Ein Temporaladverbial oder Zeitadverbial, auch Temporalbestimmung bzw. Umstandsbestimmung der Zeit, ist in der Grammatik ein Satzteil, der dazu dient, die beschriebene Situation in der Zeit einzuordnen oder andere zeitliche Eigenschaften einer Situation anzugeben. Die Bezeichnung Adverbial bezieht sich auf diese Funktion eines Ausdrucks und lässt offen, wie der Ausdruck aufgebaut ist: Es kann sich z. B. um eine Präpositionalphrase handeln (im nächsten Jahr) oder auch um einen adverbiellen Nebensatz (Temporalsatz, z. B. nachdem er das Haus verlassen hatte). Als Temporaladverb oder Zeitadverb wird ein Einzelwort bezeichnet, das als Temporaladverbial dienen kann und sich keiner anderen Wortart eindeutig zuordnen lässt (z. B. oft, jetzt, gestern).
Temporaladverbiale spielen im Satz mit dem Tempus (oder anderen zeitlichen Kategorien wie dem Aspekt) zusammen. Das Tempus enthält ebenfalls Information über Zeitverhältnisse, ist aber eine Grammatische Kategorie, wogegen Zeitadverbien etc. Bestandteile des Wortschatzes sind. Im Gegensatz zur Kategorie Tempus kommen Zeitadverbiale in allen Sprachen vorKlein (1994), S. 40. (der vorliegende Artikel beschränkt sich aber auf Beispiele aus dem Deutschen).
Zeitadverbiale werden auf verschiedene Weisen in inhaltliche Untertypen aufgegliedert. In diesem Artikel werden unterschieden:Nach der Einteilung in: Wolfgang Klein: How Time Is Encoded. In: Wolfgang Klein, Ping Li (Hrsg.): The Expression of Time. Mouton de Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-019582-8, S. 39–81. Siehe S. 65 f. Temporale Positionsadverbiale, z. B. „gestern, dieses Jahr, bald“ (zu unterscheiden von lokalen Positionsadverbialen) Daueradverbiale, z. B. „eine Stunde lang, in(nerhalb) einer Stunde, seit einer Stunde“ Phasenadverbiale, z. B. „schon, noch“ Frequenzadverbiale, z. B. „oft, dreimal“. Manchmal wird die Bezeichnung „Temporaladverbial“ in einem engeren Sinn nur auf Positionsadverbiale bezogen.Zum Beispiel Pittner (1999), S. 75 Daneben finden sich auch andere Gruppierungen als oben angegeben oder eine Einbeziehung von noch weiteren Typen.Die Dudengrammatik (2009) (S. 784 / Randnr. 1191) gliedert nach „1. Zeitpunkt, 2. Frist (bis), 3. Ausgangspunkt (ab), 4. Erstreckung / Maß / Wiederholung“. Anderswo wird diese vierte Gruppe in separate Gruppen geteilt, die zweite und dritte zusammengefasst. Manchmal werden auch Reihenfolgeadverbiale wie „zuerst“ mitberücksichtigt (hier ist aber keine eigentliche Anbindung an Zeiten mehr gegeben).
Bei den meisten Typen von Zeitadverbialen lassen sich außerdem mehrere Deutungsmöglichkeiten unterscheiden, da es verschiedene Ebenen des Zeitbezugs im Satz gibt. Vor allem kann unterschieden werden zwischen einem engeren Bezug auf das vom Verb beschriebene Ereignis selbst, im Gegensatz zu einem weiteren Bezug auf die Betrachtzeit des ganzen Satzes (zu der die Zeit des Ereignisses dann in Beziehung gesetzt wird).
Form- und Funktionsklassen
Temporale Bedeutung in verschiedenen Wortarten
Ausdrücke, die Angaben über Zeit oder Zeitverhältnisse bilden können, sind:
Alleinstehende Wörter: Adjektive und Adverbien Adjektive sind Wörter, die im Prinzip flektierbar sind, Adverbien sind Wörter, die unflektierbar sind. Beispiele für Zeitadverbien sind daher: jetzt, heute, soeben, unlängst, sofort, danach, vorher, öfters, stets, lange, nachmittags.Dudengrammatik (2009), Randnr. 850 / S. 575. Als Adverb werden traditionell auch die Ausdrücke bezeichnet, wo ein zusammengesetzter Ausdruck zu einem Wort zusammengerückt ist, etwa: „seitdem“ (entstanden aus der Präpositionalphrase „seit d(ies)em“). Beispiele für Adjektive mit temporaler Bedeutung: ewig, kurz, lang.Zifonun et al. (1997), S. 1141 Die Abgrenzung erfolgt oft unklar; beispielsweise wird häufig häufig als Adverb bezeichnet,Dudengrammatik S. 575; Peter Eisenberg: Grundriss der deutschen Grammatik. Band 2: Der Satz. 5. Auflage. J.B. Metzler/Springer, Berlin 2020, ISBN 978-3-476-05093-9. S. 232 (in beiden Quellen im Widerspruch zur ansonsten dort vorgenommenen Abgrenzung Adjektiv/Adverb). trotz flektierter Vorkommen wie: „häufige Besuche“.
