mini|hochkant|Jean-Marc Nattier: Pierre-Augustin Caron als Musiker (1755) rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.8|Unterschrift Caron de Beaumarchais mini|hochkant|Louis Clausade: Denkmal für Beaumarchais (1897) mini|hochkant|Seit 1831 trägt der längste Grand Boulevard von Paris seinen Namen Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais [] (* 24. Januar 1732 in Paris; † 18. Mai 1799 ebendort), ursprünglich Pierre-Augustin Caron, ab 1757 mit dem Zusatz de Beaumarchais, 1762 nobilitiert, war ein französischer Uomo universale der Aufklärungszeit. Im Verlauf seines abenteuerlichen Lebens betätigte er sich unter anderem als Uhrmacher, Hofbeamter, Musiker, Spekulant, Schriftsteller, Verleger, Geheimagent, Waffenhändler und Revolutionär.
Bekannt ist er namentlich als Autor von Bühnenwerken und Streitschriften. Das Drama EugénieEugénie, drame en cinq actes en prose … avec un essai sur le drame sérieux, par M. de Beaumarchais. Merlin, Paris 1767 (). und die Mémoires (Denkschriften)Fragment de mon voyage en Espagne. In: Mémoires de M. Caron de Beaumarchais … contre M. Goëzman …, Quatrième mémoire … Ruault, Paris 1774, S. 64–99 (). dienten Goethe als Grundlage seines Trauerspiels ClavigoClavigo. Ein Trauerspiel von Goethe. Frankfurt, Leipzig 1774 ().. Mit dem Drama Les deux amisLes deux amis ou Le négociant de Lyon. Drame en cinq actes en prose, par M. de Beaumarchais (…), Veuve Duchesne, Paris 1770 (). schuf Beaumarchais eine „poetische Verherrlichung des Kaufmannsstandes“.Anton Bettelheim: Beaumarchais. Eine Biographie. 2., neubearbeitete Auflage. C. H. Beck, München 1911, S. 104. Auf die Trilogie espagnoleIn einem Vorwort zu La mère coupable nennt Beaumarchais die Trilogie le roman de la famille Almaviva. – die Komödien Le barbier de Séville (Der Barbier von Sevilla)Le barbier de Séville ou La précaution inutile. Comédie en quatre actes par M. de Beaumarchais. Représentée & tombée sur le Théâtre de la Comédie Française aux Tuilleries le 23 de février 1775. Ruault, Paris 1775 ()., Le mariage de Figaro (Figaros Hochzeit)La folle journée ou Le mariage de Figaro. Comédie en cinq actes, en prose, par M. de Beaumarchais. Représentée pour la première fois par les Comédiens français ordinaires du Roi, le mardi 27 avril 1784. Ruault, Paris 1785 (). und La mère coupable (Die schuldige Mutter)L’autre Tartuffe ou La mère coupable. Drame moral en cinq actes. Représenté pour la première fois à Paris, le juin 1792. Maradan, Paris Jahr II (1793) (). – gehen von Paisiello, Mozart, Rossini und anderen Komponisten vertonte Opernlibretti zurück.Gustav Friedrich Großmann, Friedrich Ludwig Benda: Der Barbier von Sevilla (Dresden 1776);George Colman, Samuel Arnold: The Spanish Barber (London 1777);Giuseppe Petrosellini, Giovanni Paisiello: Il barbiere di Siviglia (Sankt Petersburg 1782);Franz Leopold Schmiedel, Joseph Weigl: Die unnütze Vorsicht (Wien 1783);Lorenzo Da Ponte, Wolfgang Amadeus Mozart: Le nozze di Figaro (Wien 1786);Giuseppe Petrosellini, Nicolas Isouard: Il barbiere di Siviglia (Valletta 1796);Cesare Sterbini, Gioacchino Rossini: Il barbiere di Siviglia (Rom 1816);Giuseppe Petrosellini, Francesco Morlacchi/Franz Anton Schubert: Il barbiere di Siviglia (Dresden 1816);Felice Romani, Michele Carafa: I due Figaro (Mailand 1820);Felice Romani, Saverio Mercadante: I due Figaro (Madrid 1835);Georg Friedrich Treitschke, Conradin Kreutzer: Die beiden Figaro (Braunschweig 1840);Guillermo Perrín y Vico/Miguel de Palacios, Gerónimo Giménez/Manuel Nieto: El barbero de Sevilla (Madrid 1901);Madeleine Milhaud, Darius Milhaud: La mère coupable (Genf 1966). Für Salieri schrieb Beaumarchais das Libretto zur Oper Tarare (Trara).Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, Antonio Salieri: Tarare (Paris 1787); italienische Fassung von Lorenzo Da Ponte, Antonio Salieri: Axur, re d’Ormus (Wien 1788).
