Die Herzog August Bibliothek (kurz HAB, amtliche Bezeichnung Herzog August Bibliothek WolfenbüttelAmtliche Bezeichnung laut Niedersächsischem Ministerialblatt 9/2006, S. 151.) in Wolfenbüttel (Niedersachsen) – auch bekannt unter dem Namen Bibliotheca Augusta – ist eine international bekannte Bibliothek. Wegen ihres bedeutenden Altbestands aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit ist sie wichtige Forschungsstätte für die Kultur dieser Zeit. Die Forschung wird durch internationale Stipendienprogramme gefördert. Wissenschaftliche Tagungen, kulturelle Veranstaltungen und Ausstellungen von überregionaler Bedeutung werden organisiert.
Die HAB ist Mitglied der aus sechs deutschen Bibliotheken bestehenden Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke, die eine dezentrale Nationalbibliothek für Deutschland bildet. Im Rahmen dieses Projektes ist die HAB für die Sammlung von deutschen Drucken des 17. Jahrhunderts zuständig. Wegen ihres Altbestandes war die Bibliothek auch intensiv an der Erstellung der retrospektiven Nationalbibliografien VD 16 und VD 17 beteiligt.
Sie untersteht unmittelbar dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, das die Arbeit der HAB durch einen international besetzten Wissenschaftlichen Beirat begleiten lässt. Direktor der Bibliothek ist seit 2016 Peter Burschel.Prof. Dr. Peter Burschel erhält Ruf als neuer Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Pressemitteilung. In: MWK.Niedersachsen.de, 14. Juli 2015.
Herausragende, in der HAB aufbewahrte Einzelwerke sind das Evangeliar Heinrichs des Löwen (entstanden zwischen 1174 und 1189, höchstwahrscheinlich 1188) und das Große Stammbuch Philipp Hainhofers aus dem frühen 17. Jahrhundert.
Im 17. Jahrhundert galt die Herzog August Bibliothek als die größte Bibliothek nördlich der Alpen und wurde als achtes Weltwunder bezeichnet.Leo G. Linder: Die Herzog August Bibliothek und Wolfenbüttel. Braunschweig 1997, S. 162.
Geschichte Die Bibliotheca Julia Gegründet wurde die Herzogliche Bibliothek in der Residenzstadt Wolfenbüttel durch Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg (1528–1589), der während seines Studiums um 1550 in Frankreich begann, Bücher zu sammeln.Christa Graefe: Staatsklugheit und Frömmigkeit. Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg, ein norddeutscher Landesherr des 16. Jahrhunderts. Weinheim 1989, ISBN 3-527-17822-8, S. 59. Nach dem Kauf einiger Ritterromane und von Studienliteratur erwarb er ab 1558 auch theologische Schriften und 1567 erstmals eine große geschlossene Sammlung: die Bibliothek des Nürnberger Stadtsyndikus Michael von Kaden († zwischen 15. Dezember 1540/9. März 1541), die vor allem juristische und humanistische Schriften enthielt.Christa Graefe: Staatsklugheit und Frömmigkeit. Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg, ein norddeutscher Landesherr des 16. Jahrhunderts. Weinheim 1989, ISBN 3-527-17822-8, S. 81. 1570–1572 wurden im Zuge der Einführung der Reformation im Herzogtum die Bibliotheken der Klöster Dorstadt, Wöltingerode, Heiningen und Steterburg nach Wolfenbüttel überführt.Christa Graefe: Staatsklugheit und Frömmigkeit. Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg, ein norddeutscher Landesherr des 16. Jahrhunderts. Weinheim 1989, ISBN 3-527-17822-8, S. 90f.
Am 5. April 1572 erließ Julius eine erste Liberey-Ordnung, die zugleich als offizielles Gründungsdokument der Wolfenbütteler Bibliothek gilt. Zur Verwaltung hatte der Herzog bereits 1571 den Kirchenmusiker Leonhart Schröter zusätzlich mit bibliothekarischen Aufgaben betraut.Christa Graefe: Staatsklugheit und Frömmigkeit. Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg, ein norddeutscher Landesherr des 16. Jahrhunderts. Weinheim 1989, ISBN 3-527-17822-8, S. 115. Schröter gilt daher als erster Wolfenbütteler Bibliothekar. Neuen Zuwachs erhielt der Bestand der Bibliotheca Julia 1578 durch den Ankauf einer größeren Handschriftensammlung aus dem Nachlass des drei Jahre zuvor verstorbenen Theologen Johannes Aurifaber sowie aus den Erbschaften von Sophia Jagiellonica und dem unehelichen Sohn Erichs II.Christa Graefe: Staatsklugheit und Frömmigkeit. Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg, ein norddeutscher Landesherr des 16. Jahrhunderts. Weinheim 1989, ISBN 3-527-17822-8, S. 100–137.
