Unter einer Definition (, „Abgrenzung“, aus , „(von etwas) herab/weg“ und , „Grenze“) versteht man in Logik und Wissenschaftstheorie die Bestimmung eines Begriffs (Begriffsbestimmung) oder die Erklärung des Wesens einer Sache. Eine lexikalische Definition muss gemäß George A. MillerGeorge A. Miller: Wörter. Streifzüge durch die Psycholinguistik. Herausgegeben und aus dem Amerikanischen übersetzt von Joachim Grabowski und Christiane Fellbaum. Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 1993; Lizenzausgabe: Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995; 2. Auflage ebenda 1996, ISBN 3-86150-115-5, S. 178–182 (Definitionen). eine verbale Beschreibung sein, in der semantische Relationen angegeben sind. Mit der Normierung von Definitionen beschäftigt sich u. a. auch die Terminologielehre.
Etymologie Die älteste nachgewiesene Verwendung des Wortes im Deutschen findet sich bei Martin Luther.Gerhard Köbler: Etymologisches Rechtswörterbuch. 1995, ISBN 978-3-8252-1888-1, S. 76. In seiner „Disputation über den Menschen“ () vom 14. Januar 1536 setzte er sich ausführlich mit der philosophischen Definition des Menschen als „vernunftbegabtes, mit Sinnen und Körperlichkeit ausgestattetes Lebewesen“ auseinander.Martin Brecht: Martin Luther: Die Erhaltung der Kirche, 1532–1546, 1987, ISBN 978-3-7668-0825-7, S. 134. Johann Gottfried Kiesewetter sprach 1802 davon, „den ausführlichen Begriff eines Dinges innerhalb seiner Grenzen ursprünglich darstellen“.Johann Gottfried Carl Christian Kiesewetter, Grundriss einer allgemeinen Logik nach Kantischen Grundsätzen, Band 1, 1802, S. 108. Erst durch Grenzen kann etwas genau bestimmt (definiert) und abgegrenzt werden, durch Grenzen entsteht die Territorialisierung (wie im Plural für „Land“ erkennbar ist).Michael Metzeltin, Thomas Wallmann: Wege zur Europäischen Identität. 2010, S. 165–166.
Allgemeines Für den Philosophen Christoph von Sigwart wird ein Wort durch Definition zum Begriff, so dass es sich bei der Definition um eine Worterklärung und nicht um eine Begriffserklärung handele.Christoph von Sigwart, Logik, Band I, 1873, S. 323 Sein Kollege Heinrich Rickert stellte 1888 heraus, dass mit der Definition einerseits der Prozess des Definierens gemeint sei und andererseits das Ergebnis, der Begriff.Heinrich Rickert: Zur Lehre von der Definition (1888), S. 45
Die Definition eines Begriffs soll diesen von anderen Begriffen abgrenzen. Begriffsinhalt und Begriffsumfang müssen so exakt bestimmt werden, dass eine klare Abgrenzung ohne Redundanzen möglich ist. Begriffsinhalt ist die Gesamtheit aller Merkmale eines Begriffs,DIN 2342 2011-08, Begriffe der Terminologielehre Begriffsumfang ist die „Gesamtheit der einem Begriff auf derselben Hierarchiestufe untergeordneten Begriffe“.Eva-Maria Baxmann-Krafft / Gottfried Herzog, Normen für Übersetzer und technische Autoren, 1999, S. 112; ISBN 978-3-410-14414-4 Der Begriffsumfang des Begriffs Fahrzeug beispielsweise besteht aus den Unterbegriffen Landfahrzeug, Wasserfahrzeug, Luftfahrzeug und Raumfahrzeug. Der Begriffsinhalt des Luftfahrzeuges umfasst dessen Merkmale, innerhalb der Erdatmosphäre zu fliegen (Flugzeuge, Hubschrauber) oder zu fahren (Luftschiffe, Ballonfahren). Hierdurch grenzt sich das Luftfahrzeug vom Raumfahrzeug ab, das im Weltraum unterwegs ist. Je größer der Begriffsinhalt ist, desto kleiner wird – bei gleichem Diskursuniversum – der Begriffsumfang.
