Gouvernementalität (französisch: la gouvernementalité) ist ein Begriff aus den Sozialwissenschaften, bei dem es um eine spezifisch-historische Form der Machtausübung innerhalb der westlich-abendländischen Kultur geht.

Der Begriff wurde maßgeblich durch den französischen Philosophen Michel Foucault geprägt. Im Zentrum der Gouvernementalität stehen neuzeitliche Regierungstechniken, wobei Foucault das Wort Regierung (frz. gouvernement) in dem weiten Sinn versteht, den das Wort bis zum Ende des Mittelalters besaß.Thomas Lemke: Gouvernementalität. In: Marcus S. Kleiner (Hrsg.): Michel Foucault. Eine Einführung in sein Denken. Campus, Frankfurt 2001, ISBN 3-593-36847-1, S. 108–122 (S. 110). Foucault definiert: Unter Gouvernementalität verstehe ich die Gesamtheit, gebildet aus den Institutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszuüben, die als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische Ökonomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat. Zweitens verstehe ich unter Gouvernementalität die Tendenz oder die Kraftlinie, die im gesamten Abendland unablässig und seit sehr langer Zeit zur Vorrangstellung dieses Machttypus, den man als 'Regierung' bezeichnen kann, gegenüber allen anderen – Souveränität, Disziplin – geführt und die Entwicklung einer ganzen Reihe spezifischer Regierungsapparate einerseits und einer ganzen Reihe von Wissensformen andererseits zur Folge gehabt hat. Schließlich glaube ich, dass man unter Gouvernementalität (…) das Ergebnis des Vorgangs verstehen sollte, durch den der Gerechtigkeitsstaat des Mittelalters, der im 15. und 16. Jahrhundert zum Verwaltungsstaat geworden ist, sich Schritt für Schritt 'gouvernementalisiert' hat. (…) Diese Gouvernementalisierung des Staates ist das Phänomen gewesen, das es dem Staat ermöglicht hat, zu überleben. (…) Wir leben im Zeitalter der Gouvernementalität (…).Michel Foucault: Die Gouvernementalität. In: Michel Foucault: Analytik der Macht. Frankfurt am Main 2005, S. 148–174, hier S. 171 f.

Foucaults Bestimmung von Gouvernementalität ist fragmentarisch geblieben. Im Anschluss an Foucault entwickelte sich – erst im angloamerikanischen Raum, seit der Jahrtausendwende auch zunehmend in Deutschland – die interdisziplinäre Richtung der governmentality studies bzw. Gouvernementalitätsforschung, die Foucaults Konzeption weiter ausbauen, revidieren und empirisch anwenden.

Begriffsgeschichte Gouvernementalität in älteren Zusammenhängen Im Deutschen findet sich Ende des 19. Jahrhunderts der Begriff 'Gouvernementalität', um die Regierungsorientierung von Parteien und Einzelpersonen unter Bismarck zu bezeichnen.

Roland Barthes verwendete den Begriff in den 1950ern in seiner Analyse von Alltagsmythen, um mit diesem „barbarischen, aber unvermeidlichen Neologismus […] die von den Massenmedien als Essenz der Wirksamkeit aufgefaßte Regierung“ begrifflich zu fassen.Roland Barthes: Mythen des Alltags, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1964, S. 114. Barthes bezeichnete damit die von den Medien betriebene Umkehrung einer Kausalbeziehung, die die Massenmedien Regierung als Ursache sozialer Beziehungen beschreiben ließ bzw. „Regierung als Autor gesellschaftlicher Verhältnisse“ präsentiert. Michel Foucault übernahm den Begriff, löste ihn aber aus seinen semiotischen Bedeutungszusammenhängen.Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann, Thomas Lemke: From Foucault's Lectures at the Collège de France to Studies of Governmentality in: diess. (Hrsg.): Governmentality: current issues and future challenges Taylor & Francis, 2011, ISBN 978-0-415-99920-5, S. 1.

