mini|Beginn der Erzählung im Novellenband von 1810 Michael Kohlhaas ist eine Novelle von Heinrich von Kleist. Ein erstes Fragment erschien in der Juniausgabe 1808 von Kleists Literaturzeitschrift Phöbus. In vollständiger Form wurde sie 1810 im ersten Band von Kleists Erzählungen veröffentlicht.
Die Erzählung spielt in der Mitte des 16. Jahrhunderts und handelt vom Pferdehändler Michael Kohlhaas, der gegen ein Unrecht, das man ihm angetan hat, zur Selbstjustiz greift und dabei nach der Devise handelt: Fiat iustitia et pereat mundus (dt.: „Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde!“). Ernst Bloch nannte daher Michael Kohlhaas auch den „Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität“.Abschnitt Unverworrene Idee, Übereinstimmung des Willens mit dem Endzweck im Aufsatz Über den Begriff Weisheit. Gesamtausgabe in 16 Bänden. Suhrkamp, Band 10, 1953, S. 355–395, S. 376. Vgl. Bloch: Über Rechtsleidenschaft innerhalb des positiven Gesetzes. Kohlhaas und der Ernst des Minos. In: Naturrecht und menschliche Würde. GA Bd. 6, ebd. 1961, 1972, S. 93–96; Auszug in Rainer Siegle (Hg.): Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Mit Materialien. Klett, Stuttgart 1979 u. ö., Reihe: Editionen. ISBN 3-12-351500-1, S. 138–140.
Historisches Vorbild der Figur war Hans Kohlhase.
Hintergrund mini|קולהאס משחרר את כנופיתו („Er löst seinen Heerhaufen auf“), Holzschnitt von Jacob Pins für die hebräischsprachige Ausgabe von 1953 Politischer Hintergrund Um 1800 sorgten in Preußen sowohl die außenpolitischen Misserfolge (Niederlage im Krieg gegen Napoleon) als auch die unklaren innenpolitischen Verhältnisse (unterschiedliches Verhalten deutscher Fürsten gegenüber Napoleon) für Unzufriedenheit. Kleist stellte sich entschieden gegen Frankreich, seine Haltung war reformbestimmt. „Kohlhaas lebt in jenen Dekaden des frühen 16. Jahrhunderts, als sich der absolutistische Staat zu etablieren beginnt, gleichzeitig aber das staatsrechtliche Denken des Mittelalters seinen Einfluss noch nicht verloren hat. Im absolutistischen Staat ist der Selbsthilfe kein Raum mehr gegeben. Das unterscheidet ihn von der mittelalterlichen Gesellschaftsverfassung. Der mittelalterliche Sachsenspiegel drückte nicht nur das Recht, sondern gar die Pflicht des Einzelnen aus, die ungesetzlichen Handlungen der Obrigkeit zurückzuweisen. Von hier aus gesehen, kann man sagen, dass in Kleists Kohlhaas mittelalterliche und frühabsolutistische Rechtsvorstellungen miteinander im Streit liegen.“Wörtlicher Auszug aus dem Nachwort von Paul Michael Lützer in: „Michael Kohlhaas“ von Heinrich Kleist. Reclam, 1982, S. 121. Seine rechtlich-politischen Forderungen brachte er in seinem Kohlhaas zum Ausdruck, ohne dabei politischer Agitation verdächtigt zu werden.
Historischer Kohlhaas
In seiner Novelle verarbeitete Heinrich von Kleist die Geschichte von Hans Kohlhase. Dieser lebte im 16. Jahrhundert als Kaufmann im brandenburgischen Cölln an der Spree. Am 1. Oktober des Jahres 1532 begab er sich auf eine Reise zur Leipziger Messe. Auf dem Weg dorthin wurden ihm jedoch auf Geheiß des Junkers Günther von Zaschwitz (auch: Zaschnitz) zwei seiner Pferde abgenommen mit der Begründung, er habe sie gestohlen. Kohlhase versuchte, juristisch dagegen vorzugehen. Vergleichsverhandlungen fanden am 13. Mai 1533 auf der Burg Düben statt, führten jedoch zu keiner friedlichen Beilegung des Konfliktes. Ein Grund bestand vor allem darin, dass der Ritter von Zaschwitz inzwischen verstorben war und seine Erben eine angemessene Entschädigungszahlung verweigerten. Aus diesem Grund erklärte Kohlhase 1534 die Fehde und es wird berichtet, dass er Häuser in Wittenberg niederbrannte. Er beging weitere Verbrechen. Schließlich wurde er ergriffen und am 22. März 1540 in Berlin öffentlich hingerichtet.Ulrike Rückert: Vorbild für Kleists Novelle – Die Hinrichtung von Hans Kohlhase. In: Deutschlandfunk vom 22. März 2015, abgerufen am 10. Januar 2017. Heinrich von Kleist blieb in der Schilderung der Ereignisse jedoch nicht authentisch, da ihm die Untersuchungsakten von 1539 nicht zugänglich waren.
