Elisabeth Kübler-Ross (* 8. Juli 1926 in Zürich; † 24. August 2004 in Scottsdale, Arizona) war eine schweizerisch-US-amerikanische Psychiaterin und Sterbeforscherin, die später zur esoterischen Geistheilerin wurde.

Ihr wird die Entwicklung eines weltweit beachteten Fünf-Phasen-Modells zugeschrieben, welches den Umgang sterbenskranker Menschen mit ihrer Situation beschreibt. Das von ihr popularisierte Modell basiert aber auf den Entwicklungen von James Robertson, John Bowlby und Colin Murray Parkes. Durch ihr Engagement erfuhren Sterbeforschung und Sterbebegleitung eine grosse Aufwertung, auch wenn das Modell heute deutlich kritisiert wird.

Als Mitbegründerin der Hospiz- und Palliativpflege (siehe Hospizbewegung) hatte Kübler-Ross großen Einfluss auf die Art und Weise, wie die Gesellschaft mit Sterbebegleitung umgeht. Sie verfasste 24 Bücher, die in 44 Sprachen übersetzt wurden. 1999 ehrte die New York Public Library On Death & Dying als eines ihrer „Bücher des Jahrhunderts“, und das Time Magazine ernannte sie zu einer der „100 wichtigsten Denkerinnen“ des 20. Jahrhunderts. Im Laufe ihrer Karriere erhielt Kübler-Ross mehr als 100 Auszeichnungen, darunter zwanzig Ehrendoktorentitel, und wurde 2007 in die National Women's Hall of Fame aufgenommen. Im Jahr 2024 nahm Simon & Schuster On Death & Dying in seine Liste der 100 bemerkenswertesten Bücher auf. Ihre restlichen Archive werden in der Green Library der Stanford University aufbewahrt und stehen für Studien zur Verfügung.

Leben und Karriere Elisabeth Kübler-Ross wurde als Drillingsschwester und Kaufmannstochter 1926 in Zürich geboren. Sie schloss 1957 ihr Medizinstudium an der Universität Zürich ab. Mit ihrem Ehemann Emanuel „Manny“ Ross siedelte sie 1958 in die USA über. Nach Aufenthalten in New York und Denver wurde sie 1965 Assistenzprofessorin für Psychiatrie an der Medizinischen Fakultät der University of Chicago. Dort beteiligte sie sich an Seminaren der Klinik­seelsorge zur Begleitung Sterbender. Sie verstand sich als intuitive Psychiaterin und ihr Engagement für Sterbende als ihre Berufung.

Sie gelangte zu der Ansicht, dass in der Praxis des Krankenhausbetriebs für gewöhnlich die Realität des Todes und des Sterbens verdrängt wurde. Gemeinsam mit den Seelsorgern der Klinik und Medizinstudenten führte sie intensive Gespräche und Interviews mit todkranken Patienten. Ihr Ziel war es, von den Sterbenden zu lernen, wie man mit ihnen umgehen sollte und welche Hilfe sie sich erhoffen. Zu diesem Zweck interviewte sie 200 unheilbar kranke Menschen. Prinzipiell neu war das nicht. In den Universitätskliniken von Chicago wurden solche protokollierten Gespräche bereits seit 1935 geführt.Dietrich Stolberg: Therapeutische Seelsorge. Die amerikanische Seelsorgebewegung. Darstellung und Kritik. Mit einer Dokumentation. München 1970, S. 18–59. Kübler-Ross jedoch fragte die Betroffenen direkt nach ihren Gefühlen und Gedanken zu Tod und Sterben. Daraus resultierte ihr Buch (1969). Mit dieser Publikation und einer offensiven Vermarktung wurden sie und das von ihr entwickelte Phasenmodell weltweit bekannt (deutsch: Interviews mit Sterbenden 1971). 1970 hielt Elisabeth Kübler-Ross die Ingersoll-Vorlesung an der Harvard University über dieses Werk.

Durch weltweite Workshops und Vorträge über Sterben und Tod, gab sie insbesondere Ärzten, Pflegekräften, Sozialarbeitern und Seelsorgern Impulse zum Umgang mit sterbenden und trauernden Menschen. Ihre Kernbotschaft war dabei, dass die Helfenden zuerst ihre eigenen Ängste und Lebensprobleme („unerledigten Geschäfte“) so weit wie möglich zu klären hätten und ihr eigenes Sterben akzeptieren müssten, ehe sie sich den Menschen am Lebensende hilfreich zuwenden können. Bis Juli 1982 hatte sie 125.000 Studenten an verschiedenen Institutionen unterrichtet, darunter Colleges, Priesterseminare, medizinische Fakultäten, Krankenhäuser und Sozialarbeitsprogramme.