Wörter, die zusammen mit Ergänzungen Zeitangaben bilden: Präpositionen: in (einer Stunde), nach (einem Jahr), seit (der Rückkehr), vor (fünf Wochen); in manchen Sprachen auch Postpositionen: Englisch five weeks ago.Klein (1994), S. 148. Konjunktionen / Subjunktionen: nachdem (er das Haus verlassen hatte), sobald, während, als, solange, bevor, bis (er schläft). – Siehe den Spezialartikel Temporalsatz.
Nominalphrasen mit Adverbialkasus: eines Tages, einen Tag, letzten Monat
Die obigen Klassen von Ausdrücken können weiter ausgebaut werden, indem Modifikatoren hinzutreten; zum Beispiel bei Präpositionen: „kurz vor dem Knall“; „zwei Monate nach dieser Begebenheit“, ebenso zur Konjunktion: „kurz nachdem er gegangen war“.
Eine Wortart, die zu diesen Unterscheidungen quer läuft, sind die Ausdrücke, mit denen solche Angaben erfragt werden können, z. B. „wann, wie oft, wie lange?“. Einzelwörter dieses Typs werden als Frageadverbien bezeichnet.
Adverbiale und andere grammatische Funktionen
Temporaladverbiale liegen im engeren Sinn nur vor, wenn obige Zeitangaben Satzglieder bilden, aufgrund der Definition des Adverbials als Satzglied. Sie hängen dann also vom Prädikat des Satzes ab: „Kurz nach seinem Weggang brach ein Feuer aus.“ „Kurz nachdem er weggegangen war, brach ein Feuer aus.“ „Wann brach das Feuer aus?“
Die Begriffe Adverbial und Angabe sind nicht bedeutungsgleich. Allerdings fungieren die meisten Temporaladverbiale tatsächlich als Angaben. Eine Ausnahme ist die Ergänzung bei dem Verb dauern z. B. mit Adverbialkasus:Albert Busch, Oliver Stenschke: Germanistische Linguistik. Eine Einführung. 3. Auflage. Narr, Tübingen 2014. S. 152f. unter der Bezeichnung „Expansivergänzung“, die auf S. 153 von Akkusativobjekten unterschieden wird. „Es dauert einen Tag“.
Daneben gibt es Verwendungen derselben Ausdrücke, die im engeren Sinn nicht als Adverbiale zählen: Präpositionalphrasen, Adverbien, Temporalsätze kommen auch als Attribute vor (von einem Substantiv abhängige Ausdrücke): „[Sein Weggang kurz vor dem Ausbruch des Feuers ] machte den Kommissar stutzig.“ Selten findet sich auch ein Gebrauch als Prädikativum (Kopulaergänzung) oder sogar Subjekt: „Das Konzert war gestern.“ „Gestern war ein schöner Tag.“ (auch im Englischen: Yesterday was niceKlein 1994, S. 143.).
Positionsadverbiale
Die Bedeutungsklasse der temporalen Positionsadverbiale, also Adverbiale der zeitlichen Lage, bildet ein besonders reichhaltiges System. Sie werden manchmal als die „Temporaladverbiale im engeren Sinn“ gesehen (das heißt, in manchen Texten ist mit „Temporaladverbial“ direkt „temporales Positionsadverbial“ gemeint).So etwa in Pittner (1997), S. 75f. Diese Adverbiale wirken besonders eng mit dem Tempus des Satzes zusammen.
Verbindung zur Bedeutung des Tempus
Temporale Positionsadverbiale haben Bedeutungen ähnlichen Typs wie das Tempus, fügen dem jedoch feinere Unterscheidungen hinzu. In den folgenden Beispielen sieht man verschieden weit ausgreifende Zeitangaben, mit denen aber unterschiedslos die Vergangenheitsform des Verbs steht: „In der Frühzeit des Weltalls gab es noch keine Materie.“ „Vor vielen Jahren, als kleiner Junge war ich schon einmal hier.“ „Gerade eben, vor einer Minute war er doch noch da?“ In manchen Sprachen gibt es auch unterschiedliche Tempusformen, mit denen nach zeitlicher Entfernung unterteilt wird (siehe unter Tempus #Unterteilungen im Tempussystem). Auch solche Unterteilungen bleiben jedoch immer noch gröber als der vorhandene Adverbial-Wortschatz.
