mini|Das namensgebende Haus Nieland in Hopsten Die Werkleute auf Haus Nyland waren ein 1912 von Josef Winckler, Wilhelm Vershofen, Jakob Kneip, Theo Rody und Severin Kirfel gegründeter Künstlerbund, der bis 1925 bestand. Programmatisch strebte man eine wirklichkeitsnahe Synthese von „Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft“ im Sinne von Industriedichtung an. Bis zu ihrer Auflösung schlossen sich bürgerliche Schriftsteller, Arbeiterschriftsteller und expressionistische Autoren aus dem rheinisch-westfälischen Raum der Vereinigung an und bildeten eine Avantgarde der Industriedichtung, die die Grundvoraussetzungen für die spätere Anerkennung und Rezeption der Arbeiterliteratur schuf.
Gründung Ostern 1912 trafen sich Josef Winckler, Wilhelm Vershofen, Jakob Kneip, Theo Rody und Severin Kirfel im Blauen Salon von Haus Nieland in Hopsten, um einen Schriftstellerbund zu gründen. Haus Nieland war ein altes Töddenhaus, das sich seit Generationen im Besitz der Verwandten der mütterlichen Linie Wincklers, der Familie Nieland, befand.vgl. Alfons Tepe: Haus Nieland in Hopsten mit wechselvoller Geschichte. In: Unser Kreis 1990. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt. Steinfurt 1989, S. 15–20. Personell aufgestockt wurden die „Werkleute“ durch Mitglieder der ehemaligen Bonner Studentengruppe „Akademische Vereinigung zur Pflege von Kunst und Literatur“, die sich im Dezember 1912 in Düsseldorf versammelten. Dies ist der Grund, weshalb Winckler, Vershofen und Kneip das erste Heft der „Quadriga“ noch völlig allein gestalteten. Der Mitgliederstamm wurde kontinuierlich erweitert.
Der „Bund“ war eine lockere Verbindung von Schriftstellern und Malern, die sich künstlerisch mit der Industrie- und Arbeitswelt auseinandersetzten. Auch literarisch interessierte Bürger, die sich mit der Programmatik identifizierten, schlossen sich der Vereinigung an. In dem Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg entwickelten sich Ansätze einer Literatur über Industrie und Technik, die im Aufstieg des „Deutschen Werkbundes“ und der Konstituierung der „Werkleute“, die sich den Zielen des „Werkbundes“ verpflichtet fühlten, ihre Ausformung fanden. Was aber bei den Angehörigen des „Werkbundes“ zu innovativen Entwicklungen im Bereich der bildenden Kunst, Architektur und Design führte, schien bei den „Werkleuten“ innerhalb der scheinbar unreflektierten Idealisierung der Industrielandschaft an der Ruhr stecken zu bleiben.
Die Intention der „Werkleute“ entsprach nicht dem heutigen Begriff der „Arbeiterliteratur“. Anders als z. B. bei der Dortmunder Gruppe 61 um Fritz Hüser und Max von der Grün oder dem Werkkreis Literatur der Arbeitswelt fehlten den „Werkleuten“ sozialkritische oder umweltbewusste Aspekte, die z. B. die Zusammenhänge zwischen Industrie und Umweltverschmutzung, Arbeitsrealität und Arbeiterrealität oder Kapital und Herrschaft aufdeckten. Pathos und Affirmation der Technik kennzeichnen die zeitbedingte Sprache der „Werkleute“, die sich nie als „Arbeiterdichter“, sondern als „Industriedichter“ verstanden wissen wollten. Retrospektiv bewertete Winckler den „Bund“ über 30 Jahre nach dessen Gründung wie folgt:
Erstmals wurden in diesem Bunde auch Dichter, Maler, Industrielle, Kaufleute, Philosophen und Arbeiter gemeinsamer schöpferischer Arbeit auf nationaler Grundlage vereint gegen Wirtschaftsimperialismus, Mammonismus, Materialismus aus einem durchaus lebensbejahenden dynamischen Weltgefühl im Gegensatz zur fin de siècle-Stimmung, Reichsverdrossenheit, politischer Verhetzung, gegen die Doktrin der Arbeitsverelendung und aufgerufen, jene ungeheuren Lebensmächte, die moderne Forschung und Technik dem Menschen erschlossen, nicht in selbstzerstörerischer Negation zu mißbrauchen, sondern zu positiver Lebensgestaltung schöpferisch zu steigern, im Glauben, daß wir erst am Anfang des technischen Zeitalters ständen und alle Maschinenstürmer Narren seien!Josef Winckler: Der Dichter. In: Kultur und Wirtschaft. Eine Festgabe zum 70. Geburtstag von Wilhelm Vershofen. Hg. v. Georg Bergler. Nürnberg 1949, S. 13.