Nach Julius’ Tod übernahm 1589 sein Sohn Heinrich Julius mit der Regentschaft auch die Bibliothek. Er erweiterte sie um den Nachlass des Theologen Matthias Flacius und um die Sammlungen der Klöster Georgenberg bei Goslar, Brunshausen und Hamersleben.
Der nachfolgende Herzog Friedrich Ulrich übergab jedoch 1618, nur wenige Jahre nach seinem Regierungsantritt, die gesamte, mittlerweile rund 5000 Handschriften und Drucke umfassende Sammlung an die Universitätsbibliothek Helmstedt.Werner Arnold: Die Wanderung der Bücher. In: Jens Bruning; Ulrike Gleixner (Hrsg.): Das Athen der Welfen. Die Reformuniversität Helmstedt 1576–1810. Wolfenbüttel 2010, ISBN 978-3-447-06210-7, S. 249. Im Jahr 1810 wurden nach Schließung der Universität große Teile der Bestände zurück nach Wolfenbüttel geführt.
Die Bibliotheca Augusta mini|Herzog August in der BibliothekKupferstich von Conrad Buno, um 1650
Den legendären Ruf der Bibliothek begründete insbesondere der gebildete und weitgereiste Herzog August der Jüngere (1579–1666), der seit seiner Jugend ein eifriger Büchersammler war. 1611 besaß er auf seinem Hof in Hitzacker bereits mehr als 6000 Bücher, die er in einem ersten alphabetischen Katalog erfasste und in einem eigenen Bibliotheksgebäude unterbrachte. 1625 erforderte die Größe seiner Sammlung die Vergabe von Signaturen und die Anlage des berühmten Bücherrad-Kataloges in sechs Folianten. August teilte seinen Bestand in 20 Sachgruppen ein (Theologica, Juridica, Historica etc.), in die er auch Neuerwerbungen einordnete.
Erst 1635 wurde August, der, aus einer Nebenlinie der Welfen-Dynastie stammend, eigentlich nicht für eine Regentenrolle vorgesehen war, bedingt durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges und das Aussterben der Wolfenbütteler Linie in reifem Mannesalter Herzog von Braunschweig-Lüneburg. Im Frühjahr 1636 wurde auf Anordnung des Herzogs die Bibliothek wegen der gefährlichen Kriegslage nach Wolfenbüttel verlegt. Sie wurde so vor dem späteren Überfall schwedischer Soldaten auf Hitzacker gerettet. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Sammlung bereits über 13.000 Bände.Axel Kahrs: Ein Herrscher als Büchernarr – Herzog August in Hitzacker. Wendland Literarisch, Göttingen 1985, S. 13–20. Als Herrscher im Schloss Wolfenbüttel, das er erst 1643 nach Abzug der kaiserlichen Truppen beziehen konnte, setzte er seine systematische Sammeltätigkeit fort und beschäftigte Bücheragenten in ganz Europa, die für ihn Bücher ankauften und nach Wolfenbüttel schickten. Der Herzog erwarb jedoch keine geschlossenen Sammlungen, sondern stets nur Einzeltitel, um seine Bibliothek, die er im Marstall eingerichtet hatte,Ulrich Johannes Schneider: Repräsentation und Operation. Anmerkungen zu Augusts Bücherwelt. In: Hans Erich Bödeker; Anne Saada (Hrsg.): Bibliothek als Archiv. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-35869-6, S. 315–319. gezielt zu ergänzen.Helmar Härtel: Herzog August als Büchersammler. Zum Aufbau seiner Bibliothek. In: Paul Raabe (Hrsg.): Sammler Fürst Gelehrter – Herzog August zu Braunschweig und Lüneburg 1579–1666. Niedersächsische Landesausstellung in Wolfenbüttel, 26. Mai bis 31. Oktober 1979 (= Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek. Band 27). Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel 1979, ISBN 3-525-35869-5, S. 155–169. Zusätzlich wurde sie schon zu Lebzeiten Augusts durch zahlreiche Schenkungen und Nachlässe erweitert. Beim Tode des Herzogs war die Bibliothek mit 135.000 Titeln in 35.000 Bänden eine der umfangreichsten Büchersammlungen dieser Epoche.
