Noise-Rock (engl. „Lärm“) ist eine Ende der 1970er Jahre entstandene Musikrichtung, deren Ursprung zwischen Post-Punk, No Wave und Artrock liegt. Das Genre gilt als Hybrid zwischen Noise und Rockmusik.

Besonders amerikanische Interpreten wie Scratch Acid, Butthole Surfers, Tuxedomoon und hervorgehoben Big Black, Swans und Sonic Youth waren für den Beginn des Genres bedeutend. Ein bedeutendes Zentrum des Genres lag in New York, wo Gruppen wie Sonic Youth und Swans an den No Wave anknüpften. Auch die australische Gruppe The Boys Next Door, später The Birthday Party, bot einen neuen Ansatz, Störgeräusche und Lärmelemente als Element ihrer Musik zu nutzen.

In den 1990er Jahren erlebte das Genre nach dem durch Nirvanas Album Nevermind ausgelösten Erfolg des Grunge und Alternative erhöhte Aufmerksamkeit. Gruppen wie The Jesus Lizard, Shellac, Unsane oder Helmet wurden als Vertreter einer an den frühen Noise-Rock anschließenden Generation neuer Bands bekannt. Auch weitere Musikgenres, in denen Elemente des Noise, Noise-Rock und Rockmusik kombiniert wurden, entstanden ab den späten 1980er-Jahren.

Rezeption mini|alt=Schwarz-Weiß-Fotografie der beiden Musiker während eines Auftritts. Gordon, in einem für sie typischen kurzen Kleid, hält ihren Bass und wirft ihr Haar im Gehen, wodurch ihr Gesicht verschwommen erscheint. Moore trägt ein kurzärmeliges Hemd und Jeans. Er steht leicht gebeugt, das Gesicht auf seine Gitarre gerichtet.|Kim Gordon und Thurston Moore mit Sonic Youth, hier 2005 in Schweden, einer der prägendsten Gruppen des Noise-Rock In Relation zu den beiden Noise-Genres des gleichen Zeitraums, Japanoise und Power Electronics, zu welchen eigene Bücher erschienen, besitzt Noise-Rock keine nennenswerte historische Dokumentation oder kultur- beziehungsweise musikwissenschaftliche Aufbereitung. Selbst Überblickswerke zum Noise oder Alternative erwähnen nur vereinzelte Interpreten oder schließen die Rockmusik explizit aus der Betrachtung aus. Für einige Musikzeitschriften und Webzines wurden Genrechroniken und Überblicksartikel zum Noise-Rock verfasst. Eine zentrale Quelle zur Aufbereitung des Genres fehlt daher, wodurch eine Darstellung sich an gegebenen Belegen zum Genre und zu jenen Interpreten und Schlüsselwerken orientieren muss, in deren Kontext der Noise-Rock hervorgehoben besprochen wird.

Stil und Inhalt Eine gemeinsame musikalische Form besaßen die frühen Noise-Rock-Interpreten nicht. Während manche darum bemüht waren, sich der Rockmusik zu verweigern und unkonventionelle Instrumente zu nutzen, blieben andere in der Konstellation einer Rockband und agierten mit den gegebenen Instrumenten durch ungewöhnliche Spielmethoden. Gemein war vielen der direkte oder indirekte Bezug zum experimentellen Ansatz des Art-, Kraut- und Psychedelic-Rock und der aus dem Punk gezogene Wille aufzubegehren und das Publikum zu konfrontieren sowie Bezüge zur bildenden Kunst. Im Noise-Rock-Bands dominiert häufig das Gitarrenspiel, was eine Abgrenzung zu anderen Bands des Noise, Post-Industrial und Industrial darstellt, bei denen meist elektronische Elemente im Vordergrund stehen. Typisches Noise-Equipment umfasst eine Vielzahl an Gitarren, die in obskuren Stimmungen gespielt werden, Transistor-Verstärker, Effektpedale und Hilfsmittel zur Manipulation der Saiten, wie ergänzende Stege, Bottleneck, Violin-Bögen oder Schlagzeugstöcke.