Schriftsteller wie Gerrit Engelke (1890–1918), Carl Maria Weber (1890–1953), Karl Bröger (1896–1944), Heinrich Lersch (1889–1936), Max Barthel (1893–1975) oder Otto Wohlgemuth (1884–1965) und Maler wie Ernst Isselmann (1885–1916), Franz M. Jansen (1885–1958) oder Carlo Mense (1886–1965) gehörten neben Winckler, Vershofen und Kneip dem „Bund“ an bzw. waren ihm freundschaftlich verbunden. Förder- und Ehrenmitgliedern waren der Vorsitzende der Berliner Handelsbank und spätere Reichsaußenminister Walther Rathenau (1867–1922) und der Lyriker Richard Dehmel (1863–1920), dem die „Werkleute“ im Herbst 1913 ein Sonderheft ihrer Zeitschrift „Quadriga“ widmeten. Richard Dehmel, Alfred Walter von Heymel und Anton Kippenberg, der 1914 die Eisernen Sonette Wincklers in die von ihm verlegte Insel-Bücherei als Nr. 134 aufnahm, zählten zum ehrenamtlich wirkenden künstlerischen Beirat.
Zum Leben des „Bundes“ gehörten regelmäßige Treffen, die sogenannten Werktagungen, die mindestens zweimal jährlich stattfanden. Darüber hinaus standen die Mitglieder in engen persönlichen wie brieflichen Kontakten. Zu der Mehrzahl der Mitglieder pflegte z. B. Josef Winckler zeitlebens einen freundschaftlichen Kontakt, und die Gründer verloren sich nie aus den Augen. Dies mag auch an der verwandtschaftlichen Beziehung gelegen haben, die ihren Kulminationspunkt in der Person Josef Wincklers fand.
Da die Mitarbeit an den Organen der „Werkleute“ nicht von einer Mitgliedschaft abhängig war, lassen sich die Namen der Mitglieder nicht mehr vollständig recherchieren. In der literarischen Forschung werden die Mitarbeiter dennoch häufig auch als Mitglieder bezeichnet. Einzig die Protokolle der „Werkleute-Tagungen“ verzeichnen die anwesenden Mitglieder. Da man 1918 bereits mit der Anlage eines Nyland-Archives begann, ist zu vermuten, dass auch sämtliche Protokolle zentral gesammelt wurden. Dieses Nyland-Archiv ist allerdings heute nicht mehr aufzufinden. Teilbestände befinden sich im Jakob Kneip-Nachlass in Rommersdorf und im Archiv der Nyland-Stiftung in Köln.
Zeitschriften Zwischen 1912 und 1914 gaben die „Werkleute“ die Zeitschrift Quadriga heraus, die dem „Bund“ als Forum der literarischen Auseinandersetzung diente und in Jena beim Verlag Bernhard Vopelius erschien. Sie wurde von Wilhelm Vershofen und Josef Winckler herausgegeben und redaktionell betreut.Fritz Hüser 1908–1979 Briefe, Fritz-Hüser-Gesellschaft (Hrsg.), Asso-Verlag, Oberhausen 2008, S. 408–409 Finanziert wurde die Zeitschrift in erster Linie durch die Herausgeber, die nicht nur sämtliche anfallenden Honorare zahlen mussten, sondern auch an den Druckkosten mit 800 RM pro Jahr beteiligt waren. Die Mitglieder des „Bundes“ erhielten die Zeitschrift kostenlos.