Gouvernementalität bei Foucault In seiner gegenwärtigen Verwendung vor allem in der Politikwissenschaft und Soziologie geht der Begriff der Gouvernementalität auf Michel Foucault zurück, der ihn erstmals in seinen „Vorlesungen am Collège de France während der Jahre 1978 und 1979 zur 'Genealogie des modernen Staates'“ verwendete. Die Vorlesung, in der er den Begriff vorstellte, war Teil einer Vorlesungsreihe, in der er die genealogische Methode auf eine Reihe von Schlüsselkonzepten der Politikwissenschaft wie Staat, Zivilgesellschaft, Bürger und Regierung anwandte. Seine Ausarbeitung blieb allerdings fragmentarisch; nach den Vorlesungen von 1978/1979 griff er das Thema nur noch sporadisch auf. Eine weiter geplante Beschäftigung mit der Gouvernementalität verhinderte Foucaults Tod 1984.Thomas Lemke, Susanne Krasmann, Ulrich Bröckling: Gouvernementalität. Neoliberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung in: Bröckling/Krasmann/Lemke S. 17.

Die systematische Ausarbeitung des Gouvernementalitätsgedankens bei Foucault findet sich in der Vorlesung vom 1. Februar 1978 (La »Gouvernementalité«). Die erste Veröffentlichung einer Mitschrift fand 1978 auf Italienisch in der Zeitschrift aut-aut statt. Deren Rückübersetzung ins Französische war Ursprung für die weitere Verbreitung des Textes, so beruhte beispielsweise die englische Ausgabe von 1979 auf dieser Übersetzung. In Dits et Ecrits wurde dann eine editierte und inhaltlich verbesserte Version veröffentlicht, die maßgeblich für die weitere Rezeption ist. Die erste deutsche Veröffentlichung des gesamten Textes findet sich in dem Sammelband Gouvernementalität der Gegenwart aus dem Jahr 2000.Thomas Lemke, Susanne Krasmann, Ulrich Bröckling: Gouvernementalität. Neoliberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung in: Bröckling/Krasmann/Lemke S. 36.

Deutsche Übersetzung Die in der deutschen Foucault-Literatur teilweise gebotene Übersetzung Regierungsmentalität ist umstritten; Im Englischen wird ein Kofferwort aus government und rationality angesetzt; nautische Metaphern (Altgriechisch) gehören zum Begriffsfeld. Marianne Pieper und Encarnación Gutiérrez Rodríguez schreiben: „Mit dem Kompositum aus gouverner (regieren) und mentalité (Denkweise) fasst Foucault programmatisch die Verkoppelung von Machtformen und Subjektivierungsprozessen als 'Führung der Führungen', bei denen Selbsttechnologien (Selbstregierung) und Machttechnologien (Regierungen durch andere) als ineinandergreifende Praktiken gedacht werden (vgl. Foucault 2000: 50; Lemke 1997: 146, Krasmann 2002: 51, Heidel 2002). Mit dem Gouvernementalitätsbegriff zentriert Foucault seine Perspektive auf das Subjekt.“ Das Phänomen findet sich „gewissermaßen in der Mitte der Gesellschaft, am Kreuzungspunkt“ von Fremd- und Selbst-, von Selbst- und Fremdführung. „Dabei ist die Person“, schreibt Jürgen Martschukat, „deren Handlungsfeld strukturiert wird, im Konzept der Gouvernementalität weder frei noch unfrei.“

Die Zusammenziehung der französischen Begriffe gouvernement und mentalité zu Gouvernementalität ist – trotz gewollter Assoziation – als Missverständnis bezeichnet worden, denn: „Der Wortstamm ist eindeutig das Adjektiv gouvernemental („die Regierung betreffend“) und es scheint eher, dass Foucault den Neologismus als Gegenbegriff zu Souveränität (souveraineté) einsetzt.“Thomas Lemke: Geschichte und Erfahrung. Michel Foucault und die Spuren der Macht. In: Michel Foucault: Analytik der Macht. Frankfurt am Main, 2005, Anm. 49 (S. 334) Inzwischen hat sich die Übersetzung Gouvernementalität durchgesetzt.

Stellung in Foucaults Werk: Analyse von Machtverhältnissen Den Begriff Gouvernementalität entwickelte Foucault in seinem Werk zu einem späten Zeitpunkt. Ihm voraus gingen umfassende Forschungen zu modernen Machtverhältnissen, zur Geschichte von Gefängnissen, Wissenssystemen und Formen des Ausschlusses Wahnsinniger.