Noise-Rock schloss ebenso an den Ideen des No Wave wie an jenen mancher Industrial-Bands an oder überschnitt sich mit diesen. In der Verbindung von Rockmusik mit einem stärkeren Einsatz von Verzerrungen und elektronischen Effekten, unterschiedlichen Graden von Atonalität, Improvisation und weißem Rauschen entstand eine Bandbreite möglicher Ausdrucksmöglichkeiten zwischen Punk, Post-Punk und Rock. Zwischen der Antithese zu elitärem und einengendem Gebaren im Punk und der Übernahme von Ideen des frühen Industrial reichen die Ideen der Musiker für die Herleitung des Stils selbst. Ein Grundimpuls oder gemeinsamer Kerngedanke bestand so schon im Ursprung nicht. Vielmehr verweisen Autoren wie Michael Setzer vom deutschen Magazin Visions auf eine Ideenvielfalt, ähnlich jener des Ursprungs des Post-Punk.

Musikalisch versucht Noise-Rock mit sogenannten Noise-Riffs, bei meist rhythmischer Schlagzeugbegleitung möglichst unharmonisch zu klingen. So verwendet zum Beispiel Sonic Youth systematisch verstimmte Gitarren als Stilelement. Die Erzeugung von Lärm und Chaos durch schrille und brachiale Klänge sind ebenso möglich wie träumerische Klangteppiche und imaginative Klangmalerei. Neben der gezielten Erzeugung von Rückkopplungen gehört die Nutzung ungewöhnlicher Hilfsmittel sowie umgebaute Instrumente im Gitarrenspiel zum Noise-Rock. Das Reiben des Gitarrenhalses über den Boden oder über Gegenstände oder auch durch unter die Saiten geschobene Trommelstöcke sollen unvorhersehbare Klänge als Teil der Musik erzeugen. Third-Bridge-Gitarre ebenso wie das Kratzen und Schaben auf den Saiten sind häufig Teil des Gitarrenspiels.

Geschichte Die Übergänge vom Artrock und No Wave zum Noise-Rock gestalteten sich zudem fließend. Als bedeutende Vorreiter und erster Impuls wird der Artrock von The Velvet Underground, insbesondere das Stück Sister Ray, angeführt. Aus der Linie des No Wave blieb New York ein wichtiger regionaler Raum für die Festigung als Genre. Einige der frühen Interpreten des Noise-Rock wurden noch als No Wave oder als Post-No-Wave besprochen. Doch auch abseits von New York formierten sich Interpreten, deren Fundus sich aus dem Punk-Willen zur Provokation speiste. Insbesondere San Francisco wurde als zweite Metropole des Punk und Post-Punk in den Vereinigten Staaten auch für den Noise-Rock zum zweiten Zentrum. Kleine Konzerträume und die von Außenseitern, Aussteigern und Künstlern geprägte Subkultur der Stadt ermöglichten unkonventionellen Interpreten aufzutreten.

Die Szene in San Francisco Eine der wegweisenden Gruppen San Franciscos ist The Residents. Dabei erlangte die bereits 1974 debütierte Band mit ihrer durch bewussten Dilettantismus gepflegten Dekonstruktion des Psychedelic Rock als Musik und Kultur und durch ihre Selbstinszenierung als Marke und Unternehmen des Pop als Markt- und Massenphänomen, nah an den Ideen von Throbbing Gristle und Laibach, in den späten 1970er-Jahren ihren Popularitätshöhepunkt. Musikalisch weniger konfrontativ als die Interpreten des Industrial spielt die Musik von The Residents mit ironischen Klangcollagen, „eckigen Melodien und zuckenden Rhythmen“, die vornehmlich auf konventionellen Rock-Instrumenten gespielt wurden. Die Grundidee der anonymen Gruppe bestand darin, dass „Nichtmusiker zu sein […] die einzige Möglichkeit [darstellte] wirklich frei und kreativ zu bleiben“. Junge Bands der späten 1970er-Jahre wie Factrix, Chrome und Tuxedomoon schlossen mitunter an den grotesken Inszenierungen der Gruppe an, nahmen hinzukommend Bezug auf Antonin Artauds Theater der Grausamkeiten und changierten in ihren Auftritten zwischen Performancekunst, Industrial und Rockmusik. Sie nutzten Metallteile als Perkussionsinstrumente wie Factrix oder experimentierten mit „Licht und Musik, Chaos und Eros“ und einer Verweigerung jedweder Konvention zu folgen wie Tuxedomoon. Zwischen den Kunststudenten und freien Künstlern, die die Musikgruppen Factrix und Tuxedomoon bildeten, erwies sich Steve Brown als eine Schlüsselfigur, die mit elektronischen Instrumenten, Bandschleifen und avantgardistischer Performance die Musik vorantrieb. Tuxedomoon verzichteten auf einen Schlagzeuger, nutzten Drumcomputer, Saxophon und Geige sowie einen Kassettenrekorder und koppelten ihre Auftritte mit Videoprojektionen, Chören, Puppen und Malerei. Factrix folgten der Idee, auf das Schlagzeug zu verzichten, bauten sich eigene Instrumente und experimentierten mit Feld- und Geräuschaufnahmen sowie einem frühen Sequenzer. Zu diesem Gemenge einer kleinen Szene zählte auch der Industrial-Musiker Monte Cazazza, der mit Throbbing Gristle eng verbunden war und mit den Noise-Pionieren aus San Francisco gemeinsam mit konfrontativen Schockeffekten wie stählernen Hakenkreuzen und Robotern aus Stahlschrott und Fleischresten auftrat. Auch die Musiker der Gruppe Chrome waren zum Teil Kunststudenten, die vom Punk beeinflusst Rockmusik mit Bandschleifen und psychedelischen Ansätzen spielten. Bis zum Jahr 1981 festigte sich die Hardcore-Punk-Szene in San Francisco und verdrängte die unkonventionellen Bands. Die Reste des frühen Noise-Rock und der Avantgarde, die in der lokalen Punk-Szene bekannt wurden, zog es fort aus der Region und teilweise bis nach Europa. Flipper gelang es noch 1982 „strapaziösen Hardcore und Noiserock“ zu kombinieren, doch die große Phase der Noise-Rock-Erkundung in San Francisco war zu diesem Zeitpunkt schon passé.