Mit einer Definition wird die Bedeutung eines Begriffswortes, also der durch das Begriffswort ausgedrückte Begriff, bestimmt.Stephan Kornmesser/Wilhelm Büttemeyer, Wissenschaftstheorie: Eine Einführung, 2020, S. 107 Die Bestandteile und die logische Struktur sind stets gleich. Eine Definition ist gleichzeitig auch die Feststellung eines tatsächlich geübten Sprachgebrauchs sowie die Festsetzung oder Vereinbarung eines solchen in der Sprachwissenschaft.Walter Dubislav, Die Definition, Felix Meiner/Leipzig, 3. völlig umgearbeitete und erweiterte Auflage, 1931, S. 2
Definitionsregeln Der zu definierende Begriff einer Definition ist das Definiendum, die Menge der definierenden Merkmale ist das Definiens. Soll beispielsweise „Junggeselle“ definiert werden, so ist dieses Wort das Definiendum und „männlicher, lediger Erwachsener“ das Definiens. Dabei wird vorausgesetzt, dass die Bedeutung des Definiens bekannt ist; das Definiendum wird als synonym festgelegt.Reinhold Sellien/Helmut Sellien, Gablers Wirtschafts-Lexikon, Band 2, 1988, Sp. 1165 Wissenschaftliche Definitionen müssen zudem seit Aristoteles () einheitlich zunächst den nächsthöheren Gattungsbegriff () und dann den Artunterschied () enthalten,Aristoteles, Topik I/8, 103b, S. 15 f.; ders., Topik (latinus) VI/5, 143a 15 um vollständig zu sein.Max Apel/Peter Ludz, Philosophisches Wörterbuch, 1958, S. 58 f.; ISBN 978-3-11-006729-3 Diese klassische Definitionsregel ist trotz einiger Kritikpunkte als GrundmodellFischer Kolleg Abiturwissen, Deutsch, 2002, S. 166 weiterhin „für sehr viele Fälle […] brauchbar“.Albert Menne, Definition, in: Hermann Krings/Hans Michael Baumgartner/Christoph Wild, Handbuch Philosophischer Grundbegriffe, 1973, S. 268, 271; ISBN 978-3-466-40056-0 Beim Junggesellen ist der Gattungsbegriff „Erwachsener“, der Artunterschied „männlich und ledig“. Die abundante Definition gibt außer den wesentlichen auch unwesentliche Merkmale an, die zu weite Definition gibt zu viele, die zu enge Definition zu wenig wesentliche Merkmale an.Max Apel/Peter Ludz, Philosophisches Wörterbuch, 1958, S. 59
Unzulässig als Definitionsfehler sind Zirkeldefinitionen, wenn in der Definition eines Begriffs auf diesen zu definierenden Begriff selbst zurückgegriffen wird,Rainer Westermann, Wissenschaftstheorie und Experimentalmethodik, 2000, S. 106 also das Definiendum als Bestandteil des Definiens auftaucht. Empfindungen als „Elemente des bewussten Erlebens“ zu definieren, ist eine Zirkeldefinition, denn das „bewusste Erleben“ ist die „Gesamtheit aller Empfindungen“.James Drewer/Werner D Fröhlich, dtv Wörterbuch zur Psychologie, 1970, S. 72
Welche Regeln des Definierens man einhält, ist grundsätzlich abhängig davon, welcher Definitionslehre zu folgen man sich entschieden hat. Auch die klassischen Definitionsregeln lassen sich auf Aristoteles zurückführen;Aristoteles, Analytica posteriora, Organon: zit. nach Kondakow 1983, S. 81. sie werden heute weiterhin verbreitet angewandt, gelten teilweise jedoch auch als veraltet und werden in der modernen Wissenschaft oft als nicht sehr hilfreich angesehen.
Ein Begriff wird durch seine nächsthöhere Gattung und den Artunterschied definiert (). Der Artunterschied muss ein Merkmal oder eine Gruppe von Merkmalen sein, die nur dem vorliegenden Begriff zukommen und bei anderen Begriffen fehlen, die zur selben Gattung gehören. Eine Definition muss angemessen sein, d. h., weder zu weit noch zu eng gefasst sein. Eine Definition darf keinen Zirkelschluss enthalten. Eine Definition darf keine logischen Widersprüche enthalten. Eine Definition darf nicht nur negativ bestimmt sein. Eine Definition darf keine Mehrdeutigkeiten enthalten.
Nichtkreativität Von einigen Autoren wird die Nichtkreativität von Definitionen gefordert. Damit ist gemeint, dass unter Hinzunahme der Definition zu einer Theorie nichts erschlossen werden kann, was nicht bereits ohne jene Definition erschließbar wäre.P. Suppes: Princeton 1957.
