Metaethik oder Fundamentalethik versucht die Natur der Moral im Allgemeinen zu bestimmen und arbeitet dabei beispielsweise semantische Analysen moralischer Urteile aus. Inhaltliche Aussagen bezüglich der moralischen Bewertung einzelner Handlungen werden dagegen nicht gemacht.
Grundfragen Die Metaethik wurde seit Beginn des 20. Jahrhunderts ursprünglich vor allem im angloamerikanischen Sprachraum entwickelt und ist durch vier verschiedene Kontroversen gekennzeichnet, die aber oft quer durcheinander und miteinander vermengt diskutiert werden, da sie logisch zusammenhängen:
Übersicht zur Struktur der möglichen Grundhaltungen im ethischen Realismus
Im Streit Kognitivismus versus Nonkognitivismus geht es um folgende Fragen: Wird in der Ethik etwas erkannt oder nur befürwortet? Sind moralische Sätze wahrheitsfähig? Gibt es intersubjektiv verbindliche Geltungsansprüche für Normen? Im Streit Generalismus versus Partikularismus geht es um die Frage: Gibt es allgemeine ethische Regeln oder kann nur in jedem Einzelfall entschieden werden? Im Streit Realismus versus Antirealismus geht es um die Frage: Gibt es objektive Werte jenseits subjektiver Wertvorstellungen und Wünsche? Im Streit Moral versus Amoralismus, Relativismus und Nihilismus geht es um die Fragen: Soll man überhaupt moralisch sein? Wenn ja, warum?
Zur ersten Fragestellung gehört die Analyse der Bedeutung moralischer Begriffe und Begriffe wie „gut“, „richtig“, „Sollen“, „Pflicht“, auch „Handlung“, „Gewissen“, „Absicht“. Einige Metaethiker folgen dabei einer sprachanalytischen Methode.
Zur zweiten Fragestellung gehört die ontologische Frage nach Referenzen und Wahrmachern: Existieren basale moralische Eigenschaften bzw. Tatsachen und wie sind diese beschaffen? Einen stärker epistemologischen Themenkreis stellt die Problematik des epistemischen Zugangs zu moralischen Wahrheiten und zur rationalen Rechtfertigung moralischer Urteile dar.
Realismus versus Antirealismus Realismus Der ethische Realismus besagt, dass es objektive Werttatsachen gibt, die unabhängig von einem subjektiven Fürwahrhalten gelten. Der ethische Realist wendet sich gegen die konventionalistische Auffassung, dass Werte allein aus persönlichen Präferenzen abzuleiten sind. Moralische Tatsachen werden für den Realisten nicht konstituiert, sondern sie bestehen unabhängig vom erkennenden Subjekt. Moralische, ethische oder zukünftige Entwicklungen jedoch sind durch ein „Hoffen“ und „Bangen“ geprägt, welches wiederum auf subjektive Empfindungen und Einschätzungen seitens der objektiven Befunde zurückzuführen ist.
Schwacher ethischer Realismus Positionen, die sich darauf beschränken, die Wahrheitsfähigkeit von ethischen Aussagen anzunehmen, kann man als schwachen ethischen Realismus bezeichnen. Die These lautet: „Der moralische Realist unterscheidet sich nur vom Antirealisten, als er behauptet: Moralische Urteile haben den Wahrheitswert und können auch den Wahrheitswert ‚wahr‘ besitzen.“Peter Schaber: Moralischer Realismus. Freiburg 1997, S. 33.
Wie in der Erkenntnistheorie gehört es zum Wesen des schwachen ethischen Realismus, dass der Fallibilismus anerkannt wird. Für den schwachen Realisten können moralische Urteile immer fehlerhaft sein.
Um die Diskussion über den Realismus rational in einem akzeptablen Bereich zu führen, beschränken schwache ethische Realisten üblicherweise den Anwendungsbereich moralischer Urteile:Christoph Halbig: Was ist moralischer Realismus? In: Halbig/Suhm, S. 281. Die Sinngemäßheit (literal interpretation) fordert, dass die Beschreibung des Gegenstandsbereiches der intuitiven Alltagsauffassung nicht grundsätzlich widersprechen darf. Die Angemessenheit ist eine Anforderung, mit der zu große Spitzfindigkeiten ausgeschlossen werden sollen. So sind kontrafaktische Gedankenexperimente mit zu speziellen Bedingungen wie das Ausschließen eines subjektiven Handlungsmodells nicht angemessen. Zum Beispiel sind Gegenstände mit nur physikalischen Eigenschaften wie Steine oder Elektronen weder hartherzig noch ungerecht.