Leben Herkunft und Jugend Beaumarchais, wie er in der Regel genannt wird (sein eigentlicher Nachname Caron ist auch Franzosen kaum bekannt), wurde als einziger Sohn des schöngeistig und musikalisch interessierten Uhrmachermeisters André-Charles Caron (1697–1775)G. H. Baillie, Brian Loomes (Hrsg.): Watchmakers & Clockmakers of the World. Robert Hale, 2006, ISBN 0-7198-0330-6. geboren. Seine Mutter – die Eltern waren seit dem Jahre 1722 verheiratet – war Louise Pichon (ca. 1700–1758). Von seinen neun Geschwistern erreichten nur fünf Schwestern das Erwachsenenalter, zwei ältere und drei jüngereMarie-Josephe verheiratete Guilbert (* 1725), Marie-Louise (* 1731), Madeleine-Françoise verheiratete Lépine (* 1734), Marie-Julie (* 1735), Jeanne-Marguerite verheiratete Janot de Miron (* 1737)..
Er lernte mehrere Instrumente spielen und machte mit seinen Schwestern Hausmusik.
Erfolg als Uhrmacher Beaumarchais erlernte zunächst das väterliche Handwerk. Mit zwanzig erfand er einen neuen Mechanismus für die Ankerhemmung von Taschenuhren, wodurch der Bau deutlich kleinerer und ganggenauerer Uhren möglich wurde, die sogenannte Doppelkommahemmung.Fritz von Osterhausen: Callweys Uhrenlexikon. Callwey, München 1999, ISBN 3-7667-1353-1, S. 187. Nachdem er dem Hofuhrmacher Jean André Lepaute seine Erfindung gezeigt hatte, musste er erleben, dass dieser sie als seine eigene ausgab. Beaumarchais wehrte sich, indem er im Mercure de France einen geschickt und kenntnisreich argumentierenden offenen Brief an die Akademie der Wissenschaften richtete, die als eine Art Patentamt fungierte und die den Streitfall zu seinen Gunsten entschied. Dank der Affäre wurde er so bekannt, dass er zahlreiche neue Kunden gewann, darunter König Ludwig XV. und dessen einflussreiche Mätresse Madame de Pompadour, womit er selbst den Titel Hofuhrmacher führen durfte.
Als eine weitere Kundin lernte er die 34-jährige Madeleine-Catherine Franquet kennen und über sie ihren Mann, einen schon ältlichen und kranken Hofbeamten, der für die Speisen des Königs zuständig war. Er gab die Uhrmacherei auf und kaufte Franquet sein Amt ab. Als dieser bald darauf starb, heiratete Beaumarchais 1756 die Witwe.Biographie gratuite de Beaumarchais. Diese brachte den kleinen Landsitz Beaumarchet in die Ehe ein, dessen Namen er etwas veränderte und gemäß einem unter reichen Bürgerlichen gängigen Muster an seinen eigentlichen Familiennamen Caron anhängte, um einen adeligen Status zu simulieren. Als seine Frau schon im Jahr darauf starb (vermutlich an einer Infektion), gab es Getuschel und Gerüchte.
Der Aufstieg mini|hochkant|links|Nattier: Madame Adélaïde de France mit Musiknoten (1758) In seinem Hofamt gewann Monsieur de Beaumarchais, wie er sich nun nannte, die Gunst der vier unverheirateten Töchter des Königs. Er avancierte zu ihrem Harfenlehrer, wobei er ein Pedalsystem für die Harfe entwickelte. Er organisierte Hauskonzerte und wurde Gesellschafter und Faktotum der vier Damen. Natürlich war er hierdurch auch dem König sowie dessen Mätresse Madame de Pompadour bekannt. Über sie erhielt er Kontakt zu ihrem Pro-forma-Gatten Lenormant d’Étioles, einem reichen und geselligen Mann, der ihn in seinen Kreis zog.
Für Lenormants Privattheater verfasste Beaumarchais in den nächsten Jahren erste Stücke, sogenannte paradesNäheres siehe französische Wikipedia.: heitere, oft derbe Sketche um das Thema Liebe, insbesondere die vor und neben der Ehe. Die Gesangseinlagen seiner Stücke komponierte er selbst.
mini|hochkant|Führte Beaumarchais in die Welt der Finanzen ein: Joseph Pâris-Duverney 1760 nahm sein Leben wieder eine neue Wendung, als es ihm gelang, zunächst die Töchter des Königs und dann diesen selbst zum Besuch und damit zur offiziellen Anerkennung der Offiziersschule zu bewegen, die der Bankier und Heereslieferant Joseph Pâris-Duverney (1684–1770) errichtet und vorfinanziert hatte; Frankreich führte gerade an der Seite Österreichs den Siebenjährigen Krieg gegen Preußen und England. Beaumarchais wurde von dem dankbaren Geschäftsmann zum Juniorpartner gemacht und kaufte 1761 mit dessen Hilfe das sehr teure Amt eines königlichen Sekretärs, das wenig Arbeit bedeutete und seinen Käufer unmittelbar in den Adelsstand erhob.