Seit 1974 war sie vom New Age beeinflusst und verstand sich nun als Geistheilerin. 1977 erklärte sie, dass der Tod nicht existiere. In ihrer Autobiographie Das Rad des Lebens (2002) beschrieb sie diesen Wandel ausführlich. Ihre Behauptung, ein Leben nach dem Tod beweisen zu können, stieß auf heftigen Widerspruch.Elisabeth Kübler-Ross. In: Jessica Bendiner, Elmer Bendiner: Biographical dictionary of medicine. Facts on file, New York/Oxford 1990, ISBN 0-8160-1864-2. Ihre Behauptungen begründete sie mit leibhaften Begegnungen mit Verstorbenen, zum Beispiel mit ihrem verstorbenen, von ihr geschiedenen Ehemann und Jesus. 1977 gründete sie ein spirituelles Zentrum, das aber nach kurzer Zeit durch Unwetter und Brand zerstört wurde. Ein zweiter Versuch, auf einer Farm in Virginia ein Hospiz für AIDS-kranke Kinder nach dem Vorbild der Ärztin Cicely Saunders zu errichten, scheiterte ebenso; beim Brand dieser Farm verlor Kübler-Ross sämtliche Aufzeichnungen über ihre Arbeit.Mechthild Winkler-Jordan: Abgerufen am 24. August 2019.

Sie wurde 1985 Professorin an der Universität von Virginia. 1995 erlitt sie einen Schlaganfall, auf den zwei weitere folgten und sie in den Rollstuhl brachten. Kübler-Ross resümiert am Ende ihrer Autobiographie:

In der filmischen Dokumentation ihres Lebens mit dem Titel Dem Tod ins Gesicht sehen (Stefan Haupt, 2002) sagte Elisabeth Kübler-Ross:

Kübler-Ross-Modell

Kern ihres Buches On Death and Dying ist ein Phasenmodell, mit dem sie das Erleben und Verhalten Sterbender beschreibt. Kübler-Ross befasst sich im ersten Kapitel ausführlich mit Sterbenden (The Dying Patient) und der Darstellung von fünf Phasen des Sterbens mit jeweils passenden Fallbeispielen. Es folgen Kapitel zu den Themen Kommunikation, Formen des Sterbens, Verhaltensweisen gegenüber Tod und Sterben sowie über die Familien Sterbenskranker; Interviews mit Sterbenskranken im Endstadium und den richtigen Umgang mit ihnen. Das nächste Kapitel widmet sich den Themen Humor und Angst, Glaube und Hoffnung (Humor and Fear, Faith and Hope), die in allen Phasen eine Rolle spielen. Die englische Ausgabe schliesst mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis, in dem die damals relevante Fachliteratur zum Thema „Sterben und Tod“ angeführt ist. In der deutschen Ausgabe fehlen sowohl dieses Verzeichnis als auch die Danksagung.

Nach Elisabeth Kübler-Ross beginnt der Sterbeprozess mit der Aufklärung über die tödliche Erkrankung durch den Arzt. Auf die Nachricht, unheilbar erkrankt zu sein, reagieren Kranke stufenweise. Kübler-Ross definierte fünf Phasen des Sterbeprozesses. Die damit beschriebenen Verhaltensmuster verstand sie ursprünglich als Reaktion auf jede Art von Verlust (z. B. auch Arbeitsplatz oder Freiheit), Trauer und Leiden. Es werden keine Phasen des körperlichen Sterbens beschrieben, sondern die geistige Verarbeitung des Abschieds vom Leben bei Menschen, die bewusst massive gesundheitliche Verschlechterungen erleiden bzw. mit einer infausten Diagnose und Prognose konfrontiert worden sind. Diese Phasen sind mitunter auch bei den Angehörigen zu beobachten. Es handelt sich um unbewusste Strategien zur Bewältigung extrem schwieriger Situationen, welche nebeneinander vorhanden sein und verschieden lang andauern können. Es gibt keine festgelegte Reihenfolge und keinen Ausschluss der Wiederholung einzelner Phasen nach deren erstmaliger Bewältigung. Auch können einzelne Phasen ganz ausbleiben. Schliesslich können sich gemäss Ernst Engelke die Phasen überschneiden und „die eine Phase ist stärker ausgeprägt als die andere; bei manchen Kranken überwiegt diese Phase, bei anderen jene Phase“.Ernst Engelke: Signale ins Leben. Begegnungen mit Sterbenden. Verlag J. Pfeiffer, München 1977, S. 18.

