Als Wasseraffen-Theorie (auch: Wassertheorie, Wasseraffen-Hypothese) wird eine Reihe von teils spekulativen Hypothesen bezeichnet, nach denen die Vorfahren des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) im Verlauf der Menschwerdung eine teilweise wasserlebende bzw. amphibische Phase durchgemacht haben sollen. In Fachkreisen konnte sich diese Hypothese nicht durchsetzen.John H. Langdon: Umbrella hypotheses and parsimony in human evolution: a critique of the Aquatic Ape Hypothesis. In: Journal of Human Evolution. Band 33, Nr. 4, 1997, S. 479–494, doi:10.1006/jhev.1997.0146Stephen Ornes: Whatever Happened To… the Aquatic Ape Hypothesis? discovermagazine.com vom 5. September 2007. Auch hier heißt es: „the aquatic ape hypothesis never got much support from the scientific community.“HM Dunsworth: Human Origins 101. Greenwood Press, Westport 2007, Science 101 Series, ISBN 978-0-313-33673-7, S. 121. Der US-amerikanische Paläoanthropologe John Hawks kritisierte 2022: „Die lautstärksten Befürworter dieser Idee schrieben in Büchern und Internetforen für Laien, veröffentlichten jedoch keine wissenschaftlichen Studien, um ihre Thesen mit konkreten Daten zu untermauern.“Why anthropologists rejected the aquatic ape theory. Von John Hawks. Auf: johnhawks.net vom 14. August 2022.
Einführung Die Vertreter der Wasseraffen-Theorie sind der Ansicht, dass frühe Vormenschen sich über lange Zeitspannen und ausdauernd an und in Gewässern und an Uferregionen aufhielten. Dies habe zur Folge gehabt, dass sich einige spezielle evolutionäre Anpassungen an diesen Lebensraum entwickelten, die charakteristisch für den anatomisch modernen Menschen sind. Nach dieser „aquatischen Phase“ seien die Hominini wieder zum Leben ausschließlich an Land übergegangen.
Anatomische und verhaltensbiologische Merkmale, die zur Stützung dieser Theorie herangezogen werden, sind insbesondere: der aufrechte Gang die verlängerten hinteren Gliedmaßen die besondere Struktur der Haut und die Einlagerung des Fettgewebes in der Unterhaut im Vergleich zu Menschenaffen der im Vergleich zu anderen Landsäugern deutlich höhere Körperfettanteil des Menschen die für die Strömungsverhältnisse bei der Atmung ungünstige nach unten offene Nase der Tauchreflex der Stimmritzenkrampf als Schließreflex des Kehlkopfes die Kontrolle der Atmung beim Tauchen als Voraussetzung zur Entwicklung einer Lautsprache die für ein ausschließlich an Land lebendes Säugetier regelabweichend großen Füße
Geschichtlicher Überblick
Die erste Wasseraffen-Theorie: Westenhöfers Aquatile Hypothese Einige der Hauptargumente der Wasseraffen-Theorie wurden bereits ab 1923 durch den Berliner Pathologen Max Westenhöfer (1871–1957) aufgestellt; eine Zusammenfassung seiner Ideen ist in seinem 1942 publizierten Buch Der Eigenweg des Menschen zu lesen. Er glaubte, dass im Verlauf der Stammesgeschichte des Menschen eine aquatische Phase stattgefunden habe, und belegte dies anhand anatomischer Vergleiche. Er schloss eine Abstammung oder nahe Verwandtschaft von Menschen zu Menschenaffen aus und sah stattdessen den Menschen als direkten (weil ebenso wenig spezialisierten und im Feuchten lebenden) Nachkommen von Lurchen und Salamandern.Bender-Oser, 2004, S. 129
Hardys „Aquatic Ape Theory“ und die Weiterentwicklung dieses theoretischen Modells
Vermutlich unabhängig von Westenhöfer kamen dem Meeresbiologen Alister Hardy um 1930 die ersten Gedanken zu diesem Konzept. Er las eine Veröffentlichung, in der Besonderheiten des menschlichen Unterhaut-Fettgewebes beschrieben wurden. Dieses ist – anders als bei den meisten Säugetieren – so fest mit der Haut verbunden, dass es mit angehoben wird, wenn man an der Haut zieht. Hardy, ein Meeresbiologe, assoziierte damit die Verhältnisse bei Walen und überlegte, dass der Mensch in seiner Vorgeschichte eine aquatische Phase gehabt haben könne. Im Laufe der Jahre sammelte er weitere Indizien, zögerte aber mit der Veröffentlichung. Erst im März 1960 publizierte Hardy seine Gedanken in dem Artikel Was man more aquatic in the past in der populärwissenschaftlichen Zeitschrift New Scientist.Alister Hardy: Was man more aquatic in the past. In: New Scientist. 17. März 1960, S. 642–645, Hardy bezeichnete seine Hypothesen in diesem Artikel ausdrücklich als „Spekulation“; er hat kein Buch über das Thema veröffentlicht.
