mini|Aristide Cavaillé-Coll im Alter von 83 Jahren nach einer Heliografie von Paul Dujardin rahmenlos|zentriert Aristide Cavaillé-Coll (* 4. Februar 1811 in Montpellier; † 13. Oktober 1899 in Paris) war ein französischer Orgelbauer, Akustiker, Wissenschaftler und Erfinder. Er gilt als maître des maîtresDie Formulierung wurde etwa 1875 von Alphonse Mailly geprägt, vgl. („Meister der Meister“) des französisch-romantischen Orgelbaus und gehört zu den bedeutendsten Orgelbauern aller Zeiten.

Cavaillé-Coll wurde in eine südfranzösische Orgelbauerfamilie geboren und konnte seines technischen und mathematischen Talentes wegen schon früh eine tragende Rolle im Unternehmen seines Vaters übernehmen. Auf Empfehlung des Komponisten Gioachino Rossini ging er mit 22 Jahren nach Paris und gewann nur wenige Tage später überraschend den Wettbewerb für den Bau der Orgel der Basilika von Saint-Denis. Erstmals setzte er dabei den Barkerhebel, eine pneumatische Maschine zur Erleichterung des Tastenanschlags, ein. Ferner gelang ihm die absolute Stabilisierung des Winddrucks durch den Einsatz von Parallel-Faltenbälgen. Seine mittlere Schaffensperiode ist von intensiver akustischer und technischer Forschung bestimmt, die unter anderem zur Vervollkommnung der überblasenden Flötenregister, der unterschiedlichen Winddrücke innerhalb eines Registers und des Schwellwerkes führte. Weltruhm erlangte er durch den Bau der Orgeln von Saint-Sulpice und Notre-Dame de Paris.

Das von Zungenregistern geprägte, satte, orchestral-symphonische Grand-Chœur der Cavaillé-Coll-Orgeln inspirierte zahlreiche Komponisten und führte zu einer Hochzeit der französisch-romantischen Orgelmusik, die in den Orgelsinfonien Charles-Marie Widors und Louis Viernes kulminierte. Diese Tradition lebt in der französischen Orgelschule bis in die Gegenwart fort.

Leben Herkunft mini|links|Dominique Cavaillé-Coll, Aristides Vater Cavaillé-Colls älteste bekannte Vorfahren waren Stoffhersteller in Gaillac in Südwestfrankreich. Doch bereits der Bruder seines Urgroßvaters, der Dominikaner Joseph Cavaillé (etwa 1700–1767), erlernte bei Jean Esprit Isnard das Orgelbauhandwerk. Isnard erbaute gemeinsam mit Cavaillé in Toulouse die Orgel der Kirche Saint-Pierre-des-Cuisines. Aristide Cavaillé-Colls Großvater Jean-Pierre Cavaillé (1743–1809) verwaiste früh, erlernte bei seinem Onkel Joseph das Orgelbauhandwerk und machte sich 1765 in Spanien selbständig. 1767 heiratete er in Barcelona Françoise Coll.

Am 16. April 1771 wurde ihnen der Sohn Dominique-Hyacinthe geboren, der nach spanischem Brauch den Doppelnamen Cavaillé-Coll trug. Auch Dominique erlernte den Beruf des Orgelbauers, verließ aber 1788 wegen Unstimmigkeiten mit seiner Stiefmutter seine Familie und ging nach Spanien, wo er einige unterbrochene Arbeiten seines Vaters fortführte. Von 1789 bis 1791 lebte er in Puigcerdà, wo er die Orgel der Kirche Sant Domènec erneuerte.George S. Blackburn: The organs of Cavaillé-Coll and classic tradition. New Haven 2016. S. 14. Nachdem Spanien 1793 Frankreich den Krieg erklärt hatte, verließ er das Land und begann eine Offizierskarriere beim französischen Militär.Georges Lartigau: Chronologie 1700–1849. pdf. S. 3. Nach dem Krieg kehrte er 1796 nach Spanien zurück, wo er bis zu seiner erneuten Rückkehr nach Frankreich 1805 einige Orgeln erbaute.

Kindheit und Ausbildung (1811 bis 1834) mini|Aristide Cavaillé-Coll im Alter von 25 Jahren nach einem Gemälde von Claude Jules Grenier Aristide Cavaillé-Coll wurde am 4. Februar 1811 in Montpellier als zweiter Sohn Dominique Cavaillé-Colls und dessen Frau Jeanne Autard geboren; sein älterer Bruder Vincent (* 9. Oktober 1808; † 1886) wurde ebenfalls Orgelbauer. Die Unruhen in Südfrankreich aufgrund der Bourbonen-Restauration durch Ludwig XVIII. 1814 brachten seinen Vater Dominique dazu, seine Familie nach Lérida in Spanien zu verbringen. Der erst fünfjährige Aristide erhielt dort eine nur unzureichende Schulbildung und hatte sein Leben lang Rechtschreibprobleme. Er hatte auch keine musikalische Ausbildung: Er lernte weder ein Instrument spielen noch erwarb er systematisch musiktheoretische Kenntnisse.