Inhalt Handlung mini|Personenkonstellation von Michael Kohlhaas Der im Brandenburgischen lebende, angesehene Rosshändler Michael Kohlhaas reist mit zum Verkauf bestimmten Reitpferden nach Sachsen. Unterwegs wird er jedoch an der Burg des Junkers Wenzel von Tronka mit der willkürlichen Forderung nach einem Passierschein aufgehalten. Nachdem Kohlhaas in Dresden festgestellt hat, dass es einen solchen Passierschein nicht gibt, erfährt er bei seiner Rückkehr, dass seine beiden als Pfand zurückgelassenen Pferde durch den Einsatz in harter Feldarbeit abgemagert und damit wertlos geworden sind. Zudem ist sein Knecht Herse von den Bediensteten des Junkers brutal misshandelt worden. Schwer verletzt konnte er sich noch bis Kohlhasenbrück durchschlagen und erzählt dem Rosshändler nun in allen Einzelheiten, was ihm und den beiden Rappen auf der Tronkenburg angetan wurde. Gegen dieses Unrecht reicht Kohlhaas beim Kurfürsten von Sachsen eine Klage ein, die jedoch auf Drängen der Familie von Tronka abgewiesen wird. Weitere Versuche Kohlhaas’, sich Gehör zu verschaffen, enden mit Beschimpfungen und Drohungen und schließlich mit dem Tod seiner Frau, die ihre Beschwerde beim brandenburgischen Kurfürsten anbringen will, aber beim Versuch, zu ihm vorzudringen, von einem Büttel schwer verletzt wird.
Enttäuscht darüber, dass er auf juristischem Weg keine Gerechtigkeit erfährt, beginnt Kohlhaas nach dem Verlust seiner Frau einen Rachefeldzug gegen den Junker Wenzel von Tronka: Er möchte nicht in einem Land leben, „in welchem man mich in meinen Rechten nicht schützen will. Lieber ein Hund sein, wenn ich von Füßen getreten werden soll, als ein Mensch!“ Er überfällt die Tronkenburg und tötet alle Bewohner. Den Junker selbst, der als einziger entkommen konnte, verfolgt er mit einem wachsenden Heerhaufen zunächst bis zum Klosterstift Erlabrunn und schließlich bis nach Wittenberg, das er mehrmals in Brand setzt. Einem Gerücht zufolge gelangt Kohlhaas schließlich nach Leipzig, das er ebenfalls anzünden lässt. In der Folge kommt es zu einem Gespräch mit Martin Luther, der Kohlhaas zuvor öffentlich verurteilt hat. Nachdem dieser ihm jedoch seine Situation geschildert hat, erwirkt Luther durch eine Bittschrift für Kohlhaas dessen freies Geleit nach Dresden, um die Klage erneut vor Gericht bringen zu können.
In Dresden lebt Kohlhaas zunächst unbehelligt im Schutz des freien Geleits. In der Zwischenzeit haben sich versprengte Reste seines aufgelösten Heerhaufens gesammelt und ziehen raubend und plündernd durch das Land. Ihr Anführer ist Johann Nagelschmidt, der vorgibt, der Statthalter und Vertraute von Kohlhaas zu sein. Tatsächlich aber hatte Kohlhaas ihn wegen verschiedener Gräueltaten hängen lassen wollen. Nur die Entlassung des Haufens aufgrund der Amnestie rettete Nagelschmidts Leben. Kohlhaas kann den Verdacht entkräften, mit Nagelschmidt zu kollaborieren. Bald darauf jedoch bemerkt er, dass sein Haus von Wachen umstellt ist und er unter Hausarrest steht. Da erreicht ihn ein Bote von Nagelschmidt, den der Kurfürst selbst mit dessen Brief zu ihm geschickt hat, um den Verdacht zu überprüfen, ob Kohlhaas mit Nagelschmidt gemeinsame Sache macht. Der will ihn aus Dresden befreien und bietet ihm das Kommando über den inzwischen in militärische Bedrängnis geratenen Haufen an. Kohlhaas nimmt dieses Angebot an, jedoch nur, damit er aus Dresden entkommen kann, um sich „nach der Levante oder Ostindien“ einzuschiffen. Die Behörden haben sowohl die Botschaft als auch die Antwort abgefangen. Dies liefert schließlich den Grund für seine Verhaftung.
Zu der Zeit ersucht der König von Polen, im Streit mit dem Haus Sachsen stehend, den Kurfürsten von Brandenburg, gemeinsam gegen dieses vorzugehen. Nun betreibt der Kurfürst von Brandenburg die Sache von Kohlhaas. Um diesen vor weiterem Unrecht zu bewahren, bietet er ihm einen fairen Prozess in Berlin an. Der führt dann tatsächlich zur Verurteilung des Junkers von Tronka auf Schadensersatz, allerdings wird zugleich auch Kohlhaas wegen Landfriedensbruchs zum Tode verurteilt.