Seine Hypothesen wurden zehn Jahre später durch die britische Journalistin Elaine Morgan aufgegriffenWilliam F. Williams (Hrsg.): Encyclopedia of Pseudoscience. Taylor & Francis, Hoboken 2013, ISBN 978-1-135-95522-9, S. 169 f. und populärwissenschaftlich und in Verbindung mit feministischen Ansichten weiterentwickelt. Morgan veröffentlichte mehrere Werke zu dem Thema. Weitere Anhänger der (Wasseraffen-Theorie) sind unter anderen der belgische Allgemeinmediziner Marc Verhaegen,Marc Verhaegen und die Wasseraffen-Theorie die schwedische Biologin und Sporttaucherin Erika Schagatay,Erika Schagatay, Publikationen der in Australien lebende, aus Großbritannien stammende IT-Experte Algis KuliukasAlgis Kuliukas: Curriculum Vitae 2020. sowie der Schweizer Sportwissenschaftler Renato Bender und die Schweizer Ärztin Nicole Bender-Oser.
Amphibische Generalistentheorie
2000 präsentierte Carsten Niemitz seine „Amphibische Generalistentheorie“ der Evolution der aufrechten menschlichen Haltung und des aufrechten Gangs, wonach „es in einer Periode unserer Evolution gerade das Waten und die Ufernutzung waren, die den heutigen Menschen nachhaltig und wesentlich mitgestaltet haben“.Niemitz C 2000: A theory on the evolution of human bipedalism - Die Amphibische Generalistentheorie. In: Zeller, U. (Hg.): Origin and evolutionary transformations in mammals. S. 46–48. MfN - Humboldt University, Berlin und Niemitz C 2004, S. 1–256 Die sehr viel weiter gehende Wasseraffen-Theorie der Hominisation lehnt Niemitz entschieden ab.Niemitz 2004, S. 198–210 Seine „Generalistentheorie“ wurde 2011 verfilmt.Ingo Knopf, Jo Siegler: Dokumentarfilm, 2011, 43 Min., WDR, arte https://www.youtube.com/watch?v=R0qOpuVxSGU und: Pressemitteilung: Der Mensch ist ein „Ufertier“, FU Berlin, 15. März 2012.
Argumente der Befürworter der Wasseraffen-Theorie
Generell unterliegen alle Hypothesen zur Erklärung der spezifischen Merkmale des Menschen im Verlauf der Evolution einem Problem: Die Argumente beziehen sich in erster Linie auf Vergleiche mit rezenten anatomischen Strukturen und mit Knochenfossilien. Für die meisten evolutionsbiologisch relevanten Merkmale wäre jedoch eine Weichteilerhaltung der Fossilien notwendig, um den Beweis zu führen. Zudem ist durch Fossilien belegt, dass es in den Gewässern in der Nähe von Hominini-Fundstellen „gewimmelt hat von hungrigen Krokodilen und aggressiven Flusspferden. Unsere kleinen, wehrlosen Vorfahren hätten bei einer Konfrontation mit solchem Getier keine Chance gehabt.“Nina Jablonski: Why the Aquatic Ape Theory Doesn' Hold Water. In: Scientific American. Sonderheft: The Story of Us. Herbst 2016, S. 55 Auch war es bisher nicht möglich, aus der Wasseraffen-Theorie überprüfbare Vorhersagen abzuleiten, die zu ihrer weiteren Untermauerung hätten beitragen können.
Unterhautfettgewebe
Der Mensch besitzt als einziger Primat und neben den wasserlebenden Walen, Robben und Seekühen als einziges landlebendes Säugetier ein ausgeprägtes, in Ansätzen auch wärmeisolierend wirkendes Unterhautfettgewebe (Speckschicht). Dies gab Hardy den ersten Anstoß zu seiner Hypothese. Unterhautfettgewebe isoliert im Wasser den Körper besser als nasse Haare. Andere Wissenschaftler sehen jedoch diese Fettschicht – insbesondere im Zusammenhang mit der Haarlosigkeit und den Schweißdrüsen – als Teil eines komplizierten thermoregulatorischen Systems an. Das Unterhautfettgewebe wäre demnach als Kompensation der mangelhaften Isolierung durch die fehlende Behaarung einzuordnen. Eine weitere Erklärung für dieses Phänomen besagt, dass die Speckschicht der Nahrungsreserve diene und insbesondere den erhöhten Energiebedarf des Gehirns bei Nahrungsmangel decke.