Die Bibliothek nach Herzog August
mini|Holzmodell der alten Bibliotheksrotunde, ausgestellt im Lessinghaus (2022) mini|Alter Bücherschrank aus der Bibliotheksrotunde
Von 1691 bis 1716 nahm der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz nebenberuflich das Amt des Bibliothekars an. Er behielt jedoch seinen Wohnsitz in Hannover und reiste nur gelegentlich nach Wolfenbüttel.Otto von Heinemann: Die Herzogliche Bibliothek zu Wolfenbüttel. Ein Beitrag zur Geschichte deutscher Büchersammlungen. Zwissler, Wolfenbüttel 1894, S. 111–131. Leibniz erstellte den ersten alphabetischen Katalog, vergrößerte abermals die Bestände (unter anderem durch die Gudischen Handschriften) und regte wohl auch den Bau eines neuen Bibliotheksgebäudes an.Hans Reuther: Das Gebäude der Herzog August Bibliothek zu Wolfenbüttel und ihr Oberbibliothekar Gottfried Wilhelm Leibniz. In: Wilhelm Totok; Carl Haase (Hrsg.): Leibniz. Sein Leben – Sein Wirken – Seine Welt. Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1966, S. 349–360. Die Bibliotheksrotunde wurde von 1705 bis 1713 als erster selbstständiger profaner Bibliotheksbau Europas auf Veranlassung von Herzog Anton Ulrich durch den Baumeister Hermann Korb errichtet. Auf dem Dach trug sie einen vergoldeten Himmelsglobus, der den allumfassenden Charakter der Wissenschaften symbolisierte. Aus statischen Gründen wurde der Globus jedoch später wieder entfernt.Otto von Heinemann: Die Herzogliche Bibliothek zu Wolfenbüttel. Ein Beitrag zur Geschichte deutscher Büchersammlungen. Zwissler, Wolfenbüttel 1894, S. 99–108.
Ab 1737 kamen zahlreiche größere Privatbibliotheken von Gelehrten durch deren Testamente zur Wolfenbütteler Sammlung hinzu, die zusammen rund 60.000 Schriften umfassten. Darunter befanden sich auch die Bestände des Klosters Zur Ehre Gottes aus Wolfenbüttel sowie die 1891 erworbene humanistische Bibliothek der Herzoglichen Technischen Hochschule Carolo-Wilhelmina Braunschweig.
Rund 36.000 Bände und Hunderte wertvoller Handschriften erhielt die Bibliothek außerdem ab 1752 durch Schenkungen aus dem Privatbesitz der Mitglieder der Fürstenfamilie, darunter insbesondere die sehr umfangreiche Sammlung des Herzogs Ludwig Rudolf, die dieser bis zu seinem Tod auf Schloss Blankenburg aufbewahrt hatte.Otto von Heinemann: Die Herzogliche Bibliothek zu Wolfenbüttel. Ein Beitrag zur Geschichte deutscher Büchersammlungen. Zwissler, Wolfenbüttel 1894, S. 139f. Die Bibelsammlung der Bibliothek gründet auf der Sammlung der Herzogin Elisabeth Sophie Marie, die im Jahr 1764 ihre im Braunschweiger Schloss aufgestellte Bibliothek von etwa 4900 Bänden, davon etwa 1200 Bibeln, nach Wolfenbüttel bringen ließ.Paul Raabe (Hrsg.): Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland. Niedersachsen H–Z. Georg Olms Verlag, Hildesheim 1998, ISBN 3-487-09576-9, S. 211, 234.
Als um 1753/1754 die Residenz des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel nach Braunschweig in das neu erbaute Schloss verlegt wurde, blieb die Bibliothek dennoch in Wolfenbüttel.
Gotthold Ephraim Lessing wirkte von 1770 bis zu seinem Tode im Jahre 1781 in Wolfenbüttel, durch ihn wurde die Stadt zu einem Zentrum der Aufklärung. Lessing ist zu verdanken, dass zahlreiche Schätze, die in der Bibliothek verborgen waren, an das Licht der Öffentlichkeit kamen, darunter beispielsweise die einzige Handschrift des Hauptwerks Berengars von Tours: Rescriptum contra Lanfrancum und die Stammtafel der Söhne Adams Tarich Beni Adam. Der Dichter verfasste in dieser Zeit sein letztes Werk Nathan der Weise und unternahm zahlreiche Reisen, die eigentlichen bibliothekarischen Geschäfte überließ er seinen Angestellten.Otto von Heinemann: Die Herzogliche Bibliothek zu Wolfenbüttel. Ein Beitrag zur Geschichte deutscher Büchersammlungen. Zwissler, Wolfenbüttel 1894, S. 152–185. Das Wohnhaus, in dem er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte, trägt seinen Namen.