Nicht-wahrhaben-Wollen (Leugnen) und Isolierung (englisch denial) Die Krankheit wird zuerst geleugnet. Kranke behaupten beispielsweise, dass das Röntgenbild vertauscht wurde oder eine ärztliche Fehldiagnose gestellt worden sei. Falls die Familie sich nicht mit dem Tod auseinandersetzen will, kann sie in dieser Phase nicht helfen. Die Konsequenz bedeutet für die Angehörigen, dass sie den Tod der Sterbenden herbeisehnen („Stirb so schnell wie möglich“). Aussenstehende können helfen, indem sie Vertrauen anbieten und die Kranken unterstützen.

Zorn (englisch anger) Kranke verspüren Neid auf die Weiterlebenden. Ihre Gedanken drehen sich um die Frage: „Warum ich?“ Das führt zu unkontrollierbarer Wut auf alle, die nicht an der Krankheit leiden, wie z. B. Pflegende, Ärzte und Angehörige. Diese können weiter ihr Geld verdienen, es in Urlauben ausgeben und ihre Pläne realisieren. Die Angst, vergessen zu werden, plagt Sterbende zudem, sie empfinden ihr Leiden vor dem Hintergrund der Katastrophen im Fernsehen als unwichtig. Hilfe kann Aufmerksamkeit sein, den Kranken nicht aus dem Weg zu gehen und ihren Zorn notfalls zu provozieren, so dass es zur Aussprache kommt. Wichtig dabei bleibt, dass die Betreuenden diesen Zorn nicht persönlich nehmen, da er sonst Gegenzorn provoziert, was eine Spirale des Streits nach sich zieht.

Verhandeln (englisch bargaining) Dies ist eine kurze und flüchtige Phase, in der kindliche Verhaltensweisen zu Tage kommen, wie die eines erst zornigen, dann verhandelnden Kindes, das sich mit häuslichen Tätigkeiten eine Belohnung verdienen will. Kranke hoffen durch „Kooperation“ auf Belohnung, etwa eine längere Lebensspanne und Freiheit von Schmerzen. Meist wird der Handel streng geheim mit Gott geschlossen, indem sie ihr Leben der Kirche widmen oder ihre Körper der anatomischen Lehre und Wissenschaft zur Verfügung stellen. Um Kranken in dieser Phase beizustehen, hilft es, ihren Schuldgefühlen beispielsweise gegenüber Gott oder den Mitmenschen mitunter befreiende Anerkennung einzuräumen.

Depression und Leid (englisch depression and grief) Die Erstarrung, der Zorn und die Wut werden in zwei Formen von Verzweiflung und Verlust abgelöst. Die erste Form ist reaktiv. Sie bezieht sich auf einen bereits geschehenen Verlust, beispielsweise die Brust nach einer OP, das Geld für den Krankenhausaufenthalt, die Verantwortung gegenüber der Familie. Durch Bekämpfung dieser Sorgen mit beispielsweise einer Brustprothese oder der erforderlichen Umstellung der Familienversorgung kann den Leidenden geholfen werden. Die zweite Form ist vorbereitender Natur und kümmert sich um einen drohenden Verlust wie den Tod oder die Abwesenheit im Leben der Verwandten. Auch hier kann Intervention des Umfeldes der Kranken in ihrem Leiden Linderung verschaffen, z. B. durch Berichte von den Angehörigen, dass Kinder weiter gute Noten schreiben und viel spielen, d. h., dass sie trotz Abwesenheit des Kranken ihr gewohntes Leben fortführen. Zu viel Besuch stört jedoch das Trauern, das den Kranken immer erlaubt sein muss. Ohne subjektives Kennen der Angst und der Verzweiflung ist kein Erreichen der nächsten Phase in Sicht.

Annahme (englisch acceptance) Nach Neid und Zorn auf alle Gesunden und Lebenden erwarten die Kranken den Tod und dehnen ihren Schlaf aus. Diese Phase ist frei von vorangegangenen Gefühlen, der Kampf ist vorbei, der Schmerz vergangen und die Sterbenskranken wollen von den Problemen der Aussenwelt in Ruhe gelassen werden. Somit ist dies die schwierigste Phase für die Personen im Umfeld der Sterbenden, da sie nunmehr auch Zurückweisungen erfahren. Alte Menschen erreichen diese Phase der Annahme leichter. Sie blicken auf ihr Leben und oft auf einen für sich erkannten Sinn (z. B. eigene Kinder) zurück. Schwierigkeit in diesem Prozess macht die Unterscheidung dieser Phase gegenüber frühem Aufgeben. Angehörige helfen am besten durch stummes Zuhören, indem sie dadurch zeigen, dass sie bis zum Tod dabei bleiben.