1762 demonstrierte er seinen neuen Adel, indem er mit einem Kredit von Pâris-Duverney das nur Adeligen zugängliche Amt eines Richters für Jagddelikte in den Wäldern und Feldern rund um Paris erwarb, ein Amt, das er jahrzehntelang gewissenhaft ausübte. Des Weiteren kaufte er ein schönes Haus in Paris, in das er zwei seiner Schwestern aufnahm sowie seinen verwitweten Vater, den er dazu bewog, sein bürgerliches Handwerk aufzugeben.
mini|hochkant|links|José Clavijo y Fajardo mini|hochkant|Carmontelle: Angebliches Porträt der Marquise de La Croix, deren Geliebter Beaumarchais in Madrid war 1764/65 hielt sich Beaumarchais zehn Monate in Madrid auf, wo er in den besten Kreisen verkehrte. Teils war er geschäftlich für Pâris-Duverney tätig, teils erledigte er diplomatische Aufträge des Königs. Nebenher versuchte er vergeblich, den Verlobten seiner dort lebenden Schwester Marie, José Clavijo y Fajardo, zur Einhaltung seines Eheversprechens zu zwingen. Das Verhältnis zwischen Clavijo und Marie war undurchsichtig; Beaumarchais verarbeitete dieses Thema zehn Jahre später zu einem Miniroman, auf dem Goethes 1774 publiziertes Stück Clavigo basiert.
Daneben blieb Beaumarchais auch literarisch tätig; er wechselte aber von der heiteren Parade zur Gattung comédie larmoyante (Rührstück), die um 1760 von Diderot lanciert worden war. Sein erstes Werk dieser Art war Eugénie, das im Gegensatz zur tragédie bourgeoise (bürgerliches Trauerspiel) noch in der Welt des Adels spielt und 1767 an der Comédie-Française Premiere hatte. Er betätigte sich auch als Theatertheoretiker, indem er der Druckausgabe von Eugénie einen Essai sur le drame sérieux (Versuch über das ernsthafte Drama) voranstellte.
1768 heiratete er die reiche junge Witwe Geneviève-Madeleine Lévêque (geborene Wattebled), welche jedoch schon Ende 1770, bald nach der Geburt eines zweiten Kindes, starb.
1770 führte die Comédie-Française ein zweites Rührstück von ihm auf, das im Gegensatz zu Eugénie im Dritten Stand, nämlich in der Beaumarchais vertrauten Welt der Finanzen, spielt: Les deux amis ou Le négociant de Lyon (Die beiden Freunde oder Der Kaufmann von Lyon).
Rückschläge und Prozesse mini|hochkant|links|Élisabeth Vigée-Lebrun: Graf de la Blache, 1770–1778 Prozessgegner von Beaumarchais Im Sommer 1770 nahm sein Leben wieder eine, diesmal unglückliche Wendung: Sein Seniorpartner und Protektor Pâris-Duverney starb, ohne eine formell beglaubigte Bestätigung von Beaumarchais’ Anteil (15.000 Francs) am Firmenkapital zu hinterlassen. Ein vorhandenes informelles Papier wurde von dem Urgroßneffen und Alleinerben Pâris-Duverneys, dem Grafen de la Blache, gerichtlich angefochten. Nachdem 1772 Beaumarchais zunächst Recht bekommen hatte, legte La Blache 1773 Revision vor dem Obersten Pariser Gerichtshof ein, dem Parlement. Hier lernte Beaumarchais, wie sehr ein bürgerlicher Emporkömmling, und sei er wohlhabend und geadelt, bei der Justiz gegenüber einem reichen, hochadeligen Prozessgegner im Nachteil war. Zugleich musste er feststellen, dass er in Paris und am Hof viele Neider und Feinde hatte, die ihm jetzt zu schaden versuchten.
La Blache hatte den Zeitpunkt für die Revision gut gewählt: Beaumarchais saß Anfang 1773 per königlichem Haftbefehl einige Monate in der Pariser Festung For-l’Évêque, weil er sich von einem hochadeligen Bekannten, dem Herzog von Chaulnes, in eine Rauferei wegen einer gemeinsamen Mätresse hatte verwickeln lassen.
mini|hochkant|Augustin de Saint-Aubin nach Charles-Nicolas Cochin fils: Beaumarchais zur Zeit seines Prozesses gegen Goëzman (1773)