Foucault hatte sich in seinem Werk gegen die traditionelle juridische, von Souveränitätsgedanken geprägte Machtanalytik gewehrt. Bis zu Überwachen und Strafen hatte er Macht vor allem als Mikromacht konzipiert, in deren Analyse Kampf, Krieg und Eroberung entscheidende Rollen spielten.Thomas Lemke, Susanne Krasmann, Ulrich Bröckling: Gouvernementalität. Neoliberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung in: Bröckling/Krasmann/Lemke S. 8. Ausgehend von der Feststellung, dass Macht immer auch Widerstände erzeugt, sind es vielfach ebendiese von ihm beobachteten Widerstände, anhand derer Foucault Forschungsfragen ausrichtet und die den ersten Zugang für die Analyse bieten. Zur Ausarbeitung der jeweiligen Gouvernementalität gehört bei Foucault die Analyse von Machtmechanismen,Michel Foucault: Analytik der Macht. Frankfurt am Main, 2005, S. 243. die er am empirischen Gegenstand verdeutlicht:

In „Überwachen und Strafen“ ist sein Untersuchungsgegenstand die „Mikrophysik der Macht“. Diese Mikrophysik der Macht greift als Disziplinarmacht formend auf die Körper und das Denken der Menschen ein und löst im modernen Staat die Souveränitätsmacht ab. In „Der Wille zum Wissen“ untersucht er vor dem Hintergrund der entstehenden Nationalstaaten die Bio-Macht und die staatlichen Machtstrategien, die Bio-Politik, die sich auf die Bevölkerung, ihre Arbeitsfähigkeit, ihre Gesundheit und Fortpflanzung beziehen.

In seinen Vorlesungen am Collège de France geht Foucault davon aus, dass der moderne Staat durch die Verbindung pastoraler und politischer Machttechniken entstanden ist.Thomas Lemke, Susanne Krasmann, Ulrich Bröckling: Gouvernementalität. Neoliberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung in: Bröckling/Krasmann/Lemke S. 11.

Die „Pastoralmacht“, eine im modernen Staat des Abendlandes in Form der Polizei (Policey) aus dem Christentum entstandene Machtform, analysiert Foucault als einen sowohl auf die gesamte Gemeinschaft wie auf das „Seelenheil“ der Einzelnen bezogenen Machttyp, der die Individuen anleitet, Wahrheiten über sich selbst zu produzieren.Michel Foucault: Wie wird Macht ausgeübt? in: H. L. Dreyfus / P. Rabinow / M. Foucault, Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. Frankfurt am Main, athenäum, 1987 Die „Staatsräson“ untersucht Foucault als ein Konzept des Staates, das auf der Pastoralmacht aufbaut. Der Staat entwickelt hier eine politische Technologie zur Anleitung der Individuen. Zur institutionellen Umsetzung dieser Technologie entwickelt der Staat die Polizei. Der Einzelne wird zur Sicherung des Glücks des Staates angehalten und geleitet.Michael Foucault, Geschichte der Gouvernementalität (I, II), Frankfurt am Main, 2004 Die Politische Ökonomie, die sich (mittels des Modells des freien Marktes) in Gestalt des Liberalismus – als Gegenbewegung zur Staatsräson – auf die Bevölkerung ausrichtet, wird von Foucault im Hinblick auf das hier produzierte Wissen und die Entwicklung der Bevölkerung als eines neuen Ortes natürlicher Prozesse und Verläufe befragt.

Die Analyse der Mikrophysiken der Macht brachte das Problem mit sich, lokale Praktiken des Staates wie das Gefängnis oder das Krankenhaus zu kritisieren, ohne den Staat selbst vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse zu sehen. Foucault weitete sein Machtkonzept aus, um dem Verhältnis von Subjektivierungsprozessen zu Herrschaftsformen Rechnung zu tragen.

Konzept bei Foucault Seine Forschungen zur Genealogie von Macht/Wissens-Regimen – Souveränitätsmacht, Disziplinarmacht, Normalisierungsgesellschaft und die darin stattfindenden Subjektivierungen, Bio-Macht, Technologien des Selbst – stellt Foucault unter den Oberbegriff Gouvernementalität zusammen. Foucault fand damit einen eigenen Begriff des Regierens, der staatliche Macht nicht nur als die Verbindung verschiedener Mikro-Mächte beschreibt. Foucaults Begriff der Regierung erlaubt es, Führung weder allein in Begriffen des Rechts noch denen der Macht und des Krieges zu denken.