Positionsadverbiale müssen also normalerweise mit dem durchs Tempus vorgegebenen Rahmen vereinbar sein. Im Deutschen gilt allerdings, dass die Tempusform des Präsens die Aussage nicht auf die Gegenwart einschränkt, sondern auch die Zukunft betreffen kann. Daher erhält man in diesem Fall, aber normalerweise nur hier, verschiedene Kombinationen: „Jetzt ist die Webseite nicht erreichbar.“ „Morgen ist die Webseite nicht erreichbar.“ Sonst auch: „Morgen wird die Webseite nicht erreichbar sein.“ Vergleiche aber: ≠ „Jetzt wird die Webseite nicht erreichbar sein.“ – Hier kann „wird“ nicht als Futur gedeutet werden, sondern nur als Modalverb mit der Bedeutung „vermutlich“. Hingegen ohne Alternativen: „Gestern war die Webseite nicht erreichbar.“ Ausnahmen entstehen durch die Besonderheiten der Zeit in Erzähltexten oder im Kontext von Plänen, wo das Tempus einen verschobenen Bezug hat. Beispiel: „Morgen war also der gefürchtete Abreisetag...“ (diese Kombination von Zeitangaben ist durch den besonderen Gebrauch des Präteritums als Erzählperspektive ausgelöst).
Im Gegensatz zu adverbiellen Verwendungen sind attributive Zeitangaben unabhängiger vom Tempus des Satzes: „Für [das Konzert morgen ] wurde zu wenig Werbung gemacht.“ Das Zeitadverb „morgen“ besagt, dass das Konzert für die Zukunft geplant ist, aber das Tempus der Aussage ist Vergangenheit.Beispiel abgewandelt nach dem in Klein (1994), S. 143.
Bestimmung der zeitlichen Lage
Beliebige Zeitpunkte bzw. Zeitintervalle lassen sich bestimmen, wenn eine Bezugszeit existiert, für die es eine Benennung gibt. Gestützt auf diese benannte Bezugszeit kann man dann eine zeitliche Relation angeben wie davor, danach, sowie zugleich oder innerhalb (eines Intervalls). Die Bedeutung aller Positionsadverbiale ist daher letztlich relational: Sie ordnen eine Zeit, über die geredet wird, bezüglich einer gegebenen Zeit ein.Klein (1994), S. 150 ff. Das System ähnelt dem der lokalen Positionsadverbiale, allerdings ist die Struktur der Zeit einfacher als die des Raums, denn es gibt hier nur eine geordnete Folge von Zeitpunkten bzw. -intervallen.
Im einfachsten Fall ergibt sich die zu bestimmende Zeit in zwei Schritten durch Zugriff auf die Bezugszeit plus eine zeitliche Relation dazu, es gibt aber auch komplizierter aufgebaute Zeitbestimmungen, mit Zwischenschritten bei den Zeitrelationen oder zusätzlichen Maßangaben.
Die folgende Beispielliste ist danach geordnet, auf welche Weise die Bezugszeit gegeben ist:Analysen nach Klein (1994), S. 150–157 Deiktisch, d. h. Bezugszeit ist die Äußerungszeit. jetzt = „zugleich mit der Äußerungszeit“ oder „in einem Intervall, das auch die Äußerungszeit enthält“ heute = „innerhalb des Tages, der die Äußerungszeit enthält“ (mit kalendarischer Begrenzung) gestern = „innerhalb des Tages, der vor heute liegt“ (zwei Zeitrelationen und kalendarische Begrenzungen) vorhin = „kurz vor der Äußerungszeit“ (mit vagem Zeitmaß kombiniert) vor 1 Stunde = „im Abstand von 1 Stunde vor der Äußerungszeit“ (mit präzise definiertem Zeitmaß kombiniert)
Anmerkung: Eine Besonderheit des Wortes „heute“ ist, dass von der Äußerungszeit aus gesehen manche Teile dieses Tages in der Vergangenheit, andere in der Zukunft liegen: „heute ist... / heute war... / heute wird...“ ist alles widerspruchsfrei möglich. Bei „gestern“ ergibt sich dagegen kein Kontakt mit anderen Zeiten als vergangenen. Ansonsten funktionieren beide Adverbien aber gleich: In der Verwendung als Zeitadverbial bedeutet das Adverb „gestern“: „zu einer bestimmten Zeit innerhalb des gestrigen Tages“, es bezeichnet nicht die gesamte Dauer des Tages.Klein (1994), S. 152f. Anders ist es nur bei Verwendung als Subjekt eines Satzes wie: „Gestern war ein schöner Tag“ – hier ist der gestrige Tag als solcher und als ganzer gemeint.
Anaphorisch, d. h. die Bezugszeit ist vorerwähnt. davor = „vor der bereits genannten Zeit“ am Tag zuvor = „innerhalb des Tages vor dem Tag, in dem die bereits genannte Zeit liegt“ 1 Stunde zuvor = „im Abstand von 1 Stunde vor der bereits genannten Zeit“ Bezugszeit ist eine kalendarisch benannte Zeit: vor 1945 = „vor dem Zeitintervall, das den Namen ‚1945‘ trägt“ Orientierung an einem Referenz-Ereignis vor dem Krieg = „vor dem Zeitintervall, das ‚der Krieg‘ (vorerwähnt, anaphorisch) einnimmt“.