Aus Furcht vor einer auftretenden Epidemie kehrte die Familie Cavaillé-Coll 1822 nach Frankreich zurück und lebte ab 1824 in Gaillac, ab 1827 in Toulouse. Aristide zeigte schon früh großes handwerkliches Geschick. Er arbeitete bereits mit elf Jahren an einer für seine Größe hergestellten Werkbank und zeigte auch mathematisches Talent. Der Bau der Orgel in Gaillac entstand während seiner Lehrzeit.Roland Galtier: Essai chronologique sur les Orgues de Cavaillá-Coll. 1824-1898. Paris 1984. S. 7.Orgel in Gaillac, abgerufen am 9. Januar 2022. Als Dominique 1829 eine große Zahl von Aufträgen aus Spanien bekam, schickte er den erst 18-jährigen Aristide nach Lérida, um dort ein bei der Flucht unvollendet gelassenes Instrument fertigzustellen. Aristide erdachte zahlreiche Neuerungen. Eine davon war die Parallelogrammführung, um das Verkanten der Parallelbälge zu vermeiden. Zu seiner Enttäuschung erfuhr er später, dass James Watt diese bereits vor ihm erfunden hatte. Eine weitere Neuerung war die Koppel durch Fußhebel (statt Schiebekoppeln) sowie die Bedienung des Schwellwerkes durch Fußhebel (statt wie bisher über Seilzüge oder Handhebel).

Nach der Rückkehr nach Toulouse entwickelte er gemeinsam mit seinem Vater und seinem Bruder die Poïkilorgue, ein harmoniumartiges Instrument für den kammermusikalischen Gebrauch (die beiden einzigen gebauten Exemplare befinden sich heute im Musée du Conservatoire). Bei einem Besuch von Gioachino Rossini 1832 in Toulouse zog dieses dessen Aufmerksamkeit auf sich: Rossini dirigierte in Toulouse Giacomo Meyerbeers Oper Robert le diable, die erste Oper, die zusätzlich zum Orchester eine Orgel verlangte. Da die Oper von Toulouse über keine Orgel verfügte, wurde kurzerhand eine Poïkilorgue bereitgestellt: Rossini war überwältigt von deren Klang und ermutigte Aristide nach Paris zu gehen. 1833 erfand Cavaillé-Coll auch eine Kreissäge, für die er am 19. März 1834 mit der Bronzemedaille der Société d’Encouragement ausgezeichnet wurde.

Bau der Orgel der Basilika von Saint-Denis und Durchbruch in Frankreich (1834 bis 1843) mini|Orgel von St-Denis 1841 Angeregt durch Gioachino Rossini nahm der junge Cavaillé-Coll am 21. September 1833 eine Gelegenheit wahr, nach Paris zu ziehen – ausgestattet mit zahlreichen Empfehlungsschreiben u. a. für Gaspard de Prony, Sylvestre Lacroix, Charles Cagniard de la Tour und Luigi Cherubini sowie für die Orgelbauer Henri Montan Berton, Sébastien Érard, Claude Callinet, Davrainville (* 1784) und Louis-Paul Dallery.

Zur Zeit seiner Ankunft in Paris lag der Orgelbau weitgehend darnieder. Zahlreiche Orgeln waren während der Französischen Revolution zerstört worden. Mit François-Henri Clicquot war 1790 der letzte große französische Orgelbauer verstorben; um 1815 waren einzig Pierre-François Dallery und Jean Somer (der später von Callinet weitergeführt wurde) als ernstzunehmende Orgelbauer tätig. Die bestehenden Orgeln entsprachen kaum mehr dem Zeitgeschmack: Die orgue classique, d. h. die französische Barockorgel, zeichnete sich vor allem durch die Gegenüberstellung charakteristischer Klanggruppen aus: das Mixturenplenum (Plein-Jeu), das Zungenplenum (Grand-Jeu), Solo-Zungen (wie voix humaine und Cromorne), sowie zahlreiche Aliquotregister (Jeux de détail) und Cornet; das Pedal blieb schwach besetzt und wurde meist nur für Haltetöne genutzt. Das Zusammenspiel aller Register bei Koppelung aller Manuale im tutti interessierte weniger und war auch aufgrund der entstehenden Probleme bei der Windversorgung nicht ohne Weiteres möglich. Dynamische Staffelung war somit nur unter grober Missachtung der Klangfarbe möglich.