Big Black und The Boys Next Door mini|Big Black im Jahr 1986. In eben jenem Jahr gründete Steve Albini die Band Big Black. Albini, der schon als Fanzine-Schreiber bekannt war und später zu einem der zentralen Produzenten des Noise-Rock und Alternative werden sollte, gründete die Band mit einem Roland TR-606 Drumcomputer, Bass und Gitarre und seinem „Hass auf Gott und die Welt“. Seine ersten Aufnahmen vermischten Elemente des Industrial mit Gothic und Punk, wobei er gerade die liberale Punkszene als Ziel verbaler Attacken und Konfrontationen mit sexistischen und rassistischen Texten auserkor. Seine erste EP Lungs nahm er allein auf. Albini wollte durch die Veröffentlichung der EP weitere Musiker in die Band holen. So akquirierte Big Black bis in die Mitte der 1980er-Jahre einige Mitmusiker, erlangte kontroverse Popularität und veröffentlichte einige EPs.

In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre wurde die australische Band The Boys Next Door in ihrer Heimat bekannt. Die Band, bestehend aus Nick Cave, Phill Calvert, Mick Harvey und Tracy Pew, veröffentlichte im Dezember 1979 die EP Hee Haw, bei der sie mit einer frisch gewonnenen kreativen Autonomie erstmals ihre eigenen Vorstellungen verwirklichen konnte. Zuvor wurden die vier Teenager von ihrem Management und Label zu Stil- und Ästhetikänderungen gedrängt. Mit Hee Haw reagierte die Gruppe und verwirklichte ihre eigenen Ideen. Im Ergebnis bot Hee Haw „fünf unheimliche Lärmattacken – Schlagzeug und Bass minimalistisch und repetitiv, zuweilen stockend, darüber ein quietschendes Saxophon und kreischende Gitarren, Rückkopplungen ohne Ende und ein Sänger, welcher seine Stimme in keiner Weise schonte, um seinem Ekel Ausdruck zu verleihen“. Am 28. Februar 1980 spielte The Boys Next Door einen letzten Auftritt in Australien. Tags drauf flog die Gruppe nach London und beendete ihre Zeit als The Boys Next Door mit einer Umbenennung in The Birthday Party. Die australische Post-Punk-Gruppe wurde in Europa unter dem neuen Namen populär. Allerdings entwickelte sich The Birthday Party in einer Fortführung und Weiterentwicklung ihres Noise-Rocks zu einer der entscheidenden „Proto-Gothic-Gruppen“.

Die Szene in New York mini|Die Tür der mittlerweile ehemaligen Galerie White Columns, in deren Räumlichkeiten das Noise Fest stattfand