Die Quadriga gilt neben der späteren „Werkleute“-Zeitschrift Nyland als Quelle für die Programmatik des „Bundes“ und wurde entsprechend häufig ausgewertet. Die Zeitschrift Nyland blieb während ihres Erscheinens ein literarisches Sammelsurium, das sich gegenüber anderen Literaturzeitschriften nicht durchzusetzen vermochte. Gegenüber der Quadriga gelang es den Herausgebern nicht, der Publikation ein eigenständiges Profil zu verleihen. Dies lag in erster Linie sicherlich auch an der politischen Situation in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Winckler und Vershofen teilten sich die Redaktion der Nylandheftweise, da die Reisemöglichkeiten durch die Besetzung des Rheinlandes ein häufiges Treffen unmöglich machten. Während Vershofen sich in Thüringen aufhielt, den Kontakt zu den meisten „Werkleuten“ im Rheinland verlor und sich auch dem wachsenden Einfluss des Verlegers Eugen Diederichs nicht zu entziehen vermochte, ließ sich Winckler, der im Rheinland verblieben war, die Redaktionsverantwortung übertragen – auch um die wachsende Einflussnahme Diederichs’ zurückzudrängen. Nach dem Ausstieg Vershofens und der Weigerung Wincklers, sich den Wünschen Diederichs unterzuordnen, kündigte der Eugen Diederich-Verlag 1920 den auf zwei Jahrgänge geschlossenen Vertrag mit den „Werkleuten“ über die Herausgabe der Nyland mit Heft 8, das ein Jahr nach Heft 7 im Frühjahr 1921 erschien. Zwar kündigten die „Werkleute“ beim Verlag noch eine Flugschriftenreihe an, aber die Entfremdung zwischen Diederichs und ihnen war so weit fortgeschritten, dass nicht nur die Flugschriften nicht erschienen, sondern der Verlag nach und nach alle „Werkleute“- Schriften aus dem Verlagsprogramm nahm und die Zusammenarbeit aufkündigte.
Wichtige Quellen für die Organisation sind die Protokolle der „Werkleute“-Sitzungen, die Briefwechsel der Mitglieder und internen „Werkblätter“. Darin offenbaren sich die Strukturen des „Bundes“, sowohl Mitglieder und Meinungsbildung als auch die Organisationsstruktur betreffend.
Die konstituierende Versammlung fand im Dezember 1912 im Hauptgebäude der Düsseldorfer Baugesellschaft Rheinhof statt. Auf der „Werktagung“ in Niederlahnstein am 17. Mai 1913 wurde die Satzung diskutiert, verändert, verabschiedet und schließlich in ihrer endgültigen Fassung im fünften Heft der Quadriga (Sommer 1913) veröffentlicht. Dieser Satzung war ein Meinungsbildungsprozess vorausgegangen, der die bisherigen Behauptungen vom autoritären Führungsstil der „Werkleute“ Lügen straft. Der Prozess vom ersten Satzungsentwurf bis zur endgültigen Fassung dauerte über ein Jahr und ist durch Briefe dokumentiert. Es wurde – gegen den Einspruch Vershofens – auch eine Schlichtungsinstanz, der künstlerische Beirat, eingeführt, die das Auswahlverfahren der Beiträge für die Publikationen des „Bundes“ (Quadriga, Bücher, Sammelmappen) demokratisieren sollte. Dieser sollte z. B. in Fällen von Meinungsverschiedenheiten zwischen Autoren oder „Werkleitung“ und Herausgebern der „Werkleute“-Schriften eine endgültige Entscheidung treffen (Satzung § 16).
Programmatik Die Programmatik der „Werkleute“, die als der kleinste gemeinsame Nenner betrachtet werden kann, wird aus dem ersten Heft der Quadriga deutlich:
Ein vorurteilsfreier Standpunkt soll uns fernhalten von der bloßen Theorie und dem geisttötenden Schlagwort, von einem weltfremden Ästhetentum und unfruchtbarer L'art pour l'art-Anmaßung [...] Nicht beklagenswert dünkt uns das Dasein; wir sehen in ihm kein endlos zweckloses Geschehen. Wir wissen, daß alles Seiende ein ewiges Fließen und Werden ist. Daß der Mensch in diesem Fluß des Werdens nicht willenlos kreisendes Treibholz ist, daß er vielmehr die Kraft ist, die in den Fluß der Zeiten die Staudämme des forschenden und schaffenden Geistes baut und diesen Strom hin einleitet in die Sammelbecken und Kraftspender der Kultur. Kultur erwächst uns nur aus einem kampf- und arbeitsreichen Streben zur Schlichtheit, Echtheit und Wahrheit. Freiheit dem Einzelmenschen und seiner Mission in einer Zeit der Trusts und Sozialisierung, der Prämierung der flachen und gespreizten Mittelmäßigkeit!