Symptomatisch für die Unzufriedenheit mit dem bestehenden Orgelbestand ist Felix Mendelssohn Bartholdys Beschreibung der Orgel von Saint-Sulpice bei seinem Besuch in Paris 1832:

In Paris angekommen wurde Cavaillé-Coll mit Henri Montan Berton bekannt gemacht, einem Mitglied der Orgelbaukommission der Basilika Saint-Denis. Für den Orgelneubau hatten sich bereits Pierre Érard (1796–1855), John Abbey (1785–1859), Louis Callinet (1786–1846) und Louis-Paul Dallery (1797–1875) beworben, die bedeutendsten Orgelbauer Frankreichs der Zeit. Auf Vorschlag Bertons begab sich Cavaillé-Coll unverzüglich in die Basilika, um den Raum kennenzulernen; anschließend skizzierte er innerhalb von drei Tagen in seinem Hotelzimmer einen Entwurf für eine neue Orgel. Zur Überraschung aller erhielt der junge, unbekannte Cavaillé-Coll – nur wenige Tage vorher von Dallery an der Tür abgewiesen – am 2. Oktober 1834 den Zuschlag. Sein Vater zog bald nach der Nachricht ebenfalls nach Paris, wo Vater und Sohn eine Werkstatt in der Rue Neuve-Saint-Georges N° 14, nahe der Kirche Notre-Dame-de-Lorette, eröffneten. Schon bald danach erhielt Aristide für diese Kirche ebenfalls den Auftrag zum Orgelbau. Dieses Instrument lieferte er am 22. Oktober 1838 aus.orguesfrance.com abgerufen am 15. April 2020. Nur drei Wochen zuvor hatte er eine Orgel in der Kirche Notre-Dame de Victoire in Lorient aufgestellt.orguesfrance.com abgerufen am 15. April 2020. mini|links|Schnitt durch einen Barkerhebel Als Bauzeit für die Orgel von Saint-Denis waren laut Vertrag von 1833 drei Jahre veranschlagt bei einem Preis von 80.000 Francs für 81 Register auf fünf Manualen. Zwar wurde schon 1834 wohl auf Druck seines Vaters der Preis auf 85.000 Francs erhöht und die Registerzahl auf 71 gesenkt, dennoch schien der Zeitplan kaum einzuhalten. Zu seinem Glück wurde durch Baumaßnahmen im Innenraum der Kirche auch der Orgelbau von ihm unverschuldet verzögert, dennoch schien eine Orgel von solch bisher ungekannten Dimensionen mit schier unlösbaren Problemen behaftet zu sein.

Unvorhergesehene Schwierigkeiten ergaben sich vor allem daraus, dass die Orgel aufgrund hoher Winddrücke und der komplizierten Mechanik bei Benutzung überkommener technischer Möglichkeiten nur mit großer Kraftanstrengung beim Koppeln aller Manuale spielbar gewesen wäre – gerade dies hatte der junge Cavaillé-Coll aber bei Vertragsabschluss versprochen. Ein Schlüsselereignis für den Bau der Orgeln in Saint-Denis und für den gesamten modernen Orgelbau war die Begegnung mit Charles Spackman Barker im Jahre 1837. Barker hatte kurz zuvor eine pneumatische Maschine erfunden, mit deren Hilfe sich die Spielbarkeit wesentlich erleichtern ließ. In England hatte Barker keine Interessenten gefunden, daher bemühte er sich nun, seine Erfindung in Frankreich bekannt zu machen. Cavaillé-Coll erkannte sofort das Potential der Erfindung und entwickelte sie gemeinsam mit Barker weiter. Die Orgel von Saint-Denis erhielt im zweiten Manual eine solche Barkermaschine, welche es ermöglichte, dieses mit enormen 20 Registern zu disponieren und problemlos andere Manuale daran zu koppeln. Die Orgel wurde am 21. September 1841 eingeweiht und hatte durchschlagenden Erfolg. Cavaillé-Coll galt von nun an als modernster und führender Orgelbauer Frankreichs.

Studienreise durch Europa (1844) Beflügelt vom Erfolg der Orgel in Saint-Denis erhielt Cavaillé-Coll bald viele Aufträge, etwa die Revision der Clicquot-Orgel von St-Roch 1842. 1844 reiste Cavaillé-Coll durch Europa, um aktuelle Entwicklungen des Orgelbaus zu studieren; die Route hatte Sigismund von Neukomm festgelegt und Empfehlungsschreiben verfasst. Der Reisepass vom 9. September 1844 hält fest: „Größe: 1,69 m; dreiunddreißig Jahre alt; braunes Haar; graue Augen“. Der Reiseverlauf war: Straßburg, Rufach, Bern, Freiburg im Üechtland, Zürich, Winterthur, Stuttgart, Frankfurt am Main, Köln, Haarlem, Rotterdam, Utrecht, London. In Straßburg besichtigte er das Uhrwerk des Münsters und die Orgeln von Andreas und Johann Andreas Silbermann und urteilte:

mini|Orgel der Frankfurter Paulskirche von E.F. Walcker 1833 (III/P+P/74)