Starker ethischer Realismus Ein fundamentaler ethischer Realist vertritt die Auffassung, dass es objektive Maßstäbe für die Wahrheit von moralischen Aussagen gibt. Dabei gibt es verschiedene Vorstellungen, nach welchen Regeln eine Aussage als wahr anerkannt werden soll:
Substantieller Wertrealismus Ausgehend von der Wertphilosophie zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Heinrich Rickert, Robert Reininger) gibt es Vertreter des ethischen Realismus, die annehmen, dass Werte als Entitäten einer besonderen Art eine ontologische Existenz haben. Nach Max Scheler gibt es „echte und wahre Wertqualitäten“, die „vom Dasein einer Güterwelt, in der sie zur Erscheinung kommen, desgleichen von der Bewegung und Veränderung in dieser Güterwelt in der Geschichte ganz unabhängig und für deren Erfahrung a priori“ sind.Max Scheler: Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik. 6. Auflage. (1916), Bern 1980, S. 37/38. Die Wertphänomenologie, zu der auch Nicolai Hartmann zu rechnen ist, begründet die Existenz von Werten mit ihrer Evidenz. Die Position wird auch als moralischer Intuitionismus bezeichnet. Auch hier kann man wieder eine starke und eine schwache Auffassung unterscheiden. Stark bedeutet eine vollständige, schwach eine zumindest teilweise Unabhängigkeit von subjektiven Einflüssen wie Interessen, Wünschen oder Wollen.
Die Kritik an dieser Auffassung weist darauf hin, dass die Behauptung objektiver Werte noch gar nicht zeigt, welches denn diese objektiven Werte seien. So sind für verschiedene Menschen womöglich ganz verschiedene Werte evident. Da entsprechende Streitfragen ohne Annahmen jenseits des substantiellen Wertrealismus nur durch weitere Evidenzen entscheidbar wären, stellt sich die Frage, wer die bessere Intuition hat. Das kann natürlich nicht zirkelfrei anhand der Ergebnisse der konfligierenden Intuitionen entschieden werden.
Nonkognitivisten und Amoralisten behaupten, für sie seien gar keine Werte evident oder intuitiv einsichtig. Wertrealisten nennen diese Kritiker dann defizient analog zu Blinden. In diesem Streit wäre zunächst genauer zu explizieren, was mit Evidenz und Intuition genau gemeint ist. Auf der Ebene körperlichen Leidens und der Einfühlung darein ist die Analogie zur Wahrnehmung naheliegender als bei komplexen kulturellen Werten. Dennoch ist nicht klar, auf welcher Basis eine besondere Empfänglichkeit oder Blindheit beruhen sollte.
Prozeduraler moralischer Realismus Thomas Nagel hält es nicht für notwendig, dass ein ethischer Realist den moralischen Werten einen ontologischen Status zuweisen muss: „Die Position, die Werte als wirklich anerkennt, besagt keineswegs, dass sie okkulte Wesenheiten oder Qualitäten sind, sondern dass sie reale Werte sind: dass ein Urteil über diese Werte und die Gründe, die Menschen für ihr Wirken haben, auch unabhängig von unseren Überzeugungen oder Neigungen wahr oder falsch sein können.“Thomas Nagel: Der Blick von Nirgendwo. Frankfurt 1992, S. 249. Stattdessen kann man Verfahren finden, die eine Objektivität bei der Bewertung moralischer Aussagen herstellen. Nagel schlägt hierzu vor, zur Bewertung einer Aussage einen Standpunkt einzunehmen, der von subjektiven Interessen absieht, und unparteiisch zu urteilen. Ähnlich hatte bereits Adam Smith vorgeschlagen, als Maßstab zur Entscheidung ethischer Fragen das Urteil eines unbeteiligten, neutralen Beobachters zugrunde zu legen.Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle. Vgl. auch Ernst Tugendhat: Vorlesungen über Ethik. Für Nagel ist es im Gegensatz zu Mackie keine Frage, ob es das Gute gibt, sondern ob es unparteiische Gründe gibt, etwas als gut zu beurteilen.