Kurz vor der Hinrichtung erfährt der Kurfürst von Sachsen, dass sich Kohlhaas im Besitz einer Zigeuner-Prophezeiung befindet, die dieser in einer Kapsel an seiner Brust immer bei sich trägt, ohne dass er den Inhalt kennt. Er behält sie bei sich, weil die Wahrsagerin ihm bei der Übergabe mitgeteilt hatte, dass sie sein Leben schützen werde. Sie beinhaltet den Namen des letzten Herrschers aus dem Hause des sächsischen Kurfürsten, das Datum, wann er sein Reich verlieren werde, und den Namen dessen, durch den das Reich ende. Alle Versuche des sächsischen Kurfürsten, ihm diese Prophezeiung abzunehmen, misslingen. Dessen Bemühungen, Kohlhaas vom brandenburgischen Kurfürsten begnadigen zu lassen, scheitern daran, dass der sächsische Kurfürst selbst, um seiner Anklage mehr Nachdruck zu verleihen, den Kaiser in Wien um Beistand gebeten hatte, der nun durch seinen Ankläger in Berlin den Landfriedensbruch, dessen Kohlhaas sich schuldig gemacht hat, aufs Schärfste verfolgen lässt. Auf dem Schafott nimmt sich Kohlhaas vor den Augen des inkognito anwesenden, aber von ihm erkannten sächsischen Kurfürsten die Kapsel ab, liest den Inhalt und verschluckt den Zettel mit der Prophezeiung. Der sächsische Kurfürst, dessen Rechtsbruch für Kohlhaas unverzeihlich ist, so dass er lieber in den Tod geht, als ihm den Zettel zu geben, erleidet einen Nervenzusammenbruch, während sowohl der brandenburgische Kurfürst als auch Kohlhaas selbst völlig mit sich im Reinen sind, denn die Gerechtigkeit ist wiederhergestellt worden. Kohlhaas erblickt vor seinem Tode noch die vom Junker von Tronka dickgefütterten Rappen und vermacht sie seinen beiden ältesten Söhnen. Er ist einverstanden damit, für seinen Rachefeldzug, der auch Unschuldige das Leben gekostet hat, aufs Schafott zu gehen, und stirbt durch das Schwert. Der Kurfürst von Brandenburg schlägt Kohlhaas’ Söhne darauf zu Rittern und erklärt, sie an seiner Pagenschule erziehen zu wollen.
Verschiedene Rechtsauffassungen Michael Kohlhaas reflektiert den ständigen Konflikt zwischen verschiedenen Rechtsauffassungen, insbesondere denen des Mittelalters und denen der Aufklärung. Kohlhaas selbst scheint sich in seinen Gedanken bzw. Handlungen nahe an denen aufklärerischer Philosophen, beispielsweise John Lockes, zu bewegen. Seine Selbstjustiz könnte dementsprechend als Austritt aus dem Gesellschaftsvertrag gedeutet werden: Nachdem der Staat seiner Pflicht, Gerechtigkeit zu schaffen, nicht nachgekommen ist, nimmt Kohlhaas das Gesetz selbst in die Hand. Kohlhaas: „Verstoßen […] nenne ich den, dem der Schutz der Gesetze versagt ist! […] und wer ihn mir versagt, der stößt mich zu den Wilden der Einöde hinaus; er gibt mir […] die Keule, die mich selbst schützt, in die Hand“.Reclam-Ausgabe, S. 44, Z. 13 ff.
Auch Kohlhaas’ Rechtsübertretungen lassen sich durch die Philosophie Lockes rechtfertigen, der in Die natürlichen Rechte des Menschen schreibt: „Ein jeder hat somit das Recht, diejenigen, die das Gesetz überschreiten, in dem Maße zu strafen, wie es nötig ist, eine neue Verletzung zu verhindern“. Andererseits stehen Kohlhaas’ Taten in keinem Verhältnis zu dem an ihm verübten Unrecht; insbesondere durch seine Mordbrennereien kommen viele Unbeteiligte und Unschuldige zu Schaden. Bei seinen Gesetzesüberschreitungen spielen neben seinem Rechtsgefühl Faktoren wie z. B. verletzter Stolz oder der Wunsch nach Rache (für seine getötete Frau) eine wesentliche Rolle.
Kohlhaasens aufklärerische Gedanken stellen einen Anachronismus dar. Da Kohlhaas laut der Erzählung in der „Mitte des 16. Jahrhunderts“, also vor der Zeit der Aufklärung lebte, liegt es nahe, dass Kleist Vorstellungen seiner eigenen Epoche auf seine (historische) literarische Figur projizierte.