 18. Dezember 2014. 2011 bezeichnete er diese „68er-Sozialisation“ als „fundamentalen politischen Irrtum“.
Kretschmann unterrichtete zunächst an einer privaten Kosmetikschule in Stuttgart. Nach einer Überprüfung war er verbeamteter Gymnasiallehrer für Biologie, Chemie und Ethik in Stuttgart, Esslingen am Neckar (Theodor-Heuss-Gymnasium), Mengen, Bad Schussenried und zwischen 1988 und 1995 am Hohenzollern-Gymnasium in Sigmaringen. Für die Wahrnehmung seiner parlamentarischen Mandate wurde er mehrmals beurlaubt. In einem Interview bezeichnete sich Kretschmann 2024 als Lehrer vom Typ „Töpfer“, der seine Schüler formen will. Im Biologieunterricht habe er auch ungewöhnliche Versuche mit seinen Schülern durchgeführt. Er habe sie zum Beispiel an Kröten lecken lassen, um zu zeigen, dass deren Haut Abwehrstoffe bilden kann, die beim Menschen eine erhöhte Pulsfrequenz hervorrufen. Bei seiner Unterrichtsgestaltung habe er sich insgesamt wenig um den Lehrplan gekümmert, sondern vor allem versucht, für das jeweilige Fach Interesse zu wecken.Jeanette Otto, Martin Spiewak: Wie waren Sie als Lehrer, Winfried Kretschmann? In: Die Zeit. Nr. 16, 11. April 2024, S. 36.
Politische Tätigkeit Parteilaufbahn (1979–2026) mini|Winfried Kretschmann (2010) 1979/80 war Kretschmann Mitbegründer der Grünen Baden-Württemberg, denen er sich aus „einer emphatischen Liebe zur Natur“Die Zeit, 24. März 2001. angeschlossen hatte. Der praktizierende Katholik gilt als liberal-konservativer Vordenker seiner Partei und war in den 1980er Jahren gemeinsam mit Wolf-Dieter Hasenclever ein Protagonist des kleinen ökolibertären Flügels der Grünen.Joachim Raschke, Gudrun Heinrich: Die Grünen. Wie sie wurden, was sie sind, Bund, Köln 1993, S. 474.Ludger Volmer: Die Grünen, C. Bertelsmann, München 2009, S. 138.Joachim Raschke, Gudrun Heinrich: Die Grünen. Wie sie wurden, was sie sind, Bund, Köln 1993, S. 250. Dieser bildete sich Ende 1983 als innerparteiliche Opposition zum ökosozialistischen Flügel.Jürgen Hoffmann: Die doppelte Vereinigung. Vorgeschichte, Verlauf und Auswirkungen des Zusammenschlusses von Grünen und Bündnis 90. Leske + Budrich, Opladen 1998, S. 85; Makoto Nishida: Strömungen in den Grünen (1980–2003). Eine Analyse über informell-organisierte Gruppen innerhalb der Grünen, Lit-Verlag, Münster 2005, S. 95 ff.
Landespolitiker in Baden-Württemberg (1980–2026) mini|Ministerpräsident Kretschmann inmitten des grün-roten Kabinetts (2011) Bei der Landtagswahl 1980 wurde er erstmals für die Grünen in den Landtag von Baden-Württemberg gewählt. 1983 wurde er als Nachfolger von Wolf-Dieter Hasenclever Fraktionsvorsitzender. Von 1982 bis 1984 gehörte Kretschmann als Nachrücker auch dem Kreistag des Landkreises Esslingen an.
In der Legislaturperiode von 1984 bis 1988 gehörte er nicht dem Landtag von Baden-Württemberg an, da die Grünen aufgrund eines Fristversäumnisses keine Kandidaten in den drei Wahlkreisen des Landkreises Esslingen aufgestellt hatten. 1986 und 1987 war er als Ministerialrat Grundsatzreferent im ersten grünen Umweltministerium in Hessen bei Minister Joschka Fischer.
Bei der Landtagswahl im März 1988 wurde Kretschmann wieder in den Landtag von Baden-Württemberg gewählt. 1992 verfehlte er den Wiedereinzug ins Landesparlament und kehrte in den Schuldienst zurück. Gründe dafür waren ein innerparteilicher Streit um Müllverbrennung sowie die Kandidatur von Helmut Palmer im Landtagswahlkreis Nürtingen.Michael Kitzing (Autor): Helmut Palmer. In: Baden-Württembergische Biographien 7 (2019), Seite 417-421; zitiert bei Palmer, Helmut, leo-bw.de Seit den Landtagswahlen 1996 bis 2026 war er ununterbrochen Mitglied des Landtags (bis 2011 per Zweitmandat, seit 2016 per Direktmandat im Wahlkreis Nürtingen). Als Alterspräsident leitete er die Eröffnung der 17. Wahlperiode des Landtags.