Besonders ausgeprägt ist der Unterschied im Anteil des Fettgewebes am Körpergewebe von menschlichen Säuglingen (vergleichsweise hoher Fettanteil) im Vergleich zu Menschenaffen-Säuglingen, die eher dünn sind. Nach der Wasseraffen-Hypothese schützte dies Säuglinge vor dem Auskühlen im Wasser, wenn sie mit ihren Müttern in das Wasser gingen. Das im Vergleich der Geschlechter eher dürftige Unterhautfettgewebe der Männer wird bei dieser Hypothese allerdings nicht erklärt. Zudem ist die durchschnittliche Dichte des Körpers von menschlichen Säuglingen deutlich geringer als bei anderen Landsäugern, so dass sie mehr Auftrieb haben. Ein anderer Erklärungsansatz sieht in diesem Merkmal ausschließlich eine Energiereserve des Säuglings.
Auch die beim Menschen im Vergleich zu anderen Primaten ungewöhnliche Fettverteilung wird als Argument für einen regelmäßigen Aufenthalt im Wasser angeführt. Während bei anderen Primaten das Fettgewebe so am Körper verteilt ist, dass Kopf, Hals und Abdomen gut isoliert sind und Wärme hauptsächlich über die (Hinter-)Beine abgegeben wird, wird beim Menschen der Wärmeaustausch über Gesicht, Hals, Schultern und den oberen Thorax durchgeführt. Die untere Körperhälfte dagegen ist durch das Fettgewebe an unterem Abdomen, Gesäß und Beinen gut isoliert. Von Vertretern von Wasser- bzw. Uferhypothesen der menschlichen Evolution wird dieser Umstand als Anpassung an regelmäßiges Waten im Wasser gedeutet.
Unterschiede in der Ausprägung des Gewebes gibt es auch von Mensch zu Mensch. So überlebte der isländische Fischer Guðlaugur Friðþórsson dank eines selten dicken Unterhautfettgewebes etwa sechs Stunden im 5 Grad kalten Atlantik.
Tauchreflex
mini|Tauchreflex bei Babys Ein wesentliches Argument für die Hypothese ist das Vorhandensein eines Tauchreflexes beim Menschen: Taucht man einen Säugling unter Wasser, wird er kein Wasser verschlucken. Säuglinge sind etwa bis zum zehnten Lebensmonat fähig, den Atem reflexhaft anzuhalten, und sie erlernen das Schwimmen schnell; dies wird u. a. in Baby-Schwimmkursen genutzt. Der Tauchreflex verlangsamt den Herzschlag beim Tauchen und sorgt dafür, dass das Gehirn vermehrt mit Blut versorgt wird.
Gegen die Deutung des Tauchreflexes im Sinne der Wasseraffen-Theorie wird eingewandt, dass ein solcher Reflex bei vielen landlebenden Säugetieren zu beobachten und er daher wahrscheinlich ein ursprüngliches Merkmal der Säugetiere sei, auch jener, denen keine „aquatische Phase“ zugeschrieben wird.
Schwimmhäute
Bei den meisten Menschen ist vor allem zwischen den Fingern, teilweise auch zwischen den Zehen eine flache Hautpartie ausgebildet, die als Rudiment von Schwimmhäuten interpretiert werden kann. Schimpansen und andere Menschenaffen sollen dieses Merkmal nicht zeigen. Bei einigen Menschen kommt es zu einer fast vollständigen Ausbildung solcher „Schwimmhäute“ (Atavismus). Diese Hautbespannungen deutet Morgan auch als „Schwimmhäute“, die während der aquatischen Phase erworben wurden und möglicherweise wieder teilweise reduziert wurden. Langdon setzt dem entgegen, dass diese „Schwimmhäute“ bei Feten aller Primaten ganz ausgebildet sind und vor der Geburt reduziert werden. Beim Menschen sei die Reduzierung der „Schwimmhäute“ deswegen unvollständig, weil der Mensch an sich neoten sei, das heißt, dass typische Merkmale jugendlicher Stadien bis ins Erwachsenenalter beibehalten werden. Möglicherweise ist dies allerdings lediglich eine Folge der verkürzten Schwangerschaft und der damit einhergehenden Vorverlegung der Geburt, die trotz der Verdreifachung des späteren Gehirnvolumens und der damit einhergehenden Zunahme des Kopfumfanges eine Passage des Geburtskanals ermöglicht.
Der aufrechte Gang