Eliminierbarkeit Wenn eine Äquivalenzdefinition korrekt gebildet ist, kann in allen Sätzen das Definiendum durch das Definiens oder das Definiens durch das Definiendum ersetzt werden, ohne dass sich der Wahrheitswert der Aussage ändert. Diese Eigenschaft gilt aber nicht für alle Definitionsarten, z. B. nicht für partielle oder rekursive Definitionen.
Die Eliminierbarkeit gilt auch nicht, wenn man sich auf der Metaebene befindet. Zum Beispiel folgt aus der Definition „Ein Schimmel ist ein weißes Pferd“ und dem Satz „Der Ausdruck ‚Schimmel‘ hat acht Buchstaben“ nicht „‚Weißes Pferd‘ hat acht Buchstaben“.
Zirkelfreiheit
Karl Christian Friedrich Krause formuliert als erstes „Grundgesetz der Definition“:
Und Krause liefert auch gleich zwei Beispiele:
Bei einer mittelbaren – und zulässigen – Zirkeldefinition werden im Definiens Begriffe verwendet, bei deren Definition wiederum mittelbar oder unmittelbar auf das ursprünglich zu definierende Wort zurückgegriffen wird. So wird in der Medizin „Gesundheit“ definiert als „Abwesenheit von Krankheit“, die „Krankheit“ entsprechend eine „Beeinträchtigung der Gesundheit.“ Es ist weit verbreitet, das Definiendum durch die Negation seines Gegensatzes zu definieren, in der Physik beispielsweise „Kälte als Entzug von Wärme“ zu erklären oder in der Volkswirtschaftslehre das „Sparen“ als „Verzicht auf Konsum“. Dies gelingt nicht immer, denn der „Tag“ kann nicht durch die „Abwesenheit von der Nacht“ definiert werden, weil zu einem Kalendertag sowohl der Tag als auch die Nacht gehören (disjunktive Definition). Vielmehr ist der Tag „der Zeitraum zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang“ (operationale Definition).
Angemessenheit Als drittes Grundgesetz der Definition bezeichnet Krause die Regel, dass eine Definition weder zu eng noch zu weit sein darf:
Eine zu weite Definition wäre „Ein Vogel ist ein eierlegendes Tier“, da auch Krokodile Eier legen.
Kürze AristotelesAristoteles: Topik VI 3 und CiceroCicero: De Oratore. I 42, 189 haben gefordert, dass eine Definition kurz sein soll. Dem steht entgegen, dass Definitionen mitunter sehr lang sind. Häufig deuten aber lange Definitionen darauf hin, dass sie Bestandteile enthalten, die nicht die Verwendung eines Ausdrucks erläutern, sondern zur Untersuchung des mit dem Ausdruck Bezeichneten gehören.
Redundanzfreiheit Eng verwandt mit der Forderung nach Kürze ist die Forderung nach Redundanzfreiheit. Nach dieser Forderung darf eine Definition keine Bestandteile enthalten, die aus dem Rest der Definition logisch folgen.
Beispiel: „Ein Parallelogramm ist ein Viereck, bei dem die Gegenseiten jeweils parallel und gleich lang sind sowie die Diagonalen sich gegenseitig halbieren“ ist redundant, da dieser Satz bereits aus dem Satz „Ein Parallelogramm ist ein Viereck, bei dem die Gegenseiten jeweils parallel sind“ folgt.Thomas Zoglauer: Einführung in die formale Logik für Philosophen. Göttingen: Vanderhoeken & Ruprecht 2008 (4. Aufl.), 19
Ist eine Definition nicht redundanzfrei, spricht man von einer Definition mit Pleonasmus (definitio abundans).
Arten Allgemein wird unterschieden:Horst Otto Mayer, Interview und schriftliche Befragung, 2013, S. 10 f. Realdefinitionen: Sollen das Wesen einer in der Realität vorhandenen Sache erfassen. Eine Realdefinition ist der Versuch, alles, was jemand von einem Prädikator stets als dessen Bedeutung unausgesprochen geläufig ist, ausdrücklich zu beschreiben.Helmut Seiffert, Einführung in die Wissenschaftstheorie, Band 1, 2003, S. 64 Ein Messer „ist ein Schneidewerkzeug, bei dem eine geschärfte, längliche Klinge an einem Ende einen Griff besitzt, der normalerweise in seiner Länge der Breite der Hand entspricht“. In Mathematik und Logik haben Realdefinitionen eine große Bedeutung,Horst Otto Mayer, Interview und schriftliche Befragung – Grundlagen und Methoden empirischer Sozialforschung, 2013, S. 10 f.; ISBN 978-3-486-70691-8 in den Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften werden sie dagegen nicht verwendet.