Von 1996 bis 2001 war Kretschmann Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt und Verkehr im baden-württembergischen Landtag. Nach der Wahl von Dieter Salomon zum Oberbürgermeister der Stadt Freiburg im Breisgau wurde Kretschmann 2002 zu dessen Nachfolger als Fraktionsvorsitzender der Grünen gewählt. Zudem war Kretschmann – viele Jahre gewähltes, als Ministerpräsident kooptiertes – Mitglied des Parteirates von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg.
Ministerpräsident von Baden-Württemberg (2011–2026) Winfried Kretschmann war Spitzenkandidat der Grünen für die Landtagswahl im März 2011. Mit 24,2 Prozent der Stimmen und 36 Abgeordneten erreichten die Grünen bei einer Landtagswahl das bis zu diesem Zeitpunkt beste Wahlergebnis in ihrer Geschichte. Sie wurden nach der CDU mit 60 Mandaten und vor der SPD mit 35 Mandaten zweitstärkste Fraktion im Landtag. Die Wahl war von der Nuklearkatastrophe von Fukushima überschattet. Kretschmann handelte als Verhandlungsführer der Grünen mit der SPD einen Koalitionsvertrag aus. Am 12. Mai 2011 wurde Kretschmann von den Landtagsabgeordneten zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gewählt. Er erhielt 73 Stimmen und damit zwei Stimmen mehr, als Grüne und SPD auf sich vereinten. Das Kabinett Kretschmann I war damit die erste von den Grünen geführte Regierung eines Bundeslandes. Auch war Kretschmann der erste Ministerpräsident seit Heinrich Hellwege, welcher weder der SPD oder der CDU/CSU angehörte.
Am 12. Oktober 2012 wurde Kretschmann im Bundesrat für die am 1. November 2012 beginnende einjährige Amtszeit turnusgemäß zum Präsidenten des deutschen Bundesrates gewählt.
2014 geriet Kretschmann in seiner Partei in die Kritik, weil Baden-Württemberg als einziges Bundesland mit grüner Regierungsbeteiligung einer Änderung des Asylgesetzes zustimmte. Danach werden Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina als sichere Herkunftsländer eingestuft, wodurch Asylbewerber schneller abgeschoben werden können. Im Gegenzug erreichte er Erleichterungen bei der Residenzpflicht und der Bereitstellung von Geldmitteln.spiegel.de Kritiker merken hierzu an, dass dies „längst im Bundeskoalitionsvertrag verabredet“ gewesen sei und dass „manche Vereinbarungen […] gar hinter den im Bundeskoalitionsvertrag verabredeten Verbesserungen zurück“ blieben.Flüchtlingsrat Baden-Württemberg, Presseerklärung vom 19. September 2014: Zum Asyldeal im Bundesrat: Flüchtlingsrat Baden-Württemberg enttäuscht von Ministerpräsident Kretschmann, in: Rundbrief 03-2014, S. 40, online: fluechtlingsrat-bw.de Der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg und Pro Asyl werten dies deshalb als „faulen Kompromiss“.Flüchtlingsrat Baden-Württemberg, Presseerklärung vom 19. September 2014: Zum Asyldeal im Bundesrat: Flüchtlingsrat Baden-Württemberg enttäuscht von Ministerpräsident Kretschmann, in: Rundbrief 03-2014, S. 40, online: fluechtlingsrat-bw.deAndreas Linder: „Asylkompromiss“ 2014 – cui bono? ASYLKOMPROMISS / ROMA: Bundesrat stimmt „Sichere Herkunftsstaaten“- Gesetz zu – Baden-Württemberg macht es möglich, in: Rundbrief 03-2014, S. 39, online: fluechtlingsrat-bw.de
Bei einer repräsentativen Umfrage im März 2015 gaben 72 Prozent der Befragten an, mit der Arbeit des Ministerpräsidenten zufrieden zu sein. (Umfrage von SWR, Stuttgarter Zeitung und infratest dimap)
Unter Kretschmann stieß die Landesregierung zahlreiche Reformen an, zum Beispiel die Einführung der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg.Kabinett verabschiedet Gesetzentwurf zur Einführung Gemeinschaftsschule, Staatsministerium Baden-Württemberg, 13. Dezember 2011. Im Wirtschaftsbereich setzte Kretschmann als erster Ministerpräsident in Deutschland das Thema Industrie 4.0 und Digitalisierung auf die politische Agenda.Kretschmann will Industrie 4.0 stärker voranbringen, Die Welt, 7. Oktober 2014. Unter ihm schuf die Landesregierung auch in Baden-Württemberg die Voraussetzungen für den Ausbau der Windkraft. Allerdings wurden in der laufenden LegislaturperiodePlanung, Genehmigung und Bau. Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg, abgerufen im Juni 2020. weniger Windräder errichtet als zu Zeiten Erwin Teufels. So wurden im Jahr 2013 neun und im Jahr 2014 vier neue Windkraftanlagen errichtet.