Die Kritik wirft Nagel Dezisionismus vor, da er keinen Grund angibt, warum man sein Handeln überhaupt von einem neutralen Standpunkt aus beurteilen soll. Die normative Verbindlichkeit als logische Notwendigkeit, sich selbst nach moralischen Kriterien zu beurteilen, sei gerade das, was der Realismus mit seiner Behauptung objektiver Werte postuliere, diese aber verfehle Nagel.
Rationalistischer moralischer Realismus Von Kantianern wie John Rawls wird angenommen, dass man Maximen finden kann, die für eine praktische Rationalität universell gültig sind. Dies beinhaltet die ontologische Existenz der zugrunde gelegten Maßstäbe.
Antirealismus Antirealismus besteht nur in der Kritik des Realismus.
Gegen den ethischen Realismus argumentiert John Leslie Mackie, dass man analog zur erkenntnistheoretischen Diskussion der Korrespondenztheorie der Wahrheit (siehe auch Münchhausen-Trilemma) keine logische Möglichkeit hat, die Existenz ethischer Werte zu begründen. Daher ist jede Behauptung, eine moralische Aussage sei wahr, ein Irrtum (Irrtumstheorie). Ethische Realisten verweisen gegen dieses Argument ähnlich wie erkenntnistheoretische Realisten auf den Erfolg ihrer Position in der Alltagspraxis (vgl. die Argumente zum hypothetischen Realismus). Da aber Verstöße gegen moralische Normen diese nicht falsifizieren können und auch häufig vorkommen, ist unklar, worin diese Erfolge bestehen.
Kognitivismus versus Nonkognitivismus Nonkognitivismus Nach dem Nonkognitivismus ist der Bereich des Normativen keiner wissenschaftlichen (wahren und objektiv gültigen) Erkenntnis zugänglich. Denn sittliche Überzeugungen entzögen sich den beiden Wahrheitskriterien der empirischen Wissenschaften, dem logischen oder mathematischen Beweis und der Überprüfung durch Beobachtung oder Experiment. Die Frage nach der Übereinstimmung moralischer Aussagen mit der Wirklichkeit sei sinnlos, weswegen für sie auch kein Wahrheitsanspruch erhoben werden könne (siehe auch Humes Gesetz).
Für Nonkognitivisten ist das Einhalten von ethischen Regeln eine Frage des Charakters und nicht des Wissens. Moral kann demzufolge nur als Habitus antrainiert, aber nicht als abstraktes Wissen gelernt werden.
Ein Vertreter des Nonkognitivismus in der Gegenwartsphilosophie ist Simon Blackburn, der darauf verweist, dass die Kritik nonkognitivistischer Ethiker am Kognitivismus sich nicht gegen moralische Äußerungen, sondern nur dessen Objektivitätsanspruch richtet. Der Nonkognitivist kritisiert lediglich die Begründung ethischer Aussagen, aber nicht die in der Praxis vorzufindenden Werthaltungen und Urteile. Allerdings stimmen Amoralisten der nonkognitivistischen Kritik voll zu.
Emotivismus Als Emotivismus (auch: Expressivismus) bezeichnet man eine non-kognitivistische metaethische Theorie, nach der moralische Urteile lediglich als Ausdruck unserer eigenen (emotionalen) Einstellungen zu verstehen sind, wobei die gebietende Form der Urteile als Mittel zur Beeinflussung der Einstellungen anderer im Sinne dieses Urteils gedeutet wird.Garner und Rosen (Moral Philosophy, Kapitel 13 („Noncognitivist Theories“)) sowie Brandt (Ethical Theory, Kapitel 9 („Noncognitivism“)) klassifizieren die (meta-)ethischen Theorien von Ayer, Stevenson und Hare als „nonkognitivistisch“.Ogden und Richards, Meaning. S. 125: „'Good' is alleged to stand for a unique, unanalyzable concept … [which] is the subject matter of ethics. This peculiar ethical use of 'good' is, we suggest, a purely emotive use. … Thus, when we so use it in the sentence, 'This is good,' we merely refer to this, and the addition of "is good" makes no difference whatever to our reference … it serves only as an emotive sign expressing our attitude to this, and perhaps evoking similar attitudes in other persons, or inciting them to actions of one kind or another.“ Dieses Zitat erscheint in einer ausgeweiteten Fassung gerade vor dem Vorwort von Stevensons Ethics and Language.Vgl. auch Matthew Chrisman: Emotivism. (PDF; 162 kB), In: International Encyclopedia of Ethics. Wiley-Blackwell, 2013. Er kann sowohl auf sprachanalytischer als auch auf metaphysischen Ebene vertreten werden.